Extraklasse: David Candaux

Volle Schräglage

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In der recht überschaubaren Gruppe der hoch spezialisierten Schweizer Uhrmacher genießt David Candaux einen sehr guten Ruf.
David Candaux 1740 "The First 8". Die Seitenansicht zeigt die schiefe Ebene der Werkoberfläche und die ungewöhnliche Anordnung der Krone.
Asymmetrisch und leicht pultförmig ist die erste Komplikationsuhr aus der Linie 1740 von David Candeaux.

Nicht nur, weil er über ein herausragendes Talent verfügt (was auch die Manufakturen bestätigen, für die er in den letzten zehn Jahren gearbeitet hat), sondern auch, weil er ein sehr sympathischer Kollege ist, hilfsbereit, bescheiden und freimütig im Teilen von Erfahrungen und Erkenntnissen, die manch anderer Uhrmacher lieber für sich behält.

Er selbst hat viel von seinem Vater und Großvater gelernt, die ihn schon im zarten Alter von 14 Jahren an den Werktisch lockten. Und da sitzt er heute wieder, in Le Solliat, einem kleinen Fleckchen oberhalb von Le Sentier im «Uhrental».

Traditionell, aber anders

David Candaux hätte ein ganz klassisches Tourbillon konstruieren können, ausgestattet mit allen Raffinessen der Mechanik und atemberaubend finissiert bis in die kleinsten Details. Für solche Stücke findet man auf der Welt immer einen Käufer. Aber offenbar genügte ihm das nicht, und so beschloss er, seine ersten acht Patente in einer außergewöhnlichen Vitrine zu verpacken.

Die 1740 – The First 8 wirkt nur auf den ersten Blick rund, in Wahrheit ist das ein perspektivischer Trick, der auf der Kombination aus sanfter Pultform und tropfenförmigem Oval beruht. Die Zeitanzeige wurde auf ein kleines Zifferblatt rechts vom zentralen Sekundenzeiger verbannt, wo Stunden- und Minutenzeiger ein stark gewölbtes elfenbeinfarbenes Zifferblatt bestreichen. Links vom Sekundenzeiger erhebt sich ein aufreizend schräg stehendes, fliegend gelagertes Tourbillon aus den Tiefen des Uhrwerks und verleiht dem Gesicht der Uhr eine faszinierende Dreidimensionalität. 

Der aus Titan gefertigte, kugelgelagerte Käfig ist nur wenig aus der Horizontalen geneigt (3°), um dem keil- bzw. pultförmigen Aufbau der Platine Rechnung zu tragen. Dagegen ist die Unruh mit ihrer Breguet-Spirale dem Käfig gegenüber um volle 30° verschränkt und scheint im Laufe der sechzig Sekunden Umlaufzeit des Tourbillons ein wenig zu torkeln. Das verwirrt offenbar nicht nur das Auge des Betrachters, sondern auch die Schwerkraft, die dadurch keinen dauerhaften Ansatzpunkt findet.

Der Reiz der springenden Sekunde

Nicht genug, dass der Käfig des Fliegenden Tourbillons gegenüber der Grundplatine um 3° geneigt ist. Die Unruh ist außerdem um 30° zum Käfig verschränkt.

Der oben erwähnte Sekundenzeiger steht nicht nur im geometrischen Zentrum des Zifferblatts, sondern auch im Mittelpunkt des Zeitgeschehens nach der Definition von David Candaux. Ein Federspeicher mit konstanter Kraft lässt den schlanken Goldzeiger nur alle fünf Sekunden springen. Zeigersprünge von 30° hat die Armbanduhrenwelt noch nicht gesehen.

Dahinter stehen einige intelligente Ideen, einerseits der Einsatz einer konstanten Kraft, die zwischen Federhaus und Tourbillon vermittelt und die in die Hemmung fließende Energie reguliert. Das kommt der Ganggenauigkeit zugute. Andererseits erleichtern die langen Pausen zwischen den Zeigerbewegungen die Arbeit des Regleurs. Schließlich sorgt die konstante Kraft dafür, dass das Uhrwerk stehen bleibt, sobald die Antriebsenergie einen kritischen Wert unterschreitet.

Solange die Uhr läuft, ist im Umkehrschluss maximale Präzision garantiert und der Träger der Uhr kann sich sicher sein, dass die angezeigte Uhrzeit stimmt. Und nicht zu vergessen: Der springende Zeiger ist ein unvergleichliches Schauspiel!

Außergewöhnliche Verarbeitungsqualität

Die Oberflächen der Brücken sind leicht aus der Waagerechten gekippt und bilden ein Schindelmuster mit speziellem Schliffbild.

Die Brücken an der Rückseite des Uhrwerks sind um jeweils 3° ihren Nachbarn gegenüber gekippt und schräg gestaffelt, um eine regelmäßige Wellenlandschaft zu bilden. Ein besonderer Zierschliff («Côtes de Solliat») sowie penible Anglierungen lassen die Werkoberflächen leuchten und strahlen. Um einen sauberen Lauf des Räderwerks sicherzustellen, sind natürlich auch die Achsen sämtlicher Zahnräder um 3° der Grundplatine gegenüber geneigt.

Bedient und kontrolliert wird das Uhrwerk über eine am unteren Gehäuserand versenkte Krone. Der Mechanismus, mit dem sich die Krone auf sanften Druck mit der Fingerkuppe durch die drei Positionen bewegen lässt, umfasst nicht weniger als 31 Einzelteile.

Das nach Chronometernorm geprüfte Handaufzugswerk besteht aus 309 Einzelteilen und verfügt über eine Gangreserve von 55 Stunden, angezeigt über eine zum Patent angemeldete Indikation bei der «12».

Das Edelstahlgehäuse hat einen Durchmesser von 43,5 Millimetern bei einer maximalen Höhe von 12,65 Millimetern und ist an seiner Zifferblattseite mit entspiegeltem Glas belegt. Das rückwärtige Glas über der Werkansicht wird in einem separaten Rahmen gehalten und lässt sich zu Reglagearbeiten aufklappen wie eine Motorhaube.

Acht Exemplare will David Candaux von seiner 1740 – The First 8 herstellen, zum Stückpreis von etwas über 200.000 Euro.

Text: Peter Braun

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