Jaeger-LeCoultre Master Compressor Extreme LAB 2

Innovationsträger

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Das hochwertige Renommierstück der Chronographen-Kollektion von Jaeger-LeCoultre wartet mit einer ganzen Reihe pfiffiger technischer Details auf – und das nicht nur im Uhrwerk.
Durch den Verzicht auf ein klassisches Zifferblatt lässt sich die faszinierende Technik des Chronographen in allen Details betrachten. Der Ablesbarkeit kommt diese Transparenz indes nicht unbedingt zugute.

Seit mehr als zehn Jahren begeistern die Automatik-Chronographen aus der Manufaktur Jaeger-LeCoultre die Freunde der Präzisionszeitmessung mit ihren modernen Uhrwerken mit Schaltradsteuerung, vertikaler Kupplung und Keramik-Kugellagern im Rotor. Dennoch scheinen die sowohl in klassisch-eleganter als auch in extrem sportlicher Verpackung angebotenen Kurzzeitmesser in der breit gefächerten Kollektion eher ein Schattendasein zu fristen. Wohl deshalb fühlt sich Jaeger-LeCoultre in unregelmäßigen Abständen bemüßigt, mit außergewöhnlichen Konzeptuhren für Aufmerksamkeit zu sorgen.


Der Alleskönner

Die Krone muss zum Umschalten ziwschen Einstellen und Aufziehen nicht gezogen werden, sondern verfügt über einen Drücker zum Auswählen der Funktion.

Die «Grande Maison» im Vallée de Joux unterhält eine vielköpfige Entwicklungsabteilung, die sich tagein, tagaus mit der Verbesserung oder Optimierung ihrer Produkte beschäftigt. Viele Detaillösungen fließen geräuschlos in die laufende Produktion ein, doch über die Zeit häufen sich in den Schubladen der Prototypenbauer die guten Ideen, und ab und zu wollen die Uhrmacher der Geschäftsleitung zeigen, was möglich ist.

Vor zwei Jahren war es wieder so weit. Da stellten die Konstrukteure mit der Master Compressor Extreme LAB 2 einen Automatik-Chronographen auf die Beine, in dem sie sämtliche Innovationen der jüngeren Vergangenheit konsequent verwirklichten. Und immer wieder tauchen solche Detailentwicklungen später bei neuen Uhrenmodellen auf, wenn sie sich bewährt haben.

Manche Features der Extreme LAB 2 würden wir gern wiedersehen, zum Beispiel die zweistellige digitale Anzeige der Stoppminuten unter der «12», die so viel einfacher abzulesen ist als die oft winzig klein dargestellten Ziffern auf dem 30-Minuten-Zähler eines herkömmlichen Chronographen. Allerdings hat auch die Extreme LAB 2 einen solchen kleinen Totalisator bei der «9», doch dabei handelt es sich um einen Stundenzähler, der Messungen von bis zu 24 Stunden Dauer registriert. In seinem Innenfeld dreht sich eine Scheibe mit einer feinen Haarlinie als Zeiger: die «Kleine Sekunde» oder auch Permanentsekunde. Die Stoppsekunden werden wie gewohnt von einem langen, dünnen Zeiger aus der Mitte angezeigt – manche Dinge lassen sich eben nicht verbessern.

Gangreserveanzeige und zweite Zeitzone

Die Gangreserveanzeige erstreckt sich als schmales Band im Halbkreis um die obere Zifferblatthälfte.Unter der «12» die digitale Anzeige der Stoppminuten.

Große Chancen auf zukünftige Verwendung auch in anderen Zeitmessern der Manufaktur darf sich zudem die neue Gangreserveanzeige der Extreme LAB 2 ausrechnen. Sie schmiegt sich eng an den äußersten Zifferblattrand und funktioniert wie die in den 1950er Jahren populären Bändchen- oder Balken-Tachometer in den Limousinen der Wirtschaftswunderzeit. Dabei wandert eine Farbfläche durch ein schlitzförmiges Fenster – im Falle der ganz in warmen Rotgold-, Braun- und Grautönen gehaltenen Uhr füllen sich die sechs Schlitzsegmente am oberen Zifferblattrand langsam mit weißer Farbe, wenn sich die Feder im Federhaus spannt. Da die maximale Gangreserve 60 Stunden beträgt, kann man auch auf einen Blick erkennen, wie viele Stunden Kraft noch vorrätig sind.

Das Chronographenkaliber 780 kommt aber auch in den Genuss des in Stundenschritten vorwärts und rückwärts schaltbaren Stundenzeigers, der das Umstellen auf eine neue Lokalzeit kinderleicht macht. Die Heimatzeit – an die auch die Datumsanzeige gekoppelt ist – wird derweil von einem zweiten, kürzeren Stundenzeiger sowie wie üblich in einem 24-Stunden-Hilfszifferblatt über der «6» konserviert.

Das Fortschalten des Stundenzeigers erfolgt über die Krone, doch das Attribut «wie üblich» wäre hier irreführend. An die Stelle der Winkelhebelfeder, welche die verschiedenen Rastpositionen der Krone kontrolliert, haben die Uhrmacher von Jaeger-LeCoultre bei der Extreme LAB 2 einen Selektor gesetzt, der über einen in die Krone eingelassenen Drücker zwischen den Modi «zweite Zeitzone einstellen» (GMT), «Zeiger stellen» (SET) und Aufzug (N) umschaltet.

Sekundenstopp und Hightech-Armband

Das dunkel rhodinierte Chronographenkaliber 780 trägt eine sehr technisch anmutende Finissierung. Die Rechteckdrücker übertragen die Fingerkraft auf perfekt abgedichtete runde Elemente.

Eine weitere Besonderheit ist der zentrale Unruhstopp, der über einen kleinen Gehäuseschieber an der linken Flanke der Uhr aktiviert wird. Da sämtliche Chronographenmessungen und auch die Einstellung einer neuen Lokalzeit ohne Eingriff in das Uhrwerk funktionieren, brauchte es noch eine Möglichkeit zur exakten Synchronisierung der Uhrzeit mit einem Zeitsignal. Normalerweise wird der Unruhstopp durch Ziehen der Krone aktiviert, aber diese Funktion fällt beim Selektor ja weg, und so konstruierten die Techniker dafür einen separaten Schalter. Wenn es nach uns ginge, hätten sie noch einen weiteren Schalter zur Schnellverstellung der Datumsanzeige einbauen können – diese Funktion haben wir nämlich schmerzlich vermisst.

Dass das komplexe Chronographenkaliber 780 trotz seiner 569 Einzelteile (!) keine empfindliche Mimose ist, verdeutlicht das wuchtig und robust dimensionierte Gehäuse aus einer Titan-Vanadium-Legierung (TiVan15), das sich im Falle unseres Testexemplars mit einer schmückenden Umrandung aus Rotgold umgibt. Krone und Lünette sind dagegen aus hochkratzfester brauner Keramik gefertigt, die Drückerbügel und der Sekundenstoppschieber mit braunen Kautschuk-Einsätzen versehen.

Wie viel Technik man in einem profanen Lederarmband unterbringen kann, ahnt der Betrachter bereits bei der Untersuchung der Doppeldornschließe: Zur Feinjustierung des Bandumfangs lässt sich der rotgoldene Schließenbalken um circa zwei Millimeter in seinem Rahmen verschieben. Das funktioniert mit vertrauenerweckender Präzision bei der Rastung, ganz ohne Wackeln oder Klappern.

Die Bandlänge lässt sich über einen Mechanismus in der Schließe fein verstellen.

Auch die Bandanstöße des Hightech-Alligatorlederbandes drehen sich nicht einfach in irgendwelchen Federstegen, sondern rasten beim Umlegen und Festschnallen der Uhr in mehreren Stufen und behalten die Position bei. Zum Auswechseln des Bandes haben die Techniker ein besonderes System ersonnen: Mit dem Daumennagel lassen sich die beiden Federleisten neben dem Saphirglaseinsatz im Boden anheben, woraufhin sie die Einfädelschlitze in den Bandhörnern am Gehäuse freigeben. Die Bandhälften werden einfach ausgehängt bzw. nach dem Einfädeln durch Umklappen der beiden Leisten in ihrer Halterung wieder am Gehäuse fixiert.

Maximale Transparenz

Nicht nur der Blick durch den Glasboden offenbart den hohen Qualitätsstandard der Finissierung, die im Falle des Kalibers 780 sehr «technisch» gehalten ist, d. h. mit klar gezeichneten Konturen, rasiermesserscharf anglierten Kanten und penibel geschliffenen Flächen glänzt. Durch den Verzicht auf ein Zifferblatt bringt sich die geballte Technik bei jedem Blick auf die Uhrzeit in Erinnerung und schlägt den Betrachter in den Bann der sichtbar drehenden Skalenringe von Minutenzähler und Datum sowie der Segmentanzeige des Selektors. Das führt letztlich dazu, dass die Uhrzeit am besten bei Dunkelheit abzulesen ist, denn dann treten die Leuchtmasse-Einsätze in den modernen Ziffern und Zeigern deutlicher hervor.

Natürlich lässt der Blick auf die transparent gemachte Technik das Herz jedes Uhrenfreundes höherschlagen, und letzten Endes dürfte die Manufaktur ein Interesse daran gehabt haben, den getriebenen Aufwand möglichst effektvoll in Szene zu setzen – schließlich kostet die Master Compressor Extreme LAB 2, wie hier abgebildet, die Kleinigkeit von 59.000 Euro (ohne Rotgoldelemente ab 51.500 Euro). In dieser Preisregion genügt es offenbar nicht, Gutes zu tun. Man muss auch darüber sprechen. Dabei steckt hinter jedem technischen Detail dieser Uhr das Bestreben der Uhrmacher, die Präzision, die Funktionalität und die Alltagstauglichkeit zu verbessern.

Ein Chronograph mit gut ablesbarer digitaler Minutenanzeige, praktischer Zeitzonen-Schnellverstellung, zuverlässiger Kronensteuerung sowie einfach zu wechselndem und komfortabel zu verstellendem Lederband, und das alles robust, wasserdicht und extrem stoßfest verpackt – die Master Compressor Extreme LAB 2 kommt unserem Ideal der Allrounduhr schon recht nah.

Wenn sie nur besser ablesbar wäre. Und nicht so furchtbar teuer.

Text: Peter Braun

Bilder: Jörg Haijt

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