ENTWICKLUNG DES AUTOMATISCHEN AUFZUGS

I. TASCHENUHREN MIT SELBSTAUFZUG

Aus heutiger Sicht erscheinen uns Armbanduhren mit Handaufzug exotisch. Bei hochwertigen mechanischen Uhren setzt die komfortable Automatik den allgemeingültigen Standard. Dennoch hatten Uhren mit automatischem Aufzug in den späten 1960er Jahren gerade einmal einen Marktanteil von 20 Prozent. Obwohl das grundlegende Konzept des automatischen Aufzugs zu diesem Zeitpunkt bereits fast 200 Jahre existierte und die Technik inzwischen ausgereift war, stellte der heftige Aufpreis gegenüber einem klassischen Handaufzugmodell offenbar ein echtes Kaufhindernis dar.

von Michael Ph. Horlbeck und Peter Braun

mit Bildern von Arne Psille und aus dem Archiv ARMBANDUHREN


Abraham-Louis Perrelet schuf die technischen Grundlagen für einen automatischen Aufzug und stellte seine Erfindung 1770 vor. Perrelets Aufzugssystem nutzte die normale tägliche Bewegung des Uhrenträgers bzw. der am Körper getragenen Taschenuhr, um die Zugfeder des Uhrwerks zu spannen – ohne weiteres Zutun des Trägers. Er verwendete dazu ein in der Mitte des Uhrwerks beweglich gelagertes Gewicht, das durch seine Rotation über ein Räderwerk auf das Federhaus einwirkte. Seine Erfindung nannte er „Perpetual“ („immerwährend, fortlaufend“), in gedanklicher Anlehnung an das „Perpetuum Mobile“ – einem System, welches sich ohne Energiezuführung fortwährend bewegt, und dessen physikalische Unmöglichkeit noch nicht bewiesen war.

Abraham-Louis Perrelet Rotoraufzug
Abraham-Louis Perrelet hatte bereits im 18. Jahrhundert Grundlagen für den Rotoraufzug geschaffen und den Begriff «Perpetual» geprägt

Wie wenig sich Perrelets automatische Taschenuhr von den heute gängigen Lösungen unterscheidet, erkennt man, wenn man die Perpetual näher betrachtet. Die Uhr hatte nicht nur den bis heute verwendeten zentralen Rotor, dieser zog auch in beiden Drehrichtungen auf. Dazu verwendete Perrelet zwei „Freiläufe“ als Gleichrichter. Das verwendete Automatikgetriebe besaß eine Untersetzung von 200:1 – bei modernen Konstruktionen sind Untersetzungen zwischen 150:1 bis 250:1 üblich. Bei Vollaufzug wurde der Rotor mechanisch gebremst (zumindest in der zweiten, verbesserten Ausführung), um ein Überspannen und Brechen der Zugfeder zu vermeiden.

So genial Perrelets Idee auch war, sie hatte dennoch einen Nachteil: Die statische Position, in welcher die Taschenuhr die meiste Zeit getragen wurde, reduzierte die Wirksamkeit des Rotoraufzugs gewaltig. In der Folge stellten verschiedene Uhrmacher eine Reihe automatischer Taschenuhren mit unterschiedlichen Aufzugkonzepten her, darunter auch Abraham-Louis Breguet. Dieser begann 1780 Perrelets Erfindung zu nutzen, nachhaltig zu verbessern und in einigen von ihm hergestellten Uhren zu verwenden (z.B. in der legendären „Marie-Antoinette“). Allerdings verwendete Breguet an Stelle des Rotors ein federbelastetes Pendelgewicht, welches auf Grund seiner oszillierenden Bewegung besser geeignet war, eine in der Westentasche getragene Uhr aufzuziehen.

Trotz des unbestrittenen Nutzens wurde der Bau von automatischen Taschenuhren zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingestellt: Sie waren einfach zu teuer und im täglichen Betrieb zu anfällig. Perrelets Perpetual galt gar als verschollen und wurde erst 1949 wieder aufgefunden. Dieses kleine geschichtliche Detail hatte enorme Auswirkungen auf die Entwicklung der modernen automatischen Armbanduhr: Erst 1942 war in der Industrie – zum Teil auch bedingt durch unterschiedliche Patent-Restriktionen – wieder der technische Stand der Perpetual von 1770 erreicht!

Abraham-Louis Perrelet Rotoraufzug
Abraham-Louis Perrelet Rotoraufzug

Automatische Taschenuhren

Schon 1875 gründete der österreichische Ingenieur A. von Löhr mit einem Kapital von 10.000 Pfund in London die erste „Selfwinding Watch Company“ zur seriellen Produktion von Automatik-Taschenuhren und erhielt 1878 sogar das deutsche Patent Nr. 1903 für seinen Automatikaufzug. Das Interesse an einer sich selbst aufziehenden Taschenuhr blieb jedoch weiterhin gering.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann sich die Armbanduhr immer mehr gegen die Taschenuhr durchzusetzen. Allein durch die exponierte Trageposition mit häufigen Lagenwechseln bot sich die Armbanduhr für eine Neuentwicklung des automatischen Aufzugs an.

Leroy in Paris baute ab 1922 in Paris Taschenuhren mit automatischen Aufzug, wobei er dafür eine am Werkrand befestigte Pendelschwungmasse nutzte, deren Energie in beiden Richtungen auf die Zugfeder übertragen wurde. Dieses Prinzip nutzte er auch bei einigen Armbanduhren, die aber mehr oder weniger als Einzelstücke im Auftrag von Sir David Salomon entstanden. Für die serienmäßige Herstellung einer Automatik-Armbanduhr, welche auch in großen Stückzahlen zuverlässig funktionierte, mussten zunächst die bereits von Perrelet entwickelten – und inzwischen wieder in Vergessenheit geratenen – Grundlagen neu entdeckt werden.


Teil 2 der Serie: Harwood und Rolex

Teil 3 der Serie: Große und kleine Rotoren

Teil 4 der Serie: Es lebe der Zentralrotor

Breguet Nr. 88
Frühe Breguet-Taschenuhr mit dem typischen Pendelaufzug
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