Jubiläum Glashütte: Karriere einer Kleinstadt

175 Jahre Uhrmacherei in Glashütte

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Dezember 2020. Ein Visionär, kluge Politiker, kreative Uhrmacher und viele fleißige Hände sorgten dafür, dass aus einem ärmlichen Bergbaustädtchen ein Uhrenmekka wurde. Glashütte feiert 175 Jahre Uhrmacherei – unter anderem mit einer Sonderausstellung im Uhrenmuseum. Für uns ein willkommener Anlass, die Geschichte Revue passieren zu lassen und die Gegenwart einzufangen.
Foto: Holm Helis

Zwei gekreuzte Hämmer und darunter das Zifferblatt einer Uhr zieren das Stadtwappen von Glashütte. Kompakter kann man den wirtschaftlichen Werdegang des beschaulichen Städtchens im Müglitztal kaum darstellen. Zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung von Glashütte in der Mitte des 15. Jahrhunderts lebten die Menschen hier vom Berg-bau. Unter den Erhebungen des Erzgebirges fanden sich erhebliche Kupfer- und Silber-vorkommen, die Glashütte prosperieren ließen, weshalb man 1506 auch das Stadtrecht zugesprochen bekam. Doch die Vorkommen waren endlich, und schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ernährte der Bergbau die Bevölkerung nicht mehr ausreichend. Schließlich wurde die Silberförderung 1875 mangels Rentabilität endgültig eingestellt.

ANBRUCH EINER NEUEN ZEIT

Schon 30 Jahre früher war in Glashütte eine neue Epoche angebrochen. Da hatte der Dresdner Uhrmacher Ferdinand Adolph Lange (1815–1875) die erste Uhrenfabrikation in Glashütte installiert und mit der Ausbildung von ungelernten Hilfsarbeitern, Schnitzern und Strohflechtern zu Uhrmachern und Metallfacharbeitern begonnen. Bei seinen Reisen in die Schweiz hatte Lange das sogenannte Verlagssystem kennengelernt, in dem die Uhr eben nicht von A bis Z von einem Menschen gebaut wurde, sondern einzelne Spezialisten Räder, Gestellteile, Triebe und andere Komponenten fertigten. Dieses Spezialistentum sollte einerseits zu höherer Qualität, andererseits zu günstigeren Preisen führen, weshalb Lange plante, zunächst 15 Lehrlinge in verschiedenen Gewerken – Lange nannte sie «Partien» – auszubilden, die diese später selbstständig ausüben könnten.

Im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte, der einstigen Uhrmacherschule, ist die Sonderausstellung noch bis zum 18. April 2021 zu sehen – sofern sie nicht Corona-bedingt Pause machen muss.

Ursprünglich wollte Lange dies in Dresden tun, wo der Schwiegersohn des Hofuhr-machers Johann Friedrich Gutkaes (1775– 1845) dessen Geschäft und Werkstatt betrieb, gemeinsam mit seinem Schwager Bernhard Gutkaes. Doch suchte die sächsische Regierung händeringend nach Möglichkeiten, die notleidende Bevölkerung wieder in Lohn und Brot setzen zu können. Die Ansiedlung einer neuen und zukunftsträchtigen Bran-che in Glashütte schien den Politikern und Verwaltungsbeamten eine geeignete Lösung zu sein, weshalb man nach mehrjährigen Verhandlungen staatliche Zuschüsse in Höhe von 6700 Talern versprach. Um die Größenordnung ungefähr einschätzen zu können: Für den Kauf des Gebäudes, in dem Lange mit dem Uhrenbau in Glashütte begann, musste er allein 600 Taler bezahlen. Was zu dieser Zeit in Sachsen passierte, würde man in heutigem Beamtendeutsch als Strukturförderungsmaßnahme bezeichnen.

Die vier «Gründerväter» der Glashütter Uhrenindustrie werden gleich am Anfang der Ausstellung portraitiert: Ferdinand Adolph Lange, Julius Aßmann, Moritz Grossmann und Adolf Schneider (von links).

Am 7. Dezember 1845 wurde die neue Ausbildungsstätte feierlich eröffnet, und schon einen Tag später begannen Lange und sein Mitarbeiter Adolf Schneider mit der Ausbildung der Schüler. Somit gilt der 7. Dezember 1845 nicht nur als Gründungsdatum der neuen Firma Lange & Cie., sondern auch als Start der Uhrmacherei in Glashütte und damit als nichts weniger als der «Beginn einer Tradition». So heißt auch das Buch zur aktuellen Sonderausstellung im Uhrenmuseum «Glashütter Uhren – Wie alles begann», die Ausstellung ist noch bis zum 18. April 2021 zu sehen.

GLASHÜTTER UHREN – WIE ALLES BEGANN

Dort erfahren die Besucher nicht nur eine Menge über die eingangs geschilderte Geschichte, den Gründervater Lange sowie seine bedeutenden Zeitgenossen Schneider, Julius Assmann und Moritz Grossmann, sondern vor allem, was eine Glashütter (Taschen-)Uhr ausmacht. Die technische Entwicklung der Uhren in den ersten 25 Jahren nach 1845 nimmt einen breiten Raum der Ausstellung ein, denn daraus entstand die sogenannte Glashütter Bauweise, die den Bau der Taschenuhren im Müglitztal in den folgenden 80 Jahren bestimmte. Hier entstanden Charakteristika wie die Dreiviertelplatine und verschraubte Goldchatons, aber auch Veredelungstechniken wie etwa der Sonnenschliff, die bis heute stilprägend für Glashütter Uhren sind.

In jahrelanger Kleinarbeit hat Jürgen Peter Archivmaterial gesichtet und alte Uhren begutachtet, um die ersten 25 Jahre der Glashütter Uhrenindustrie mit ihren technischen Errungenschaften zwischen zwei Buchdeckel zu bringen.

Die didaktisch hervorragend aufbereitete Ausstellung lohnt in jedem Fall einen Besuch, der dank eines gut ausgearbeiteten Hygiene-konzepts auch in Corona-Zeiten möglich ist. Und es gibt auch Wissen zum Mitnehmen, denn zum Thema hat der Museumsshop zwei Bücher im Angebot: zum einen den schon erwähnten, von Herbert Dittrich verfassten Ausstellungs-Begleitband «Der Beginn einer Tradition» (13,50 Euro) und zum anderen das Werk «Die ersten 25 Jahre Glashütter Uhren-industrie 1845–1870» von Jürgen Peter. Der Verfasser hat in mühevoller Kleinarbeit Unter-lagen in diversen Archiven und Bibliotheken gesichtet und bewertet. Dazu bekam er von Sammlern Uhren zwecks Begutachtung zur Verfügung gestellt, die er auch alle fotografiert und im Buch dargestellt hat. Für Sammler Glashütter Uhren ist dieses Buch (59 Euro), das auch online (VJP2020@t-online.de) bestellbar ist, ein Muss.

Text: Martin Häußermann

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