Probezeit: Formex vs. Maurice Lacroix

Geldwerter Vorteil

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Es muss nicht immer Retro sein. Die Schweizer Marken Maurice Lacroix und Formex bauen moderne, eigenständige Sportuhren zum fairen Preis. Wie sie sich im Alltag bewähren, zeigt unsere «Probezeit».
Formex Essence Chronometer (links) und die Maurice Lacroix Aikon Automatic (rechts) im Direktvergleich.

In diesen Tagen herrschen gemischte Gefühle. Einerseits wünscht sich jeder Normalität zurück, was immer der oder die Einzelne darunter verstehen mag. Andererseits ist Vorsicht ein guter Ratgeber. Was das mit Uhren zu tun hat? Nun, zur Normalität gehört es für viele, sich ab und zu etwas Schönes zu gönnen – und zur Vorsicht, sein Budget nicht über Gebühr zu belasten. Genau an dieser Stelle kommen unsere beiden «Probezeit»-Kandidaten ins Spiel. Diese folgen einerseits dem Trend zu sportlichen Stahluhren mit integrierten Gliederbändern, tragen andererseits aber kein Preisschild, bei dem das freudige Lächeln erstirbt.

Das Zifferblatt der Formex Essence präsentiert sich ausgewogen und gut ablesbar. Nur der Minutenzeiger dürfte etwas länger sein.

Auf dem Etikett der Fachhandelsmarke Maurice Lacroix Aikon stehen 1690 Euro, Formex verkauft seinen Essence Chronometer für 1240 Euro – und hat hier schon allein aufgrund seiner Direktvertriebsstrategie bzw. des Wegfalls der Fachhandelsmarge einen Preisvorteil. Außerdem gereicht es dem 32-jährigen Besitzer und CEO Raphael Granito sicher nicht zum Nachteil, dass sein Vater ein Unternehmen betreibt, das seit vielen Jahren Uhrengehäuse, Gliederbänder, Schließen und Zifferblätter produziert.

Ohne direkten Zugriff auf einen Komponentenhersteller und mit der Verpflichtung, seinen Konzessionären eine auskömmliche Handelsspanne einzuräumen, muss Maurice Lacroix anders kalkulieren. Aber möglicherweise finden sich ja auch noch andere Gründe für die Preisdifferenz zwischen den beiden Uhren.

Das Uhrwerk der Essence ist unter einem zentral verschraubten Boden zu sehen. Hinter dem mit acht Schrauben befestigten Rahmen verbirgt sich die Formex-typische Gehäusefederung.
Vier Imbusschrauben zieren den Glasrand der Formex, die Form wiederholt sich in der Krone.

ERSTER EINDRUCK

Martin Häußermann: Dieses Mal haben wir zwei relativ junge Schweizer Marken eingeladen. Maurice Lacroix wurde 1975 gegründet, Formex erst 1999. Das hat für die beiden den Vorteil, dass sie sich nicht ständig auf ihre Traditionen berufen (müssen), sondern gestalterisch eigene, neue Wege gehen können. Ich empfinde die Kandidaten erfrischend eigenständig, auch wenn sich beide auf dem Markt die eine oder andere optische Anleihe geholt haben. Das Zifferblatt der Essence erinnert schon ein wenig an die Nautilus von Patek Philippe, Gehäusemittelteil und Band der Aikon nehmen Anleihen bei der Royal Oak von Audemars Piguet. Dabei sind aber beide Uhren alles andere als plumpe Kopien. Obendrein präsentieren sich beide in sehr guter Verarbeitung. Da gibt es schon mal nichts zu meckern.

Peter Braun: Durch diese «Probezeit» weht in der Tat ein Hauch von Gérald Genta, dem Designer der erwähnten Ikonen von Patek Philippe und Audemars Piguet. Wobei sich Maurice Lacroix durchaus auf seine Tradition berufen kann, schließlich war die «Calypso» aus den 1990er Jahren die gestalterische Grundlage der Aikon, erhielt bei der Überarbeitung aber rundum schärfere Kanten, die sie optisch bis in die siebziger Jahre hinein zurücktransportieren.

Unter dem Formex-Logo in der Schließe versteckt sich eine smarte Bandverlängerung.

Von der Größe her nehmen sich beide Uhren nichts: 42 Millimeter Durchmesser misst die Aikon, 43 Millimeter die Essence, beide sind mit 10,5 Millimetern nicht zu hoch. Interessant bei der Maurice Lacroix sind die überstehenden Krappen an der feststehenden Lünette, die das Glas schützen sollen. Die Saphirgläser beider Uhren sind völlig plan, aber in beiden Fällen auch gut entspiegelt.

Bei den Zifferblättern – beide in einem herben metallischen Petrolblau gehalten, aber nicht identisch – haben sich beide Hersteller viel Mühe gegeben: ob mit waagerecht gefrästen Nuten (Formex) oder geprägten «Clous de Paris». Die Stundenmarker sind aufgesetzt und verleihen den Gesichtern der Uhren räumliche Tiefe. Bei der Essence ist noch ein schmaler Höhenring mit Feinminuterie eingesetzt, bei der Aikon ist die Minuterie auf dem Grundblatt aufgedruckt. Maurice Lacroix hat komplett polierte, gefalzte Zeiger, Formex leistet sich bei Zeigern und Indexen sogar ein schmales strichgeschliffenes Mittelsegment.

Im Profil sind die stark nach unten abfallenden Bandanstöße der Maurice Lacroix Aikon schön zu sehen.

Für echten Kokolores halte ich die «gefederte » Aufhängung des Uhrwerkcontainers in der Gehäusebasis. Bei Formex ist man davon überzeugt, dass die Stoßdämpfung dem Schutz der Mechanik dienlich ist. Ich glaube, diese Gehäusekonstruktion ist eine Reminiszenz an frühere Formex-Modelle, die sich durch klobige viereckige Abmessungen auszeichneten – wuchtige Hingucker allesamt, bei denen die Stoßdämpfung als zusätzliches Feature eingebaut war (G-Shock lässt grüßen!) –, angesichts der schlanken Abmessungen der Essence heute völlig überflüssig. Nach meinem Dafürhalten hätte man lieber in eine anständig verschraubte Krone investieren sollen.

TRAGEGEFÜHL, BEDIENUNG, ABLESBARKEIT

Martin Häußermann: Tut mir leid, lieber Kollege, doch bei dieser Kritik kann ich nicht mitgehen. Ich empfinde den gefedert aufgehängten Uhrwerkcontainer von Formex als sinnvolles Feature, und zwar im Sinne des Tragekomforts. Schließlich ragt der Boden übers Gehäusemittelteil hinaus. Wenn man nun das Handgelenk etwas abwinkelt oder es im Laufe des Tages ein wenig anschwillt, verhindert der halbe Millimeter «Federweg» des Gehäuses, dass das Band in die Haut einschneidet. Sollte das nicht reichen, schafft eine smarte Bandverlängerung von vier Millimetern (in der Schließe untergebracht) weitere Abhilfe. Das finde ich klasse, und es verschafft der Essence in meiner Wertung einen Vorteil beim Tragekomfort, obgleich sich die Aikon alles andere als unkommod trägt.

Beide Uhren verfügen über ein Bandschnellwechselsystem mit seitlich verschiebbaren, federbelasteten Riegelchen. Das System funktioniert in beiden Fällen prima, gesunde Fingernägel sollte man aber schon haben. Das Abnehmen der Bänder geht bei beiden ganz leicht, sie wieder einzuklicken wird etwas fummeliger. Maurice Lacroix bietet mit einem sauberen Endanschlag einen etwas höheren Bedienungskomfort. Bei Formex ist etwas mehr Feingefühl erforderlich, um die Stifte sauber einrasten zu lassen, unterm Strich geht das aber auch noch in Ordnung.

Das Uhrwerk ist mit einem individualisierten Rotor ausgestattet. Aus dieser Perspektive sind auch die gefrästen Führungen für das praktische Bandwechselsystem zu erkennen.

In Sachen Ablesbarkeit nehmen sich beide Probanden nicht viel. Gerade tagsüber gibt es nichts zu meckern. Da wirken die hohen Kontraste zwischen Stahlzeigern und dunkelblauen Zifferblättern. Weil auch in beiden Fällen Zeiger und Indexe maßvoll mit Leuchtmasse ausgelegt sind, lassen sie sich zumindest einige Zeit auch in der Dunkelheit gut ablesen. Eine Kritik – von manchen Menschen möglicherweise als kleinlich empfunden – habe ich noch: Der Minutenzeiger der Essence hätte gern noch ein, zwei Zehntel länger sein dürfen, damit er zumindest in die Nähe der Minuterie kommt. Das ist bei der Aikon harmonischer gelöst – aber auch einfacher, weil hier kein Rehaut im Weg ist.

Peter Braun: Die Bänder beider Uhren sind solide und sportlich dimensioniert, wobei das Maurice- Lacroix-Band passend zum Look der Uhr recht kantig gestaltet ist. Das dreireihige Formex-Band ist insgesamt etwas weniger aufwendig gemacht, doch in puncto Tragekomfort vermögen beide zu überzeugen. Die Glieder des Formex-Bandes sind konventionell verschraubt, die Maurice-Lacroix-Bandglieder mit Stiften und Hülsen montiert.

Bei der Beurteilung der Schließen bin ich anderer Meinung als mein Kollege. Für mich geht der Punktsieg an die Aikon. Deren Doppelfaltschließe ist solide verarbeitet und dimensioniert sowie mit seitlichen Entriegelungstastern ausgestattet. Die Schließe der Formex ist zwar auch sehr schick, doch verfügt diese über eine Mischkonstruktion mit Entriegelungstastern nur für eine Schließenhälfte, die andere wird einfach zugeklipst und durch den Überwurf der anderen Hälfte gesichert. Funktioniert letzten Endes aber auch.

Überhaupt gelingt Formex in manchen Details überzeugende Funktion mit geringerem Aufwand als bei Maurice Lacroix. Die Aikon ist in vielen Kleinigkeiten aufwendiger verarbeitet oder finissiert. Ihr Band zum Beispiel ist an sehr schräg gestellten Bandanstößen befestigt und liegt dadurch gut am Arm. Bei der Formex hat man sich den Übergang vom Band zum Gehäuse viel einfacher gemacht, aber durch die große Beweglichkeit des ersten Bandgliedes ist auch hier der Effekt überzeugend: Liegt gut auch an schmalen Handgelenken.

Das Zifferblatt im Hufnagelmuster sowie der Glasrand mit den markanten Krappen verleihen der Aikon ein lebhaftes Gesicht.

TECHNIK, AUSSTATTUNG, GANG

Peter Braun: Unsere Testuhren gehen mit sehr soliden Motoren an den Start. Beide Hersteller wählen das Automatikwerk Sellita SW200-1 als Antrieb, jeweils in feiner Finissierung. Durch das Bodenfenster entdecken wir bei der Formex sogar noch ein paar mehr gebläute Schraubenköpfe. Beide Hersteller haben die Uhrwerke mit personalisierten Rotoren ausgestattet, die Aikon bietet eine klassische Form mit Genfer Streifen und Colimaçonnage, die Essence trägt einen skelettierten Rotor, an dem die Schwungmasse mit vier gebläuten Schrauben befestigt ist. Der Punktsieg in diesem Kapitel geht für mich an die Formex, die als Chronometer nach COSC-Kriterien zertifiziert ist, was sich auch auf der Zeitwaage und am Arm bestätigte.

Martin Häußermann: Warum Maurice Lacroix seinem Uhrwerk eine eigene Kalibernummer (ML 115) spendiert, will mir nicht recht einleuchten, zumal es sich – wie erwähnt – um ein Großserienwerk handelt. Sei’s drum: In Funktion und Zuverlässigkeit ist das SW200-1 über jeden Zweifel erhaben und zu sehr guten Gangleistungen fähig. Was sich in unserem Fall besonders bei der Chronometerversion in der Formex zeigt. Auf der Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 ermittelten wir bei der Essence einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von 0,3 Sekunden am Tag (s/d), der sich an meinem Arm über acht Tage auf durchschnittlich 2,5 s/d erhöhte. Die Aikon hatte es etwas eiliger, auf der Zeitwaage ermittelten wir einen durchschnittlichen Vorgang von 9,6 s/d. Im Alltag reduzierte sich dies auf + 7,5 s/d. Da wäre mit individueller Einregulierung aber noch einiges zu holen.

Maurice Lacroix liefert eine funktionelle und tadellos verarbeitete Doppelfaltschließe.

FAZIT

Martin Häußermann: Ich finde es hocherfreulich, dass es Hersteller gibt, die das schwierige Preissegment zwischen 1000 und 2000 Euro mit so viel Engagement beackern. Beide bieten hohe Alltagstauglichkeit, optisch große Eigenständigkeit und sehr gute Verarbeitung zum fairen Preis. Bei der Qualität der Bänder könnte sich sogar der eine oder andere in höheren Preissegmenten einsortierte Wettbewerber eine Scheibe abschneiden. Das Lob verteile ich hier gleichmäßig an beide. Mein persönlicher Favorit ist aber die Essence. Sie punktet bei mir durch Details wie dem gefederten Uhrwerkcontainer und der smarten Bandverlängerung – und sie gefällt mir auch ein bisschen besser. Aber über Geschmack kann man ja bekanntermaßen nicht streiten.

Peter Braun: Klar kann man darüber streiten! Mir persönlich gefallen «integrierte» Edelstahl- Sportuhren sehr gut, und als Alltagsbegleiter sind sie universell einsetzbar – zum Anzug ebenso wie zum Poloshirt oder zur Badehose. Mir gefällt zum Beispiel die Maurice Lacroix sehr gut, weil ich die Metamorphose von der seligen Calypso in die markante Aikon gut nachvollziehen kann. Sie hat eine verschraubte Krone und überzeugt mich zudem mit toller Verarbeitungsqualität. An der Formex, die ich optisch für sehr gelungen halte, reizt mich das Chronometerzertifikat. Und natürlich der Preis.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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