Probezeit: Zwei elegante Chronographen

Gentleman-Stopper

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Stahl-Chronographen müssen nicht zwangsweise wuchtige Harte-Männer-Uhren sein. Breitling und IWC Schaffhausen verbinden Sportlichkeit und Eleganz auf sehr eigenständige Art und Weise. Dafür kratzen die von Manufakturkalibern angetriebenen Kurzzeitmesser leider auch an der 8000-Euro-Marke.
Beitrag Beide IWC & Breitling

Das ist auch die Strategie, der Georges Kern, CEO und Mitinhaber der Manufaktur Breitling, folgt. Als er vor rund drei Jahren das Unternehmen übernahm, fand er eine reine Männeruhrenmarke vor, die sich vorrangig dem Typus der Fliegeruhr widmete. Zu wenig, befand Kern. Damit schließe man viel potenzielle Kundschaft aus – Frauen sowieso, aber auch Männer, die es lieber etwas eleganter haben. Speziell für Letztere ließ er die Premier-Kollektion entwickeln, die ihr Vorbild in einem Breitling-Modell aus den 1940er Jahren hat. Diese Kollektion wurde durchdekliniert von der einfachen Dreizeigeruhr mit Großserienwerk bis hin zum Manufakturchronographen, den wir für diese Probezeit eingeladen haben.

IWC Detail
Kreisverkehr: Warum die Ziffern in den Totalisatoren so angeordnet sind, weiß allein der Designer. Auch der Sinn abgeschnittener Ziffern erschließt sich uns nicht so ganz, ist letzlich aber Geschmackssache.

Hier spielt er – wie mutmaßlich auch an den Verkaufstischen der Juweliere – gegen den Portugieser-Chronographen von Kerns ehemaligem Arbeitgeber IWC. Diesen gibt es mittlerweile ausschließlich mit Manufakturwerk. Die Schaffhauser haben die Variante mit dem altgedienten ETA 7750 Valjoux auslaufen lassen – schließlich hat man im Schaffhauser Vorort Merishausen Millionen in ein Manufakturzentrum investiert, in dem nun auch das in unserer Testuhr verbaute Kaliber 69355 gefertigt wird. Wir waren schon bei der Neuvorstellung dieser Uhr angenehm überrascht, dass der Preissprung vom Großserien- zum Manufakturwerk deutlich geringer ausfiel als erwartet. Ein Valjoux-getriebener Portugieser-Chronograph kostete vor zwei Jahren 7600 Euro, unsere Testuhr wird für 7850 Euro angeboten. Absolut betrachtet ist dies dennoch eine Menge Holz, ebenso wie die 7700 Euro, die für die Breitling verlangt werden.

ERSTER EINDRUCK

Peter Braun: Die IWC wirkt nicht nur deutlich schlanker als die Breitling, sondern sie ist es auch. Dabei mag der um gut 1,5 Millimeter kleinere Durchmesser eine Rolle spielen, doch ein Höhenunterschied von knapp einem Millimeter (13,1 zu 13,95 mm) ist für die augenfällig größere Dimension der Breitling kaum verantwortlich zu machen. Eher schon die Gehäuseform, die bei der IWC Portugieser als typischer Kegelstumpf mit sich nach unten (bzw. hinten) verjüngendem Querschnitt auftritt. Das ergibt bei schmaler Lünette eine große Zifferblattschau – zusätzlich betont durch die helle Zifferblattfarbe – und eine luftige Seitenansicht mit weit abstehenden Bandanstößen. Diese sind mit 20 Millimeter lichter Weite zudem schmaler als bei der Breitling.

Das Gehäuse der Breitling Premier ist eher schlicht und klobig gestaltet und wirkt wie von einem Rohr abgeschnitten, daran ändern auch die unmotivierten Schmutzfänger-Nuten an den Flanken nichts. Die schmale, gestufte und polierte Lünette lässt das plane Glas schutzlos überstehen und auf den ersten Kantenkontakt warten …

IWC Werkansicht
Werkschau: Das industriell gefertigte Manufakturwerk ist durchaus vorzeigbar. Der Rotor zieht übrigens nur eine Richtung auf.

Die Verarbeitung ist bei beiden Uhren tadellos mit sauber definierten polierten und satinierten bzw. strichmattierten Flächen. Die IWC setzt bei der Portugieser klassische pilzförmige Runddrücker ein, Breitling wählt für die elegante Linie Premier ebenso klassische Rechteckdrücker. Auch ohne verschraubte Krone ermöglichen moderne Dichtungen eine Wasserdichtheit bis 100 Meter, während die IWC vorsichtshalber nur 30 Meter empfiehlt.

IWC Krone
Detailverliebt: Das strichmattierte Mittelteil wird von zwei hochglanzpolierten Elementen eingerahmt - dem auskragenden schmalen Glasrand sowie einem sich nach unten verjüngenden Boden.

Martin Häußermann: Ohne Zweifel handelt es sich bei beiden Probezeit-Kandidaten um Charakterdarsteller. Die Portugieser gibt den filigranen Flaneur, die Premier den etwas kantigeren Kumpel. Anklang finden beide, nicht nur bei mir, sondern auch innerhalb der Familie und im erweiterten Freundeskreis. Trotz Corona habe ich mit diesen Uhren nicht nur im Homeoffice gesessen, sondern bin mit ihnen raus und habe sie verschiedenen Menschen unter die Nase gehalten, die einen Sinn für Uhren und die schönen Dinge des Lebens haben. Interessanterweise identifizierten diese die Portugieser sofort als IWC – das Gesicht scheint bekannt zu sein.

IWC Schließe
Verschlusssache: Die Schmetterlingsschließe der IWC sorgt für komfortablen und sicheren Sitz.

Dagegen war die Premier für viele Betrachter eine Überraschung – eine positive, wohlgemerkt. Ein Zitat stellver-tretend für viele: «Schön, dass Breitling jetzt auch solche klassischen Uhren baut.» Dieser Aussage schließe ich mich an und ergänze: Schön, dass die IWC-Designer es sich verkniffen haben, bei der Umstellung auf das Manufakturwerk maßgeblich in die Gestaltung einzugreifen.

Wobei man über Geschmack ja ohnehin nicht streiten kann. Dennoch widerspreche ich dem Kollegen hinsichtlich seiner Fundamentalkritik an der Gestaltung des Breitling-Gehäuses. Groß ist es schon, aber keineswegs klobig. Genau die gescholtenen Längsnuten nehmen der Form optisch die Wucht. Ich hätte sie wahrscheinlich noch etwas tiefer gefräst. Und wenn es am Topfglas etwas zu meckern gibt, dann allenfalls die Tatsache, dass es die vielleicht ein bis zwei Zehntel höher macht als unbedingt nötig. Jedenfalls hat es die Probetragezeit schadlos überstanden.

Breitling Detail
Zeigerspiel: Klassische, geradlinige Zeigerformen unterstreichen den Grundcharakter der Premier. Konsequenterweise hätter auch der Zeiger des Minutenzählers eine rote Markierung bekommen sollen.

TRAGEGEFÜHL, BEDIENUNG, ABLESBARKEIT

PB: Die IWC wird, ganz ihrem eleganten Charakter entsprechend, an einem eher dünnen Reptillederband getragen, das sich dank der symmetrischen Schmetterlings-Faltschließe wie von selbst am Arm zentriert. Das Anlegen der zweiflügeligen Schließe ist leider etwas fummelig. Das Reptillederband der Breitling ist passend zu ihrer größeren Dimension dicker aufgepolstert als das der IWC und zwei Millimeter breiter. Die einflügelige Faltschließe verfügt über zwei seitliche Entriegelungsdrücker, doch der lange Schließenschenkel erzeugt eine Asymmetrie und hinterlässt eine unangenehme Druckstelle an der Außenkante meines (schmalen) Handgelenks. Außerdem ist die Uhr echt schwer geraten!

Breitling Krone
Meinungsverschiedenheit: Einem Auto gefallen die Nuten in den Gehäuseflanken, dem anderen nicht so sehr.

Beim Einstellen der Uhrzeit fällt bei beiden Chronographen die Sekundenstoppvorrichtung auf. Damit ist nicht die Stoppfunktion des Kurzzeitmessers gemeint, sondern das Anhalten der kleinen Permanentsekunde beim Ziehen der Krone. Die Chronographenfunktionen werden bei beiden Uhrwerken über ein Schaltrad gesteuert, wobei das IWC Kaliber 69355 ein weicheres Drückergefühl vermittelt. Beim Breitling Kaliber B01 knackt der Startdrücker derart laut und hart, dass man befürchtet, da drinnen sei etwas abgebrochen. Aber der lange Betätigungshebel zum Einkuppeln braucht offenbar einen langen Weg, den der kurze Hub des Flachdrückers nur über eine lange und kraftzehrende Hebelübersetzung aufbringt. Das Knacken ist eigentlich das positive akustische und haptische Signal, dass die Chronographenkupplung vollständig eingerastet und arretiert ist. Das war mir zuvor schon bei anderen Breitling-Modellen mit dem Manufakturkaliber aufgefallen und muss offenbar so sein. Alles gut, offenbar.

In puncto Ablesbarkeit favorisiere ich bei Tageslicht die Portugieser mit ihrem schön aufgeräumten silberhellen Zifferblatt mit goldenen Zeigern für die Uhrzeit und gebläuten Zeigern für die Chronographenanzeigen. Bei Dunkelheit spielt dann die Premier den Vorteil ihrer mit Leuchtmasse belegten Hauptzeiger aus, die noch lange nach dem Löschen des Lichts die Uhrzeit gut sichtbar anzeigen.

MH: In der Beurteilung des Tragekomforts bin ich mit dem lieben Kollegen Braun einig: Hier hat die IWC dank ihrer Doppelfaltschließe und des spürbar geringeren Gewichts buchstäblich leichte Vorteile. Andererseits beeinträchtigt mich die einfache Faltschließe der Breitling nicht, was wohl daran liegt, dass mein Handgelenk einen etwas größeren Umfang hat. Die Bedienung mit den Entriegelungsdrückern ist vorbildlich. Richtig störend empfand ich im Vergleich dazu den schwergängigen Start-Stopp-Drücker. Insbesondere dann, wenn der Chronograph von null gestartet wird, muss der Zeigefinger eine derart große Kraft aufwenden, dass die Form des Längsdrückers noch eine ganze Weile in der Fingerkuppe sichtbar bleibt. Da müssen meiner Ansicht nach die Techniker nochmals ran.

Im Kapitel Ablesbarkeit steht es nach meinem Ermessen unentschieden. In unserer Konstellation hat die Breitling vielleicht aufgrund des höheren Kontrastes zwischen Zeigern und Blatt einen kleinen Vorteil, doch sind bei beiden Modellen unterschiedlich kontrastreiche Kombinationen im Angebot, sodass hier eigentlich jeder glücklich werden kann. Ein ganz weißes Zifferblatt bietet Breitling aber nicht. Einer hauseigenen Gestaltungsregel zufolge haben die Manufakturchronographen immer farblich kontrastierende Totalisatoren. Breitling verzichtet auf einen Stundenzähler, die beiden bei der «9» und der «3» angeordneten Hilfszifferblätter lassen bei der «6» Platz für ein Datumsfenster, das ein Gegengewicht zum Breitling-B in der oberen Zifferblatthälfte bildet.

Auch IWC sparte sich aus Symmetriegründen den Stundenzähler, der bei der «9» positioniert wäre. Und man hat auch auf eine Datumsanzeige verzichtet, obwohl diese im Grundkaliber vorgesehen wäre. Dieser Verzicht verleiht dem Portugieser-Zifferblatt eine puristische Eleganz. Was mich allerdings ratlos zurücklässt, ist die zirkulare Anordnung der Ziffern in den Totalisatoren. Das mag gestalterisch konsequent sein, doch wenn Ziffern auf dem Kopf stehen, finde ich das einfach nur unpraktisch.

Breitling Werkansicht
Sachlich: Breitling liefert hochwertigen Mikromaschinenbau ohne Chichi. Der Rotor zieht beidseitig auf.

TECHNIK, AUSSTATTUNG, GANG

PB: Dass das «Gesicht» der neuen IWC-Manufakturchronographen (bspw. in der Linie Pilot’s Watch) mit der typischen Totalisator- Anordnung bei «12», «9» und «6» Erinnerungen an das «Valjoux»-Kaliber weckt, sollte den Betrachter nicht zu vorschnellen Schlüssen verleiten: Beim bewährten Kaliber 7750 sitzt die Kleine Sekunde nämlich bei der «9», beim IWC-Kaliber aus der Familie 69000 bei der «6». Trotzdem wirkt der Anblick unter dem großzügigen Saphirglaseinsatz im Gehäuseboden seltsam vertraut. Mag sein, dass das etwas pflichtschuldig wirkende Finish mit billigem Laserdruck statt Gravuren und rundgenudelten Stahlkanten eine Nähe zu Großserienfabrikanten wie ETA oder Sellita vorgaukelt – an der Funktionalität des neu entwickelten IWC-Chronographenwerks ändert das nichts. Die IWC-Ingenieure haben natürlich ein Schaltrad eingebaut, was heute als Ausdruck besonderer technischer Raffinesse und hoher Werkqualität angesehen wird.

Logisch, dass auch Breitling bei der Konstruktion des eigenen Chronographenkalibers vor mittlerweile 15 Jahren auf eine solche prestigeträchtige und technisch saubere Lösung setzte. Das Kaliber B01 wurde 2009 präsentiert und katapultierte Breitling in eine höhere Sphäre der Uhrenwelt – durchaus zu Recht, denn als Qualitätsmaßstab für das Kaliber B01 diente das zur Jahrtausendwende lancierte Rolex Kaliber 4130 für die Daytona. Und irgendwie tappt man eingedenk dieser Hintergründe beim Betrachten in dieselbe Falle wie zuvor beschrieben: Man meint Parallelen zu sehen, wo tatsächlich keine sind. Bezüglich der Finissierung schießt Breitling jedenfalls auch nicht gerade über das Ziel hinaus und präsentiert saubere Ingenieurskunst im unaufgeregten Gewand mit ein paar Wendelschliffen, sparsam abgezählten Genfer Streifen und sandgestrahlten Platinenoberflächen.

Breitling Schließe
Einseitig: Die Kombination aus Dorn- und Faltschließe ist nicht ohne Charme, doch an sehr schmalen Handgelenken sitzt sie nicht optimal.

MH: Zur Kritik meines Kollegen am Uhrwerk- Finish fällt mir der Satz eines Uhrmachers ein, den ich vor knapp 20 Jahren mal gehört habe und der mir seither unvergessen ist: «Wenn dem Uhrmacher nichts Sinnvolles mehr einfällt, macht er Finish.» Will heißen: Eine durchdachte Konstruktion schlägt Make-up in Form von Schliffen und Gravuren. Das Uhrwerk muss in erster Linie zuverlässig funktionieren und präzise die Uhrzeit anzeigen. Und genau da gaben sich unsere Probanden keine Blöße und liefen mit Chronometergenauigkeit. Auf unserer Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 ermittelten wir bei der Breitling einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von genau einer Sekunde am Tag (s/d), der sich an meinem Arm über acht Tage auf durchschnittlich 0,5 s/d reduzierte. Die IWC hatte es mit durchschnittlich 4,1 s/d auf der Zeitwaage ein wenig eiliger. Im Alltag registrierten wir über eine Woche Tragedauer durchschnittlich + 2,5 s/d.

FAZIT

MH: Wieder so eine Probezeit, bei der ich mich nur schwer entscheiden kann. Als Sammler, der schon den einen oder anderen praktischen Zeitmesser in der Schublade hat, würde ich wohl die filigrane Portugieser wählen. Ist eine Uhr für jeden Tag gesucht, sehe ich die Premier vorn, die mit Robustheit, Wasserdichtheit und einer Datumsanzeige punktet, die mir persönlich einen Zusatznutzen bietet. Echte Schnäppchen sind beide Uhren nicht. Hier wie dort gilt: Marke hat ihren Preis.

PB: Preislich nehmen sich die beiden Manufakturchronographen nicht viel. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich wahrscheinlich zum Portugieser Chronograph greifen, weil er so elegant und klassisch wirkt, wie aus der Zeit gefallen. Andererseits ist in meinem Alltag Robustheit gefragt, denn ich stehe in dem Ruf, mit meinen Uhren eher sorglos umzugehen. 100 Meter Wasserdichtheit und eine robuste Gehäusedimension sind da schon gute Argumente für die Breitling Premier, die dazu mit einem Chronometerzertifikat ausgeliefert wird. Schade, dass sie mich am Handgelenk kneift …

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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