Extraklasse: Oscillon «l’instant de vérité»

Alles von Hand gemacht

Wenn Uhrenmarken werben, berufen sie sich gern auf Handwerk und Tradition. Als Motiv sieht man dann einen nicht mehr ganz so jungen Uhrmacher mit einer Lupe vor dem einen Auge, der sich mit einem feinen Schraubendreher in der Hand über eine offene Uhr beugt, die er in der anderen Hand hält.
Oscillon
Stunden, Minuten, Kleine Sekunde und eine Gangreserveanzeige: Das Gesicht der Oscillon steht für den «Moment der Wahrheit», den der Modellname heraufbeschwört. Mehr wäre zuviel.

Sein Arbeitszimmer ist holzgetäfelt und dunkel, während durch das Fenster ein Lichtstrahl auf den Werktisch fällt. Draußen sind grüne Wiesen und ein paar Kühe zu erahnen.


Uhrmacher-Romantik

Dominique Buser und Cyrano Devanthey sind die beiden Uhrmacher hinter dem Projekt Oscillon.

Das ist natürlich romantischer Blödsinn, denn in der Regel werden auch die teuersten mechanischen Uhren unter Zuhilfenahme modernster Technologien gefertigt, um die Sache rentabel zu machen.

Computergesteuerte Maschinen fräsen Uhrwerkteile und Gehäuse aus dem Vollen, vollautomatische Drehbänke spucken winzige Achsen und Zahnräder im Sekundentakt aus, während unter elektrischer Hochspannung stehende Drähte sich einen Weg durch Stahlteile brennen, als bestünden sie aus Butter. Die meiste Zeit geht fürs Programmieren dieser Maschinen drauf; anschließend können sie Tag und Nacht fast unbeaufsichtigt laufen.

Das finden zwar auch Cyrano Devanthey und Dominique Buser spannend, die beide zum Team der extravaganten Marke Urwerk gehören. Ihre Liebe gehört aber nicht nur mechanischen Uhren und modernen Herstellungsprozessen, sondern vor allem den Maschinen, mit denen zu Zeiten ihrer Großväter Uhrenteile produziert wurden.

Die Faszination geht auf ihre gemeinsame Ausbildungszeit an der Uhrmacherschule zurück, die sich damals noch in Solothurn befand. Als sie diese 1994 abschlossen, investierten sie ihre Ersparnisse und ihr erstes selbst verdientes Geld in alte Drehbänke, Fräsen und Koordinatenbohrmaschinen, die sie bei Schrotthändlern und pensionierten Uhrmachern in den entlegenen Juradörfern aufspürten.

Mithilfe des aufkommenden Internets konnten sie ihre Suche auch auf den Rest der Welt ausdehnen. Den weitesten Weg musste ein Fund aus den USA zurücklegen. Der Kaufpreis war in vielen Fällen das kleinere Problem im Vergleich zur Logistik, die nötig war, um die oft mehrere Hundert Kilo schweren Eisenhaufen nach Buchs bei Aarau zu bringen, wo sich die Werkstatt von Oscillon befindet.

Neustart mit alten Maschinen

Das nüchterne Finish des Uhrwerks und seine ungewöhnliche Architektur mit zwei geradlinig geschnittenen Kloben ziehen die Blicke auf sich.

Vor vier Jahren war es dann so weit: Der Maschinenpark der beiden Uhrmacher umfasste alle Geräte, Apparate und Werkzeuge, die es braucht, um eine Armbanduhr von A bis Z (mit Ausnahme von Saphirglas und Armband) zu fertigen.

Ein existierendes Werk einfach nachzubauen, kam nicht infrage. Stattdessen entstand ein von Grund auf neues Uhrwerk, das auch in technischer Hinsicht mit Überraschungen aufwarten kann.

Da wäre zum Beispiel der sogenannte Rollfeder-Antrieb mit zwei Federhäusern. Beim Aufziehen wird eine bandförmige Stahlfeder, die in einem Federhaus aufgewickelt ist, wie ein Tonband in ein zweites Federhaus gerollt. Allerdings wird sie dabei in der Gegenrichtung um den Kern gewickelt.

Da die Feder dank ihrer Elastizität wieder in die ursprüngliche Form zurückwill, ist sie bestrebt, sich in das erste Federhaus zurückzubegeben und sich dort aus eigener Kraft wieder aufzuwickeln.

Dieses in einigen hochwertigen Taschenuhren bewährte Prinzip liefert konstante Antriebskraft über die gesamte Laufzeit der Uhr.

Die mit viel Aufwand dekorierte Rückseite des Uhrwerks wird von zwei durchbrochenen stählernen Kloben dominiert, von denen einer das Minutenrad an Ort und Stelle hält, der andere die Achse der speziell für dieses Werk angefertigten, reiflosen Unruh in Form einer «8» bzw. einer Sanduhr. Reguliert wird Gewichtsschrauben, der Rücker regelt den Abfall.

Moment der Wahrheit

Das massiv silberne Zifferblatt trägt eine feine Tapisserie-Struktur mit guillochiertem Waffelmuster.

Die Vorderseite des ersten Modells «L’instant de vérité» ist an Schlichtheit nicht zu überbieten. Sie zeigt ein Zifferblatt aus Massivsilber mit einem Waffelmuster, das mit einer der Lieblingsmaschinen des Uhrmacher-Duos graviert wurde, einer Tapisserie-Guillocheuse.

Anhand eines Pantografen überträgt sie das dreidimensionale Muster einer Matrize verkleinert auf einen beweglichen Schneidstichel, der die Struktur ins Zifferblatt graviert.

Sogar die vier schwertförmigen Zeiger mit zwei spiegelnden Facetten sind von Hand gefertigt. Sie zeigen die Uhrzeit sowie die Gangreserve von 72 Stunden an.

Jede Oscillon-Uhr ist eine Einzelanfertigung, bei welcher der Kunde auch Wünsche anbringen kann, falls er sie bestellt hat.

Im Moment schätzen Devanthey und Buser, die vom jungen Uhrmacher David Friedli unterstützt werden, dass sie pro Jahr etwa fünf Uhren herstellen können.

Die in Edelmetall gekleideten Zeitmesser sind ausschließlich bei Juwelier Türler in Zürich erhältlich und kosten je nach Ausführung ab 163.000 Schweizer Franken.


Text: Timm Delfs
Bilder: Oscillon

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