Probezeit: Fortis vs. Sinn Spezialuhren

Gar nicht abgehoben

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Man muss nicht in die Luft gehen, nur weil man gern Fliegerchronographen mag. Schon gar nicht bei unseren «Probezeit»-Kandidaten. Diese eignen sich nämlich prächtig als stilsichere Alltagsbegleiter und bewegen sich in einem durchaus angemessenen Preisrahmen.
Fortis vs. Sinn
Unsere beiden Fliegerchronographen, Sinn 358 Sa und Fortis Aeromaster.

Bei der Auswahl der Kandidaten haben wir uns zuvor nicht lange abgesprochen, sondern lediglich das Thema definiert: klassischer Fliegerchronograph, der nicht mehr als 3000 Euro kosten darf. Danach hat sich jeder eine Uhr ausgesucht – und stellt diese vor dem Einstieg in Test und Bewertung kurz vor.

Fortis
In der Schrägansicht ist besonders gut zu erkennen, wie viel Liebe zum Detail Fortis in die Zifferblattgestaltung investiert hat: Aufgesetzte Ziffern und Indexe, die allesamt mit der Leuchtmasse «Old Radium» ausgelegt sind, ein Réhaut mit Feinminuterie sowie großflächige, nachtleuchtende Zeiger.

DIE KANDIDATEN

Fortis Schließe
Über die hohe Qualität des Bandes mit Dornschließe gibt es keine zwei Meinungen, über den Tragekomfort allerdings schon.
Fortis Krone
Im Profil erscheint die Fortis schon etwas wuchtig mit breiten Bandhörnern, großflächigen Drückern sowie einer großen, griffigen Krone. In sich wirkt sie aber Stimmig.

Martin Häußermann: Ich weiß nicht, ob ich es an dieser Stelle schon einmal erwähnte: Ja, ich habe ein Faible für Fliegeruhren. Dafür wurde und werde ich immer mal wieder von Kollegen auf die Schippe genommen. Schließlich habe ich keinen Pilotenschein, noch nicht einmal einen Vielfliegerstatus. Egal. Ich mag diese Uhren wegen ihrer gestalterischen Geradlinigkeit, aber auch wegen ihrer Vielseitigkeit. Sie lassen sich nicht nur zu Jeans und Lederjacke tragen, sondern mit schwarzem Krokoband auch zum Smoking – vorausgesetzt, die Manschette ist weit genug.

So wie die Sinn 358 Sa Flieger, die ich in dieser Probezeit ins Rennen geschickt habe. Sie stammt in nicht ganz direkter Linie vom Modell 256 ab. Das gefiel einigen japanischen Uhrenfreunden schon recht gut, doch wünschten sie sich die Uhr noch etwas schlanker. Also entwickelte man in Frankfurt im Jahr 1996 eine Variante ohne den griffigen, aber wuchtigen Drehring, die deutlich eleganter wirkte und die Modellbezeichnung 356 erhielt. Die auf 300 Exemplare limitierte Sonderedition für Japan war ruckzuck vergriffen, was das Team um den seit 1994 alleinigen Firmeninhaber Dipl.- Ing. Lothar Schmidt dazu ermutigte, diese Uhr auch auf dem deutschen Markt anzubieten. Und sie ist bis heute im Programm. Allerdings geht sie mit einem Durchmesser von 38,5 mm nach heutigen Maßstäben nicht mehr unbedingt als instrumentelle Herrenuhr durch. Weshalb ich mich nach reiflicher Überlegung eben für die Weiterentwicklung 358 Sa Flieger mit standesgemäßen 42 mm entschieden habe, die im Gegensatz zur 356 auch noch einen Glasboden hat.

Peter Braun: Mein Favorit, der Aeromaster Chronograph, steht in direkter Erbfolge zum Fortis-Fliegerchronograph, der mit seiner klaren Zifferblatt-Typografie seit den frühen 1990er Jahren den Ton angibt und viele Flieger- und Pilotenchronographen anderer Marken inspirierte. Was wie ein Archetyp nach militärischer Norm aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wirkt, ist in Wirklichkeit ein geschütztes Design von Fortis. Die kreative Leistung besteht darin, das Zifferblattdesign der Fliegeruhr – das in der Tat nach militärischen Vorgaben entstanden war, weshalb sich professionelle Fliegeruhren bis zum heutigen Tage sehr ähnlich sehen – auf einen Valjoux-Chronographen mit Kleiner Sekunde und zwei Totalisatoren für Minuten- und Stundenzähler zu übertragen.

Fortis gewann in der Folge zahlreiche Gerichtsverfahren, weil Nachahmer sich darauf beriefen, dass Fliegerchronographen nun einmal «schon immer» so ausgesehen hätten und eine militärische Spezifikation keinen Geschmacksmusterschutz genieße. Dabei sahen die für Militärpiloten entwickelten Fliegerchronographen aus den 1930er und 1940er Jahren ganz anders aus, und danach wurde kein militärisches Anforderungsprofil mehr erstellt. Zifferblattdesign und -typografie des Fortis-Chronographen war eine neue Entwicklung ohne militärischen Hintergrund.

ERSTER EINDRUCK

Martin Häußermann: Schon beim Auspacken der beiden Uhren vor dem Fotoshooting freue ich mich auf diesen Vergleich. Er ist reizvoll, weil hier zwei Hersteller das gleiche Ziel haben und dennoch ganz unterschiedliche Uhren dabei herauskommen. Die Fortis lebt stark vom Design, auf das der Kollege schon eingegangen ist. Dazu gehört nicht nur das charakteristische Zifferblatt – jetzt mit aufgesetzten Ziffern –, sondern auch die Form von Gehäuse, Krone und Drücker. Die griffige Krone ist in ihrem Durchmesser an die großflächigen Drücker angepasst. Funktionell ist das durchaus von Vorteil, optisch nicht unbedingt. Mir wirkt das in seiner Gesamtheit etwas zu wuchtig.

Fortis Lumeshot
Die Nachtablesbarkeit der Aeromaster ist tadellos, wobei die Leuchtmasse «Old Radium» auch grün nachleuchtet.

Da erscheint die Sinn schlanker, obwohl sie wegen des leicht gewölbten Saphirglases sogar 0,3 mm höher ist. Der Kniff sind ein abgestuftes Gehäuse mit einem sehr schmalen Mittelteil sowie filigranere Drücker und Krone. Dennoch gilt für beide Uhren: Sie bauen sehr hoch und gleiten deshalb nicht so ohne Weiteres unter jede Hemdmanschette.

Peter Braun: An der Fortis gefällt mir vor allem das toll gemachte Zifferblatt mit den aufgesetzten Leuchtziffern – tolle Typografie, hochwertiger Druck, schöne samtene Zifferblatt- Oberfläche. Es harmoniert wunderbar mit dem fein mattierten Gehäuse und dem schön gearbeiteten Lederband, dessen Enden sich nahtlos ans Gehäuse schmiegen. 130 Euro für ein Ersatzband sind nicht gerade ein Sonderangebot. Ein normales Lederband aus dem Zubehörhandel (Anstoßbreite 20 mm) würde sicherlich auch passen, und die Bandstege lassen sich einfach aufschrauben, aber der Reiz – und der Komfort – des integrierten Anstoßes sind dann natürlich dahin.

Das Zifferblatt der Sinn, ebenfalls von hoher Qualität mit sauberer Lackierung und direkt aufgedruckten Leuchtziffern und Indexklötzchen, ist auf eine altmodische Art schön: So haben Armbandchronographen schon in den 1940er Jahren ausgesehen.

TRAGEGEFÜHL, BEDIENUNG, ABLESBARKEIT

Peter Braun: Das braune Armband der Fortis sieht nicht nur schön aus, sondern es fühlt sich auch weich an, ist dennoch fest und legt sich prima auch um ein schmales Handgelenk. Das liegt hauptsächlich am extrem steilen Anstellwinkel der massiven Bandenden. Bei der Sinn ist alles ganz konventionell gelöst. Dort stehen die Bandstege weit genug vom Gehäuse ab, sodass sich die Bandenden frei bewegen lassen und sich ebenfalls bequem ums Handgelenk schmiegen. Zusammen mit dem eher linsenförmigen Uhrenkorpus ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild als bei der Fortis mit ihrem massiven, topfförmigen Gehäuse.

Fortis Seite
Verschraubte Bandanstöße sorgen für einen stabilen Sitz des integrierten Lederbandes.
Fortis Rückseite
Das Uhrwerk scheint dagegen relativ schmucklos, Schliffe oder blaue Schrauben sucht man vergeblich.
Sinn Perspektive
Das Zifferblatt der Sinn überzeugt durch seine Klarheit und ein konsequent gestaltetes Zeigerspiel.

In puncto Leuchtstärke nehmen sich die beiden Kandidaten nichts, wobei der Stoppsekundenzeiger der Sinn auch über eine kleine Leuchtpastille verfügt (die indes bei Zeitmessungen im Dunkeln nichts nützt, weil die Totalisatoren-Zeigerchen nur weiß lackiert sind und nicht nachleuchten). Das Gehäuse der Fortis ist wie bereits erwähnt ein ziemlicher Klotz, dem man seine 15 mm Höhe auch ansieht. Aber die mit dem Fortis- Krönchen verzierte Krone hat einen Durchmesser von stattlichen 7,4 mm, und auch die Drücker sind sehr großflächig gehalten, woraus sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt.

Martin Häußermann: Ich weiß nicht. Sonst mault der Kollege ja bei jeder Gelegenheit über Bänder, die sich nicht sanft genug um sein zartes Handgelenk schmiegen. Aber bei seinem Liebling lässt er offensichtlich fünf gerade sein. Mein Fall ist das Fortis-Band nicht, auch wenn es qualitativ tadellos ist. Weil man es unbedingt an die mächtige Gehäuseform anpassen wollte, wurden beide Bandhälften auf rund vier Zentimetern Länge aufgedoppelt. Damit wird das Band steifer und schmiegt sich weniger gut an. Auch wenn es nach längerer Tragedauer etwas geschmeidiger wurde, wäre mir ein konventionelles Band ehrlich gesagt lieber.

So wie bei der Sinn. Hier wurde für den Test gleich das anzugtaugliche Krokoleder montiert. Wem das für eine Fliegeruhr zu edel wirkt, kann sich ab Werk aber auch eines der Rindlederbänder montieren lassen, die man in großer Auswahl anbietet. In Sachen Ablesbarkeit drehe ich die Hand nicht rum, da sind beide Kandidaten vorbildlich. Vielleicht hätte der Minutenzeiger der Fortis noch etwas länger sein können, damit er näher an den Réhaut heranreicht. Da hat es Sinn mit dem ganz flachen Zifferblatt ein wenig leichter. Allerdings achtet man in Frankfurt auch konsequent auf Details. Dazu gehören nicht nur Zeigerlängen, sondern auch Zeigerformen, die je nach Funktion (Zeitanzeige, Stoppfunktion) unterschiedlich ausfallen.

Sinn Rückseite
Für ihren Fliegerchronographen nutzen die Frankfurter ein mit Schliffen und blauen Schrauben dekoriertes ETA «Valjoux» 7750, dem noch ein individualisierter Rotor spendiert wurde.
Sinn Schließe
Ein weiches Krokolederarmband mit einer konventionellen Stiftschließe rundet den guten Eindruck ab, den die Sinn 358 Sa hinterließ.
Sinn Krone
Längsstreifen machen schlank. Das schmale Gehäusemittelteil mit harmonisch integrietem Kronenschutz sowie filigrane Drücker lassen die Sinn flacher wirken, als sie ist.

TECHNIK, AUSSTATTUNG, GANG

Peter Braun: Bemerkenswert finde ich, dass Fortis ohne Verschraubungen 20 bar Wasserdichtheit garantiert und Sinn trotz Schraubkrone hier nur 100 Meter (10 bar) angibt. Dabei könnten die in Frankfurt verbauten EDR-Kronendichtungen auch ohne Verschraubung erheblich höheren Drücken standhalten. Wahrscheinlich ist die vorsichtig kalkulierte Gewährleistung der Inertgasfüllung des Gehäuses geschuldet, die das Eindringen von Feuchtigkeit – also Wassermolekülen – in das Uhren-Innere verhindert. Eine kleine, mit Kupfersulfat gefüllte Glaskapsel in der linken Gehäuseflanke nahe des Bandanstoßes zeigt durch Blau-verfärbung an, ob trotz Spezialdichtungen, Schraubkrone und Argon-Füllung Feuchtigkeit eingedrungen ist, und bindet die Wassermoleküle bis zum Servicetermin.

Bei den Uhrwerken handelt es sich um das bewährte ETA Kaliber 7750 «Valjoux» in seiner Standardausführung mit Datumsund Wochentagsanzeige und 12-Stunden- Zähler. In puncto Finissierung unterscheiden sich die beiden Versionen durch die Oberflächenbearbeitung von Grundplatine und Werkbrücken, die bei der Sinn 358 mit Perlagen und Genfer Streifen (Automatikbrücke) verziert sind, während diese Flächen bei der Fortis fein mattiert (perlgestrahlt) erscheinen. Außerdem spendiert Sinn dem Uhrwerk gebläute Schraubenköpfe. Beide Hersteller verwenden personalisierte Aufzugsrotoren mit Markenlogos. An meinem Arm getragen und über Nacht abgelegt entwickelten beide Uhren einen ausgeprägten, aber stabilen Nachgang von 2 bis 3 Sekunden pro Tag, der sich daher problemlos auf nahe null regulieren lassen müsste.

Sinn Lumeshot
Sinn hat auch den Stoppsekundenzeiger Leuchtmasse spendiert. Der praktische Mehrwert ist allerdings beschränkt. Die Zeitanzeige ist Tag und Nacht tadellos abzulesen.

Martin Häußermann: Mir reichen die von Sinn garantierten 10 bar Wasserdichtheit vollkommen. Damit könnte man locker schwimmen gehen. Wobei ich das dem Krokoband nicht zumuten wollte. Aber die Sinn-Trockenhaltetechnik mit Argongas-Füllung und Indikatorkapsel halte ich für ein echtes Plus in Sachen Alltagstauglichkeit. Damit lässt sich nämlich per Augenschein überprüfen, ob Feuchtigkeit ins Innere gedrungen ist. Sollte sich die Kapsel blau verfärben, ist ein sofortiger Gang zum Uhrmacher angesagt. Denn das Uhrwerk muss nicht geflutet sein; damit Stahlteile korrodieren, reicht ein anhaltend feuchtes Milieu. Obendrein lässt Feuchtigkeit Öle schneller altern, was den Lagerstellen ja auch nicht guttut. Diese Technik ist also – entschuldigen Sie das platte Wortspiel – wirklich sinnvoll.

Wir hatten es – nicht nur an dieser Stelle – schon mehrfach erwähnt: Großserientechnik ist kein Makel. Zwar ist die Konstruktion nicht sehr «sophisticated», dafür sehr funktionell und zuverlässig. Und zudem läuft das Ganze auch sehr genau, sofern es entsprechend auf den Träger einreguliert ist. Bei mir hat die Regulierung der Sinn gut gepasst. Sie lief am Arm stabil mit einem Vorgang von 1,0 Sekunden pro Tag (s/d). Auf der Zeitwaage (Witschi Chronoscope S1) ermittelten wir bei der Sinn einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von 2,8 s/d. Doch beim Kollegen ging sie sogar nach. Das zeigt, dass die Regulierung einer Uhr stark von den Tragegewohnheiten abhängt und individuell angepasst werden muss.

Die Fortis blieb bei mir auch mal wegen Gartenarbeiten und anderer Aktivitäten fast einen ganzen Tag liegen, was den sonst üblichen Nachgang von - 3 s/d auch mal auf - 4 s/d erhöhte. Dabei hatte der Regleur versucht, nahe an null heranzukommen, allerdings von der falschen Seite. Auf der Zeitwaage ermittelten wir einen durchschnittlichen Nachgang von - 0,8 s/d. Aber wie der Kollege schon sagte: Da lässt sich noch was machen.

Sinn Seite
Die mit Kupfersulfat gefüllt Kapsel, die in die Flanke eingeschraubt ist, zeigt an, ob sich im inneren der Uhr Feuchtigkeit angesammelt hat.


FAZIT

Peter Braun: Ich würde mich letzten Endes für die Fortis Aeromaster entscheiden, auch wenn sie mich deutlich teurer kommt als die Sinn 358 Sa Flieger – durch den Direktverkauf spart man bei den Spezialuhren aus Frankfurt am Main quasi die Händlermarge. Aber mir gefallen das modernere Zifferblattdesign und der Tragekomfort.

Martin Häußermann: Ich würde mich für die Sinn 358 Sa Flieger entscheiden, die ich schließlich auch ins Rennen geschickt habe. Die Fortis ist eine gute Uhr, ohne Frage, und das Zifferblatt wirklich ein Knaller. Doch die Sinn ist einfach klassisch und zeitlos und für eine Instrumentenuhr auch elegant. Und günstiger als die Fortis ist sie obendrein.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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