Die Uhr des Jahres 2024Wirbelwind on/off
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ARMBANDUHREN: Bei Breitling beschreibt man die Kollektion häufig mit den Begriffen «modern retro». Wie zeigt sich das beim Design?
Pablo Widmer: Viele Uhren gehen auf Originale aus der Geschichte von Breitling zurück. Man erkennt auf jeden Fall das jeweilige Basismodell wieder. Doch es geht darum, Formen in eine aktuelle Designsprache zu übersetzen und Details zu verändern, ohne dass die Essenz eines Designs verloren geht. Dieser Dialog zwischen Gegenwart und Historie ist das Spannende. Ein Design hat seinen Charakter und daraus entsteht wieder etwas Neues. Man überlegt sich, was damals die Intention war und was man heute damit erreichen will.
Welche Rolle spielen Trends bei Ihrer Arbeit? Derzeit werden Gehäuse ja wieder kleiner, auch Farbe wird wieder wichtiger.
Um eine klare gestalterische Haltung zu bewahren, beobachte ich die Neuheiten anderer Marken bewusst nur am Rande. Natürlich nimmt man gewisse Tendenzen wahr, doch das Wesen eines Trends ist oft flüchtig. Entscheidend ist für mich nicht, Trends hinterherzulaufen, sondern eine Formensprache zu entwickeln, die auch jenseits solcher Momentaufnahmen Bestand hat.
Sie sind seit mehr als sechs Jahren bei Breitling. Was war Ihr wichtigstes Projekt in dieser Zeit?
Bis vor kurzem hätte ich da noch die Top Time genannt. Das war die erste Kollektion, bei der ich intensiv an der Gestaltung beteiligt war – vor allem am Zifferblatt. Heute, während unseres Gesprächs, trage ich übrigens die Top Time Racing. Die Uhr definiert sich ebenfalls sehr stark über das Gehäuse mit der markanten Kissenform und dem sorgfältig ausgearbeiteten Finish. Für mich hat diese Uhr eine lockere und coole Art. Wenn es aber um das aktuell wichtigste Projekt geht, ist das eindeutig die Lady Premier. Eine komplett neue Kollektion, mit der Breitling wieder verstärkt in das Segment der Damenuhren geht – da sind natürlich viele Augen auf einen gerichtet und der Erwartungsdruck ist hoch. Zugleich ist es eine spannende Gelegenheit, unsere Designsprache weiterzuentwickeln.
Welche Gestaltungsidee zeigt sich in der Lady Premier Kollektion?
Die Grundidee war eine Damenuhr ohne Klischees. Daher vereinen die Modelle sowohl sehr weiche Formen und Flächen als auch harte Kanten wie etwa bei den Gehäusehörnern. Für mich muss eine Kollektion mit Damenuhren eine gewisse Breite bieten, um mehr als einen Typ Frau anzusprechen.
Auf welche Details haben Sie besonders geachtet?
Die Lady Premier definiert sich stark durch Form und Volumen. Daher war meine Idee, mehr Augenmerk auf das Gehäuse zu legen. Die Lünette steht dabei nicht im Vordergrund – sie ist bewusst schlank gehalten. Durch die Betonung des Gehäuses entsteht ein Spiel mit Licht und Reflexionen: Das Material fängt das Licht, sodass die Formen erkennbar sind. Nur durch die Lichtbrechung nimmt man auch das Volumen eines Objekts war – das ist auch bei einer Uhr sehr wichtig.
Auf welches Original geht die Lady Premier zurück?
Unsere Kollektion ist inspiriert von den Premier-Modellen aus den 1940er-Jahren, aus denen auch außergewöhnlich schön gestaltete Varianten wie die Premier Fantasies hervorgingen.
Welche Rolle spielt das Uhrwerk – Quarz oder Mechanik – beim Design?
Sowohl Quarz- als auch mechanische Werke haben ihre Vorteile: Ein Quarzwerk ermöglicht zum Beispiel ein flacheres Gehäuse, was neue Designmöglichkeiten eröffnet, während ein mechanisches Werk die Tradition und die Handwerkskunst der Uhrmacherei betont. Letztlich wählen wir das Uhrwerk immer im Zusammenspiel mit dem Gesamtkonzept der Uhr, um höchste Qualität und Ästhetik gleichzeitig zu gewährleisten.
Das Thema Nachhaltigkeit ist für Breitling wichtig und zeigt sich in der Kollektion etwa bei der Verwendung von Diamanten. Bleibt das ein wichtiges Thema?
Ja, absolut. Nachhaltigkeit ist für Breitling seit Jahren ein zentrales Thema. Sie prägt nicht nur den Einsatz und die Beschaffung von Materialien, wie etwa unser nachverfolgbares Gold oder unsere im Labor gezüchtete Diamanten von vertrauenswürdigen Lieferanten. Vielmehr spielt Nachhaltigkeit bei Breitling in vielen Bereichen eine entscheidende Rolle. Aus der Sicht eines Designers ist es besonders spannend, nachhaltige und ethisch beschaffte Materialien kreativ in das Design zu integrieren. Für mich ist Sustainability eng mit dem Begriff Luxus verbunden.
Nach elf Jahren in der Uhrenindustrie, davon über sechs Jahre bei Breitling: Was fasziniert Sie bis heute am Uhrendesign?
Das ist für mich noch genauso spannend wie am Anfang und ich habe dafür immer noch dieselbe Leidenschaft. Vielleicht wird das im Laufe der Zeit noch größer, denn mein Wortschatz in Bezug auf Design ist gewachsen. Heute kann ich mich durch mein Design ganz anders ausdrücken als noch vor ein paar Jahren. Da freue ich mich auf die künftige Weiterentwicklung. Ich glaube zudem fest daran, dass man auch künftig eine Armbanduhr tragen wird.
Natürlich hat jeder ein Handy, von dem man die Zeit ablesen kann. Aber das, was die Uhr in Bezug auf ihre Funktion verloren hat, das gewinnt sie auf eine symbolische Art und Weise. Für mich ist es fast schon romantisch, mir vorzustellen, dass man dieses Objekt nah am Körper trägt und es einen sehr eng begleitet.
Das Interview führte Iris Wimmer-Olbort