Breitling B31Das eigene Tempo bestimmen
Mit der Einführung des neuen Automatikwerks B31 macht sich Breitling auch im Bereich der Dreizeigeruhren langsam von externen Zulieferern unabhängig.
Karl Moritz Grossmann wurde 1826 in Dresden geboren und war einer der wegbereitenden Glashütter Uhrmacher des 19. Jahrhunderts, der in seinem Leben viele wichtige Werkzeuge und Techniken der Uhrmacherei konzipierte und weiterentwickelte. So gehen beispielsweise der Glashütter Feintaster (Werkzeug zum Messen von Millimeterbruchteilen), verschiedene Hemmungsmodelle und die Glashütter Sekundenpendeluhr auf den genialen Uhrmacher und Schulfreund von Ferdinand Adolph Lange zurück.
Mit Vorträgen zum Thema erreichte er überregionale Bekanntheit für sich und den Uhrenstandort Glashütte. Im eigenen Atelier produzierte und vertrieb er ab 1854 Taschenund Großuhren. Aber auch Uhrmacherdrehbänke und seine Präzisionsmessinstrumente verkaufte Grossmann, dem es neben dem Geschäft besonders wichtig war, sein Wissen an andere und kommende Generationen weiterzugeben. Sein Engagement mündete 1878 in der Gründung der Deutschen Uhrmacherschule, in deren Gebäude inzwischen das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte residiert.
Nach Grossmanns Tod im Januar 1885 wurde sein Unternehmen aufgelöst, und erst 123 Jahre später sollte eine neue Manufaktur seinen Namen tragen. Die Uhrmacherin Christine Hutter sicherte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Namensrechte, um stellvertretend für den genialen Uhrmacher wieder Glashütter Uhrenkunst herzustellen. Mit der Benu wird 2010 das erste Kollektionsmodell der neuen Moritz-Grossmann-Manufaktur veröffentlicht, das bereits wie alle späteren Uhren zu größtmöglichem Anteil aus eigener Produktion stammt und mit aufwendigen Finissierungen glänzt.
Um dem Namenspatron gerecht zu werden, der Hutter mit seinem Schaffen so sehr inspiriert hat, orientieren sich die meisten Moritz-Grossmann-Modelle der Neuzeit an dessen Taschenuhren, die sich durch schmale lange Zeiger und klassische Eleganz auszeichneten.
Die Zeiger werden wie früher von Hand gefeilt und gefast, Unruhen ausgewuchtet, Platinen angliert und Sperrräder mit Sonnenschliffen versehen. Kein Teil, sei es noch so versteckt, soll unveredelt das Haus verlassen. Die drahterodierten oder vorgefrästen Teile werden alle einzeln und per Hand mit eigens produzierten Werkzeugen bearbeitet, und das Bläuen (bei Grossmann ein ins Violette spielender Farbton) wird noch einzeln per Hand über der Petroleumlampe durchgeführt. Für eine Unruh brauchen die erfahrenen Hände der Finisseurin gut sechs Stunden, mit einem dreiteiligen Zeigersatz beschäftigt man sich einen ganzen Tag.
Diese Perfektion ist durch Maschinen nicht zu ersetzen, denn an Augenmaß und Fingerspitzengefühl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt die Technik bislang nicht heran. In den selbst entwickelten Werken werden die Lagersteine noch traditionell in Goldchatons verpresst und verschraubt – bei Grossmann übrigens weiße Saphire anstelle roter Rubine.
Auch technisch fallen einige Uhren beziehungsweise ihre Werke aus dem konventionellen Rahmen. Während die meisten Armbanduhren der Manufaktur mit Handaufzug auskommen, präsentierte man letztes Jahr das erste Automatikkaliber: Die Hamatic (Hammer & Automatic) gewinnt ihre Energie mit einer Pendelmasse, die durch ihre Hin- und Rückbewegungen jeweils eines der beiden Sperrräder bewegt, deren Drehungen auf das Federhaus übertragen werden.
Außerdem zu erwähnen ist die Backpage, eine skelettierte Uhr mit gespiegeltem Werk, bei dem man die Unruh auf der Vorderseite betrachten kann. Und sehr interessant umgesetzt ist das Modell Tourbillon, dessen Komplikation anhand der Bezeichnung simpel zu erraten, aber kompliziert umzusetzen ist. Eine Besonderheit liegt in der Funktion des Sekundenstopps, der nicht einfach den Tourbillonkäfig anhält: Ein kleiner Haarpinsel wird bei herausgezogener Krone sanft gegen den Unruhreif geführt und stoppt so nicht nur das Werk, sondern verhindert auch das «Auspendeln» der Unruh, die dadurch leichter wieder anläuft.
Höchste Ansprüche, kreative Weiterentwicklungen von klassischen Komplikationen und minutiöse Handarbeit bilden die Grundlage für das gehobene Preissegment, in dem sich die noch junge Marke bewegt.
Text: Tobias Schaefer
Glashütte: Eine Kleinstadt macht Karriere







