25 JAHRE ARMBANDUHREN

BEGEGNUNGEN

Teilen
Letzten Endes ist es einigen mutigen Männern zuzuschreiben, die mit einer rückwärtsgewandten Vision von Entschleunigung und der Rückbesinnung auf traditionelle handwerkliche Werte einem zum Verbrauchsgegenstand degradierten Kulturgut zu neuer Wertschätzung verhalfen und eine längst verloren geglaubte europäische Industrie zu neuem Leben erweckten.
25 Jahre Armbanduhren
Nicolas G. Hayek gilt als Retter der Schweizer Uhrenindustrie.

Es wäre geradezu frevelhaft, diesen Diskurs nicht mit Nicolas G. Hayek zu eröffnen, denn wer weiß, ob sich die europäische Uhrenindustrie jemals wieder vom «Quarzschock» der siebziger Jahre erholt hätte – wenn nicht Hayek dem verstörten und verzagten Haufen der Schweizer Uhren- und Uhrwerkehersteller, die sich unter das Dach einer gemeinsamen Holding geflüchtet hatten, einen Ausweg aus der Misere aufgezeigt hätte. Die Lancierung der Swatch war mehr als ein zufälliger Glücksgriff, und die Stabilisierung der Zulieferindustrien und verwandten Branchen mit gezielt vergebenen Großaufträgen hatte einen größeren Anteil an der Genesung der Traditionsmarken Omega, Longines, Certina oder Tissot (um nur Beispiele zu nennen), als man bis dato angenommen hatte. Doch damit nicht genug: 1993 kaufte Nicolas G. Hayek die Marke Blancpain von seinem ehemaligen Gefolgsmann Jean-Claude Biver zurück – samt dem Marketing-Genie Biver selbst und der Uhrwerkefabrik Frédéric Piguet im Schlepptau. Eine weitere Herausforderung nahm Hayek 1999 mit der Übernahme der Marke Breguet an, die nach bemerkenswerten Erfolgen in den achtziger und frühen neunziger Jahren unter der Last ihres großen Erbes zusammenzubrechen drohte. Hayek unterstrich stets die Verantwortung der Uhrenhersteller für das Handwerk. Er beschwor den Geist des «Entrepreneurs», des kreativen Unternehmers, der schon zu Breguets Zeiten wichtig war und heute geradezu die Grundvoraussetzung für ein weiteres Prosperieren der europäischen Wirtschaft darstellt.

25 Jahre Armbanduhren
Günter Blümlein (rechts) mit Walter Lange, Hartmut Knothe und dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau.

Mehr als ein Manager, vielmehr ein großer «Entrepreneur» im Sinne von Nicolas G. Hayeks Definition war Günter Blümlein, der uns allen unvergessen bleiben wird. Die Uhrenwelt erlitt einen herben Verlust, als der gebürtige Franke im Oktober 2001 – gerade 58-jährig – nach kurzer schwerer Krankheit verstarb. Blümlein war in den siebziger Jahren von der Diehl-Tochter Junghans gekommen und hatte im Auftrag der neuen VDO/Mannesmann-Uhrengruppe die Marken IWC und Jaeger-LeCoultre vor dem Ruin gerettet. Schon lange vor der «Wende» hatte er an der Renaissance der deutschen Uhrenmarke A. Lange & Söhne gearbeitet, zusammen mit Walter Lange, dem Ururenkel des Gründers, der letztes Jahr leider ebenfalls von uns gegangen ist. Mit Fingerspitzengefühl und Durchsetzungsvermögen formulierte Blümlein seine Vision und führte sie mit größtem persönlichem Engagement zum Erfolg. Auch der lukrative Verkauf der Uhrengruppe LMH (Lange, IWC und Jaeger-LeCoultre) an die Groupe Financière Richemont nach der Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns ging auf sein Konto.

25 Jahre Armbanduhren
Philippe Stern übernahm die Marke Patek Philippe von seinem Vater ...
25 Jahre Armbanduhren
... und reichte sie inzwischen an seinen eigenen Sohn Thierry weiter.

Heinz W. Pfeifer war Blümlein bald zehn Jahre lang ein ebenbürtiger Konkurrent auf einem engen Spielfeld, das mitunter auch als Schlachtfeld herhalten musste: Nur wenige Hundert Meter Luftlinie trennten die Büros der beiden «Platzhirsche» in Glashütte, und manchmal konnte man unten, auf der Altenberger Straße, die knisternde Spannung zwischen den beiden Polen förmlich spüren. Pfeifer verstand es schließlich auch, das Beste für sein quasi im Alleingang aufgebautes Unternehmen Glashütte Original herauszuholen, als er die Manufaktur Ende 2000 an die Swatch Group verkaufte.

Philippe Stern war auch in den turbulenten Jahren des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts der Familientradition treu geblieben und hatte die Manufaktur Patek Philippe umsichtig und mit glücklicher Hand in die industrielle Neuzeit geführt. Sein Sohn Thierry Stern übernahm – kompetent unterstützt von technischen und wirtschaftlichen Beratern – die Geschäfte, als sich seine Eltern 2002 mit der Gründung eines atemberaubend ausgestatteten Uhrenmuseums im Genfer Viertel Pleinpalais aus dem Tagesgeschäft der Manufaktur zurückzogen. Diese ist gerade im Begriff, im Vorort Plan-les-Ouates sämtliche Aktivitäten unter einem Dach, das ein Gebäude von wahrhaft gigantischen Abmessungen überdeckt, zu bündeln.

25 Jahre Armbanduhren
Jean Claude Biver steht hinter den Erfolgen von Blancpain, Hublot, TAG Heuer und Zenith.

In seinem Schatten versinken selbst die drei schwarzen Gebäude-Monolithen von Rolex mit ihren mehreren Hundert Metern Kantenlänge. Dabei stellt die Marke mit dem Krönchen in Genf über eine Million Uhren pro Jahr her, während Patek Philippe zwischen 60.000 und 70.000 Uhren produzieren dürfte – wenngleich in einem anderen Preissegment.

Eingangs erwähnter Jean-Claude Biver hat sich nach seinem Weggang von der Swatch Group 2004 in die Marke Hublot eingekauft und sie nach erfolgreicher Restrukturierung vier Jahre später an die LVMH-Gruppe (Louis Vuitton, Moët und Hennessy) veräußert, für die er heute neben Hublot auch noch die Geschicke von TAG Heuer und Zenith lenkt. Durch einen Aktientausch ist die LVMH heute auch mit dem italienischen Luxus-Label Bulgari verbandelt, das vom ehemaligen TAG-Heuer-Chef Jean-Christophe Babin geführt wird und sich in den vergangenen fünf Jahren zusehends als Uhrenmanufaktur profiliert hat.

Karl-Friedrich Scheufele, Vizepräsident des Familienunternehmens Chopard, galt lange Zeit als Lebemann mit einer Vorliebe für schnelle und alte Autos, bis er in Fleurier – weit abseits des großen Familienbetriebs in Genf-Meyrin – seinen Traum vom eigenen Uhrwerk verwirklichte. Inzwischen hat Chopard neben der Uhrenmanufaktur eine veritable Uhrwerkefabrik (Fleurier Ebauches) etabliert und zählt zusammen mit Audemars Piguet zu den wenigen sich noch in Familienhand befindlichen Unternehmungen im Topsegment der Schweizer Uhrenindustrie.

Dagegen sind die Manufakturen Ulysse Nardin und Girard-Perregaux inzwischen unter die Fittiche der Kering-Gruppe geschlüpft, nachdem ihre prägenden Vordenker Rolf W. Schnyder und Gino Macaluso – viel zu früh – das Zeitliche gesegnet haben.

Wir haben in den letzten 25 Jahren viele einflussreiche Uhren-Macher kennengelernt und sie auf ihren Wegen zum Erfolg begleiten dürfen. Speziell mit der Renaissance der Uhren-Standorte in Deutschland – zum Beispiel Glashütte in Sachsen – verbindet uns eine gemeinsame Geschichte.

 

Text: Peter Braun

Bildergalerie
Ähnliche Artikel
Artikel teilen

Bitte wählen Sie eine Plattform, auf der Sie den Artikel teilen möchten:

Beitrag melden

    Ihr Name:

    Ihre E-Mail-Adresse

    Bitte beschreiben Sie kurz, warum dieser Beitrag problematisch ist:


    [recaptcha]

    xxx
    Newsletter-Anmeldung

    * Pflichtfeld

    ** Der HEEL Verlag erhebt Ihre Daten zum Zweck des kostenlosen E-Mail-Newsletters. Die Datenerhebung und Datenverarbeitung ist für die Durchführung des Newsletters und des Informationsservice erforderlich und beruht auf Artikel 6 Abs. 1 a) DSGVO. Zudem verwenden wir Ihre Angaben zur Werbung für eigene und HEEL-verwandte Produkte. Sie können sich jederzeit vom Newsletter abmelden. Falls Sie keine Werbung mehr auf dieser Grundlage erhalten wollen, können Sie jederzeit widersprechen. Weitere Infos zum Datenschutz: ds.heel-verlag.de