Siebtelsekunde?

Feinteilung der Minuterie

Chronoswiss-Gründer Gerd-R. Lang war in puncto Sekundenskala sehr penibel. In einem Schriftwechsel mit seinem Schweizer Zifferblatthersteller bemängelt er, dass die Firma ihm – zwar sehr schön gemachte und sauber gedruckte – Zifferblätter mit einer falschen Minuterie-Feinteilung geliefert habe: Zwischen zwei Minuten- bzw. Sekundenstrichen seien vier dünnere und kürzere Striche gedruckt. Das verwendete Chronographenwerk habe jedoch eine Schwingfrequenz von 4 Hertz, und folglich gehören zwischen zwei lange Striche lediglich drei kürzere. Man möge die Charge falsch bedruckter Zifferblätter doch bitte zurücknehmen.

DER ZUCKENDE ZEIGER

Gerd-R. Langs Argumentation zielt darauf ab, dass der Sekundenzeiger eines mechanischen Uhrwerks sich nicht kontinuierlich dreht, sondern in kleinen Schritten vorwärtsspringt. Anzahl und Länge dieser Schritte hängen in der Tat von der Schwingfrequenz der Unruh bzw. dem Puls des Ankerrads ab. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Uhrwerke sind dies 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (A/h), also die zuvor erwähnten 4 Hertz, denn technisch wird der Frequenzwert pro ganzer Schwingung angegeben. So betrachtet, hat der Chronoswiss-Gründer recht: Bei 4 Schwingungen pro Sekunde passen drei Teilstriche zwischen die Indexe, vier Striche wären allenfalls bei einem «Schnellschwinger» mit 5 Hertz, d. h. 36.000 A/h, angebracht.
Allerdings macht der Sekundenzeiger bei 28.800 A/h acht kleine Schrittchen, stoppt folglich auch bei «korrekter» Teilung jedes zweite Mal zwischen zwei Strichen. Und was ist mit den heute im Niedrigpreissegment wieder gebräuchlicheren 21.600 A/h, welche die Swatch Group bei ihren Powermatic-Kalibern mit 80 Stunden Gangreserve verwendet? Da reden wir von 3 Hertz: Sollte man dabei einem Chronographen (z. B. dem Kaliber C01.211) allen Ernstes zwei Zwischenstriche setzen – oder besser fünf?

ANZEIGEN ODER ABLESEN?

Damit könnte man zwar wunderbar die Drittel- oder Sechstelsekunden ablesen – aber wer rechnet schon mit einer solchen «krummen» Größe? Fünftelsekunden (bei 36.000 A/h) lassen sich da schon eher zu Zehntelsekunden extrapolieren und ablesen. Folglich argumentierte der eingangs erwähnte Zifferblatthersteller, dass sich die Menschen doch die Anzeige des – willkürlich, ohne Einfluss der Schwingfrequenz – zwischen zwei vollen Sekunden gestoppten Chronographenzeigers in Zehntelsekunden vorstellen. Und letztlich geht es beim Chronographen ja um die Ablesbarkeit des Messergebnisses.
Hardliner argumentieren auch heute noch mit der «Korrektheit» der Feinteilung passend zur Schwingfrequenz. Die Frage ist nur: Wie viele Teilstriche sollte dann die Minuterie einer Omega mit Co-Axial-Kaliber (25.200 A/h) haben – dreieinhalb oder sieben? Ausgerechnet im Falle des Co-Axial-Chronographenkalibers 9300 hat Omega die Schwingfrequenz auf 28.800 A/h angehoben. Womit wir wieder am Anfang der Diskussion wären.

Text: Peter Braun

Weiterlesen:

Profi-Wissen: Die Schlagzahl

Profi-Wissen: Die Gangreserve

Profi-Wissen: Zeiger und Skalen

Profi-Wissen: Chronographen

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