Probezeit: Tissot Seastar vs. Seiko Prospex Automatic Diver’s

Economy Taucher

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Ja, es gibt sie, die guten und eigenständigen Sportuhren unter 900 Euro, das zeigen die beiden Taucher von Tissot und Seiko. Aber zaubern können weder Schweizer noch Japaner, deshalb muss der Uhrenfreund an der einen oder anderen Stelle Abstriche machen.
In der aktuellen Probezeit treten Taucheruhren aus der Schweiz und Japan gegeneinander an. Seiko Prospex Automatic Diver's (links) gegen Tissot Seastar.
Die Seiko wirkt nicht nur optisch vertrauenerweckend, sondern den Japanern ist auch eine wirklich gute Tool-Watch gelungen.

Die beiden letzten Probanden Glashütte Original SeaQ und Panerai Luminor Marina waren zweifellos der Kategorie Luxus-Taucheruhren zuzuordnen und mit ihren hohen Preisen auch nicht für jeden Geldbeutel geeignet. Deshalb erschien es uns opportun, dieses Mal zwei Kandidaten ins Rennen zu schicken, die für die Mehrheit unserer Leserschaft erschwinglich sind, also deutlich unter den magischen 1000 Euro liegen.

Weil wir auch in diesem Preissegment anspruchsvoll sind, wollten wir keine blanken Kopien der prominenten Taucheruhr mit Krönchen, sondern eigenständige Produkte mit eigener Geschichte und – so weit möglich – eigenständiger Mechanik. Also: Ring frei für die Seiko Prospex Automatic Diver’s («Sumo») und die Tissot Seastar.

Zeiger und Indexe der Seiko sind großzügig mit der grünlichen Leuchtmasse LumiBrite belegt, was sich in einer sehr guten Nachtablesbarkeit äußert.

ERSTER EINDRUCK

Martin Häußermann: Ich hatte mich ja schon geoutet und Taucheruhren zu meinen persönlichen Favoriten erklärt. Zum einen, weil sie auch dem Büroleben ein wenig Abenteuer einhauchen, zum anderen, weil ihre Robustheit Alltagstauglichkeit verspricht und Vertrauen vermittelt. Im Falle der Seiko sogar viel Vertrauen, denn diese Uhr wurde nach schwergewichtigen japanischen Ringkämpfern von Fans «Sumo» getauft und trägt diesen Namen nicht ganz zu Unrecht. Das ist schon ein ziemliches Trumm von einer Uhr, das auch, nachdem ich zur Längenanpassung zwei Bandglieder entfernt habe, noch fast 180 Gramm auf die Waage bringt. Dafür macht sie auf Anhieb den Eindruck eines guten Werkzeugs – sauber verarbeitet und funktionell. Und bei solchen Werkzeugen wird einem dann leider oft auch der Blick in den Maschinenraum verwehrt, hier durch einen massiven Stahlboden.

Ganz anders die Tissot Seastar. Sie erscheint beim Auspacken zwar ebenfalls ausgesprochen solide, zeigt jedoch, dass sie mehr sein möchte als ein funktionales Zeitmesswerkzeug. Egal, wo man hinschaut, ob auf das Gehäuse, das Band oder die Lünette, überall spiegelt und funkelt es. Dazu setzten die Gestalter nicht wie bei einer klassischen Tool-Watch auf eine kontrastreiche schwarzweiße Zifferblatt- und Lünettengestaltung. Vielmehr kommt hier ein modisches Blau zum Einsatz, das wohl eher eine trendorientierte Kundschaft anspricht. Fairerweise muss man hier jedoch anfügen, dass es die Seastar auch in Schwarz-Weiß und die Seiko auch in einer modischen Variante mit Zifferblatt und Lünette in einem satten Tannengrün gibt. Außerdem unterstützt Tissot den Voyeurismus von uns Uhrenfreunden und spendierte der Seastar einen Glasboden.

Peter Braun: Die Tissot wirkt nicht nur kantiger als die Seiko, sie ist es auch. Das spürt man schon an der Rändelung der Lünette und beim Befingern des Gliederbands, das eine etwas eigenartige Kinematik aufweist und sich nicht gerade flüssig über den Arm legt. An seiner Innenseite wirkt das Band gar noch kantiger als außen, und so kann mich die Seastar nicht so recht überzeugen.

Ganz anders die Seiko, die insgesamt rundlicher, weicher wirkt und sich mit ihrem dreireihigen Gliederband förmlich ums Handgelenk schmiegt. Die einzelnen Glieder weisen zwar ziemlich viel Spiel auf, doch die massive Konstruktion verhindert ein vernehmliches Klappern, wie dies bei alten Rolex-Modellen noch zum guten Ton gehörte. Na ja, vielleicht braucht unsere «Sumo» noch ein paar Jährchen, bis sie so klingt.

Das Kaliber 6R35A präsentiert sich ohne Schliffe oder andere Veredelungen. Konsequenterweise wurde deshalb wohl auch auf einen Glasboden verzichtet.

In der Preisklasse unter 1000 Euro regieren natürlich gefalzte und geprägte Blechschließen, wobei die Seiko zumindest noch seitliche Entriegelungstaster hat. Die Tissot vertraut hier ganz auf den Sicherheits-Überwurf, der sich anfangs sehr schwergängig ausklappen ließ – ein echter Fingernagelkiller.

Das Thema «kantig vs. rund» zieht sich auch durch die Betrachtung der Gehäuse, wie die Seitenansicht über die «9» sehr anschaulich illustriert. Das Spiel mit strichmattierten und polierten Oberflächen gelingt beiden Herstellern sehr gut, und allgemein betrachtet ist das Niveau der Verarbeitungsqualität sehr hoch. Man möge bitte bedenken, dass diese Taucheruhren 820 respektive 830 Euro kosten!

TRAGEGEFÜHL, BEDIENUNG, ABLESBARKEIT

MH: Bei der Bewertung von Bändern und Schließen gehe ich mit dem Kollegen im Wesentlichen konform. Gestiftete Bänder wirken vielleicht etwas archaisch, sind aber durchaus funktionell und in diesem Preissegment absolut vertretbar. Die Faltschließe der Seiko finde ich prima, insbesondere die smart konstruierte Taucherverlängerung gefällt. Und so trägt sich die «Sumo» durchaus angenehm. Weil ich aber keine stramm sitzenden Bänder mag, rutscht die schwere Uhr gerne mal nach vorne, sodass die Krone, die auch im verschraubten Zustand noch immer weit herausragt, Druckstellen auf dem Handrücken hinterlässt. Wohl dem, der ein kräftigeres Handgelenk hat!

Die Faltschließe lässt sich über zwei seitliche Drücker entriegeln und ist über einen Bügel zusätzlich gesichert.
Alles glänzt bei der Tissot. Nur frontal betrachtet präsentiert sich das Zifferblatt in seinem satten Blau. Aus allen anderen Blickwinkeln wirkt das Blatt eher milchig.

Typisch für die «Sumo» ist der sauber rastende Tauchring, der an den Flanken weitgehend im Gehäusemittelteil verschwindet und so vor Beschädigungen und Fehlbedienungen geschützt ist. Die Minutenmarkierungen auf dem Ring erscheinen mir allerdings etwas mickrig. Dafür ist die Ablesbarkeit auch dank des gut entspiegelten Saphirglases bei Tag und Nacht einfach hervorragend. An Leuchtmasse wurde weder auf den mächtigen Indexen noch auf den Zeigern gespart.

An der Ablesbarkeit der Tissot gibt es zumindest bei Dunkelheit nichts zu meckern, auch hier wurde großzügig Leuchtmasse eingesetzt. Bei Tag allerdings stört mich das nur einseitig entspiegelte Glas, das Tageslicht reflektiert. So wirkt der Blick auf das Zifferblatt unter den meisten alltäglichen Blickwinkeln immer etwas milchig. Als wäre das nicht genug, irritiert die hochglänzende Lünette, deren Reflexionen nahezu immer einen Teil der Skala unlesbar machen.

Am Tragekomfort des Stahlbandes habe ich jetzt nichts auszusetzen, aber die Schließe stört mich ebenso wie den Kollegen. Da ist der Komfort dem Rotstift zum Opfer gefallen. Dabei kann Tissot es besser, wie das zum Test mitgelieferte Synthetik-Armband zeigt. Das ist nicht nur ein angenehmer Hautschmeichler, obendrein funktioniert seine Schmetterlingsfaltschließe mit zwei seitlichen Entriegelungsdrückern auch noch tadellos.

Die tagsüber weiß erscheinende Leuchtmasse SuperLumiNova leuchtet in der Dunkelheit leicht bläulich.

PB: Obwohl sich die beiden Uhren von ihrem Lünettendurchmesser her nichts nehmen, wirkt die Seiko mit ihrem ovalen Gehäuse massiver und ein bisschen größer. Die Zifferblattschau der Tissot ist volle zwei Millimeter größer (33,3 vs. 31 mm) und hat einen zylindrischen Réhaut, wodurch die Uhr auf mich klarer, moderner wirkt. Die Kritik meines Kollegen an der Glasentspiegelung der Tissot kann ich nur unterstreichen. Schade um die interessante blaue Farbe des Zifferblatts!

Die Seiko trägt ihre Minuterie auf einem schrägen Höhenring, der das Zifferblatt zusätzlich einhegt. Bei den applizierten Stundenmarkern gibt sich die Seiko – wieder einmal – eher rundlich mit gewölbten Leuchtflächen, während bei der Tissot alles glatt, flach und kantig ausfällt. Bei näherer Betrachtung von Appliken und Zeigern unter der Lupe muss ich der Tissot ein höheres Qualitätsniveau bescheinigen. Die japanischen polierten Metallkragen und -einfassungen wirken dagegen lieblos ausgestanzt. Die Nachleucht-Intensität ist bei beiden Uhren sehr hoch (LumiBrite bei der Seiko grünlich, SuperLumiNova bei der Tissot strahlend weiß).

TECHNIK, AUSSTATTUNG, GANG

PB: Die Tissot gestattet ihrem Träger einen Blick auf das Innenleben – ein Automatikwerk von der Konzernschwester ETA, ganz passabel finissiert ohne Schnickschnack, sieht man von der etwas unmotiviert wirkenden Lasergravur der Aufzugsschwungmasse ab. Die wahren Qualitäten des vom ETA 2824-2 abstammenden Kalibers Powermatic 80 liegen in der verwendeten Silizium- Spirale, die eine Absenkung der Schwingfrequenz von 28.800 A/h auf 21.600 A/h ohne Gangstabilitätseinbußen ermöglicht, wodurch sich die Autonomie auf satte 80 Stunden erhöht. Ich hab’s ausprobiert: Drei Tage Schublade übersteht die Seastar ohne Stillstand und ohne Präzisionsverlust.

Auch wenn es unter einem massiven Schraubboden versteckt ist: Die Seiko kann da mit ihrem neuen Kaliber 6R35A gut mithalten. Es kommt auf 70 Stunden Gangdauer, was sicherlich mit der Schwingfrequenz von 21.600 A/h zusammenhängt. Es scheint, als würden 3-Hertz-Uhrwerke nicht länger stigmatisiert, nachdem die «Schnellschwinger » mit 4 Hertz (28.800 A/h) jahrzehntelang als Maß aller Dinge galten.

Die Schließe der Tissot erscheint uns verbesserungswürdig. Sie war anfangs sehr schwergängig, und obendrein entpuppte sich der Sicherheitsbügel als Fingernagelkiller.

MH: Was die Mechanik anbetrifft, so gibt sich keiner der Probanden eine Blöße. Beide sind mit Werken ausgestattet, die in ihrer Variante exklusiv bei der jeweiligen Marke erhältlich sind. Das ist bemerkenswert in dieser Preisklasse, auch wenn ich mit dem großen Wort Manufakturwerk hier vorsichtig bin. Die Silizium-Spirale ist ein fühlbares Tuning des Traktors ETA 2824-2 und verschafft eine Gangleistung, die über jeden Zweifel erhaben ist (und auch deutlich teureren Uhren gut stehen würde). Insbesondere die minimalen Lagendifferenzen, die unsere Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 offenbarte, sind lobenswert. Dazu ermittelten wir hier einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von 3,9 Sekunden am Tag (s/d), der sich an meinem Arm über sieben Tage auf durchschnittlich +2 s/d reduzierte.

Die Seiko lieferte ein etwas anderes Bild. Am Arm zeichnete sie sich durch ein akzeptables Gangergebnis aus und lief bei mir über eine Woche durchschnittlich zwei Sekunden am Tag ins Minus. Auf der Zeitwaage waren es sogar -2,6 s/d. Der Blick aufs Diagramm offenbarte allerdings, dass unsere Testuhr dringend einen Besuch beim Uhrmacher benötigt, denn während in waagerechten Lagen ein noch akzeptabler Vorgang zu verzeichnen war, lief sie in allen hängenden Lagen massiv nach.

Den Grund dafür muss ein Uhrmacher klären. Die Ursachen können vielfältig sein: beispielsweise Magnetismus oder ein Schlag auf dem Transportweg, der die Spirale irritiert hat. Einen Konstruktionsfehler schließen wir eher aus, denn mit dem 6R35 haben wir bei Testuhren in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht.

Erfreulicherweise gönnt Tissot der Seastar einen Glasboden. rotor und einige Werkbrücken sind mit einem feinen Linienmuster lasergraviert. Übrigens: Das schwarz ausgelegte «S» auf dem Unruhkolben signalisiert die Ausstattung mit einer Silizium-Spirale.

FAZIT

MH: Beide Hersteller liefern sehr viel Uhr fürs Geld, das muss man Seiko und Tissot lassen. Die Seiko spricht eher den Tool-Watch- Fan an, die Tissot dagegen Menschen, die es gerne ein bisschen schicker haben. Allerdings würde ich für die Tissot das Synthetik- Armband empfehlen. Das ist nicht nur kommoder in der Bedienung, sondern macht die Uhr auch noch 50 Euro günstiger.

PB: An dieser Stelle fasse ich mich kurz: Ich würde die «Sumo» nehmen, nachdem ich sie bei Seiko noch mal in den Service gegeben hätte, um zu sehen, wo das Problem lag. Ich bin mir sicher, das Werk ist viel besser, als unser Gangprotokoll es ausweist. Und die Uhr trägt sich an meinem Handgelenk einfach komfortabler.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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