Urwerk Projekt AMC

Pendule Sympathique

© Breguet
Pendule Sympathique von Breguet, neu aufgelegte Sammleredition mit Taschenuhr

Abraham-Louis Breguet erfand gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Tischuhr, die um Mitternacht eine ins Kopfteil eingesteckte Taschenuhr aufzog und ihre Zeiger nach der – damals ungleich genauer gehenden – Tischuhr stellte. Sein Vater hatte Urwerk-Mitbegründer Felix Baumgartner oft von dieser mechanischen Symbiose namens «Pendule Sympathique» erzählt, die in der Geschichte ohne Nachahmer blieb. Vor allem der regulierende Einfluss von außen auf eine geschlossene Uhr bereitete Generationen von Uhrmachern Kopfzerbrechen.

Urwerk AMC mit eingelegter Armbanduhr
So auch den kreativen Konstrukteuren von Urwerk, die einige Jahre an einer zeitgemäßen Lösung des Problems forschten und entwickelten. Heraus kam das Projekt AMC, das in Basel einer Handvoll Interessenten vorgestellt wurde. Die moderne Pendule Sympathique, wie Urwerk sie versteht, nutzt als Mutteruhr eine veritable Atomuhr (!), die ihren Zeitimpuls vom Zerfall eines Rubidium-Atoms bezieht und in 317 Jahren voraussichtlich nicht mehr als eine Sekunde fehlgehen wird. Diese «Mutteruhr» ist in einem rund 35 kg schweren Vollaluminiumgehäuse eingebaut, zusammen mit einer Aufnahmevorrichtung für die speziell konstruierte – mechanische – Armbanduhr im typischen Urwerk-Design.

Zugriff von außen

Die Mutteruhr interagiert auf drei verschiedene Arten mit der Armbanduhr. Der erste und technisch anspruchsvollste Vorgang betrifft die Gangregulierung der Armbanduhr. Mit der EMC (Electro Mechanical Control) hatte Urwerk in den letzten Jahren schon Erfahrungen mit der Erfassung und Visualisierung der Gangwerte eines mechanischen Uhrwerks gemacht, die den Uhrmachern nun zugutekamen. Der Gang einer Uhr wird durch den Regulator gesteuert, üblicherweise ein sogenannter Rücker, mit dem sich die aktive Länge der Spiralfeder und damit die Schwingfrequenz verstellen lässt: Die Uhr läuft schneller oder langsamer.
Bei Breguets sympathischen Pendulen befindet sich der gesamte Mechanismus zur Gangregulierung im Innern der Taschenuhr und wird zu einem festgelegten Zeitpunkt durch eine von der Tischuhr in die Taschenuhr ragende Stange ausgelöst. Bei der AMC wird das gleiche Prinzip angewandt: Zum Zeitpunkt der Gangregulierung erhält die Armbanduhr einen Impuls über einen Drücker. Dadurch wird ein Hebel betätigt, der eine etwaige Differenz zwischen Atomzeit und Armbanduhrzeit «erfühlt» und diese Information an einen Reguliermechanismus weiterleitet. Dieser wiederum verschiebt den überdimensionierten Rückerzeiger entsprechend und kann den Gang des Uhrwerks im Bereich von +/- 2 Sekunden pro Tag verändern.

Abgleich der Normalzeit

Der zweite, von der Gangregulierung getrennt erfolgende Vorgang umfasst die genaue Synchronisierung der Minuten und Sekunden mit der Atomuhr. Im Grunde funktioniert dieser Mechanismus wie die Nullstellung eines Chronographen und wird auch über einen Drücker ausgelöst.

Dieser bewegt ein System mit zwei Hebeln, von denen der zweite über Hämmer verfügt, die auf herzförmige «Nullstellherzen» drücken. Wie bei einem herkömmlichen Chronographen werden die Nullstellherzen durch die Herzwippe gedreht, bis die Flächen der Hämmer am tiefsten Punkt der Scheiben anliegen. Dies entspricht der Nullstellung sowohl für das Sekundenrad als auch für den Minutenzeiger. Die Armbanduhr ist jetzt mit der Atomuhr synchronisiert.
Abschließend wird das mechanische Uhrwerk der Armbanduhr von der Mutteruhr aufgezogen. Dies erfolgt wie bei einem herkömmlichen Watch Winder über einen Elektromotor mit Wellenkupplung, welche die Aufzugskrone umfasst und dreht.
Im Grunde funktioniert das Projekt AMC von Urwerk genauso wie die «Sympathique» von Breguet. Mit dem Unterschied, dass die Mutteruhr auf dem Atomzeitnormal basiert und kein guillochiertes Zifferblatt mit Breguet-Zeigern hat, sondern rasend schnell – im Tausendstelsekunden-Takt – flimmernde Digitalziffern. Auch die kleine «Tochteruhr» hat sich in 220 Jahren verändert: Es ist inzwischen eine Armbanduhr, überdies eine sehr futuristisch gestaltete, aber sie funktioniert noch immer rein mechanisch mit Unruh und Anker und einer Schwingfrequenz von 4 Hertz. Und auch der Preis für die «Pendule Atomique» dürfte sich – inflationsbereinigt – über die beiden Jahrhunderte nicht viel verändert haben. Voraussichtlich werden die Käufer eher ein großes als ein kleines Vermögen für die absolute Macht über die eigene Zeit anlegen müssen: Hinter vorgehaltener Hand spricht man von vier Millionen Schweizer Franken. (Peter Braun)

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