Interview mit Günter Blümlein

Das «zarte Pflänzchen Lange»

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Günter Blümlein, seinerzeit Geschäftsführer der Lange Uhren GmbH, über die schwierige Wiederbelebung des Markennamens, das Konzept der neuen Lange-Uhren, das „typisch deutsche“ Design, den internationalen Erfolg und die langfristigen Zukunftsaussichten für Uhren „made in Germany“. Original-Interview von 1999, geführt von Peter Braun.
Günter Blümlein und Walter Lange
Günter Blümlein und Walter Lange (1991)

? Wann begann für Sie das «Projekt Lange»?

G. Blümlein: 1989, als das Staatsgebilde der DDR in Auflösung begriffen war und die ersten «Republikflüchtlinge» über Ungarn in die Bundesrepublik gelangten, fiel bei uns (der Uhrengruppe der deutschen Mannesmann/VDO, der Günter Blümlein als Präsident vorsteht, Red.) das Stichwort «Glashütte» und «A. Lange & Söhne». Wie wir darauf kamen? Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende von VDO, Albert Keck, war selbst gelernter Uhrmacher; sein Lehrmeister war aus der Glashütter Uhrmacherschule gekommen, und die IWC hatte in der sechziger Jahren schon einmal mit Walter Lange, dem Urenkel von Ferdinand Adolph Lange, eine Zusammenarbeit zum Bau von Lange-Uhren im Westen geplant – die allerdings scheitern musste, weil eine Marke wie A. Lange & Söhne am kollektiven Geist einer Region hängt. Man kann sie nicht einfach auf ein fremdes Uhrwerk übertragen, noch dazu auf ein schweizerisches!

Aus anfänglich eher patriotisch orientierten Gefühlen heraus haben Walter Lange und wir noch im Herbst 1989 dem Leiter des damaligen Großkombinats Elektronik und Feinwerktechnik unsere Ideen für eine Hilfestellung für die Raumschaft Glashütte unterbreitet. Das Großkombinat bestand seinerzeit aus der Firma Robotron, diversen Computerchip- und Rechenmaschinenherstellern sowie den Uhrenfirmen Ruhla und Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) mit insgesamt etwa 40.000 Beschäftigten. Unsere Idee war es, mit Hilfe unseres Know-hows ein „Joint Venture“ mit der Uhrengruppe im Osten einzugehen. Wir haben wohl als eine der Ersten überhaupt ein ernsthaftes und motiviertes Interesse an einem industriellen Engagement in Ostdeutschland gezeigt.

Bereits im Februar 1990 konnten wir Glashütte, d.h. die GUB besuchen, und wir waren einigermaßen ernüchtert. Was wir uns in unseren theoretischen Überlegungen zurechtgelegt hatten, konnten wir nach dem ersten Augenschein nur unterstreichen: Es stand für uns außer Frage, dass das in einem Joint Venture angedachte Unternehmen «A. Lange & Söhne» auf jeden Fall aus dem viel zu großen VEB-Kombinat herausgehalten werden musste. Lange musste ein selbständiges Unternehmen werden, qualitäts- und marktorientiert, frei von geistigen und materiellen Altlasten, unter denen ein Aufbruch an die Spitze der Luxusuhren-Branche schlichtweg undenkbar gewesen wäre.

Davon wollten die Kombinatsleiter jedoch nichts wissen: Wir sollten, wenn schon, den gesamten Apparat in Glashütte mit seinen damals knapp 2000 Beschäftigten übernehmen. Bedenken Sie: Das war ein gutes halbes Jahr vor der Wiedervereinigung, und an der Kombinatsleitung führte damals kein Weg vorbei! Diese hatte zwar durchaus Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns und wollte auch Herrn Lange in seine, wie sie sagten, «historische Pflicht» nehmen. Nun, ich kannte ja Betriebe dieser Größenordnung mit ihren zum Teil riesigen Produktionsstückzahlen aus eigener Erfahrung (Günter Blümlein war lange Jahre Geschäftsführer bei Junghans, Red.), und deshalb war mir klar, dass das zarte Pflänzchen «Lange» nur freigestellt eine Chance zum Gelingen hatte.

Der Gedanke an ein Joint Venture wurde dann von der überraschend schnell vollzogenen Wiedervereinigung überholt, und am 7. Dezember 1990 schritt Walter Lange zur Tat und gründete seine «Lange Uhren GmbH», an der sich unsere Uhrengruppe dann im Zuge einer substanziellen Kapitalerhöhung mehrheitlich beteiligte. Die erste Firmenanschrift lautete «Ernst-Thälmann-Straße 7», die Privatanschrift einer Volksschulfreundin von Walter Lange.

Wir starteten mit dem Unternehmen also quasi aus dem Nichts! Aber vielleicht hat uns gerade das katastrophale Umfeld, dieser Zustand der «Stunde Null» zu all dem beflügelt und ermutigt, was die Uhrenwelt vier Jahre später mit zunehmendem Staunen zur Kenntnis nahm.

Günter Blümlein
Günter Blümlein, Walter Lange und der sächsische Ministerpräsident Dr. Kurt Biedenkopf (1994)

? Wie ging es nach der Firmengründung weiter? Vor Ort in Glashütte hatten Sie ja noch nichts, keine Fabrik, keine Mitarbeiter...

G. Blümlein: Unsere ersten Mitarbeiter suchten wir zum Beispiel per Aushang am Schwarzen Brett der GUB, und das war für alle Beteiligten völlig in Ordnung, denn es gab ja außerhalb dieses Großbetriebs nirgendwo Personal in Glashütte. Mit dem Wegbrechen der alten Märkte der DDR kollabierte auch das Geschäft der GUB, und das Personal musste drastisch reduziert werden, wie Sie es ja selbst miterlebt haben in den vier Jahren zwischen 1991 und 1994. Letztlich wurde diese große Firma zurückgeführt auf einen verbleibenden Betrieb von etwa 70 Leuten, der sich seit 1994 in einer Neuausrichtung unter der Führung von Heinz Pfeifer nun wieder sehr erfolgreich entwickelt.

Aber zurück ins Jahr 1990, als wir einen Stamm von Mitarbeitern aufbauen wollten. Sie müssen nicht glauben, dass die Leute in Scharen zu uns gekommen wären! Die meisten GUB-Beschäftigten hofften noch immer auf eine «Komplettlösung», d.h. auf jemanden, der den Großbetrieb als Ganzes übernimmt. Wir waren für viele dort mit unserem Traum eines Comebacks von A. Lange & Söhne so etwas wie Exoten – verständlich auch, wenn man sich erinnert, dass es Marketing im westlichen Sinn in der DDR ja nie gegeben hatte. Die GUB war die berufliche Heimat für zwei Generationen von Glashüttern gewesen. Freies Unternehmertum à la Lange war den Menschen ja als «klassenfeindlich» bekannt.

Aber immerhin hatte wir etwa 120 Bewerbungen für den benötigten ersten Stamm an Mitarbeitern, aus denen wir ein gutes Dutzend hervorragender Fachleute auswählten. Unter den Bewerberinnen und Bewerbern waren einige, deren Großväter schon bei Lange gearbeitet hatten. Einer brachte in einem Schächtelchen sorgfältig verpackte Teile eines angefangenen Tourbillons mit, an dem sein Vater oder Großvater damals noch gearbeitet hatte. Oder da war eine Konstrukteurin, die sich bei Walter Lange spontan im Ort – auf der Straße – beworben hat und sich mit den Worten vorstellte: «Ich bin die Enkelin Ihres früheren Chronometermachers Herr Soundso.» Das war für Herrn Lange Referenz genug, uns die Dame wärmstens zu empfehlen.

Die damalige Kombinatsleitung und später dann auch die hinzugestoßene Treuhandanstalt haben unser Bemühen um die Schaffung von hochqualifizierten Arbeitsplätzen begrüßt. Da auch alle zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten in Glashütte damals zum Kombinat gehörten, wurde für uns das Stammhaus der Firma Lange geräumt und für unsere Zwecke vorbereitet. Hartmut Knothe, heute Geschäftsführer bei Lange, damals noch Direktor der zentralen Betriebsfachschule „Makarenko“, die auch zur GUB gehörte, war unser erster Mitarbeiter und hatte sein Büro in der Altenberger Straße 1.

Großuhrenfabrik Strasser & Rohde
Die ehemalige Großuhrenfabrik Strasser & Rohde (1994)

? Augenblick – die Firma Lange Uhren GmbH hat doch ihren Sitz in der Altenberger Straße 16, der ehemaligen Präzisionsuhrenfabrik von Strasser & Rohde?

G. Blümlein: Das ist richtig. Aber 1991 wechselten die Zuständigkeiten bei der Treuhandanstalt von Thüringen nach Berlin, und mit einem Mal wurde das Angebot, das Lange-Stammhaus samt Archiv und Museum an uns zu übertragen, wieder zurückgezogen. Da saßen wir also erstmal wieder auf der Straße. Im ehemaligen Produktionsgebäude von Strasser & Rohde, zuletzt eine Rechenmaschinenfabrik («Archimedes», Red.), fand Lange dann aber doch eine würdige Heimstatt.

? Die Raum-Probleme waren aber sicher nicht die einzigen, mit denen Sie sich damals herumschlagen mussten. Es gab doch mit der GUB bzw. Treuhand auch Ärger wegen der Markenrechte?

G. Blümlein: Das ist schon eine etwas längere Geschichte. Rückblickend betrachtet hatten wir bis Frühjahr 1993 ein ziemlich unwürdiges Hickhack mit der Treuhand bzw. der GUB um die Namens- bzw. Markenrechte, bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen. Sie müssen wissen, dass ja alle an den früheren Glashütter Uhrenmanufakturen hängenden Warenzeichen untergegangen bzw. nach dem ab 1993 neu gültigen Markengesetz der BRD nicht mehr zulässig waren. Aber es konnte ja in niemandes Interesse sein, die Zukunft von Glashütte den Richtern und Rechtsanwälten zu überlassen. Glashütte musste den Uhrmachern gehören, deswegen waren wir ja überhaupt dorthin gegangen.

Um es kurz zu machen: Wir haben uns dann mit der GUB in einem Vertragswerk auf die jeweiligen Rechte an den Marken geeinigt. Zum Beispiel auch darauf, dass allein die Firma Lange auf den Ruf der früheren Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne und auf die damit verbundene Tradition anspruchsvoller Uhrmacherkunst Bezug nehmen darf. Im Gegenzug wurde vereinbart, dass die GUB, seit 1991 Glashütter Uhrenbetrieb GmbH, in der Werbung auf das Gründungsdatum 1845 Bezug nehmen darf. Daran hatte unser Herr Lange natürlich schwer zu schlucken, weil 1845 das Gründungsjahr des Lange‘schen Unternehmens ist, der ersten industriellen Produktionsstätte für Feinuhren in Deutschland. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der elterliche Betrieb zusammen mit sechs weiteren mittelständischen Unternehmen vom SED-Regime enteignet, um ab 1951 im neu geschaffenen VEB Glashütte aufzugehen. Dem Rechtsnachfolger dieses „volkseigenen Betriebs“ das Gründungsjahr des ältesten der enteigneten Unternehmen zugestehen zu müssen, das mussten die Nachfahren der Enteigneten schon als großes Unrecht empfinden. Aber bei Verhandlungen braucht es halt immer ein Geben und ein Nehmen, und die deutsche Geschichte lässt sich leider nicht mehr neu schreiben.

Das Unrecht des SED-Regimes wurde nach der Wiedervereinigung in Sachen Rückgabe von enteignetem Gut der Einfachheit halber in vielen Bereichen höchst richterlich zementiert. Eine Rückübereignung der verbliebenen Aktiven der Familie Lange und der alten Firma A. Lange & Söhne an die Familie Lange wurde dadurch verunmöglicht. Es waren dies u.a. das Lange‘sche Stammhaus, das Archiv der Firma Lange und das Museum. Diese gingen mittlerweile in das Eigentum der Stadt Glashütte über.

Wir können uns heute in Glashütte alle auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist, nämlich die Entwicklung und die Fertigung feinster Zeitmesser aus Glashütte, und der allgemeine Erfolg sollte die alten Wunden bald schließen helfen.

Günter Blümlein mit Walter Lange
Günter Blümlein mit Walter Lange in den neu eingerichteten Werkstätten (1994)

? Warum wollten Sie denn partout nicht die gesamte GUB übernehmen, dann hätten Sie diese Probleme erst gar nicht gehabt?

G. Blümlein: Uhren, wie wir sie in alter Lange’scher Manier bauen wollten, hatten in der GUB seit über vierzig Jahren keine Tradition mehr. Woher sollten wir die Glaubwürdigkeit nehmen? Die Wiedergeburt der Marke A. Lange & Söhne konnte aus unserer Sicht nur losgelöst von den Altlasten eines unflexiblen «VEB» gelingen.

Außerdem war ich immer für den gesunden Wettbewerb hier am Ort, das entspricht meiner geschäftlichen Grundeinstellung. Alle Marken in einer Hand, das hatten die Leute in Glashütte ja schon zur Genüge gehabt, das konnte die Zielrichtung nicht sein. Die Konkurrenz vor Ort, oder wie es Herr Lange gerne mit den Worten seines Urgroßvaters ausdrückt, «die Firma Lange als Alaunkristall, um den herum sich Neues bildet», ist ja die Triebfeder für diese Uhrenlandschaft. Für die Uhrmacher in Glashütte war Patek Philippe im 1000 Kilometer entfernten Genf kein Vergleichsmaßstab. Man brauchte hier andere Motivationsquellen und Adrenalinstöße, eben den Wettbewerb am Platz. Mit dieser Vision ging Lange 1994 mit den wohl luxuriösesten Uhren an den Markt und bereitete quasi als Pflug den Boden für den Erfolg, den heute alle in Glashütte ansässigen Uhrenfirmen genießen. Das ist der Verdienst aller in Glashütte ansässigen Anbieter, von Lange über den Glashütter Uhrenbetrieb, Nomos, Mühle und Union. Und der Wettbewerb spielt. Wir bedauern also nicht, die GUB damals nicht übernommen zu haben.

? Hat Sie der internationale Erfolg überrascht?

G. Blümlein: Zugegeben, in dieser Form ja. Wir haben natürlich davon geträumt. Aber im Grunde gingen wir davon aus, mit einer «Deutschen Luxusuhr» zuerst einmal und leichter in Deutschland Erfolg zu haben. Mit einem gewissen Schmunzeln darf ich heute eingestehen, wie wir uns damals «optimal» auf den heimischen Markt einstellen wollten: Die «Cabaret» sollte sogar den Namen «Schwarz-Rot-Gold» bekommen, mit ihrem schwarzen Zifferblatt, den roten Ziernähten am Band und dem goldenen Gehäuse erinnert sie noch daran. Und da, wo heute bei der «Lange 1» der Schriftzug «Doppelfederhaus» steht, sollte ursprünglich «Deutschland» stehen. Die ersten Prototypen sahen so aus. Aber die großen deutschen Gefühle im Zuge der Wiedervereinigung wichen dann doch rasch dem Alltag. Es kehrte wieder Normalität ein, und mit ihr verschwanden bei uns auch die aus heutiger Sicht kuriosen Ideen.

Strategisch wollten wir bei Lange, dass aus der Marke A. Lange & Söhne keine innerdeutsche Angelegenheit wurde. Deshalb legten wir unsere Distributionspolitik von Anfang an so fest, dass wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Inland und Export hatten. Schon sechs Monate nach dem Comeback von A. Lange & Söhne starteten wir mit einer Reihe von ausgewählten, feinen Juwelieren in Italien, Südostasien und Japan, den USA, Frankreich und Großbritannien. Die Uhrenliebhaber in der ganzen Welt haben uns in ihre Märkte buchstäblich hineingezogen, die internationale Fachpresse war dabei sicherlich nicht ganz schuldlos. Heute ist das Verhältnis Inland/Ausland etwa 60 zu 40. Der internationale Erfolg war also strategisch gewollt, ist aber in dieser Form auch für uns überraschend ausgefallen.

A. Lange & Söhne
Die heutigen Produktionsgebäude Lange 1 und Lange 2

? Mit 150 Beschäftigten bei Ihnen und weiteren 150 bei den anderen Glashütter Uhrenmarken dürften die Ressourcen für qualifizierte Fachkräfte in Glashütte langsam erschöpft sein. Nicht alle der einstmals 2000 Beschäftigten im Kombinat waren ja ausgebildete Uhrmacher. Wie sieht es mit dem Nachwuchs für Lange aus?

G. Blümlein: Wir haben in der Tat einen Engpass beim Personal. Zwar haben wir ab Herbst dieses Jahres bereits elf junge Leute in der Uhrmacher-Ausbildung, doch sind diese angehenden Fachkräfte nicht kurzfristig verfügbar. Wir werden unser Wachstum eben an diesem Engpassfaktor orientieren müssen. Mittlerweile ist der Name A. Lange & Söhne aber auch schon ein Magnet für junge, unternehmungslustige Uhrmacher und Uhrmacherinnen aus dem gesamten deutschen Sprachraum, und wir hoffen natürlich, dass noch viele von ihnen den Weg nach Glashütte ins schöne Erzgebirge finden werden.

A. Lange & Söhne

? Kommen wir nun zum Kernthema, den Uhren von A. Lange & Söhne. Diese Uhren verdienen ja nicht nur aufgrund ihres Markterfolgs besondere Beachtung, sondern würden in ihrer Stilsicherheit und ihrer technischen Exzellenz überall und zu jeder Zeit eine gute Figur abgeben. Wie kam es, dass die Lange-Uhren der Neuzeit so aussehen, wie sie aussehen, und so sind, wie sie sind?

G. Blümlein: Die Lange-Uhren stellen die Quintessenz aus unseren Gefühlen und Erfahrungen dar, sie müssen die Inhalte der Marke A. Lange & Söhne physisch ausdrücken. Und die Marke A. Lange & Söhne ist – erlauben Sie mir den Ausdruck – so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, bestehend aus einer langen Geschichte, einer Leidenschaft der Mitarbeiter für die feine Uhr, dem Stil des Hauses, der Verantwortung für die Tradition und last but not least der einzigartigen Technik und Handwerkskunst, der wir uns bei Lange verschrieben haben.

Dies alles, diese Ideale umzusetzen in eine Form, in Technik, das war und ist nicht einfach. Wir haben hier nichts dem Zufall überlassen. Einer der Gründe für den homogenen gestalterischen Auftritt unserer Lange-Kollektion war sicher auch, dass diese ersten Uhren quasi aus einer Hand kamen und damit vielleicht auch deshalb wie aus einem Guss sind. Wobei Sie das mit „einer Hand“ nicht wörtlich nehmen müssen. Mit einer zunehmenden Zahl von Mitwirkenden, die ja in Anbetracht des rasanten Wachstums unseres Unternehmens notwendig werden, werden natürlich auch divergierende Vorstellungen zu Technik und Design in unserem Hause entstehen. Die Schlacht um die stilechte, die unverwechselbare, gleichzeitig aber vornehm zurückhaltende, schlichte Lange-Uhr wird immer neu geschlagen werden müssen, jetzt aber mit zunehmender Beteiligung Vieler, und das macht es dann schon schwieriger als zur Stunde Null.

In der Gesamtgestaltung und Anmutung sollten unsere Lange-Uhren so etwas wie „typisch deutsch“ sein, eben anders. Und dieses Anderssein ist bei uns der Grundsatz für das Design. Bei der Aufgabe, die wir uns bei Lange gestellt haben – nämlich anders als die Schweizer zu sein – kam mir persönlich sicher entgegen, dass ich bereits an vielen erfolgreichen Schweizer Uhren mitwirken durfte. Da fällt es einem schon leichter zu definieren, was denn überhaupt anders sein muss und kann.

A. Lange & Söhne

? Um dieses „Anderssein“ bemüht sich doch wohl jeder...

G. Blümlein: Nun in jeder Branche gibt es solche, die durch Innovation eine Alleinstellung erreichen wollen, und solche, die ihren Erfolg durch Imitation suchen. Ich meine, dass die Uhrenbranche leider zu einem Gutteil aus Nachahmern besteht. Ich würde zum Beispiel ein so ausgeprägtes Designelement wie eine Kannellierung auf der Lünette einer Uhr nie machen, weil das Rolex schon tut. Oder schauen Sie, wie schnell sich die Branche auf das Lange‘sche Großdatum gestürzt hat. Ideenklau ist für die meisten halt leider der einfachere Weg zum Ziel. Das „Andersseinwollen“ ist auch eine Frage der persönlichen Einstellung, des Charakters.

Bei Lange haben wir bewusst nicht irgendwohin geschielt, sondern uns hingesetzt und überlegt, was denn bei einer Uhr „typisch deutsch“ sein könnte. So kamen wir zum Beispiel unter anderem auch auf das Gewicht der Uhr. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wie es sich anhört, wenn man die Tür eines feinen deutschen Luxus-Autos schließt: Es macht „pflopp“, und das schätzen die Kunden, das wird als Ausdruck von Wertigkeit empfunden. Und wenn ich eine Lange-Uhr in die Hand nehme, dann verursacht ihr gesundes Eigengewicht auch irgendwie dieses „pflopp“. Aber das ist nur ein kleines Beispiel.

Ich geniere mich immer ein bisschen, wenn ich den Begriff „Gesamtkunstwerk“ für eine Lange-Uhr benutze. Aber es muss halt wirklich alles stimmig sein an einer Lange. Es lag in der Natur der Sache, dass der erste wirklich ernst zu nehmende Angreifer der Schweizer-Bastion im Bereich der höchstpreisigen Luxus-Uhren besonders im Blickfeld stehen und dementsprechend kritisch betrachtet werden würde. Eine Lange ist deshalb auch rundum gestaltet. Auch wenn Sie die Uhr umdrehen, dann muss einen das Gefühl dieser Lange‘schen Wertigkeit förmlich „anspringen“. Wir verwenden genauso viel Sorgfalt auf das Design des Uhrwerks und seiner Einzelteile wie auf das Design von Gehäuse, Zifferblatt und Zeiger oder der Schließe des Bandes. Denn letztlich wird eine Lange vorwiegend wegen ihres Inhalts gekauft. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Wenn man Design im Sinne von besonders auffallend oder gar markantes Styling versteht, dann haben unsere Uhren im Grunde genommen gar kein Design.

? Da muss ich Ihnen aber widersprechen: Man mag das Design der Lange-Uhren vielleicht nicht sehen, aber man spürt es. Die technische Qualität erschließt sich doch ohnehin nur einem kleinen Prozentsatz der Käufer.

G. Blümlein: Richtig, man sieht das Design nicht, aber man muss es spüren – wie Sie sagen. Und die technische Qualität mögen die Leute vielleicht auch nicht in jedem Fall begreifen, aber sie sollen sie spüren, über die Ausstrahlung. Unser Produkt-Design spielt sich bei uns zu 50 % im Uhrwerk ab. Unsere Ingenieure müssen bei der Konstruktion der Einzelteile regelrecht mit den Gestaltern feilschen, denn schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, gewissermaßen noch vor der eigentlichen Entwicklungs- und Konstruktionsarbeit, existiert neben dem Gesamtprodukt-Lastenheft auch ein Design-Lastenheft für den Uhrwerkskonstrukteur. Das unterscheidet uns, würde ich sagen, vom Gros der Branche – bei uns folgt die Technik dem Design. Deshalb sind unsere Uhrwerke auch immer maßgeschneidert, exakt passend zur Form und Größe der Uhrgehäuse. Und das geht natürlich nur, wenn man eigene Uhrwerke macht, also keine Standard-Lösungen anbietet. Das Uhrwerk-Design der Lange 1 oder des Datographen, das sind im Grunde ganz verrückte Konstruktionen, völlig unkonventionell in der Anordnung bestimmter wichtiger Bauteile wie der Aufzugswelle, der Federhäuser, der Position der Zeiger auf dem Zifferblatt oder der Datumsanzeige. Dieses „Querdenken“ bei der Gestaltung der Uhrwerke ist sicher eine der herausragendsten Merkmale Lange‘scher Uhrmacherkunst in der Neuzeit, das differenziert uns ganz besonders von unseren Wettbewerbern.

A. Lange & Söhne
Bundespräsident Johannes Rau kam zur Einweihung des Showrooms (2000)

? Sie gelten in der Branche in Design-Fragen als Perfektionist. Wie sehen Sie das selbst?

G. Blümlein: Wenn man sich selbst in Design-Fragen an Begriffen wie Zeitlosigkeit, Zurückhaltung und vornehme Schlichtheit orientiert und aufgesetzte Stilelemente und Dekorationen ablehnt, dann bleibt im Grunde genommen nur die Detailarbeit, und die verschlingt viel Zeit. Da wird in der Tat gefeilscht und gerungen um das letzte Zehntel, um eine kaum wahrnehmbare Nuance in der Farbe, da werden mit den Fingerspitzen haptisch die Formen und Kanten beurteilt und kritisiert, selbst die Nase und das Ohr sind Mitspieler, wenn ich an den Geruch von Lederbändern oder den Sound des Uhrwerks beim Aufziehen mit der Krone oder beim Drücken des Chronographen-Mechanismus denke.

An der Langematik haben wir zum Beispiel viel länger gesessen als an der Lange 1, obwohl sie doch gar nicht so auffällig erscheint wie die Lange 1. Die Langematik als Automatikuhr sollte bewusst etwas anderes werden als die Lange 1. Es ist immer schwer, einen würdigen Nachfolger bzw. eine würdige Ergänzung zu etwas bereits ganz Besonderem – wie es die Lange 1 ja unstrittig wurde – zu finden, zumal dieses Modell aufgrund seiner damals etwas exotisch wirkenden asymmetrischen Zifferblattaufteilung quasi vom Start weg zum Symbol unserer Marke wurde. Das machte die Sache bei der Gestaltung der Langematik nicht gerade einfacher, zumal auch diese Uhr schlicht im Auftritt sein sollte, wie jede unserer Kreationen. Da wird man vielleicht notgedrungen zum Perfektionisten.

? Was meinen Sie, würde Adolph Lange wohl sagen, wenn er die Lange-Uhren der Neuzeit sehen könnte?

G. Blümlein: Nun, ich könnte mir vorstellen, dass er vielleicht erstaunt fragen würde, warum wir denn seine hochkarätige sächsische Uhrmacherkunst in so kleine Gehäuse quetschen, nur um sie dann am Handgelenk tragen zu müssen (Adolph Lange starb 1875, ein Vierteljahrhundert vor der Verbreitung der Armbanduhren, Red.).

? Vielleicht können Sie uns abschließend in wenigen Worten so quasi als Ihr Credo zusammenfassen, wie bei Lange die Produkte entwickelt und gebaut werden?

G. Blümlein: Sie kennen einen unserer Werbesprüche, den wir vor allem im Ausland schalten: „Die Schweizer bauen die besten Uhren der Welt – die Sachsen auch.“ Wir wollen ­ und so haben Walter Lange und wir es in unserem Gesellschaftervertrag auch festgeschrieben ­– wieder die besten Uhren der Welt bauen, in der Qualität und der Tradition der legendären Taschenuhren der alten Lange‘schen Manufaktur und uns dabei immer wieder kritisch hinterfragen, wie hätte wohl Ferdinand Adolph Lange gedacht und gehandelt, wenn er heute noch leben würde und eine Armbanduhr bauen müsste.

Ohne Ferdinand Adolph Lange persönlich gekannt zu haben, würde ich glauben, dass Sie in seinem Sinne handeln. Ich danke Ihnen für das Interview.

A. Lange & Söhne

(Das Interview führte Peter Braun)


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Günter Blümlein bleibt unvergessen


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