Vacheron Constantin American 1921

Pièce Unique

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August 2021. Zum 100. Jubiläum der eigenwilligen kissenförmigen Armbanduhr hat Vacheron Constantin aus Lagerfundstücken und einigen neu angefertigten Teilen eine «American 1921» nachgebaut – mit denselben Techniken, Maschinen und Hilfsmitteln wie vor 100 Jahren.
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Wie vor hundert Jahren

Das Modell symbolisiert die «Roaring Twenties» wie kaum ein anderes: Das kokette Spiel mit klassischer Form und asymmetrischen Akzenten widerspiegelt das Lebensgefühl einer Gesellschaft, die sich nach den Schrecken und Entbehrungen des Ersten Weltkrieges voller Zuversicht in ein neues Jahrzehnt stürzten – ohne zu ahnen, dass auch dieses noch einige unangenehme Überraschungen für sie parat haben würde.

Doch zu Beginn der zwanziger Jahre wurden bei den Damen erst einmal die Röcke knapper und die Haare kürzer, bei den Herren die Hosen weiter und die Kragen flacher. Taschenuhr und «Vatermörder» hatten ausgedient, die Menschen dachten nach vorn. Armbanduhren für Männerhandgelenke waren schick, asymmetrische Formen der letzte Schrei, und Vacheron Constantin produzierte speziell für die reichen Kunden des boomenden amerikanischen Marktes eine kissenförmige Armbanduhr, deren rundes Zifferblatt und das dahinter verborgene runde Uhrwerk um 45° nach links verdreht eingesetzt waren. Dadurch rutschte die Aufzugskrone an die linke obere Gehäuseecke, und die Kleine Sekunde wanderte samt der «6» an die rechte untere Gehäuseecke.

Das mit Goldgehäuse und extrafeinem Handaufzugswerk ausgestattete Modell American 1921 war kein Massenartikel: Nur 24 Exemplare sind in den Archiven verzeichnet, von denen wiederum nur ein einziges in der Privatsammlung von Vacheron Constantin verblieben ist.

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Das große Erbe

Die Abteilung Patrimoine (frz. Erbe) von Vacheron Constantin widmet sich ohne kommerziellen Druck der Pflege und der Erforschung des großen Vermächtnisses der vor über 265 Jahren gegründeten Genfer Manufaktur. Dabei handelt es sich nicht um ein Uhrenmuseum im herkömmlichen Sinne: Die Abteilung unterhält auch über 800 funktionierende Werkzeugmaschinen, Werkbänke und Werkzeugsätze sowie ein großes Archiv, das nicht weniger als 420 laufende Regalmeter von Produktions- und Buchhaltungsordnern umfasst. Diese Informationsfülle half, die Entstehungsgeschichte der American 1921 lückenlos nachzuvollziehen, und lieferte eine solide Basis für die Teams der Restaurierungswerkstatt. Hier steht den Spezialisten ein umfangreiches Lager von Ersatzteilen und Rohteilen zur Verfügung, die sie im Zweifelsfall lieber verwenden als neu angefertigte Komponenten, was oft weniger Aufwand erfordert.

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Die Uhrmacher der Restaurierungswerkstatt haben große Erfahrung darin, die ältesten Zeitmesser von Vacheron Constantin zu pflegen, ohne sie dabei im Kern zu verändern, und sie sind es gewohnt, ihre Arbeit mit den Augen des Historikers zu betrachten. Allerdings hatten sie bislang noch niemals versucht, eine historische Uhr in ihrer Gesamtheit zu reproduzieren – mit denselben Techniken, Maschinen und Hilfsmitteln wie vor 100 Jahren.

Mithilfe einer Plandrehbank aus dem späten 19. Jahrhundert konnten sie die Gehäuseteile originalgetreu nachfertigen. Eine historische Räderwälzmaschine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts half ihnen, das Verzahnungsprofil der Räderrohlinge in die passende Form und Dimension zu bringen. Um die Bohrungen in der Hauptplatine des Uhrwerks vorzunehmen, verwendeten die Uhrmacher eine Ständerbohrmaschine aus dem 18. Jahrhundert, und um die Lagersteine in ihre Fassungen einzupressen, griffen sie auf ein Werkzeug aus dem frühen 20. Jahrhundert zurück. Zu diesen alten Maschinen gesellten sich verschiedene eigens für dieses Projekt angefertigte Werkzeuge, wie bspw. speziell nachgebaute Fräsen und Nietwerkzeuge, wie man sie im frühen 20. Jahrhundert benutzte.

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Le Calibre Nouveau

Die Arbeit begann damit, jede einzelne Komponente des 11-linigen «Calibre Nouveau», mit dem das ursprüngliche Modell ausgestattet war, zu zerlegen und zu untersuchen. Abgesehen von den Brücken und der Hauptplatine, die neu angefertigt werden mussten, erwiesen sich die Bestände der Restaurierungswerkstatt als Goldgrube, da dort alle notwendigen Rohlinge vorhanden waren. Um diese einzeln zu identifizieren, wurden in einem ersten Schritt die Maße und Dimensionen aller 115 Uhrwerkskomponenten erfasst.

Schwieriger erwies sich die Rekonstruktion der Oberflächenbehandlung, Form und Ansatz der Zierschliffe und Anglierungen, der Farbe und Politur der Räderflanken und Triebe sowie der Methode, mit der die Lagersteine eingepresst wurden. Vier der fünf Rohwerke überlebten die Versuche nicht …

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Einige historische Bauteile waren in den Beständen der Restaurierungswerkstatt vorhanden, wie bspw. Rohlinge der Krone und der Zeiger. Andere mussten komplett neu hergestellt werden, darunter das 31,5 mm durchmessende Gehäuse. Mithilfe eines Spektrometers wurde die Goldlegierung des historischen Modells (18 Karat Gelbgold 3N) identifiziert. Auch die Herstellung des Zifferblatts erforderte hoch spezialisiertes Fachwissen. In traditioneller Grand-Feu-Technik wurde die Emaille aufgebracht und gebrannt, wobei die zahlreichen Brennvorgänge bei einer Temperatur von über 800 °C stets mit hohen Risiken verbunden waren.

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Das Zifferblatt mit den klassisch gestalteten Ziffern und dem alten Firmenschriftzug trägt die typischen schlanken Zeiger mit offener Spitze, die von der Restaurierungswerkstatt mit den damaligen Fertigungstechniken von Hand gebläut wurden. Und da kein Detail dem Zufall überlassen wurde, ist auch das Armband vorbildgetreu nachgebildet, mit einer Dornschließe aus derselben Legierung wie das Gehäuse.

Ein Einzelstück von 2021

Die American 1921 Pièce Unique unterscheidet sich fundamental von den Kollektionsmodellen, die Vacheron Constantin anlässlich des Jubiläums aufgelegt hat. Diese verfügen über ein modernes Handaufzug-Manufakturkaliber (4400AS) und tragen ihre Aufzugskrone an der rechten oberen Gehäuseecke, also um 45° nach links verdreht. Das Zifferblatt wurde dagegen um 45° nach rechts verdreht, wodurch die Kleine Sekunde von der «6» an die «3» wanderte, die ihrerseits an die Position zwischen der «4» und der «5» gerückt ist. Es gibt zwei Weißgoldmodelle mit 36,5 bzw. 40 mm Kantenlänge (29.800 resp. 36.100 Euro) sowie eine auf 100 Exemplare limitierte Platin-Edition (50.000 Euro).

Das Einzelstück bleibt unverkäuflich.

Text: Peter Braun


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