DESIGN: MING WATCHES

Der nächste Schritt

Uhrenliebhaber tauschen sich in einschlägigen Foren über ihre Leidenschaft aus. Dem Forumsteilnehmer Ming Thein war das nicht genug: Der Malaysier gründete mit fünf Brüdern im Geiste eine eigene Uhrenmarke, die sich fortschrittlichem Design verschrieben hat und jüngst ihren ersten Geburtstag feierte.
Ming Watches
Lichtspiele: Ming Thein persönlich hat seine jüngste Kreation, das Modell 17.03, ins rechte Licht gesetzt.

Schlau daherreden kann jeder. Etwas Gutes zu tun ist eine ganz andere Sache. «Speziell im Bereich der Uhrenmontage hatten wir am Anfang viel zu lernen», berichtet Magnus Bosse, der als Uhrenblogger so manche Uhrenfabrikation gesehen und beschrieben hat. Da erschien noch alles relativ klar und einfach. Der promovierte Molekularbiologe ist Mitgründer der Marke Ming, die nach dem Initiator des Projekts, Ming Thein, benannt ist. «Wir haben uns über Diskussionen in Uhrenforen kennengelernt», erzählt der 47-Jährige, der in Wien lebt und sich neben seinem Broterwerb schwerpunktmäßig mit Uhren beschäftigt. In den oben genannten Foren – und nicht nur da – ist Bosse ein anerkannter Uhrenkenner und Fachmann. Inzwischen aber eben auch Unternehmer – und stolz darauf, dass «seine» Marke Ming jüngst ihren ersten Jahrestag feierte.

Intelligent anders

Ming bezeichnet sich selbst als Uhrenkollektiv, lebt aber offensichtlich stark vom Gestaltungswillen des Namensgebers und Initiators Ming Thein. Der heute 32-jährige Malaysier ist das, was man landläufig als Universalgenie bezeichnen würde, auf jeden Fall aber als hochbegabt. Sein Kooperationspartner Magnus Bosse nennt ihn «ein hochintelligentes Multitalent».
Ungewöhnlich ist Theins Vita allemal: Mit 13 Jahren – einem Alter, in dem andere Jungs normalerweise die weiterführende Schule besuchen – begann er ein Physikstudium, das er drei Jahre später erfolgreich abschloss. Nicht irgendwo, sondern an der Universität von Oxford. Zurück in Malaysia war Ming Thein dann in der Beratungsfirma Boston Consulting tätig, entdeckte aber auch die Liebe zur Fotografie. Wie talentiert und vielseitig er auch darin ist, zeigt seine eigene Homepage (www.mingthein.com). Nicht umsonst ist Ming Thein auch Berater des Kameraherstellers Hasselblad und Leica-Botschafter. Ganz praktisch verdient er sein Geld mit Auftragsarbeiten, nicht zuletzt im Bereich Produktfotografie. Die Supersportwagen-Marke Koenigsegg beauftragte ihn ebenso wie Jaeger-LeCoultre und Peter Speake-Marin.

Kreativ überzeugend

Ziffern und Minuterie sind bei der 17.03 mit Superluminova von innen aufs Saphirglas gedruckt.

«Uhren zu fotografieren ist Mings Art, von ihnen Besitz zu nehmen», plaudert Magnus Bosse aus dem Nähkästchen. Aber irgendwann erschien ihm das zu wenig. Selbst zu gestalten, das scheint seine Lieblingsbeschäftigung zu sein. So überzeugte er fünf Brüder im Geiste davon, doch einmal eine eigene Uhr zu schaffen, anstatt immer nur Uhren zu besprechen und zu sammeln. Den Uhrenkennern und -sammlern waren die Zeitmesser, die sich im Einsteigersegment tummeln, zu beliebig, und die einstigen Einsteigeruhren, die ihnen gefielen, waren preislich nach oben weggedriftet. Es müsse doch möglich sein, im Preissegment bis 1000 US-Dollar eine gute Uhr zu schaffen, die mehr als nur ein «Me-too-Produkt» ist, dachten sich die fünf Asiaten und der Europäer. Neben Ming Thein und Magnus Bosse sind dies der Inder Praneeth Rajsingh (24), der mit Bosse zusammen für das operative Geschäft von Ming zuständig ist, sowie die drei Malaysier Kin Meng Chan (41), Yeng Fook Chek (63) und Jacky Lim (34), alle drei aktive und sehr erfolgreiche Geschäftsleute. Diesen Menschen ist es zu verdanken, dass von vornherein genügend Eigenkapital zur Verfügung stand und sich niemand in Schulden stürzen musste. Es ist ein Herzensprojekt dieser Uhrenfans, keiner der Beteiligten betrachtet Ming als Goldgrube, die es auszubeuten gilt. «Wir werden durch unsere gemeinsame Firma sicher nicht reich», meint Magnus Bosse, ergänzt aber: «Unser Ziel war es, keine Verluste zu schreiben.» Das sei schon vom ersten Modell an gelungen.

Großes Interesse

Das erste Modell war die 17.01, eine einfache Dreizeigeruhr. Für das Ming-Team war sie eigentlich nur ein Testlauf, doch verlief dieser so vielversprechend, dass man sich entschloss, ein «Business Case» daraus zu machen. Bosse erzählt: «Wir hatten uns zunächst auf 300 Uhren beschränkt, schließlich mussten wir alles aus eigener Tasche vorfinanzieren. Doch dann überstieg das Interesse das Angebot um das Zehnfache.» Das haben die Ming-Gründer sich selbst, ihrem Bekanntheitsgrad und ihrem guten Ruf im Netz zu verdanken. Große Blogs berichteten anerkennend über das Projekt, schließlich hatten da einige aus den eigenen Reihen nicht mehr nur kluge Worte, sondern ein greifbares Produkt abgeliefert – und ein gutes obendrein. Für genau 900 US-Dollar (netto) erschien den Betrachtern aus dem Netz die 17.01 im wahrsten Wortsinne preiswert. Außerdem ist sie unverwechselbar. Das Design ist eigenständig und erfreulich fortschrittlich, was angesichts des in der Branche grassierenden – und erfolgreichen – Vintage-Looks mutig erscheint. Aber offensichtlich nicht chancenlos. Mithin erfüllt die 17.01 die von den Erbauern gewünschte Eigenschaft, als Lieblingsuhr für jeden Tag und möglicherweise sogar als Grundstock einer Sammlung zu dienen.

Weiter verfeinert

Ming Watches
Aufdasgutverarbeiteteundschnell wechselbare Titan-Gliederband ist man bei Ming besonders stolz.

Das trifft im Grundsatz auch auf das Folgemodell 17.03 zu, das uns in verschiedenen Varianten zu einer ersten Beurteilung vorlag. Es ist die Weiterentwicklung der 17.01, die zusätzlich eine zweite Zonenzeit spendiert bekam. Ein echter Hingucker ist das mehrteilige Zifferblatt, das durch seine Aufgeräumtheit glänzt. Die zweite Zonenzeit wird durch eine konzentrisch angeordnete Drehscheibe mit Pfeil sowie mit einem Ring mit 24-Stunden-Unterteilung dargestellt. Als Motor dient das Sellita SW330-1 in Top-Ausführung. Es bürgt einerseits für eine zuverlässige und präzise Zeitanzeige, hat andererseits aber das Manko, dass sich nur die 24-Stunden-Anzeige, nicht aber der Stundenzeiger separat verstellen lässt. Für Reisende ist das unpraktisch, denn sie wollen unterwegs ja nur die Stunden verstellen, ohne die laufende Uhrzeit zu verlieren – und die 24-Stunden-Anzeige ist die Heimatreferenz, die man eigentlich nicht verstellen muss. Stundenkreis, Ziffern und Indexe sind mit Superluminova von innen aufs Saphirglas gedruckt – in 30 Schichten, wie uns Magnus Bosse verrät. Dennoch lässt die Nachleuchtkraft bei der ersten Serie (ca. 500 Exemplare) relativ schnell nach. Bosse räumt ein: «Da müssen wir nachbessern.» Bei der 17.03 Ultra Blue Edition, die anlässlich des ersten Firmengeburtstages aufgelegt wurde, sei dies bereits geschehen.

Im Alltag bewährt

Aufgefallen ist uns bei den beiden Testuhren, die uns Magnus Bosse aus seinem persönlichen Fundus zur Verfügung stellte, dass die Titangehäuse schon nach kurzer Zeit feine Tragespuren aufweisen. Dies ist auch den Erbauern nicht verborgen geblieben: «Wir haben die Verwendung von Titan Grad 2 durchaus kontrovers diskutiert, doch wir setzen auf die Selbstheilungskräfte des Materials», so Bosse. Die Oxidation soll über kurz oder lang feine Kratzer verschleiern.
Interessanterweise sei dies bei Besprechungen der Uhr in Internet-Foren nie ein Thema gewesen, dagegen werde immer wieder der hohe Tragekomfort gelobt. Das können wir an dieser Stelle bestätigen. Die Uhren tragen sich sowohl mit dem Nubuk-Lederband als auch dem speziell für Ming gefertigten Titanband (Bosse: «Darauf sind wir sehr stolz!») sehr angenehm. Dank eines Schnellwechselsystems lassen sich die Bänder mit etwas Übung schnell austauschen.
In der Grundausstattung für 1300 Schweizer Franken (plus Einfuhr- und Mehrwertsteuer) wird die Uhr mit zwei Lederbändern in einer Holzbox und einer schönen, faltbaren Ledertasche geliefert. Wer 400 Franken drauflegt, bekommt auch gleich noch das Titanband mitgeliefert, das sich aber auch später noch nachrüsten lässt. Die Preise der in einem Schweizer Fachbetrieb gebauten Uhren lassen sich nur durch einen Direktvertrieb über den eigenen Online-Shop realisieren. Der Kunde muss den Nettobetrag über PayPal, Kreditkartenzahlung oder Banküberweisung begleichen, die Steuern werden erst bei der Auslieferung via DHL fällig. Das hört sich kompliziert an, scheint für die netzaffine Kundschaft aber kein Problem darzustellen. Wir haben es noch nicht ausprobiert und schweigen deshalb dazu. Denn wie schon eingangs bemerkt: Schlau daherreden kann jeder.

Text: Martin Häußermann
Bilder: Ming Thein, Magnus Bosse


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Themenspecial Design: Moderne Formensprache
Themenspecial Design: NOMOS «Autobahn»
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Ming Watches
Verschiedene Zifferblatt- und Bandvarianten sollen die 17.03 für ein breiteres Publikum attraktiv machen.
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