Richard Mille RM 55-01

Luxuriöser Leichtbau

Juli 2026. Ihr radikal abgespecktes Handaufzugswerk aus Titan bringt keine fünf Gramm auf die Waage, und auch sonst verzichtet die RM 55-01 auf überflüssigen Luxus. Außer beim Preis.
Richard Mille

Mit traditioneller Skelettierung hat das filigrane Gespinst aus Titan, das die Räder im Uhrwerk des Kaliber RMUL4 an ihrem Platz hält, nicht mehr viel zu tun. Der Begriff bezeichnet ja die traditionelle Handwerkskunst, überflüssige Materialflächen aus einer bestehenden Uhrwerkplatine herauszusägen, um dem Connaisseur Einblicke in die Mechanik zu verschaffen. Moderne «Skelettuhrwerke» sind jedoch inzwischen von Grund auf neue Konstruktionen, deren Komponenten am digitalen Reißbrett – aus technischen oder ästhetischen Aspekten – gezielt arrangiert werden.

Konsequent reduziert

Richard Mille
Die «Werkplatine» des Kaliber RMUL4 besteht aus ästhetisch arrangierten Streben und Pfeilern in detailverliebter Finissierung – trotz des Techno-Looks.

Die Ingenieure von Richard Mille haben große Erfahrung mit Skelettkonstruktionen und sehr belastbaren Leichtbau-Materialien, und mit der RM 55-01 Manual Winding stellen sie ihr Know-how erstmals ganz in den Dienst der Gewichtsreduzierung. Dieses Thema treibt die Schweizer Uhrenmarke quasi seit ihrer Gründung vor 26 Jahren um, denn Richard Mille hat ein ausgeprägtes (und unübersehbares) Faible für den Motorsport, wo es buchstäblich auf jedes Gramm ankommt. In der Uhrmacherei sind fünf Gramm eine ganze Welt – bzw. ein ganzes Werk: Das Kaliber RMUL4 bringt nur 4,8 Gramm auf die Waage.

Die neue Handaufzugsuhr hat lediglich drei Zeiger und bietet außer der Zeitanzeige keinerlei Zusatzfunktionen. Ihre einzige «Komplikation» ist in der Tat der radikale Leichtbau, der sich in einem ästhetisch ausgefeilten Korsett aus Titan (Grade 5) ausdrückt.

Die Raffinesse der Konstruktion offenbart sich erst auf den zweiten Blick, denn trotz aller Liebe zum Verzicht kommt die Ästhetik nicht zu kurz. So mögen die Oberflächen von Grundplatine und Räderwerksbrücke durch das matte SandstrahlFinish der Elektro-Plasma-Oxidbeschichtung (Titalyt) nüchtern und schlicht erscheinen, doch sind darunter alle Kanten penibel angliert. Die Verbindungselemente zwischen den einzelnen Trieblagern tragen schmale Reliefstreifen, deren Oberflächen nach der Beschichtung plangefräst wurden und so die Struktur des Platinen-Netzwerks optisch betonen. Dabei fällt auf, dass Brücke und Platine die Konturen der beiden Federhaustrommeln und des Minutenrades nachzeichnen und dadurch geradezu grafisch hervorheben.

Konservative Technik

Auch wenn es nicht den Anschein hat, handelt es sich bei dem Handaufzugskaliber RMUL4 um eine sehr klassische Konstruktion, wenngleich mit einer vergleichsweise aufwendigen Ausstattung: Zwei kleine Federhäuser mit kurzer Übersetzung und entsprechend hoher Drehzahl entlasten Zapfen, Lager und Verzahnungen. Eine hohe Gangreserve stand nicht im Pflichtenheft, und so begnügt sich das Uhrwerk mit rund 55 Stunden Autonomie. Eine rückerlose Unruh mit konventioneller Stahlspirale gibt den Takt von 4 Hz (28.800 A/h) vor und kann mithilfe kleiner Gewichte an den vier Speichen feinreguliert werden. Der Sekundenstopp des Uhrwerks wird von einem kunstvoll geformten Stahlhebel sichergestellt, der sich beim Ziehen der Krone sanft auf den glatten Unruhreif legt.

Hightech im Gehäusebau

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Bei der weißen Modellvariante bestehen die Deckplatten des Gehäuses aus Quartz TPT. Es ist wie das schwarze Carbon TPT aus hauchdünnen Schichten aufgebaut und trägt nach dem Schliff eine feine Maserung – man muss nur genauer hinsehen.

Das glücklicherweise recht kompakt gehaltene tonnenförmige Gehäuse ist eine aufwendige Kompilation aus einem Mittelteil aus gefrästem Titan und zwei verglasten Lünetten an Oberseite und Boden aus hoch belastbaren TPT-Schichtwerkstoffen (Carbon oder Quartz). Die aus unzähligen hauchdünnen Schichten «verbackenen» Lünetten offenbaren nach dem Zuschliff ihrer Wölbungen eine feine Maserung, die bei jedem Exemplar einzigartig ist.

Die RM 55-01 ist wahlweise in Carbon TPT oder weißem bzw. grauem Quartz TPT erhältlich und wird an einem Textilband mit Klettverschluss getragen. Die komplette Uhr besteht aus knapp 160 Einzelteilen (inklusive Uhrwerk) und bringt weniger als 70 Gramm auf die Waage.

Ein Grundsatz aus der Welt des Motorsports besagt, dass die Kosten für jedes eingesparte Gramm Gewicht zum Ende hin exponentiell steigen. Und hierfür ist die ultra-leichtgewichtige Handaufzugsuhr ein treffendes Beispiel: 155.000 Schweizer Franken zuzüglich ortsüblicher Steuern kostet die RM 55-01, das summiert sich für den deutschen Markt auf über 200.000 Euro.

Text: Peter Braun

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