Neue Uhren aus dem Schwarzwald I

Schwarzwaldtechnik

Seit zehn Jahren leitet der Uhrmachermeister Matthias Stotz die Uhrenfabrik Junghans. Mit geschickter Modell- und Preispolitik hat er Junghans in die Erfolgsspur gebracht. Im Hintergrund agiert die Eigentümerfamilie Steim, die derzeit den historischen Terrassenbau sanieren lässt. Nächstes Jahr soll dort ein großes Uhrenmuseum eröffnet werden.
© Hanhart

Im wilden Südwesten der deutschen Uhrenlandschaft liegt der Schwarzwald – landschaftlich ein Idyll, verkehrstechnisch jedoch schwer zu erschließen.

Die Parallelen zu den Hochtälern im Schweizer Jura sind unübersehbar, und tatsächlich verdanken die Uhren- und die Feinmechanik-Industrie ihre Existenz den langen schneereichen Wintermonaten, in denen sich die Bauern der Heimarbeit an Drehbank und Uhrmachertisch widmeten.

Arthur Junghans brachte die Idee der rationalisierten Fertigung nach dem Vorbild der amerikanischen Manufakturen in seine Heimatstadt Schramberg, Willy Hanhart verlegte seine Uhrenproduktion aus dem schweizerischen Diessenhofen nach Gütenbach, der Präzisionsmaschinenhersteller Lehmann hält dem Schwarzwald auch mit seiner 2011 gegründeten Uhrenfabrik die Treue und selbstverständlich zählen auch die im Tal beheimateten Uhrenmarken Mercure in Lörrach und Borgward in Efringen-Kirchen zum Schwarzwälder Kultu(h)rgut.

 

Hanhart

Hanhart hat sich schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts einen hervorragenden Ruf als Hersteller von preiswerten und robusten Stoppuhren, Taschen- und Armbandchronographen erarbeitet.

Der Breitensport im Nachkriegsdeutschland wäre ohne die typische Hanhart-Stoppuhr am Band um den Hals des Trainers schlichtweg nicht vorstellbar, und noch heute scheint Hanhart so etwas wie der inoffizielle Erstausrüster der deutschen Sportlehrerschaft zu sein.

Wie viele auf erschwingliche Produkte spezialisierte Firmen geriet auch Hanhart in den achtziger Jahren in den Sog der Globalisierung – auch wenn diese damals noch nicht so hieß. Aber der Wettlauf gegen billigste Quarztechnik aus Fernost war auf lange Sicht nicht zu gewinnen, und Hanhart überlebte dank der mechanischen Stoppuhren und Armbanduhren im Stil der Weltkriegs-Fliegerchronographen.

Ein zwischenzeitlich aufgetretener Schweizer Investor gab die ambitionierten Pläne von «German Engineering, Swiss made» rasch auf, doch die neuen (deutschen) Eigentümer wollen den Produktionsstandort in der kleinen Fabrik in Gütenbach stärken und setzen eher auf gesundes und nachhaltiges Wachstum. Dazu gehört neben der Pflege der klassischen Baumuster («Pioneer») auch die Weiterentwicklung der moderneren Modellreihen («Primus») in verschiedenen Deklinationen. Die abgebildete Primus Black Ops Pilot kostet ca. 2800 Euro.

 

Borgward Zeitmanufaktur

Jürgen Betz rief 2010 in Efringen-Kirchen im Rheintal am Fuße des Schwarzwalds die Borgward Zeitmanufaktur ins Leben. Dabei knüpfte er an den Namen des in den 1920er Jahren gegründeten Herstellers von Personen- und Lastkraftwagen an. Das zeigt sich an der Inspiration für Zifferblätter und Farben der Modelle, die an Rundinstrumente historischer Automobile erinnern.

Jürgen Betz gestaltet sie mit viel Liebe zum Detail selbst und lässt sie in kleinen Serien von Hand mit alten Drucktechniken und Sondermaschinen in seinen Ateliers entstehen. Die Realisation aller Uhren erfolgt in reiner Handarbeit mit Komponenten aus Deutschland und der Schweiz. Die Veredelung der ETA-Automatikwerke mit Schliffen und Perlagen ist Chefsache.

Wer selbst tätig werden will, kann eine Borgward-Uhr im Rahmen eines ein- bis zweitägigen Uhrenseminars in der Manufaktur in Efringen-Kirchen unter Anleitung von Experten in Eigenregie bauen. Dabei wird ein Handaufzugswerk zerlegt, die Platine finissiert, ein Zifferblatt gedruckt und die Uhr schließlich komplett montiert.

Bei dem abgebildeten Modell handelt es sich um die B2300 Retrospective Automatik, limitiert auf 1942 Exemplare. Ausgestattet mit finissiertem ETA-Werk, wahlweise mit graviertem Monogramm auf dem Rotor (1490 Euro).

 

Lehmann Präzisionsuhren

Nicht nur in der Luft- und Raumfahrt, sondern auch in der Schweizer Uhrenindustrie werden seit Jahrzehnten die Präzisionsmaschinen der Firma Lehmann geschätzt.

Vor sechs Jahren wagte sich Firmeninhaber und Uhrenfreund Markus Lehmann auf die andere Seite des Tresens und gründete seine eigene kleine Uhrenmarke – bestens ausgestattet und stilecht eingerichtet im Gut Berneck in Schramberg, das sich kein Geringerer als Arthur Junghans vor 100 Jahren als privates Domizil errichten ließ.

Aus einer Vielzahl von im eigenen Produktionsbetrieb hergestellten Teilen werden hier verschiedene modern gestaltete Armbanduhren montiert, die technisch – noch – auf Schweizer Rohwerke zurückgreifen. Doch man arbeitet bei Lehmann schon an kleinen Zusatz-Kadraturen wie beispielsweise einer zweiten Zeitzone, und in puncto Gehäuse eröffnen sich noch viel mehr Möglichkeiten. Ein großer Erfolg verspricht das neue Keramikgehäuse zu werden, das in verschiedenen Ausstattungen zu haben ist. Das Material eignet sich sehr gut für die Umsetzung der fließenden Konturen des typischen Lehmann-Gehäuses. Die neue Lehmann Intemporal hat ein Keramikgehäuse und ist in verschiedenen Zifferblattversionen erhältlich (7250 Euro).

 

Jacques Etoile und Mercure

Am südlichen Rand des Schwarzwaldmassivs entwickelt und konstruiert Klaus Jakob seit über zwanzig Jahren Armbanduhren in kleinen Serien, die er zum Teil unter dem Markennamen Jacques Etoile, zum Teil aber auch unter dem historischen Label Mercure vertreibt.

In seinem kleinen Atelier in Lörrach muss sich Klaus Jakob auf die Montage der Komponenten beschränken, die er in Deutschland und in der Schweiz nach seinen Vorgaben fertigen lässt – für Werkzeugmaschinen wäre hier schlicht kein Platz.

Seine Inspiration für neue Modelle bezieht der Uhrmacher aus den klassischen Zeitmessern in seiner großen Sammlung. Nach feinfühligen Neuinterpretationen aus der Hoch-Zeit der Handaufzugsuhren sind nun auch bei Klaus Jakob die siebziger Jahre in den Fokus gerückt.

Das als Dreizeiger-Automatik oder als Chronograph erhältliche Modell Integral verfügt über ein allseits gerundetes und fein verarbeitetes Gehäuse aus Titan mit perfekt angeschlossenem Gliederband. Auch die Zifferblätter widerspiegeln den Look der siebziger Jahre, von den schlichten Stabzeigern bis hin zur abwechselnd schraffierten Minuterie im Dekor einer Zielflagge («checkered flag»). Die abgebildete Mercure Integrale Automatic ist auch als Chronograph mit Valjoux-Technik erhältlich (790 bzw. 1490 Euro).

Text: Peter Braun

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