SPEZIAL: DESIGN – NOMOS AUTOBAHN

Zu neuen Horizonten

Strahlend weiße Zifferblätter mit einem opalinen Silberschimmer, haarfeine Ziffern und Indexstriche sowie ebenso filigrane Fadenzeiger und ein grafisch zurückhaltender Markenschriftzug – die für Nomos archetypische Tangente ist nicht zuletzt wegen ihrer ans Asketische grenzenden Schlichtheit eine Ausnahmeerscheinung in der Uhrenszene. Auch die in verschiedenen Modellvarianten eingeführten Zifferblattfarben von nachtblau bis metallisch blank übernahmen stets Typografie und Zeigerstil, bestenfalls aus Gründen der Ablesbarkeit im Farbkontrast etwas angepasst. Und dann das!

Der blaue Ring

Wer sich schon am orangefarbenen Sekundenzeiger der vor drei Jahren eingeführten Neomatik-Versionen mit dem neuen Manufakturkaliber gestört hatte, dem blieb bei der Präsentation der «Autobahn» vor Schreck der Mund offen stehen. Auf allen Anzeigenmotiven wirbt Nomos mit der «sportgrau» genannten Zifferblattvariante, deren blauer 240-Grad-Skalenbogen zwischen der «8» und der «4» das Gesicht der Uhr prägt. Und orangefarben lackierte Zeiger gibt es obendrein auch noch – für Nomos-Traditionalisten starker Tobak!
Sollte man meinen, doch in Wirklichkeit hat die Mehrzahl der Kunden den Mut zur Farbe auf dem Zifferblatt ausdrücklich begrüßt, was sich auch in den Verkaufszahlen des neuen Modells niederschlägt. Die parallel angebotenen Versionen mit nachtblauem bzw. durchgehend silberhellem Zifferblatt spielen da nur eine nachgeordnete Rolle (siehe auch Interview mit Designer Werner Aisslinger).
Ungeachtet der Farbgebung fällt erst auf den zweiten Blick die Plastizität des Zifferblatts ins Auge, und zwar am deutlichsten im Bereich rund um die Kleine Sekunde, deren Skalenring wie in einem Vulkankrater vertieft liegt. Mit einer eleganten Leibung zieht sich das an seiner dicksten Stelle knapp einen Millimeter starke Zifferblatt in Richtung Datumsfenster zurück, um dann zum Réhaut hin wieder schwungvoll anzusteigen, wie eine rundum laufende Steilkurve. So viel Bewegung ist selten auf einem einteiligen Uhrenzifferblatt.

Markanter Stundenzeiger

Das Stundenskalensegment wird in der weiß-blauen Variante von einem orangefarbenen Zeiger bestrichen, hinter dem der dünnere weiße und nur mit einer Farbspitze versehene Minutenzeiger eindeutig zurücksteht. Klar, dass in dieser Betonung die Inspiration vom Tachometer als beherrschendes Anzeigeinstrument im Auto-Armaturenbrett zum Vorschein kommt. Bei flüchtigem Hinsehen entsteht sogar der Eindruck einer Einzeigeruhr, und die Zeitspanne von 8 bis 4 Uhr könnte der Betrachter auch mit den hierzulande üblichen Büro-Kernzeiten assoziieren.
Bei der dunkelblauen bzw. silberweißen Ausführung ist der Stundenzeiger farblich weniger präsent; dennoch tritt auch hier der (unveränderte) Minutenzeiger beim flüchtigen Blick in den Hintergrund. In puncto Ablesbarkeit ist die «Autobahn» gegenüber der Tangente also eher ein Rückschritt, auch wenn das mit Leuchtmasse belegte Skalensegment nachts eine grandiose Schau darstellt. Am auffälligsten ist der Effekt bei der silberweißen Version, weil der Halbkreis tatsächlich erst bei schlechter werdenden Lichtverhältnissen optisch hervortritt.

Großes, großartiges Werk

Das Herzstück des neuen Nomos-Flaggschiffs ist das extraflache Manufakturkaliber mit Automatikaufzug , genauer gesagt die Weiterentwicklung DUW 6101 mit Datumsanzeige samt Schnellverstellung, die erst in diesem Jahr auf der BASELWORLD lanciert wurde (wir berichteten).
Die Neukonstruktion unter der Federführung von Theodor Prenzel straft den unter Uhrenherstellern kursierenden Merksatz «flach + bezahlbar + ganggenau = geht nicht» Lügen. Dass diese drei Anforderungen an ein modernes Automatikwerk unter einen Hut zu bekommen sind, beweist ein sehr flach bauendes Uhrwerk, dessen Einzelteile sich relativ kostengünstig produzieren und rationell montieren lassen. Durch die Verlegung der Automatik-Aufzugsgruppe auf dieselbe Ebene wie Räderwerk und Hemmung konnte einiges an Bauhöhe gespart werden. Das Basiskaliber DUW 3001 ist 3,2 Millimeter hoch, das um eine große Datumsanzeige am Werkaußenrand ergänzte Kaliber DUW 6101 baut mit 3,6 Millimetern nur wenig höher.
Die guten Gangwerte des Nomos-Kalibers gab es offenbar gratis obendrein, doch das stimmt nicht ganz: Entwicklungsleiter Mirko Heyne investierte viel Zeit in die Grundlagenforschung zu Verzahnungsformen und konnte aufgrund der Berechnungen der Technischen Universität Dresden den Wirkungsgrad, sprich: die Leichtgängigkeit des Räderwerks von branchenüblichen 85 % auf 94 % verbessern. Trotz der reduzierten Kräfte kommt genügend Drehmoment am «Swing-System» an, wie Nomos die selbst entwickelte Ankerhemmung mitsamt Unruh und Unruhspirale nennt. Der in die beiden Drehrichtungen mit verschiedenen Übersetzungsverhältnissen aufziehende Automatikrotor hat leichtes Spiel mit der dünnen Zugfeder in dem schmalen Federhaus und kann bereits mit wenigen Armbewegungen ausreichend Federspannung aufbauen. Das liegt mit Sicherheit auch an dem respektablen Werkdurchmesser von 35,2 Millimetern – ein Tribut an die flache Bauhöhe.

Nomos Autobahn
Nomos Autobahn

Neue Sphären

Nomos hat in den letzten Jahren enorm in die Industrialisierung der Produktion investiert und in Schlottwitz, einer Nachbargemeinde von Glashütte, ein hochmodernes Fertigungszentrum mit eindrucksvollem Maschinenpark in Betrieb genommen. Das verschafft den Uhrmacherinnen und Uhrmachern im Stammwerk im ehemaligen Glashütter Bahnhof und hoch oben über dem Ort in der «Chronometrie» wieder etwas Luft zum Atmen – zumindest vorübergehend.
Die Fertigungstiefe bei den Uhrwerken – inzwischen 11 an der Zahl – beträgt fast 100 %, und natürlich müssen jetzt auch die Stückzahlen stimmen. Den Absatz kann man durch die Eröffnung neuer Märkte ankurbeln (hierin liegt für Nomos zum Glück großes Potenzial, denn die Weltkarte in der Vertriebsabteilung hat noch riesige weiße Flächen), aber auch durch die Erweiterung des Portfolios – zum Beispiel um moderne neue Modelle wie die «Autobahn». Die Kunst besteht darin, die Modellpalette konsequent und doch behutsam auszubauen, um neue Interessenten zu gewinnen und die alten Fans nicht zu verprellen.
Denn dann ist da auch noch die Sache mit dem Preis: Die neuen Modelle mit dem Kaliber DUW 6101 – darunter auch die «Autobahn» – kosten deutlich über 3000 Euro, was für eine Edelstahluhr mit Automatikwerk schon eine ganze Menge ist. Das Wettbewerbsumfeld hat sich also verändert, und man darf gespannt sein, ob das vielfach preisgekrönte Design der Nomos-Uhren in diesen Sphären genügend Gewicht hat.
Vielleicht haben es ganz neue, unverbrauchte Modelle wie die «Autobahn» hier leichter als die klassische Tangente, die es inzwischen in einem Preisspektrum von 1660 Euro (Handaufzug, 35 mm) bis 3200 Euro (Automatik mit Datum, 40,5 mm) zu kaufen gibt.

Lesen Sie hierzu auch unser Interview mit «Autobahn»-Designer Werner Aisslinger

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