Stoßsicherung in modernen Uhrwerken

Kleines Teil mit großer Wirkung

Robust soll sie sein, haltbar und stabil: Heute erwartet man von einer mechanischen Uhr mehr als Alltagstauglichkeit. Diese Ansprüche können dank einer stoßgesicherten Unruhwelle erfüllt werden – eine kleine Konstruktion mit großer Wirkung.
Paraflex-Antischocksystem von Rolex
Herzstück des Paraflex-Antischocksystems von Rolex ist eine neu konstruierte Feder, die fest mit dem Support verbunden ist.

Der Einfallsreichtum von Uhrmachern erscheint grenzenlos. Ein Beispiel für dieses Talent ist das Thema Stoßsicherung – eine Konstruktion, mit der in mechanischen Uhrwerken die sensible Unruhwelle geschützt wird. Noch in den 1960er Jahren gab es unzählige Konstruktionen zur Stoßsicherung – mittlerweile aber haben sich zwei Systeme durchgesetzt: In den meisten mechanischen Uhrwerken finden sich heute Stoßsicherungssysteme der beiden Schweizer Firmen Incabloc SA in La Chaux-de-Fonds und Kif Parechoc SA in Le Sentier.

Ihre Produkte wirken nach dem gleichen Prinzip: Loch- und Deckstein, in denen der Zapfen der Unruhwelle dreht, sind federnd gelagert. Übrigens genügt es, die Unruhwelle auf diese Weise zu schützen. Die Wellen von Werkrädern sind robuster und werden auch bei starken Stößen nur selten beschädigt. Sie drehen sich daher in starren Lagern.

Flexibilität schützt

Stoßsicherung von Kif Parechoc.
Ganz oben und ganz unten erkennt man die Einzelteile einer Stoßsicherung von Kif Parechoc mit Feder, welche die Lagersteine an ihrem Platz hält.

Im Gegensatz dazu wird die Unruhwelle federnd gelagert. Dafür presst eine Feder den lose liegenden Deckstein in die Lagerschale. Wirkt nun durch einen Stoß oder eine Erschütterung Bewegungsenergie auf die Zapfen der Unruhwelle, kann diese an die Lagerung abgegeben werden. Zudem ist ein seitliches oder vertikales Ausweichen möglich. Die Funktion der Feder, die den Deckstein an seinem Platz hält, besitzt zudem eine rückführende Kraft. Dadurch sorgt sie dafür, dass die Unruhwelle nach einer Erschütterung wieder richtig positioniert wird.

Gängige Stoßsicherungssysteme bestehen in der Regel aus jeweils fünf Einzelteilen. Die Basis ist eine ringförmige Komponente aus Hartmessing, die in den Unruhkloben beziehungsweise in die Platine eingelassen ist. Sie hält die weiteren Teile. Zu diesen gehört ein in ein Futter gepresster Lager- bzw. Lochstein («Pierre à trou»), in dem sich der Zapfen dreht. Über diesen Teilen liegt ein ungebohrter Deckstein. Er ist auf der Seite des Unruhzapfens flach und nach außen gewölbt. Dieser Deckstein wird auf der anderen Seite durch den Druck einer flachen Feder an seinem Platz gehalten.

Hoch spezialisierte Industrie

Patentiert wurde dieses System 1929 und ab 1933 unter dem Namen Incabloc verkauft. Das gleichnamige Unternehmen ging im Zuge der «Quarzkrise» in einer neuen Gesellschaft, der Incabloc SA, auf, die 1988 von Eric Zutter gegründet wurde.

Ein weiterer bedeutsamer Hersteller von Stoßsicherungen ist die Firma Kif Parechoc, seit 2007 Tochtergesellschaft der Arcotec Group. Kif Parechoc wurde 1944 durch Georges Claude Aubert als Hersteller von Stoßsicherungssystemen gegründet, die nach dem gleichen Prinzip wie die Incabloc-Stoßsicherung arbeiten.

System UlyChoc von Ulysse Nardin.
Detailliert Blick auf das Stoßsicherungssystem UlyChoc von Ulysse Nardin.

Stoßsicherungen von Incabloc und Kif Parechoc sind heute in den meisten gängigen Uhrwerken im Einsatz, doch es gibt auch weitere Systeme, die von Uhrenherstellern für ihre Werke genutzt werden. So kommt bei Rolex das selbst konstruierte und patentierte Paraflex-Antischocksystem zum Einsatz. Das Kernstück dieser Verbesserung ist die Entwicklung einer neuen Feder, die Loch- und Deckstein am Platz hält.

Eine weitere Eigenkonstruktion in Sachen Stoßsicherung nutzt Ulysse Nardin in den Uhren FreakLab und FreakWing. In deren Uhrwerken kommt das UlyChoc-System zum Einsatz, das intern entwickelt und gefertigt wurde. Es ersetzt drei der Einzelteile gängiger Stoßsicherungen durch ein einziges Siliziumelement. Laut Ulysse Nardin sorgt dies für mehr Effizienz: Spiel und Reibung zwischen den einzelnen Bauteilen werden vermindert und die Unruhwelle nach einem Stoß wieder perfekt zentriert. Und das ist es schließlich, was eine Stoßsicherung leisten muss.

Text: Iris Wimmer-Olbort

Lesen Sie weiter:

Erfahren Sie mehr über die Historie der Stoßsicherung für mechanische Uhrwerke

Bildergalerie
Ähnliche Artikel
Kommentare
    Keine Kommentare vorhanden.

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Artikel teilen

Bitte wählen Sie eine Plattform, auf der Sie den Artikel teilen möchten:

Beitrag melden

Ihr Name:

Ihre E-Mail-Adresse

Bitte beschreiben Sie kurz, warum dieser Beitrag problematisch ist:


xxx
Newsletter-Anmeldung

* Pflichtfeld

** Ihre Daten werden von der HEEL Verlag GmbH gespeichert, um Ihnen Informationen zukommen zu lassen. Ihnen entstehen weder Kosten noch Verpflichtungen. Sie können sich jederzeit wieder vom Newsletter abmelden und aus dem Postverteiler streichen lassen.