RÉGULATEUR VS. FLYING REGULATOR

SEE YOU LATER ...

Vor gut 30 Jahren begann Chronoswiss-Gründer Gerd-Rüdiger Lang damit, die Regulatoranzeige auch bei Armbanduhren populär zu machen. Grund genug für uns, zwei Regulatoren zur Probe- zeit einzuladen. Die ideale Partnerin des modernisierten Chronoswiss Flying Régulateur ist eine betont klassische Armbanduhr des Großuhren-Spezialisten Erwin Sattler, fanden wir.

Wir hoffen sehr, dass Sie uns diesen Kalauer nachsehen, liebe Leser. Aber Regulator reimt sich so schön auf Alligator, und thematisch liegt das ja alles nah beieinander. Es handelt sich in beiden Fällen um eine seltene Spezies. Schließlich ist ein Regulator sicher nicht die erste Armbanduhr, die sich ein Mechanikfreund kauft. Die schaut er sich vielleicht beim Händler seines Vertrauens an, nimmt dann aber wohl doch zuerst eine klassische Dreizeigeruhr und verabschiedet sich aus dem Geschäft mit einem freundlichen «Bis später» – see you later.

Für Fortgeschrittene

Regulator und Zwiebelkrone gehören bei Chronoswiss zusammen wie Pfeffer und Salz.
Die Krone der Classica Secunda ist groß, griffig und schnörkellos gestaltet. Sie ziert lediglich das Firmenlogo von Erwin Sattler.

Armbanduhren mit Regulatoranzeige sind Zeitmesser für Fortgeschrittene, für echte Kenner. Das meinte seinerzeit auch Gerd-Rüdiger Lang. Der Chronoswiss-Gründer, der die Renaissance der mechanischen Uhr in Deutschland maßgeblich mit vorantrieb, war immer auf der Suche nach dem Besonderen. Dazu blätterte er in alten Büchern, betrachtete aber auch seine eigene nicht unerhebliche Sammlung. Zu der gehörten bei Weitem nicht nur Armband-, sondern auch Großuhren. Wir erinnern uns noch sehr gut an den altehrwürdigen Riefler-Regulator, der stolz im Foyer der einstigen Chronoswiss-Zentrale in Karlsfeld bei München stand und sicher seinen Anteil daran hatte, dass der Traditionalist Lang diese Anzeige in einer Armbanduhr umsetzte.1987 präsentierte er seinen ersten «Régulateur» mit Handaufzugswerk, und als dieser ausverkauft war, folgte der Régulateur Automatique. Diese Uhr wurde zum Gesicht der Marke und ist es bis heute geblieben. Das Unternehmer-Ehepaar Ebstein, das Chronoswiss 2012 von Lang kaufte und nach Luzern umsiedelte, pflegt die Regulator-Tradition mit großem Enthusiasmus.

Bei Erwin Sattler in Gräfelfing bei München, einst so etwas wie ein Nachbar von Chronoswiss, sind Regulatoren das tägliche Brot. Die Großuhrenmanufaktur baut fast ausschließlich Wand- und Standuhren mit dieser Anzeigeform. Sie stammt aus der Zeit vor der Atomuhr und wurde in den Uhrenfabriken als Normalzeitgeber für die Regulierung der Uhrwerke eingesetzt. Schließlich liefen gute Regulatoren schon damals mit Gangabweichungen von ein bis zwei Sekunden im Monat (!) und eigneten sich mithin sehr gut zur Einregulierung von Taschen- und Armbanduhren. Diese Uhren hingen in jedem Atelier und bei jedem Uhrmacher an der Wand. Der Stundenzeiger war unten, dafür drehte sich die Kleine Sekunde oben unter der «12» quasi auf dem Präsentierteller und ermöglichte dem Regleur, mit einem kurzen Blick die Stellung des Zeigers mit dem Sekundenzeiger auf seinem Werkstück abzugleichen. Außerdem verfügten diese Präzisions-Pendeluhren systembedingt über eine springende Sekundenanzeige. So, aber jetzt sprechen wir nur noch über Armbanduhren.

Erster Eindruck

Peter Braun: Beim Vergleich der beiden Regulatoren fällt mir zunächst einmal der Größenunterschied auf: Der Sattler-Regulator ist mit 44 Millimetern Durchmesser und 15 Millimetern Bauhöhe ein echtes Trumm. Da gibt sich die Chronoswiss mit 40 Millimetern Durchmesser und knapp 12 Millimetern Höhe viel schlanker und komfortabler. Beide Gehäuse erinnern in Aufbau und Ausführung an alte Breguet-Taschenuhren, die mit ihren zwei Schraublünetten und dem kannelierten Gehäusemittelteil schon Chronoswiss-Gründer Gerd-R. Lang inspiriert hatten.
Bemerkenswert finde ich die Details des Sattler-Régulators, welche die Großuhren des Hauses zitieren. Das beginnt beim stählernen Zeigerfutter mit poliertem Spiegel für Stunden- und Minutenzeiger und setzt sich bei vier – hier wahrscheinlich funktionslosen – Befestigungsschrauben des Zifferblatts in winzig miniaturisierter Form fort.
Auch bei Chronoswiss, inzwischen komplett nach Luzern an den Vierwaldstätter See umgezogen, legt man viel Wert auf Details. Das Zifferblatt trägt zwei auf jeweils zwei hochglanzpolierten Füßchen montierte Skalenringe für Stunden- und Sekundenanzeige, während die Minuterie an Stelle eines Réhauts über dem äußersten Zifferblattrand zu schweben scheint. Das aus Sterlingsilber gefertigte Zifferblatt trägt ein feines Guillochiermuster – das heißt, es sind eigentlich zwei verschiedene für das Sekundenkreisfeld und für den Rest des Blattes. Vor dieser Opulenz der Dreidimensionalität sind die gebläuten Breguet-Zeiger fast eine Spur zu fein geraten, denn bei schlechten Lichtverhältnissen ist der Flying Regulator kaum abzulesen – als ob es einem die räumliche Entkoppelung von Stunden- und Minutenzeiger nicht schon schwer genug machte! Der Régulateur Classica Secunda wirkt da in seiner klassischen Art viel unaufgeregter und ist daher besser ablesbar, wobei der springende Sekundenzeiger jeden Blick aufs Zifferblatt zum Erlebnis macht.

Martin Häußermann: Treffend gesagt, lieber Kollege. Da sind beiden Herstellern wirklich bildschöne Uhren gelungen. Mit der Classica Secunda in der Hand begebe ich mich gleich einmal an die Wand meines Büros, an der die Erwin Sattler Mechanica M2 hängt, die ich übrigens selbst zusammengebaut habe (Applaus, bitte!). Zifferblattgestaltung, Zeigerformen und die Anzeigenanordnung der Armbanduhr entsprechen exakt dem großen Vorbild. Aber das geziemt sich auch so für einen Zeitmesser, mit dem einst das 50-Jahr-Jubiläum der Großuhrenmanufaktur gefeiert wurde. Wie bei den Großuhren von Sattler scheint auch diese Uhr höchsten Qualitätsansprüchen zu genügen. Dieser Eindruck bestätigt sich auch bei der Betrachtung durch die Uhrmacherlupe. Die lassen wir gleich im Auge geklemmt, wie dies einst Chronoswiss-Gründer Gerd-R. Lang für seine Werbeanzeigen kultivierte. Das Produkt seiner Nachfolger lädt aufgrund seines Detailreichtums, insbesondere der dreidimensionalen Ausgestaltung förmlich dazu ein. Sie überhöht buchstäblich Langs Idee, indem die Anzeigen durch kleine Pfeiler vom Grundzifferblatt abgehoben werden. Nicht nur schön gedacht, sondern auch schön gemacht.

Tragegefühl

MH: Als Freund großer und voluminöser Uhren binde ich mir zuerst die Sattler um. Das teilweise gedoppelte Alligator-Lederband braucht zwar ein paar Tage, bis es sich meinem Handgelenk angepasst hat, doch dann sitzt es tadellos. Dieser nicht ganz leichten Uhr eine Faltschließe zu gönnen, war sicher keine schlechte Idee. So kann sie beim An- und Ablegen nicht versehentlich herunterfallen. Die kleinere und leichtere Chronoswiss kommt mit einer Dornschließe aus. Das ist aus meiner Sicht vollkommen okay. Weil mein Handgelenk doch nicht so kräftig ist, wie ich es gern hätte, fühlt sich die kleinere und leichtere Chronoswiss vom Start weg passend an.

PB: Dem ist nichts hinzuzufügen – mit Ausnahme eines zusätzlichen Lochs im Lederband der Sattler, um die Uhr wackelfrei an meinem zarten Handgelenk zu befestigen.

Die Stiftschließe ziert das Firmen- logo. Sie ist mit einem geschraubten Steg am Band befestigt.
Eine schön gemachte und ein- wandfrei zu bedienende Faltschließe hält die Classica Secunda sicher am Handgelenk.

Technik, Ausstattung & Gang

PB: Lang machte vor 30 Jahren die Regulatoranzeige auch für Armbanduhren populär, zunächst mit umgebauten Unitas-Handaufzugswerken, später mit einem entsprechend umgerüsteten Enicar-Automatikwerk, das heute in weiterentwickelter Form als Chronoswiss Manufakturkaliber C.122 produziert wird. Da beide Basiswerke eine Kleine Sekunde bei der «6» besaßen, versetzte Lang kurzerhand den Stundenzeiger aus der Mitte nach oben unter die «12», und Uhrenliebhaber gewöhnten sich schnell an diese Anordnung. Die Firma Erwin Sattler hat die Werkkonstruktion Richard und Maria Habring anvertraut, die als Basiswerk ein ETA 7750 «Valjoux» heranzogen. Erstens verfügt dieses über eine Zeigerwerkkette zur «6», wo beim 7750 der 12-Stunden-Zähler angeordnet ist, und zweitens hatten sie bei diesem Kaliber bereits Erfahrungen mit einer springenden Sekundenanzeige sammeln können.  Das Kaliber ES 01 wurde vor inzwischen zehn Jahren anlässlich des 50. Firmenjubiläums der Großuhrenmanufaktur entwickelt – nun feiert Sattler bereits 60-jähriges Bestehen und bleibt auch in der Armbanduhrkollektion der Regulatoranzeige treu.Bei der Dekoration der Automatikwerke haben sich Chronoswiss und Sattler wirklich Mühe gegeben, mit personalisierten Aufzugsrotoren, Perlagen auf Platine, Brücken und Kloben sowie polierten (Chronoswiss) bzw. gebläuten Schraubenköpfen. Chronoswiss hat sogar die Ausdrehungen für die Lagerrubine und Fixierstifte in der Automatikbrücke mit Gold ausgeschwemmt, sodass sie auf den ersten Blick wie eingepresste Lagerchatons wirken. Das alles macht aus den braven Arbeitstieren zwar noch keine eleganten Rennpferde, doch der geneigte Uhrenfreund weiß solcherlei Aufmerksamkeiten durchaus zu schätzen.

MH: Zur Uhrwerkstechnik hat Kollege Braun eigentlich alles gesagt. Daher beschränke ich mich auf die Beurteilung der Gangleistungen. Und diese fällt durchweg positiv aus, was sowohl den Uhrwerken als auch den Regleuren ein gutes Zeugnis ausstellt. Auf unserer Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 zeigt sich bei beiden Uhren ein kerzengerader Strich, der Abfallfehler ist bei beiden vernachlässigbar gering. Auf der Zeitwaage ging die Chronoswiss im Durchschnitt 2,4 Sekunden am Tag ins Plus, an meinem Arm lief sie mit durchschnittlich plus 2 s/d ein wenig langsamer. Diese Tendenz setzt sich auch bei der Sattler fort, die leicht ins Minus reguliert war: Das Messgerät ermittelte durchschnittlich minus 1,4 s/d, an meinem Arm waren es minus 1,5 s/d. Weil mir persönlich aber Vorgang lieber ist als Nachgang, würde ich den Uhrmacher bitten, den Rücker noch ein wenig in Richtung Plus zu bewegen.

Chronoswiss Flying Regulator (links) und Erwin Sattler Régulateur (rechts)

Fazit

PB: Kenner mit Großuhren-Vorbildung oder einem anderen historischen Ansatz müssten meiner Meinung nach zum Erwin Sattler Régulateur Classica Secunda greifen, denn er respektiert bis ins Detail die technischen und ästhetischen Codes des Regulators. Der aufwendige Werkumbau auf eine springende Sekundenanzeige hat indes seinen Preis: Mit 9590 Euro in der Edelstahlversion mit individualisiertem Aufzugsrotor kostet die Uhr deutlich mehr als der Chronoswiss Flying Regulator (6960 Euro). Dieser besticht hingegen durch seine faszinierende Zifferblattgestaltung, die zu betrachten – auch unter der Lupe – einfach nie langweilig wird. Da ohnehin kaum ein Uhren-Neuling als Erstes zu einem Regulator greifen wird, kann man die Wahl zwischen den beiden Manufakturstücken durchaus der gereiften Klientel überlassen.

MH: Aus den Gesichtspunkten der Ästhetik und auch der Qualität fällt es schwer, einer der beiden Uhren den Vorzug zu geben. Das Niveau ist wirklich sehr hoch. Die Chronoswiss punktet mit einer Anzeige, die eher den normalen Sehgewohnheiten entspricht, und die Sattler mit einer Anzeige, welche die Tradition des Regulators perfekt zitiert. Wäre da noch der Preisunterschied, aber der ist durchaus zu rechtfertigen. Wie soll ich mich entscheiden? Ich weiß es nicht. See you later ...

Text: Peter Braun, Martin Häußermann
Bilder: Martin Häußermann

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