«AUTOBAHN»-DESIGNER WERNER AISSLINGER

«Voll abgefahren»

Tina Bunyaprasit und Werner Aisslinger gestalteten das neue Modell «Autobahn» von Nomos Glashütte und halfen der erfolgreichen Marke beim Sprung in eine neue Produktgeneration. Peter Braun sprach mit Werner Aisslinger nach seinem Sommer-Stipendium in der Villa Massimo in Rom, einer vom deutschen Kultusministerium getragenen Künstlerresidenz für Bildende Künstler. Da war Aisslinger bereits auf dem Sprung nach Brasilien, wo er ein Hotelkonzept in São Paulo betreut – neben anderen Projekten wie Shopping Malls, Büroeinrichtungen und Kreuzfahrtschiffen. Turbulente Zeiten selbst für jemanden, der ständig zwischen Berlin und Singapur pendelt.

Herr Aisslinger, eine Frage an Sie als Designer und Innenarchitekt: Worin liegt die Schwierigkeit beim Gestalten einer Uhr? Nur in der Dimension?

Eine Uhr ist ein komplett anderes Thema. Da spielt zuerst einmal der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle. Der Lebenszyklus einer Uhr ist extrem lang, eigentlich unendlich. Natürlich versuchen wir Designer stets, etwas zu gestalten, das lange Bestand hat und ästhetisch konsistent ist. Stühle oder Lampen haben auch oft einen Lebenszyklus von 30-50 Jahren – ich will damit sagen, dass wir auch vor der «Autobahn» keine Wegwerfprodukte gestaltet haben. Aber bei Uhren lautet die Aufgabenstellung: lebenslänglich. Eigentlich sogar noch länger, denn Uhren werden ja gerne vererbt.

War das der Inhalt des Briefings: «Lebenslänglich»?

Nomos hat natürlich nicht gesagt, Ihr müsst eine unheimlich langlebige Uhr designen. Diese langfristige Perspektive liegt schon eher in der Natur der Uhr begründet. Insbesondere mechanischen Uhren wird man mit kurzlebigen Styling-Objekten und momentan modischen Designthemen nicht gerecht. Das heißt, dass ich mich als Designer damit befassen muss, wie man den Dingen etwas Archetypisches verleiht, eigenständige Designmerkmale herausarbeitet, die nicht nur jetzt im Moment, sondern auch auf dem long run funktionieren.

Klingt nach einem Patentrezept für Neo-Klassiker …

Vielleicht, aber das greift ja zu kurz. Die «Autobahn» sollte ja zuallererst ein eigenständiges neues Modell sein. Sie musste also schon im Moment ihrer Vorstellung das Interesse des Publikums wecken. Wenn alle gesagt hätten «ach ja, kennen wir schon», hätten wir das Thema verfehlt. Dabei muss die Uhr auch in zwei Jahren noch frisch wirken und in zwanzig oder fünfzig Jahren dann im besten Fall «zeitlos» geworden sein.

Welche Rolle spielte die Farbgebung bei der Lancierung der «Autobahn»? Diesbezüglich war man bei Nomos in der Vergangenheit immer sehr dezent …

Sie denken da sicher an die hellgraue Uhr mit dem blauen Skalensegment. Den Erfolg dieser Variante hat uns ziemlich überrascht. Tina und ich haben in den vier Jahren stets an mehreren Entwürfen parallel gearbeitet, und zunächst hieß es, die weiß-weiße Version wird 80 bis 90 Prozent des Angebots ausmachen, die dunkelblaue «Autobahn» den Rest. Ich glaube, die sportgraue war ein Zugeständnis an uns Designer, nach dem Motto: Macht doch auch noch eine, von der Ihr sagt, das ist so Euer Ding, Euer Statement zum Titel «Autobahn».

Offenbar sind die sonst so puristischen Nomos-Fans durchaus zu Experimenten bereit …

Wenn ich jetzt so zurückdenke, dann hatten Tina und ich bei unseren ersten Gesprächen mit Nomos den Eindruck, die Uhren entstammen alle einer großen Familie, haben eine große Ähnlichkeit. Sehr streng gezeichnet, minimalistisch, puristisch, in bester Bauhaus-Manier, irgendwie sehr deutsch, in jedem Fall eine homogene Familie. Wir konnten nicht die 13. Nomos machen, die so aussieht. Der man am Ende gar nicht gleich ansieht, ob sie ein neues Modell ist oder vielleicht doch wieder eine Variante der Tangente. Da haben wir unseren Nomos-Sparringspartnern gesagt: «Ihr seid doch in Eurem Segment so erfolgreich, so gut etabliert, da könnt Ihr doch auch mal nach links und rechts gucken, mal vom Weg abweichen, quasi ausbrechen aus dem Portfolio der Bestandsuhren.» Wir fanden, Nomos sollte etwas Neues wagen, was aber auch wiederum zur Marke passen muss. Dieser Prozess hat am Ende auch vier Jahre gedauert, dieses Austarieren zwischen «Immer-noch-Nomos-sein», was die Gesamtanmutung anbelangt oder den Umgang mit Details wie Ziffern, die Qualität der Zeiger etc., und dem Wagnis, neue Kunden anzusprechen. Vielleicht den sportlichen TAG-Heuer-Kunden, jemanden, der sich sonst anderswo orientieren würde. Und genau das scheint der «Autobahn» ja gelungen zu sein: Dass sie die Nomos-Welt nicht vor den Kopf stößt, aber gleichzeitig auch andere Käuferkreise anspricht.

Ich gebe zu, dass ich am Anfang mit der «Autobahn» nichts anfangen konnte. Ich habe nicht auf Anhieb begriffen, welche Rolle das Modell für Nomos spielt …

Designer werden engagiert, um ein Produkt zu gestalten, aber jeder Designprozess hat etwas Progressives, Innovatives. Wir sind zwar keine Unternehmensberater oder Experten für Markenentwicklung, aber mit dem Designauftrag ist man ja schon mittendrin: Wie spreizt man das Portfolio, wie progressiv geht man vor, wieviel muss man erhalten? Jedes neue Produkt verändert den Blick von außen auf die Marke. Die Grenzen muss man gemeinsam ausloten, das kommt zu den praktischen Fragen nach dem Aussehen der Zeiger oder der Krone noch hinzu. Das ist letztlich Detailarbeit, aber was da parallel passiert mit so einem Produkt, das ist für mich auch ganz spannend. In der Zusammenarbeit mit Nomos hat das ganz gut geklappt.

«DER BEGRIFF AUTOBAHN WECKT ERINNERUNGEN AN DIE FAHRT IN DIE FERIEN, VOLLBEPACKT, MIT PICKNICK-PAUSEN AN DER RASTSTÄTTE.»

Wie sehr fühlten Sie sich der uhrmacherischen Tradition verbunden? Haben Sie wie ein Uhrmacher die Ablesbarkeit über alles gesetzt?

Wer mechanische Uhren macht, stellt Ablesbarkeit und Funktion des Zeitmessers in den Vordergrund. Es ist in gewisser Weise auch sehr deutsch, wenn man sagt, eine gute Uhr löst ihr Versprechen ein. Und ihr geht es um Zeitmessung – auch wenn in der heutigen Zeit die Armbanduhr nur noch eine Option unter vielen ist. Trotzdem nimmt man das Thema Zeitmessung bei Nomos sehr ernst.

War der Tachometer von Anfang an Gegenstand der Gestaltung?

Wie gesagt, es ging uns um Zeitmessung, um Messgeräte im Allgemeinen. Ich bin ein Kind der sechziger und siebziger Jahre, der Hoch-Zeit des Automobildesigns. Das Auto war und ist in meiner Generation ein großes Thema. Aber die «Autobahn» ist nicht retro …

Aber das machen doch viele, schöne Elemente aus klassischen Tachometern auf Uhrenzifferblätter projizieren …

Es ging beim Design der «Autobahn» um eine Transformation von klassischen Tachodetails oder Grafiken in eine archetypische neue Designsprache – unsere Vorgabe war ganz klar: bloß keine 1:1-Adaptionen!

Stimmt es, dass «Autobahn» ursprünglich nur der Arbeitstitel des Projekts war?

Sobald die ersten Zifferblatt-Skizzen zum Thema Tachometer entstanden waren, ja. Der Begriff weckte bei uns allen Erinnerungen an die Kindheit, die Fahrt in die Ferien, vollbepackt, mit Picknick-Pausen an der Raststätte, an die Freiheit, das erste Mal im eigenen Wagen unterwegs zu sein. Deutschland war und ist ein Auto-Land, aber Nomos und wir wollten auf keinen Fall eine Raser-Uhr machen. Uns ging es wie gesagt um das unbeschwerte Lebensgefühl der siebziger Jahre, als die Autobahn als deutsche Marke zum Exportschlager wurde. Ein halbes Jahr vor dem Produktlaunch trafen wir uns, um der Uhr ihren «richtigen» Namen zu geben. Dabei hatten wir ihn längst gefunden.

Herr Aisslinger, Danke für das Gespräch und viele Grüße an Tina Bunyaprasit!

Das Interview führte Peter Braun

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