Jubiläum Glashütte: Mühle-Glashütte

Wechselvolle Geschichte

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Dezember 2020. Die Mühle-Glashütte GmbH ist mit Messgeräten, Tachometern und Autouhren groß geworden, Armbanduhren baut man erst seit 1996. Zweimal wurde die Familie Mühle enteignet, zweimal musste sie bei null starten. Heute ist die Firma ein prosperierendes Unternehmen in der Hand einer Glashütter Familie, geleitet von Thilo Mühle, einem Vertreter der fünften Generation.
Der S.A.R. Flieger-Chronograph rundet die Modellreihe der Wasserretter-Uhren nach oben ab.
Thilo Mühle gemeinsam mit seinem Vater Hans-Jürgen (rechts).

Mühle-Glashütte, bei Uhrenfreunden durch robuste Zeitmesser mit fairem Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt, blickt auf eine wechselvolle und wohl einzigartige Geschichte zurück. Den Grundstein dafür legte Robert Mühle im Jahr 1869. Nach seiner Ausbildung in der Uhrenmanufaktur von Moritz Grossmann gründete er in Glashütte ein eigenes Unternehmen. Das belieferte die sächsische Uhrenindustrie mit Messgeräten, später baute man aber auch Autouhren und Tachometer, die unter anderem in die Luxusautomobile der renommierten Marke Horch, aber auch in Motorräder von BMW und Diamant (Chemnitz) eingebaut wurden. Diese Erweiterung verantworteten Robert Mühles Söhne Paul, Max und Alfred.

In Zusammenarbeit mit den Vormännern der Seenotretter der DGzRS wurde der S.A.R. Rescue-Timer entwickelt – und im Laufe der Zeit weiter durchdekliniert.
Der jüngste Rescue-Timer ist das Sondermodell «SK Hamburg», von dessen Erlös 100 Euro pro verkaufter Uhr der DGzRS zugutekommen.

ZWEI ENTEIGNUNGEN

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie enteignet, woraufhin Hans Mühle noch im Dezember 1945 sein eigenes Unternehmen «Ing. Hans Mühle» gründete und bis zu seinem Tod im Jahr 1970 als Unternehmer führte, bevor sein Sohn Hans-Jürgen das Ruder übernahm. Allerdings blieb dieser nur zwei Jahre Herr im eigenen Haus, denn 1972 wurde die Familie zum zweiten Mal enteignet.

Das 30. Jubiläum der Deutschen Einheit feierte Mühle mit einem Teutonia-Sondermodell, das die Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold wiedergibt.
Auf dem Rotor der Einheitsuhr sind die Umrisse von Deutschland nach der Wiedervereinigung eingraviert – ebenso das eigene Firmenlogo sowie das des westdeutschen Kooperationspartners MeisterSinger.

Nach der Verstaatlichung durch die DDR-Regierung wurde das Unternehmen in «Volkseigener Betrieb (VEB) Feinmechanik Glashütte» umbenannt, ehe es 1980 im VEB Glashütter Uhrenbetrieb aufging. Doch eigentlich immer mit einem Mühle an der Spitze: Hans-Jürgen Mühle wurde zunächst Betriebsleiter des VEB Feinmechanik und nach dem Ende dessen Selbstständigkeit erst Vertriebsleiter, nach der politischen Wende dann Geschäftsführer des VEB Glashütter Uhrenbetrieb.

1994 jedoch entschied sich Hans-Jürgen Mühle, wieder Unternehmer zu werden, und gründete die Firma «Mühle Glashütte GmbH Nautische Instrumente & Feinmechanik», die zunächst für große Werften Schiffsuhren-Anlagen und Marine-Chronometer fertigte. Eine wichtige und zukunftsbestimmende Entscheidung traf Hans-Jürgen Mühle, als er 1996 anfing, Armbanduhren zu fertigen. Eine Werft, die bei Mühle Schiffsuhren bestellte, wollte als Ergänzung der Schiffsausrüstung Zeitmesser für die Besatzung. Für einen solch übersichtlichen Kundenkreis wäre der Armbanduhren-Bau aber nicht rentabel gewesen, weshalb Mühle gleich Nägel mit Köpfen machte, denn schließlich fragte auch der freie Markt nach guten instrumentellen Armbanduhren aus Glashütte.

Das tut er bis heute, und so ist die Armbanduhren-Produktion längst der bestimmende Geschäftszweig des Unternehmens. Das wurde auch bei den Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag der Marke Mühle deutlich, der im vergangenen Jahr zelebriert wurde, unter anderem mit einer Sonderausstellung im Glashütter Uhrenmuseum. Eingeladen hatten Wiedergründer Hans-Jürgen Mühle und sein Sohn Thilo, der seit 2007 als alleiniger Geschäftsführer die Geschicke des Hauses Mühle leitet – nunmehr in fünfter Tradition.

NICHT NUR NAUTIK

In frühen Jahren baute Mühle auch Tachometer für Autos und Motorräder, hier zu sehen ein zeitgenössisches Werbeplakat.

Nachdem die erste Armbanduhr des Hauses, die noch keinen Namen trug, unzweifelhaft der Nautik zugeordnet werden konnte, hat sich das Angebot schnell diversifiziert. Von sportlich bis elegant, von Schiff- bis Luftfahrt, von 1000 bis 3500 Euro hat Mühle ein großes Angebot. Bei limitierten Uhren wie Modellen der Robert-Mühle-Manufakturlinie mit massivem Goldgehäuse sind auch mal deutlich fünfstellige Beträge anzulegen. Die Kernkompetenz des Hauses aber liegt bei klar gezeichneten Uhren im bezahlbaren Bereich. Eine wichtige Modelllinie ist hier die Teutonia, deren sportlich-elegantes Erscheinungsbild dem kernigen Modellnamen ein wenig widerspricht. Ergänzt wird die Teutonia durch die Reihen Terrasport und Lunova, die das klassische Sportuhren-Segment abdecken. Und dann kommen eben doch die Modellreihen, die sich in verschiedenen Formen der Nautik annähern: die nach einer Segelbootklasse benannte 29er sowie die ProMare.

DAS GESICHT DER MARKE

Die Mühle-Kollektion ist folglich enorm vielfältig. Aber wenn wir ein Gesicht der Marke wählen dürften, wäre dies der S.A.R. Rescue-Timer. Die mit den Seenotrettern der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) entwickelte Stahluhr feierte 2002 Premiere und musste sich an den Handgelenken der 53 Vormänner (so heißen die Kapitäne der Seenotrettungskreuzer) bewähren. Hier geht es nicht um Eleganz, sondern um bedingungslose Funktion und Zuverlässigkeit auch unter widrigsten Bedingungen. Ein Versprechen, das der massive, bis 100 bar (1000 m) wasserdichte Zeitmesser einlöst, wie uns einer der Vormänner glaubhaft versicherte und seinen im Einsatz ziemlich zerschraddelten, aber tadellos funktionierenden Rescue-Timer zeigte.

Zwischenzeitlich hat sich die Zusammenarbeit zwischen Mühle und der DGzRS zu einer engen Partnerschaft entwickelt. Das äußert sich nicht nur in allfälligen Spenden des Uhrenherstellers, sondern inzwischen arbeitet Thilo Mühle auch ehrenamtlich in wichtigen Gremien der Seenotretter mit. Und seine Firma dekliniert das Thema weiter durch: mit schwarz beschichteten Stahlgehäusen, einer limitierten Edition in Bronze sowie dem wuchtigen S.A.R. Flieger-Chronographen mit Krone und Drücker auf der linken Gehäuseseite.

Text: Martin Häußermann

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