Habring2 Doppel Felix vs. Sinn 910

Zwei Schleppzeiger-Chronographen

Der deutsche Uhrenhersteller Sinn Spezialuhren und die österreichische Manufaktur Habring2 haben mehr gemeinsam, als man glaubt. Beide bauen zum Beispiel feine Schleppzeiger-Chronographen. Aber das ist nicht alles.

Für Stoppuhren oder Chronographen, mit denen man Zwischenzeiten ermitteln kann, gibt es ja verschiedene Bezeichnungen. Im Englischen heißt das dann «Split Second», weil sich der Sekundenzeiger auf Knopfdruck teilen lässt (to split = teilen). Im französischen Sprachraum nennt man solche Uhren «Rattrapante», was aus der Beobachtung abgeleitet ist, dass der Zeiger zur Messung der Zwischenzeit auf Knopfdruck den weiterlaufenden Stoppsekundenzeiger einholt (rattraper = einholen). Hierzulande spricht man meist von einem Schleppzeiger, also einem zweiten Stoppsekundenzeiger, der im Normalfall mitgeschleppt wird und nur kurzfristig zur Ermittlung der Zwischenzeit angehalten werden kann.

IWC Schaffhausen hat für solche Uhren den alten deutschen Begriff Doppel-Chronograph wiederbelebt. Was die IWC mit dieser Probezeit mit Uhren von Habring2 aus dem österreichischen Völkermarkt und Sinn Spezialuhren aus Frankfurt am Main zu tun hat? Vordergründig eigentlich gar nichts, hintergründig aber schon. Schließlich haben Lothar Schmidt, Inhaber der Firma Sinn, und Richard Habring, der mit seiner Frau Maria die Firma Habring2 leitet, vor rund einem Vierteljahrhundert in Schaffhausen an der IWC Fliegeruhr Doppelchronograph (Ref. 3711) gearbeitet. Der Maschinenbau-Ingenieur Schmidt war für Gehäusekonstruktion und -bau verantwortlich, der Uhrmacher Habring für die Uhrwerkkonstruktion.

Längst arbeiten beide auf eigene Rechnung, der Kärntner machte sich 1997 selbstständig, der gebürtige Saarländer Schmidt übernahm 1997 die Firma Sinn Spezialuhren, die 2016 ihren 55. Geburtstag feierte und just zu diesem Anlass das Modell «910 Jubiläum» auflegte. Die Habrings wiederum begingen vergangenes Jahr ihren zwanzigsten Geburtstag und schenkten sich dazu das selbst entwickelte Kaliber A11, das auch die Grundlage für das in diesem Jahr vorgestellte Modell Doppel-Felix lieferte. Und wir feiern mit dieser Probezeit auch ein wenig deutsch-österreichische Freundschaft. Vorhang auf für unsere Kandidaten.

Schleppzeiger Chronographen

Erster Eindruck

Peter Braun: Erstaunlich, wie ähnlich sich die beiden Schleppzeiger-Chronographen doch sind. Beide geben sich klassisch, schlicht und schnörkellos, also eigentlich gar nicht wie die typischen «Tool Watch»-Chronographen, die im Moment den Markt beherrschen. Vielleicht wollte aber auch einfach keiner der beiden Herren dem IWC-Doppelchronographen zu nahe kommen, an dem sie ja beide vor 25 Jahren mitkonstruiert haben.
Der Doppel-Felix bietet unter dem Glasboden natürlich die bei Weitem interessantere Schau, denn die Konstruktion des Handaufzugswerks erlaubt die klassische Positionierung des Schleppzeiger-Mechanismus mit der charakteristischen Zange an der Stelle, wo beim Automatikwerk das Rotorlager sitzt. Die Konstruktionen von Habring2 und Sinn unterscheiden sich daher nicht nur in der Art des Aufzugs, sondern auch in der technischen Ausführung des Rattrapante-Mechanismus ganz erheblich voneinander (mehr dazu in den beiden Uhrwerktechnik-Kästen).

Martin Häußermann: Ähnlich? Hm? Finde ich eigentlich nicht. Gut, beide Uhren sind in ihrer Gesamtheit sehr klassisch gestaltet und haben auch ein braunes Armband, aber das war es aus meiner Sicht schon. Die Sinn erscheint mir auf den ersten Blick gradliniger mit ihren aufgesetzten schwarzen Balkenindexen und den farbcodierten Zeigern. Schwarz steht für die laufende Zeitanzeige, Rot für die Chronographenfunktion. Wobei – der Schleppzeiger, unterhalb der Stoppsekunde gelegen, ist wieder ganz schwarz. Ich hätte ihm zumindest noch eine rote Pfeilspitze gegönnt. Aber vielleicht bin ich da zu penibel. Absolut perfekt ist die Wahl der Zifferblattfarbe. Das gebrochene Weiß verhindert, dass die Sinn allzu technokratisch wirkt.
Der Doppel-Felix kommt mit dem Schreibschrift-Firmenlogo, den golden aufgedruckten Indexen – und der Ziffer 12 – sowie ebenfalls gülden leuchtenden Zeigern etwas barocker daher. Das wirkt auf mich aber keineswegs altmodisch. Auch hier noch ein Wort zur Farbcodierung des Zeigerspiels. Da haben die Habrings eine smarte Lösung gefunden. Auch hier gibt es zwei Farben: Gold für die laufende Zeitanzeige, Schwarz für die Chronographenfunktion. Allerdings ist hier der schwarze Schleppzeiger der oberste aller fünf Zeiger aus dem Zentrum, die weiterlaufende Stoppsekunde wurde mit einem goldenen Zeiger ausgestattet. Aber die interessiert bei der Ermittlung der Zwischenzeit ja nicht. Und bei der Endzeit werden wieder beide Zeiger zur Deckung gebracht, sodass man sich bei der Kurzzeitmessung nur auf die schwarzen Zeiger konzentrieren muss.

Tragegefühl/Bedienung

MH: Das im Griff an sich weiche Pferdelederband der Sinn wirkt, wenn man sie das erste Mal anlegt, etwas steif. Das ist der Aufdopplung im Bereich der Bandanstöße geschuldet und sorgt im Vergleich zum hohen Gehäuse für harmonische Proportionen. Doch dafür muss man es 14 Tage eintragen, bis es bequem sitzt. Dann gibt es am Tragekomfort nichts auszusetzen. Das im Lieferumfang enthaltene Metallband mit Faltschließe haben wir während des Tests nicht ausprobiert. Doch kenne ich es aus anderen Tests und darf behaupten: Einmal die Länge richtig eingestellt, ist es ein wahrer Hautschmeichler, der die feinen Härchen am Arm schön in Ruhe lässt. Das Rindlederband der Habring ist im Bereich des Bandanstoßes auch gedoppelt, aber insgesamt dünner und weicher. Die schmiegt sich vom ersten Tag an seidenweich ans Handgelenk.

PB: Wenn sich der Kollege nun episch über Armbänder auslässt, muss ich dazu wohl nicht mehr viel sagen. Wohl aber zur Bedienung des Chronographen. Ich stelle fest: Die Habring weist ein knackigeres Drückergefühl auf als die Sinn. Das ist bei der Sinn weicher, beim Schleppzeiger-Drücker sogar butterweich. Insgesamt sind die Wege bis zum Druckpunkt hier etwas länger. Für mich ein großes Manko bei der 910 sind allerdings die gegenüberliegenden Drücker bei der «2» und der «8»! Die sind blöd zum Greifen, weil man sich unwillkürlich mit dem Daumen am gegenüberliegenden Drücker abstützt und damit beide gleichzeitig bedient. Ein Wunder, dass da nicht ständig was kaputtgeht.
Das ist ein Problem der Konstruktion von La Joux-Perret (d. h. eigentlich eine Jaquet-Konstruktion aus den frühen 1990er Jahren) mit der Schleppzeiger-Kadratur unter dem Zifferblatt: Die Position bei der «10» ist werkseitig mit der Unruh belegt, und da lässt sich nicht auch noch eine Drückermechanik vorbeiführen. Bei Habring geht das, da liegt der Schleppzeiger-Mechanismus an der Werkseite direkt über der Unruh bei der «10», und dort kann der Drücker direkt ansetzen, quasi über die Unruh hinweg.

Technik, Ausstattung & Gang

Schleppzeiger Chronographen
Schleppzeiger Chronographen

PB: Weil es über beide Werke sehr viel zu sagen gibt und wir dies ausnahmsweise in Kästen ausgelagert haben, will ich mich hier kurz fassen. Ich freue mich, dass wir an dieser Stelle mal wieder eine Handaufzugsuhr haben, bei der es beim Blick durchs Bodenglas viel zu entdecken gibt. Die sehr speziell gestaltete Schaltkulisse und die Zange zum Stopp des Schleppzeigers sind echte Hingucker – auch wenn sie die Unruh verdecken.
Das Datum – mit dem fünften Zeiger aus dem Zentrum – ist mir zu viel des Guten. Aber daraus will ich Habring2 keinen Strick drehen – die Doppel-Felix-Version ohne Datumsanzeige war zum Zeitpunkt unserer Anfrage schlicht nicht verfügbar. Was mich allerdings ein wenig stört, ist die Ausführung des Zifferblatts, die in ihrer Wertigkeit nicht so richtig zu der aufwendigen Technik passt. Denn das sorgfältige, handwerklich ausgeführte Werkfinish ist wirklich erste Sahne.
Wobei auch die Sinn ein sehenswertes und hochwertig verarbeitetes Uhrwerk bietet, allerdings wirkt das Finish industrieller. Außerdem wurden rosévergoldete und gelbe Messingräder gemischt, was mich etwas irritiert. Gleiches gilt übrigens auch für die doppelreihige Tachymeterskala, obwohl die sicher praktisch ist (wenn man sie zu nutzen versteht).

MH: Die Ein-Drücker-Mechanik der Habring ist genau wie die Zange für mich etwas Besonderes, die fünf Zeiger aus dem Zentrum ebenso, denn im Gegensatz zum Kollegen finde ich ein Datum nicht verzichtbar, auch wenn der versenkte Drücker bei der «4» zur Datumskorrektur ein bisschen fummelig ist. Dass dieses Zeigerspiel hoch baut – geschenkt. Mit dem schön gewölbten Boxglas macht Habring2 hier aus der Not eine Tugend. Dass Ziffern und Indexe auf dem Zifferblatt nur gedruckt sind, bedaure ich auch. Hier wäre schon Platz für feine Stabindexe.
Das aufwendige und ausgewogene Zifferblatt der Sinn hatte ich ja schon gelobt, wenngleich auch beide Uhren mangels Leuchtmasse bei Dunkelheit nur schlecht abzulesen sind. Die Werkschau der Sinn mit gebläuten Schrauben und Schaltrad ist auf hohem Niveau, allerdings verdeckt der Automatikaufzug doch einiges – dafür ist er halt praktisch.
Ach ja, als Messbeauftragter sollte ich noch etwas zur Ganggenauigkeit sagen. Auf unserer Witschi-Zeitwaage liefen beide Uhren absolut gleichmäßig und ohne nennenswerte Lagenfehler, allerdings war die Sinn insgesamt leicht ins Minus reguliert mit durchschnittlich -0,3 Sekunden am Tag (s/d). An meinem Arm wurden daraus sogar – sehr regelmäßig – 3,5 s/d. Dagegen lief die Habring beständig ins Plus, auf der Zeitwaage +4,8 s/d, an meinem Arm genau +5 s/d. Kollege Braun konnte mir diese Werte im Großen und Ganzen bestätigen: Bei ihm lief die Sinn nahezu null und die Habring leicht ins Plus. Beide Uhren lagen bei beiden Trägern also im Bereich der Chronometernorm, und auch die Habring würde sich durch individuelle Einregulierung problemlos auf null bringen lassen.

Fazit

MH: Es war mir eine Freude, die beiden Uhren eine Weile tragen zu dürfen. Eine Kaufempfehlung fällt mir schwer, ich hätte am liebsten beide behalten. Auch wenn ich die Preise im Vergleich zu großen Konzernmarken für überaus fair halte: Weder die 5500 Euro für die Sinn noch die 8250 Euro für die Habring sind bei mir gerade drin. Der Preisunterschied erscheint auf den ersten Blick happig, doch ist er mit der hohen konstruktiven und handwerklichen Eigenleistung, welche die Habrings erbringen, vollkommen erklärbar.

PB: Mir gefallen beide Chronographen ausgesprochen gut, weil sie sich formal und stilistisch an einer Zeit orientieren, als Ingenieure noch weiße Hemden mit Ärmelschonern trugen und ihre Krawatten in die Knopfleiste stopften, wenn es zur Sache ging. Und dazu noch die Schleppzeiger-Funktion! Meines Erachtens eine weitläufig unterschätzte Komplikation, die bei Konstruktion und Montage einen echten Meister erfordert. Für die Sinn 910 sprechen der Automatikaufzug, der günstige Preis und die professionelle Ausstattung nach internationalen Standards, für die Habring2 Doppel-Felix alles andere.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann
Bilder: Martin Häußermann

Neulich in der «Probezeit»: Baume & Mercier Clifton Baumatic vs. Nomos Tangente Neomatik 41 Update

konstruktion@habring.at

Schleppzeiger Chronographen

Die technische Ähnlichkeit des Doppel-Felix von Habring2 mit dem IWC Doppelchronographen-Kaliber 79230 ist offensichtlich. Dieses wurde Anfang der 1990er Jahre auf der Basis des Valjoux-Kalibers 7750 entwickelt – und zwar von keinem Geringeren als Richard Habring. Dieser musste die Schleppzeigerzange an die Werkseite verlegen, obwohl dort wegen des Aufzugsrotors eigentlich kein Platz war, denn die Zifferblattseite sollte für weitere Zusatzmodule frei bleiben: Das Valjoux-Kaliber diente später nämlich auch als Basis für die Grande Complication und die «Il Destriero Scafusia», mit der sich die IWC zum 125. Jubiläum 1993 als Haute-Horlogerie-Marke neu positionierte.

Die geschickte Ausnutzung des unter dem Zentralrotor zur Verfügung stehenden Raums hielt zwar den Zuwachs an Bauhöhe in Grenzen, doch verdeckte der Mechanismus die Unruh – was bei der militärisch angehauchten IWC-Referenz 3711/3713 mit ihrem Magnetfelder abschirmenden Metallboden auch nicht weiter tragisch war. Sah ja eh keiner. Dass der Mechanismus bei der aktuellen Handaufzugsversion (fast) an derselben Stelle sitzt, ist wahrscheinlich der Ausgereiftheit der Konstruktion geschuldet, die Richard Habring aus dem Effeff kennt und die ihre Funktionsfähigkeit tausendfach bewiesen hat. Dass er zur Steuerung des Schleppzeigers auch ein Nockenpaket verwendet, wie das Valjoux-Basiswerk in der Chronographensteuerung, und der Versuchung widerstand, hier ein pittoreskes Schaltrad einzusetzen, zeugt von hoher sittlicher Reife und konstruktiver Stringenz.

Das Universaltalent

Schleppzeiger Chronographen

Das von La Joux-Perret bezogene Schleppzeigerwerk, das in der Sinn 910 zum Einsatz kommt, ist in seiner Konzeption und Ausführung insofern stringent, als hier die beiden Mechanismen – Chronograph und Schleppzeiger – durch zwei individuelle Schalträder gesteuert werden. Das Basiswerk ist ebenfalls ein «gabarisiertes» Valjoux-Kaliber, d. h. ein nach dem Auslaufen des Patentschutzes nach dem originalen Baumuster nachgebautes Uhrwerk. Dabei kann man auf besondere Ausstattungsmerkmale ohne Weiteres Rücksicht nehmen oder sogar einzelne Komponenten neu hinzukonstruieren.

La Joux-Perret und Concepto, die heute beide ein Schleppzeiger-Chronographenwerk anbieten, gehen auf die Firma Jaquet SA zurück, die in den 1990er Jahren eine eigene Rattrapante-Version des (damals noch regulär in Einzelteilen von der ETA zugekauften) Valjoux-Kalibers auf den Markt brachte. Bei dieser Version war der Basis-Chronograph noch nockengesteuert und nur der Schleppzeiger von einem Schaltrad kontrolliert. Das sah nur niemand, denn der Mechanismus war an der Zifferblattseite untergebracht, wo er schon vor hundert Jahren bei Taschenuhr-Chronographen mit Einholzeiger montiert war.

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