Neue Uhren aus dem Schwarzwald III

In der Heimat der Tüftler

Laco Jubiläumsuhr «Made in Goldstadt» zum 250. Jubiläum der Schmuck- und Uhrenindustrie in Pforzheim (598 Euro, vergriffen)

Pforzheim war einmal das Herz der deutschen Uhrenindustrie. 2017 gedachte die Stadt am Nordrand des Schwarzwalds der Ansiedlung der ersten Schmuck- und Uhrenfabrik im Jahr 1767 – lange vor Glashütte im Erzgebirge. Zehn Jahre später existierten in Pforzheim bereits 21 Unternehmen der Schmuck- und Uhrenherstellung, und als Ferdinand Adolph Lange in Glashütte seine ersten Uhren montierte, gab es in Pforzheim bereits 190 Betriebe (1864).

Ihren großen Aufschwung erlebte die Uhrenfabrikation in Pforzheim zwischen den beiden Weltkriegen. 1919 bezogen die ersten Lehrlinge die Uhrmacherabteilung an der Gewerbeschule. In den 1930er Jahren wurde mit staatlicher Unterstützung in Pforzheim eine Rohwerkeindustrie aufgebaut, um von Importen unabhängig zu werden. Rund 80 Pforzheimer Fabriken stellten auf die Herstellung kriegsnotwendiger Teile um. Wenige Tage vor Kriegsende wurde die Stadt Pforzheim bei einem Fliegerangriff innerhalb von 22 Minuten fast vollkommen zerstört.

Wirtschaftswunderuhren

Der Optimismus der Bewohner der Trümmerstadt ließ Pforzheim zu einem Symbol für den Wiederaufbau werden. Innerhalb weniger Jahre nahmen die Uhrenfabriken ihre Arbeit wieder auf und versorgten das deutsche Wirtschaftswunder mit der korrekten Uhrzeit. Obwohl die ersten Entwicklungen in Richtung elektronisch geregelte Uhrwerke aus Pforzheim kamen, zögerten die Uhrmacher in den siebziger Jahren etwas zu lange und verpassten den Anschluss an die boomende Quarztechnik. Der drastisch abgewertete Yen und turbokapitalistische Produktionsmethoden in der Freihandelszone Hongkong führten zu einer regelrechten Schwemme billiger Armbanduhren aus Fernost, welche die europäischen Uhrenhersteller in große Bedrängnis brachte. Einzig die Schweizer Uhrenindustrie überlebte – schwer angeschlagen – die «Quarzkrise». In Pforzheim gingen dagegen die Lichter aus. 

Renaissance der Mechanik

Das in den 1990er Jahren wiedererwachte Interesse an mechanischen Uhren brachte einige alte Pforzheimer Markennamen zu neuen Ehren und zahlreiche Arbeitsplätze zurück in die Region. Obwohl die Pforzheimer Firma Scheufele («EsZeHa») ihre Uhrenproduktion unter dem Markennamen Chopard in weiser Voraussicht in der Schweiz etabliert hatte, expandierte die Schmuckfertigung im Ortsteil Birkenfeld kräftig. Verschiedene Schweizer Uhrenmarken verlegten ihre Vertriebszentralen und Servicezentren nach Pforzheim – Maurice Lacroix zum Beispiel steuerte über den wichtigsten Markt Deutschland die internationale Kollektionspolitik lange Zeit von hier aus. 

Jörg Schauer und Walter Storz

Jörg Schauer

Der gelernte Goldschmied Jörg Schauer fand schon in den 1990er Jahren seinen eigenen Weg zur Uhr und machte sich mit markanten Edelstahl-Chronographen mit sehr «technischer» Anmutung und hochwertiger Ausstattung einen Namen. Parallel dazu sicherte er sich 1996 die Rechte an einem berühmten Pforzheimer Namen: Stowa, ein Akronym des Uhrmachers «Storz, Walter», der in Kriegszeiten Fliegeruhren nach militärischer Spezifikation baute und in den Wirtschaftswunderjahren mit preiswerten und modischen Armbanduhren reüssierte. 

Den Schritt zur Quarzuhr hat Stowa nie vollzogen, und auch Jörg Schauer bewahrt unter dem Markennamen althergebrachte Mechanik. Ihren Preis wert sind die neuen Stowa-Uhren, weil sich Schauer schon früh auf das Internet als einzigen Vertriebskanal spezialisiert hat und alle Uhren quasi zu Outlet-Preisen verkauft. In Engelsbrand, nur wenige Kilometer von der «Goldstadt» Pforzheim entfernt, hat sich Jörg Schauer mit einer modernen kleinen Uhrenfabrik im Gewerbegebiet etabliert und grübelt nun darüber, was er mit dem kürzlich erworbenen Dorfgasthof anfangen soll. Vorschläge zu Gestaltung und Verwendung des «Schwarzwaldhauses» nimmt Jörg Schauer gern entgegen. 

In Pforzheim zuhause

Zu den vielen Uhrenfabriken, die Pforzheim in den 1920er Jahren beherbergte, zählte auch die von Frieda Lacher und Ludwig Hummel 1925 gegründete Firma Lacher & Co., aus deren Anfangssilben sich der Name Laco ableitet. Hummel gründete 1933 die Uhrwerkfabrik Durowe, um Laco-Uhren für Zivilisten und Militärangehörige unabhängig ausstatten zu können. Beim Neubeginn nach dem Krieg spielte man die technischen Kompetenzen aus, etablierte die ersten Automatikuhren und schrieb 1961 mit der Laco Electric ein Kapitel Uhrengeschichte. In den folgenden Jahren wurde das Laco-Sortiment weiter ausgebaut, wenngleich die Produktion hauptsächlich mit der Fertigung von Private-Label-Uhren ausgelastet war. 

Im Zuge der Wiederbelebung der mechanischen Uhr erkannte man das historische Potenzial der Marke Laco. Die heutige Kollektion besteht aus modernen Varianten klassischer Modelle der Firmengeschichte. Darüber hinaus bietet Laco Repliken von Flieger- und Marineuhren, basierend auf historischen Vorbildern, an. Abgerundet wird das Spektrum durch limitierte Kleinserien und mit großem Aufwand künstlich gealterte Fliegeruhren, die aussehen, als hätten sie die letzten Jahrzehnte in einem Erdloch überdauert …

Noch ein alter Name

Die Firma Aristo Vollmer GmbH ist ein echtes Pforzheimer Traditionsunternehmen. Vollmer wurde 1922 als Uhrband-Manufaktur gegründet. 1998 übernahm Hansjörg Vollmer, der Enkel des Gründers, den Firmenmantel von Aristo, wo bereits seit 1907 Uhrengehäuse und Uhren gefertigt wurden. 2005 schloss er die beiden Firmen zusammen. Die Uhrenkollektion ist aufgeteilt in die Bereiche Klassik, Design und Sport. Eine weitere Unterteilung gibt es im Mechanikbereich nach den Elementen Land, Wasser und Luft. In Pforzheim entstehen nicht nur die Designs der Uhren, sondern auch die Montage der Uhren findet hier statt. Preisgünstige, aber hochwertig ausgestattete Armbanduhren mit historischen mechanischen Uhrwerken aus ehemaliger Schweizer Produktion zählen ebenso selbstverständlich zur Modellpalette wie ansprechende Damenuhren und Repliken klassischer Militäruhren. 

Mit dem Uhrenlabel «Erbprinz» hat Aristo einen weiteren Schritt in die höherwertige Uhrmacherkunst vollzogen. Darüber hinaus werden auch noch Metalluhrbänder in der eigenen Manufaktur in der Erbprinzenstraße gefertigt.

Meister der alten Künste

Jochen Benzinger

Jochen Benzinger erlernte den Beruf des Schmuckgraveurs und hat sich außerdem von alten Pforzheimer Meistern im Guillochieren unterweisen lassen. Damit beherrscht er gleich zwei alte Handwerkskünste, die heute in Deutschland als Lehrberufe nicht mehr existieren. 1985 machte sich Benzinger mit diesem einzigartigen Know-how selbstständig. Er übernahm die alteingesessene Guillochier-Werkstätte Kollmar, die über einen exzellenten Ruf und – noch wichtiger – über einen umfangreichen Maschinenpark verfügte, den Benzinger während des Niedergangs der Pforzheimer Schmuckindustrie durch Zukäufe aus Konkursmassen systematisch erweiterte. 

Unter dem Label Benzinger Uhrenunikate produziert der künstlerisch geprägte Allround-Mechanicus hochwertige Skelettuhren mit Gravuren und Guillochierungen, aber nicht überall dort, wo Benzinger drin ist, steht auch Benzinger drauf. Jörg Schauer und Chronoswiss gehörten in den 1990er Jahren zu den ersten Kunden, die ihre Uhrwerke bei Benzinger veredeln ließen. Auch namhafte Schweizer Uhrenhersteller beauftragen den Pforzheimer mit der handwerklichen Veredelung von Uhrwerken und Komponenten. Außerdem ist er in den Marken Grieb & Benzinger sowie Jaeger & Benzinger involviert.

Alles von Hand gemacht

Wilhelm Rieber

Wilhelm Rieber baut ausschließlich Uhren mit Fliegendem Tourbillon, und dies buchstäblich seit dem Abschluss seiner Meisterprüfung im Jahr 1984. «Normale» Uhren gibt es nach Ansicht des Tüftlers schon genug, und irgendwie schient der stille Schwabe die Herausforderung zu suchen – Tag für Tag. Was uns schon bei unserem ersten Kontakt vor einigen Jahren faszinierte, ist die Tatsache, dass Wilhelm Rieber wirklich jedes Teil – also jede Schraube, jede Platine, jede Feder, jeden Zeiger – in seiner Werkstatt in Tiefenbronn einzeln anfertigt und nach alter Väter Sitte der Uhr anpasst, die gerade auf seinem Werktisch Gestalt annimmt. Ein knappes Jahr arbeitet Rieber an so einem Tourbillon-Unikat, weshalb sein uhrmacherisches Lebenswerk noch immer bequem in eine Schublade passt. Ganz nebenbei restauriert er alte Uhren von hoch komplizierten Astrolabien bis hin zu profanen Tischweckern, da ist sich der Meister für nichts zu schade.

Unlängst ist Wilhelm Rieber ein uhrmacherischer Quantensprung gelungen: Er hat eine Chronometerhemmung mit Feder so stark verkleinert und verfeinert, dass sie nicht nur in eine Armbanduhr, sondern sogar in das Fliegende Tourbillon einer Armbanduhr passte! Um sich eine Vorstellung von der Schwierigkeit der Teilefertigung zu machen, muss man sich vor Augen führen, dass das Gangrad einen Durchmesser von nur 5,5 Millimeter hat und die alles regulierende Gangfeder am Chronometer-«Anker» lediglich 6,6 Millimeter lang ist und an ihrer schwächsten Stelle 0,02 Millimeter misst! 

Zwanzig Jahre Understatement

Klaus Ulbrich

Als Klaus Ulbrich 1997 bei der Herrenberger Kreissparkasse wegen eines kleinen Gründungskredits vorstellig wurde und als Zweck die Produktion hochwertiger mechanischer Armbanduhren anführte, wurde ihm der Kredit verweigert. Der Begriff «Start-up» war noch nicht geprägt, doch genau darum handelte es sich bei der Gründung der neuen Uhrenmarke Temption.

Im Mittelpunkt der Temption-Designphilosophie steht ein Modell, das Ulbrich als Informationspyramide bezeichnet. An der Spitze dieser Pyramide stehen die zentrale Stunden- und Minutenanzeige, und andere Funktionen ordnen sich diesen unter, um die visuelle Priorität der zentralen Funktionen zu erhalten. Aus diesem Grund sind die Zifferblätter mattschwarz lackiert (höchster Kontrast zwischen Zifferblatt und Zeigern), und das Datumsfenster ist in der Zifferblattfarbe gehalten und nicht eingerahmt, um das Zifferblatt ruhig zu gestalten. Am unteren Ende dieser Informationspyramide steht das Markenlogo: Es ist für die Zeiterfassung am unwichtigsten und deshalb schwarz glänzend auf mattschwarzem Grund (bzw. mattweiß auf hellen Zifferblättern) gedruckt, wodurch es nur bei Seitenlicht zu erkennen ist. Auch sonst üben sich die Temption-Uhren im Verzicht auf Überflüssiges und alles, was nostalgisch ist oder nach «Retro» riecht. 

Seit zwanzig Jahren tanzen die Uhren von Klaus Ulbrich aus der Reihe, und dabei sind sie kein bisschen älter geworden.

Von Pforzheim nach Baden-Baden

Die Wurzeln der Uhrenmarke Jean Marcel gehen auf die Firma A. Gengenbach zurück, die bereits in den 1920er Jahren Armbanduhren herstellte. Inhaber Jürgen Kuhn dirigierte die Marke in den vergangenen Jahren zielsicher in Richtung anspruchsvolles Design und verlegte den Firmensitz von Pforzheim nach Baden-Baden. Die Kollektion bietet ein breit gefächertes Sortiment von mechanischen Uhren, deren aufwendige Gestaltung und Ausstattung in einem sehr günstigen Verhältnis zum geforderten Preis stehen.

Mit interessanten Details wie ungewöhnlich platzierten Datums- und Wochentagsfenstern, einer Telemeteranzeige am Gegenschenkel des zentralen Stoppsekundenzeigers oder einer in die Entspiegelung der Saphirgläser eingearbeiteten Geheimsignatur, die nur durch Anhauchen kurz sichtbar wird, heben sich die Uhren von Jean Marcel von uninspirierter Konfektionsware ab. Außerdem hat Kuhn die Faszination der extra- und ultraflachen Bauweise wiederentdeckt und bietet immer wieder entsprechende ästhetische und technische Leckerbissen an.

Text: Peter Braun

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