Raymond Weil Toccata Heritage vs. Alpina Heritage Carrée Automatic

Klassisch, nicht rund

März 2026. Eine Armbanduhr muss nicht immer rund sein – schon früher nicht. Rechteckige oder tonneauförmige Gehäuse sind bis heute elegante Alternativen für einen stilvollen Auftritt am Handgelenk. Unsere Vergleichsmodelle von Raymond Weil und Alpina sind schon knapp unter 1700 Euro erhältlich.
Raymond Weil vs. Alpina

Ein rundes Gehäuse und ein rundes Zifferblatt sind die wohl logischsten Lösungen für eine Armbanduhr, deren Zeitanzeige mit ihren Zeigerspitzen den Radius der Kreisform vorgibt. Dennoch haben auch rechteckige oder tonnenförmige Uhren in der Geschichte immer wieder das Angebot der Uhrenhersteller bereichert. Am Handgelenk machen entsprechende Exemplare oft einen besonders eleganten Eindruck.

Mit der Heritage Carrée hatte Alpina Ende 2025 das 140. Firmenjubiläum gefeiert und zu diesem Anlass gleich zwei Varianten mit Zifferblatt in Schwarz und goldenen Akzenten sowie die vorliegende Version mit Zifferblatt in Silber und Beige aufgelegt. Das rechteckige Gehäuse mit leicht abgerundeten Ecken und Ausbuchtungen an den Flanken wirkt im Zusammenspiel wie ein Art-déco-Erbstück aus den goldenen Zwanzigern.

Raymond Weil dagegen feiert in diesem Jahr das 50. Jubiläum und baut das Design der Toccata Heritage auf den Dresswatches der 1960er und 1970er Jahre auf. Die Gehäuseform schafft einen Kompromiss zwischen rund und eckig – genannt Tonneau (frz.: Tonne). Aufgrund ihrer ovalen Silhouette erinnert die Toccata an die Ellipse d’Or von Patek Philippe, die preislich allerdings in anderen Sphären unterwegs ist.

alpina

Erster Eindruck

Tobias Schaefer: Von den Abmessungen der Gehäuse sind sich unsere Vergleichsobjekte sehr ähnlich. Die Toccata ist mit 38 mm in der Höhe etwas kürzer als die Carrée (39 mm) und mit 33 mm in der Breite tatsächlich um 0,5 mm breiter als die optisch gedrungener wirkende Carrée. Ein größerer Unterschied macht sich bei der Höhe der beiden Armbanduhren bemerkbar. Die Alpina baut mit 9,71 mm nicht sonderlich hoch, die Raymond Weil ist jedoch mit nur 6,9 mm besonders flach.

Möglich wird dieser große Unterschied nicht zuletzt, weil Raymond Weil mit dem Uhrwerk vom Kaliber RW4100 auf Basis des Sellita SW210 auf Handaufzug statt Automatik setzt. Allein beim Uhrwerk spart Raymond Weil sich ganze 2,25 mm Bauhöhe. Diese werden beim vergleichbaren Werk der Alpina, dem automatischen FC-530 beziehungsweise Sellita SW261, unter anderem für die Schwungmasse und übrigen Teile der Automatikgruppe benötigt.

Raymond Weil Toccata

Peter Braun: Beide Uhren tragen den Begriff «Heritage» in der Modellbezeichnung, und in der Tat verströmen sie jede Menge nostalgischen Charme – die Alpina etwas burschikoser, die Raymond Weil feiner und zierlicher. Bei der Carrée stimmt das Zusammenspiel des rechteckigen Gehäuses mit dem typischen Duotone-Zifferblatt mit beige- und silberfarbenen Flächen, das sich mit geometrischen Skalenfeldern perfekt an seine Umgebung anpasst. Selbst die dezentrale Sekunde hat ihr eigenes kleines Rechteck. Der historische «Alpina»-Schriftzug und klassische arabische Ziffern komplettieren den Vorkriegs-Look.

Ganz anders dagegen die champagnerfarbene, metallisch glänzende Sonnenschlifffläche des Toccata-Zifferblatts, das mit schmalen polierten Zeigern und aufgesetzten Stundenmarkern bereits komplett ausgestattet ist. Der schlichte Markenschriftzug wirkt zurückhaltend und edel, kein Sekundenzeiger lenkt hier vom Wesentlichen ab. Raymond Weil hat offensichtlich von den Besten gelernt, wie mein Kollege bereits eingangs erwähnte. Dazu passt das schmal geschnittene graue Lederband mit Krokoprägung und zierlicher Dornschließe. Der Tragekomfort der flachen und leichten Uhr ist unübertrefflich. Die wuchtigere Alpina ist mit ihrem breiteren handgenähten Straußenlederband indes besser bedient, und der braune Farbton passt ins Bild.

Alpina Rückseite

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

TBS: Durch die deutlich flachere Bauhöhe trägt sich die Toccata besonders angenehm, und mit 41,5 Gramm ist sie auch deutlich leichter als die Carrée, die 74,5 Gramm auf die Waage bringt. Die abgerundete Form erinnert mich an einen Flusskiesel, der über Jahrzehnte zum Handschmeichler geschliffen wurde. Zu nahe ans Wasser sollte man die elegante Toccata allerdings – wie auch die Carrée – nicht mitnehmen: Beide Uhren halten lediglich bis zu einem Druck von 3 bar dicht. Das ist zum Händewaschen zwar ausreichend, doch ins Becken sollte man sie dabei besser nicht tauchen.

Auch die Alpina trägt sich am Handgelenk sehr angenehm, und ihr Gehäuse mit den Ausbuchtungen an den Flanken wirkt besonders aufwendig. Mit einer Höhe von 9,71 mm ist sie ebenfalls für eine mechanische Uhr vergleichsweise flach. Allgemein ist die Abdichtung von eckigen oder ovalen Gehäusen etwas schwieriger als bei runden Modellen. Bei beiden Uhren sind die verglasten Gehäuseböden mit Schrauben aufgesetzt.

Raymond Weil Rückseite

PB: Die Bedienung einer Armbanduhr ohne Datumsanzeige oder andere «Komplikationen» (bezeichnenderweise scheint für einen Uhrmacher alles außer der Zeitanzeige die Sache unnötig zu verkomplizieren) stellt den Träger nicht vor unlösbare Aufgaben. Sollte man zumindest meinen – bis man versucht, die Toccata aufzuziehen. Und das ist bei der Handaufzugsuhr im Grunde einmal täglich, spätestens alle 45 Stunden nötig. Leider ist die elegant ans Gehäuse geschmiegte Krone zwischen den Kuppen von Daumen und Zeigefinger nämlich nicht gut zu greifen und lässt sich ungewöhnlich schwer drehen. Entweder saß die Dichtung am Tubus bei unserem Testexemplar sehr stramm, oder aber der Aufzugsmechanismus lief ungebührlich schwergängig – der Widerstand war vor allem in Zugrichtung sehr hoch.

Auch die Krone der Alpina Carrée ist schwer zu greifen. Sie ist sehr flach und führt überdies zwischen den Schutzflanken ein zurückgezogenes Leben. Weil das Uhrwerk sich jedoch durch Armbewegungen von allein aufzieht, muss man bei regelmäßigem Tragen der Uhr hier nur ganz selten aktiv werden.

Technik, Ausstattung, Gang

TBS: Besonders hochwertige eckige Uhren verwenden sogenannte Formwerke, die sich in ihren Dimensionen bestmöglich ins Gehäuse einfügen. Für die aufgerufenen Preise unserer Vergleichsobjekte kann man kaum solche maßgeschneiderten Werke erwarten. Während das Werk der Alpina durch den runden Sichtboden eindeutig als ebenfalls rund identifiziert werden kann, verschleiert der Sichtboden der Raymond Weil durch die elliptische Form des Sichtfensters dies deutlich besser. Auch auf den zweiten Blick meint man, ein ovales Uhrwerk zu betrachten. Dabei ist dieser Eindruck eine optische Täuschung, wie ein weiterer Blick auf das ausgebaute Werk beweist.

PB: Das Kaliber RW4100 hat dennoch eine Besonderheit: Im Gegensatz zu seinem Basiskaliber SW210 hat es nämlich keine Sekundenanzeige, obwohl das Übertragungsrad der Zentralsekunde in der Uhrwerkmitte deutlich zu sehen ist – und sich auch emsig dreht. Und eigentlich wäre auf der Werkvorderseite Platz für eine Datumsscheibe. Offenbar war den Designern das aufgeräumte Zifferblattdesign wichtiger als diese Zusatzanzeigen – Bauhöhe gespart haben sie dadurch nicht.

Alpina dagegen setzt – ganz klassisch – auf eine Kleine Sekunde über der «6», und der Automatikaufzug macht die ohnehin etwas robuster daherkommende Uhr ein wenig alltagstauglicher. Ihr gewölbtes Saphirglas wirkt überdies dicker als das plane Glas der Toccata.

Bereits am Arm war mir aufgefallen, dass beide Uhren einen deutlichen Vorgang aufwiesen – auch wenn der tägliche Check zum Gong der «Tagesschau» bei der sekundenzeigerlosen Toccata wenig aussagekräftig war. Unser Zeitwaagen-Operator Martin Häußermann schlug nach den Testdurchläufen auf unserer Witschi die Hände über dem Kopf zusammen: Die Uhrwerke hatten einen mittleren Vorgang von 17 (Alpina) bzw. fast 82 Sekunden (Raymond Weil) – pro Tag! Letztere auch noch mit Lagendifferenzen von über 22 Sekunden. Den Gangtest haben beide Uhren definitiv nicht bestanden; die Ursache hierfür konnte sich bis zur Drucklegung indes niemand erklären.

Fazit

TBS: Eigentlich bin ich ein großer Fan von Uhren mit Handaufzug, und die Umsetzung von Raymond Weil gefällt mir wirklich gut. Ihre flache Bauweise ist beeindruckend umgesetzt und die elliptische Form ein toller Kompromiss zwischen rund und eckig. Am Ende würde ich mich wohl dennoch für die Alpina entscheiden. Die Anzeige der Sekunden ist mir letzten Endes tatsächlich etwas wichtiger als ein paar Millimeter in der Höhe, und wenn schon eckig, dann auch richtig!

PB: Die Alpina ist mir eine Spur zu altmodisch geraten – das zweifarbige Zifferblatt erinnert mich wohl zu sehr an den Wecker meiner Oma selig. Mich hat von Anfang an die Toccata angesprochen – wegen ihrer äußerst gelungenen Form und der hochwertigen Verarbeitung. Die Ausstattung mit Stahlgehäuse macht sie trotz Dresswatch-Qualität absolut alltagstauglich. Der Handaufzug ist ein weiterer Pluspunkt – ich hoffe allerdings, die schwergängige Krone unseres Testexemplars ist ein Ausrutscher. Über die erschütternden Gangwerte beider Uhren brauchen wir wohl nicht zu reden. Sie wären so oder so ein Garantiefall.

Text: Peter Braun, Tobias Schaefer

Bilder: Tobias Schaefer

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