Probezeit: Zwei Retro Chronographen

CERTINA DS CHRONOGRAPH VS. JUNGHANS MEISTER TELEMETER

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Januar 2021. Neue Uhren aus historischen Vorbildern abzuleiten, ist heutzutage ja nicht gerade eine Seltenheit. Doch wenn es gelingt, die Vergangenheit nicht einfach nur nachzuäffen, sondern eigenständige, zeitgemäße Modelle zu kreieren, darf man auf eine Einladung zur «Probezeit» hoffen.

Manchmal spielt einem der Zufall in die Karten. Just als wir über Kandidaten für eine weitere «Probezeit» sprachen, flatterte uns die Pressemeldung über einen neuen Certina-Chronographen in den elektronischen Briefkasten. Eine Steilvorlage: optisch gelungen, der Preis mit knapp unter 2000 Euro attraktiv. Das wollten wir doch gern mal live in Augenschein nehmen. Und welche Uhr soll und kann da mitspielen?

Ein vergleichbarer Preis wäre wichtig, und auch im Charakter sollten sich beide Mitspieler ähnlich sein. In diesem Fall suchten wir eine Uhr, die zwar optische Anleihen an der Vergangenheit nimmt, diese aber in einer zeitgemäßen Form umsetzt. Und auch bei den Funktionen sollte es keine gravierenden Unterschiede geben. Nun ist die Certina ein klassischer Chronograph, der aber nicht nur zur Zeit- und Kurzzeitmessung dient. Sie bietet mit zwei ergänzenden Anzeigen wie der Tachymeter- und der Telemeterskala noch einen Zusatznutzen.

Die blauen Zeiger der Certina sind lackiert, nicht etwa temperaturbehandelt. Das Zifferblatt ist im Look der 1940er Jahre gestaltet.

Die Tachymeterskala dient dazu, Durchschnittsgeschwindigkeiten zu messen. Dazu durchfährt man mit dem Auto eine Strecke von einem Kilometer – beispielsweise gemessen anhand von Leitpfosten, die im Abstand von 50 Metern stehen – und betätigt an Start und Ziel den Chronographen. Dann lässt sich auf einer Skala am äußersten Zifferblattrand die Geschwindigkeit ablesen. Das ist zugegebenermaßen nicht besonders genau, aber eine schöne Spielerei. Etwas alltagstauglicher ist die Telemeterskala, denn damit lässt sich beispielsweise messen, wie weit ein Gewitter vom aktuellen Standort entfernt ist. Gestartet wird der Chronograph, sobald ein Blitz zu sehen ist – und wenn es donnert, wird er gestoppt. Der Skala liegt die Tatsache zugrunde, dass der Schall in etwa drei Sekunden einen Kilometer zurücklegt, das Licht für die gleiche Strecke aber nur vernachlässigbare drei Millisekunden braucht. Diese Funktion wurde ursprünglich vom Militär genutzt, um die Entfernung feindlicher Geschützstellungen zu bestimmen. Sie merken schon, bei dieser «Probezeit» liegt etwas in der Luft …

Ein schlankes Gehäusemittelteil nimmt der robusten Uhr zumindest optisch ein wenig die Wucht.

ERSTER EINDRUCK

Martin Häußermann: Manchmal ist es ja so, dass Uhren auf Pressefotos schöner aussehen als in Wirklichkeit, weil Bildbearbeiter so lange an den Reglern gedreht haben, bis sie den Eindruck erreichen, den sich die Werbeabteilungen wünschen. In diesem Fall verhält es sich aber andersherum. Die Uhren wirken in der Realität noch attraktiver als auf den Bildern. Was möglicherweise auch daran liegt, dass Räumlichkeit selbst auf einem bis zum Abwinken «gephotoshoppten» zweidimensionalen Bild nur unzureichend wiedergegeben werden kann. Und beide Uhren leben definitiv von ihrer Dreidimensionalität. Die Junghans wirkt mit ihrem sich nach unten stark verjüngenden Gehäuse enorm filigran. Die Certina erscheint deutlich kräftiger, doch eine gestufte Lünette, das sanft geschwungene Boxglas sowie der schalenförmige Stahlboden nehmen dem Ganzen die Wucht.

Bevor wir jede Uhr an den Arm nehmen, müssen sie noch präzise gestellt werden. Bei beiden Uhren erweist sich das exakte Stellen der Zeiger nach einem Zeitzeichen als schwierig, denn Telemeter- und Tachymeterskala liefern sich mit der Minuterie einen Wettkampf um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Die richtige Position für den Minutenzeiger zu finden, fällt schwer, vollends dann, wenn der Betrachter zur Generation Gleitsicht gehört.

Bei der Junghans ist es noch ein bisschen schwieriger als bei der Certina, weil der Minuterie eindeutige Stundenmarker (Indexe) fehlen. Diese Rolle übernehmen kleine Ziffern von 0 bis 60 (in Fünferschritten). Durch die recht starke Wölbung des Glases verschwinden die Telemeter- und Tachymeterskalen bei ungünstigem Blickwinkel auch noch in der Verzerrung. Zum Glück ist der Mensch an das intuitive Erfassen der Uhrzeit anhand der Zeigerstellung gewöhnt und hat im täglichen Umgang mit den beiden Uhren keinerlei Schwierigkeit beim Ablesen.

Die hauchdünne Silizium-Spirale ist mitverantwortlich dafür, dass das moderne Uhrwerk so gut läuft. Die Chronographenbedienung hat uns dagegen nicht so gut gefallen.

Peter Braun: Ich starte die «Probezeit» mit der Certina, die nicht nur robust erscheint, sondern es auch ist. Ihr Gehäuse ist bis 100 Meter wasserdicht, verfügt dabei über einen «aufgesprengten», also nur durch Druck verschlossenen, nicht verschraubten Boden. Was im Normalfall als «Billigkonstruktion» abgetan wird, hat hier offenbar eine neue Qualität: Der Presssitz des geprägten Edelstahlbodens ist so fest, dass Heimwerker nachdrücklich vor dem Versuch gewarnt seien, denselben mit Schalenmesser oder Hammer und Meißel zu öffnen! Leider bleibt der Blick aufs Werk dadurch dem Uhrmacher vorbehalten, was schade ist, denn die Mechanik des Chronographen liegt beim hier eingesetzten Valjoux-Kaliber anders als beim Modulwerk der Junghans direkt unter dem Rotor und lässt sich beim Betätigen der Drücker genau beobachten. Ich persönlich erfreue mich stets am Anblick eines Uhr werks durch einen transparenten Gehäuseboden, auch wenn es sich nicht um ein handfinissiertes Manufakturkaliber handelt. Aber Certina hat wohl aus Gründen der Authentizität von einem Glasboden abgesehen, weil er früher einfach nicht üblich war.

Die gut verarbeitete Faltschließe erfreute die Tester, der aufgepresste Stahlboden weniger.

Dafür hat man auf dem Boden das alte Certina- Markenlogo mit dem doppelten C verewigt, wie übrigens auch an der Krone. Die Rechteckdrücker sind sehr zierlich gehalten, was den «Vintage»-Look unterstreicht. Das Zifferblatt zitiert mit facettierten Indexkeilen und blau lackierten Zeigern einen typischen Armbandchronographen aus den vierziger Jahren. Dazu passt die Feinteilung des Halbstundenzählers bei der «3» mit den betonten Minutenschritten 1–6, die den Abrechnungstakt der Telefongesellschaften im Blick behalten half. Das silberfarbene Zifferblatt ist ganz sanft gewölbt, und die Zeiger folgen dieser Wölbung ebenso wie das hoch aufgewölbte Boxglas, durch das sich seitlich viel Licht über das Zifferblatt ergießt.

Auf dem Zifferblatt der Junghans ist viel los, was die Ablesbarkeit am Tag nicht gerade leichter macht. In der Dunkelheit dominieren die mit Leuchtmasse belegten Ziffern, Minuten- und Stundenzeiger.

Während Certina auf ein Saphirglas setzt, wird das Zifferblatt bei der Junghans von einem Hartplexiglas überwölbt, was die linsenförmige Silhouette des Uhrengehäuses, von der Seite betrachtet, unterstreicht. Das Edelstahlgehäuse verjüngt sich nämlich wie ein Kegelstumpf zu einem relativ kleinen, vierfach verschraubten Mineralglasboden, und so wirkt die Junghans aus allen Perspektiven wesentlich kleiner als die Certina – obwohl sie das gar nicht ist. Die Kaschierung ihrer wahren Größe gelingt der Meister Telemeter besser als dem Certina DS Chronograph, der für seinen authentischen Vierziger- Jahre-Look eigentlich einen Tick zu groß geraten ist. Ohne verschraubte Krone ist das Junghans-Gehäuse allerdings nur bis 30 Meter wasserdicht, d. h. zum Schwimmen oder Duschen eher nicht geeignet.

TRAGEGEFÜHL, BEDIENUNG, ABLESBARKEIT

Hinter dem Glasboden ist die Mechanik des ETA 2892-A2 zu sehen, das mit Schliffen und blauen Schrauben verfeinert wurde. Das Chronographenmodul ist zifferblattseitig aufgesetzt.

Peter Braun: Eine Eigenart des in der Certina verbauten Uhrwerks scheint zu sein, dass der Start des Chronographen in zwei kleinen mechanischen Schritten erfolgt. Dies ist mit sensibler Fingerspitze im Drücker zu spüren: Nach dem ersten leisen Knacken ist der Chronographen- Mechanismus betriebsbereit, doch eingekuppelt wird erst nach dem zweiten Knacken. Zum Starten einer Messung muss man also fest zudrücken. Beim Zwischen stopp geht der Mechanismus wieder in den «Hab acht!»-Modus zurück, und erst beim Rückstellen werden die Räder komplett aus dem Eingriff genommen.

Da ist die Bedienung der olivenförmigen Chronographendrücker der Junghans um einiges leichtgängiger als bei der Certina, die herausgezogene Krone aktiviert – wie bei der Certina auch – den Sekundenstopp zum exakten Einstellen der Uhrzeit – mit den eingangs erwähnten Schwierigkeiten.

Das Armband aus weichem Kalbsleder steht der leichten Meister Telemeter ausgezeichnet und überzeugt mit prima Tragekomfort. Auch am Armband der Certina gibt es nichts zu mäkeln, ist es doch löblicherweise mit einem Schnellwechselsystem durch Bandstege mit Riegel ausgestattet. Die Doppelfaltschließe wirkt bei einem Chronographen in dieser Preisklasse ziemlich edel. Allerdings drückte sie mir beim Tragen ein wenig auf die Pulsader.

Martin Häußermann: Da kann ich dem Kollegen nicht ganz widersprechen. In Sachen Tragekomfort liegt auch bei mir die Junghans vorn. Mit gerade einmal 60 Gramm ist sie ein Hauch von nichts und am Arm kaum zu spüren. Dazu trägt der linsenförmige Boden ebenso bei wie das handschuhweiche Band mit einer konventionellen, aber sehr schön gemachten Stiftschließe. Eine Faltschließe wäre nicht nur stilistisch unpassend, sondern sie würde auch die Idee eines federleichten Chronographen kompromittieren. Zum niedrigen Gewicht trägt auch das Hartplexiglas bei, das allerdings auch kratzempfindlicher ist als Saphirglas. Letzteres lässt sich, auch nach dem Kauf, gegen einen Aufpreis von 300 Euro nachrüsten. Das dürfte die Gewichtsbilanz nicht nachhaltig beschädigen.

Die Certina ist mit genau 104 Gramm um einiges schwerer, was sie einen beim Tragen auch spüren lässt. Dafür kommt sie sozusagen mit Vollausstattung, also Saphirglas, Schnellwechselsystem fürs Band und einer Doppelfaltschließe. Da kann man nicht meckern. Mich hat die Schließe übrigens nicht gedrückt. Was mich wirklich stört, sind der schwergängige Start-Stopp-Drücker und die Tatsache, dass man ihn anfangs quasi zwei Mal drücken muss, um den Stoppsekundenzeiger in Gang zu setzen. Gut, Valjoux-Stopper verlangten schon immer einen kräftigen Druck zum Start, liefen dann aber auch spontan los. Dass man bei der technischen Weiterentwicklung des Chronographen-Klassikers nun «vorglühen» muss, ist gewiss kein Fortschritt.

TECHNIK, AUSSTATTUNG, GANG

Die Meister Telemeter wirkt nicht nur optisch schlank, sondern ist auch am Arm kaum zu spüren. Der Tragekomfort ist vorbildlich.

Peter Braun: Auch wenn der Kollege an dieser Stelle mit seiner Kritik durchaus recht hat, sollte man das an der bewährten Valjoux-Architektur orientierte ETA Kaliber A05.H31 nicht in Bausch und Bogen in die Pfanne hauen. Schließlich bietet es im Vergleich zum Modul-Chronographenwerk der Junghans eindeutig die modernere Technik. Die Silizium-Spirale ist so dünn und kurz, dass man sie kaum sehen kann, und dabei doch so stark, dass im Zusammenspiel mit effizienteren Verzahnungen im Räderwerk eine Gangreserve von 60 Stunden zusammenkommt.

Wer durch den Glasboden der Meister Telemeter blickt, sieht nicht viel Spannendes. Denn das Junghans Kaliber J880.3 ist eine Sandwichkonstruktion – ein ETA 2892-A2 als Antrieb, kombiniert mit einem Stoppuhraufsatz von Dubois Dépraz. Allerdings ist der Chronographen-Mechanismus zifferblattseitig aufgesetzt, sodass er für den Betrachter unsichtbar bleibt. Aber was vom Junghans-Werk zu sehen ist, das ist zumindest schön finissiert mit Stern-Logo und Junghans-Schriftzug auf dem Aufzugsrotor sowie Zierschliffen (Perlagen am Werk, Streifenschliffe an der Rotorwange) und gebläuten Schrauben.

Martin Häußermann: Manche mögen jetzt den Kopf schütteln und mich einen Erbsenzähler nennen, aber es will mir nicht recht einleuchten, warum Junghans dem Uhrwerk eine eigene Kalibernummer gibt. Das impliziert für mich immer ein Manufakturwerk, was es ja nun definitiv nicht ist. An Funktion und Bedienung des Modulchronographen hingegen gibt’s keine Kritik, an der Gangleistung nur wenig. Unsere Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 ermittelte bei Vollaufzug einen durchschnittlichen Vorgang von 2,6 Sekunden pro Tag (s/d), was sich beim Kollegen am Arm auch bestätigte, wo sie beständig und sehr genau täglich um die zwei Sekunden pro Tag ins Plus lief. Auch bei mir lief die Junghans über sieben Tage sehr stabil, allerdings mit einem Vorgang von 6 s/d. Das liegt wohl an den unterschiedlichen Tragegewohnheiten der Träger und ließe sich in meinem Falle auch vom Uhrmacher noch einregulieren. Allerdings erscheint mir die durch die Witschi ermittelte maximale Lagendifferenz von 10,9 s/d ein bisschen zu hoch.

Hier hat das in der Certina verbaute ETA A05.H31 mit seiner Silizium-Spirale einen Vorteil. Die Zeitwaage ermittelte eine maximale Lagendifferenz von 2,9 s/d und einen durchschnittlichen Vorgang von 3,5 s/d. Bei mir lief sie im Alltag stabil täglich drei Sekunden ins Plus, beim Kollegen zweieinhalb.

Die schlichte, aber gut gemachte Stiftschließe passt bestens zur schlanken und dabei leichten Meister Telemeter.

FAZIT

Martin Häußermann: Jetzt habe ich ja hier wie da ein bisschen gemosert, aber auch gelobt. Wir haben hier zwei ziemlich gleichwertige Uhren. Das macht die Entscheidung nicht einfacher. Wegen des Tragekomforts – und auch emotional – bin ich näher am Produkt aus dem Schwarzwald. Ich würde mich also für die Junghans entscheiden. Aber wer die Certina nun schöner findet, macht auch keinen Fehler.

Peter Braun: Die Schönheit allein ist es nicht, die mich in diesem Falle eher für die Certina einnimmt. Bei den Schweizern gibt es schon ziemlich viel Uhr fürs Geld, und die Robustheit des Chronographen kommt meinen ruppigen Tragegewohnheiten sehr entgegen. Die Junghans ist eine sehr detailreiche Hommage an die Schramberger Industriekultur und gefällt mir mit ihrem hohen Tragekomfort.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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