Probezeit: Stowa Flieger Klassik 6498 vs. Tourby Pilot Automatic

Privat-Piloten

Edle Fliegeruhren mit polierten Gehäusen oder galvanisch glänzenden Zifferblättern – so etwas tragen die Helden der Lüfte wahrscheinlich zum Smoking. Für normale Erdenbürger gehört der unübersehbare militärische Look indes eher in den Freizeitbereich oder eben in den beruflichen Alltag. Auch wenn sie einen Hauch von Luxus ausstrahlen, sind sich unsere beiden Probezeit-Kandidaten auch als Alltagsbegleiter nicht zu schade. Darauf haben die Erbauer schon geachtet, die man beide als bodenständige Unternehmer bezeichnen darf, auch wenn sie Fliegeruhren produzieren.

Stowa wurde 1927 in Pforzheim von Walter Storz gegründet. Seit 1996 gehört die Marke Jörg Schauer, der Stowa-Uhren im 2009 neu gebauten Firmensitz in Engelsbrand im Nordschwarzwald baut. Bei der Gestaltung seiner Uhren konzentriert sich Schauer zwar nicht immer, aber doch sehr oft an historischen Vorbildern aus eigenem Hause. Das gilt auch für unsere Probezeit-Kandidatin, die bezeichnenderweise auf den Namen Flieger Klassik 6498 hört. Die Ziffer steht für die Kalibernummer des hier eingesetzten ETA-Handaufzugswerks, das allenthalben auch «Unitas» genannt wird.

Das Unitas-Werk hat auch maßgeblich zur Gründung der noch jungen Uhrenmarke Tourby Watches geführt. Erdal Yildiz erbte die Taschenuhr seines Großvaters, in dem besagtes Uhrwerk nicht mehr so richtig ticken wollte. Auf der Suche nach uhrmacherischer Hilfe begann der junge Mann, selbst ein Interesse an der Uhrmacherei zu entwickeln, und betrieb sie während seines Studiums als Hobby, um im Jahr 2007 einen Beruf daraus zu machen.

Inzwischen hat sich die Marke Tourby, die in Hagen in Westfalen zu Hause ist, im Markt etabliert, auch wenn die Verkaufszahlen noch nicht in den Himmel schießen. Tourby Watches vertreibt seine Uhren wie Stowa ausschließlich direkt an die Kunden.

Erster Eindruck

Martin Häußermann: Als wir diese Probezeit planten, machten wir uns natürlich schon so unsere Gedanken, ob es sinnvoll ist, eine Handaufzugsuhr gegen eine Automatik antreten zu lassen. Letztlich bin ich froh, dass wir uns dazu entschieden haben, denn so können wir Ihnen mehr Vielfalt zeigen und nicht nur zwei komplett gleichartige Uhren unterschiedlicher Hersteller besprechen. Das gilt umso mehr, als beide Marken sowohl Handaufzugsmodelle als auch Automatik-Fliegeruhren im Programm haben. Und dann muss ich mich auch noch bei Erdal Yildiz bedanken, der vorschlug, anstelle des schlichten schwarzen Zifferblatts doch lieber das glänzend blaue zu nehmen. So haben wir nun wirklich die ganze Bandbreite, die dieses Segment bietet – ein bisschen shiny die Tourby Automatic mit galvanisiertem blauem Blatt und Zentralsekunde, sehr puristisch die Stowa Handaufzug mit lackiertem schwarzem Blatt und Kleiner Sekunde. Auf Logos und Typbezeichnung verzichten beide, was nicht nur mir, sondern auch meinem Umfeld sehr positiv aufgefallen ist. Ebenso die Tatsache, dass sich Verarbeitung und Ausstattung beider Uhren auf sehr hohem Niveau befinden – und das nicht nur im Verhältnis zu den geforderten Preisen. 1350 Euro kostet die Tourby Automatic (mit geschlossenem Boden), 1380 Euro verlangt Stowa für die Flieger Klassik 6498.

Peter Braun: Beide Uhren punkten bei mir auf Anhieb mit ihrer fundamental guten Ablesbarkeit. Klar gezeichnete Zifferblätter mit arabischen Ziffern, Indexstrichen und Minuterie, dazu scharf gezeichnete Zeiger und reichlich Leuchtmasse auf bewegten und unbeweglichen Anzeigeelementen: Hier steht die Uhrzeit im Vordergrund – und das ist gut so. Ich bin nämlich ein Freund gut ablesbarer Zeitmesser, und das nicht erst, seit meine Sehschärfe nachgelassen hat. Dass die beiden Uhren kein Datumsfenster haben, ist mir erst auf den zweiten Blick aufgefallen und insofern auch schon wieder unerheblich – ich hätte es ja ohne Brille wahrscheinlich eh nicht lesen können.

Die Tourby ist zwar nominell ein wenig kleiner im Durchmesser, wirkt aber wegen ihrer weit offenen Zifferblattschau größer als die Stowa. Dabei sorgt die geringe Bauhöhe von 10,6 Millimetern dafür, dass sie nicht wie eine Trainingshantel daherkommt. Die Stowa kann ihre Bauhöhe nicht kaschieren, trägt sich aber dennoch sehr angenehm und wirkt am Arm keinesfalls klobig. Die beiden Zwiebelkronen lassen sich angenehm greifen und drehen. Dass die Tourby Pilot 40 Automatic einen Tick eleganter wirkt als die Stowa Flieger Klassik 6498, liegt zweifellos an ihrem sonnengeschliffenen dunkelblauen Zifferblatt und dem für Fliegeruhren äußerst ungewöhnlichen Boxglas. Außerdem sind die Zeigerkanten poliert und nicht gebläut wie bei der Stowa. Deren mattschwarzes Zifferblatt hat auch seine Vorzüge, aber bei Druckqualität und Leuchtmassenauflage punktet die Tourby. Der haarfeine Zentralsekundenzeiger ist komplett mit SuperLuminova belegt und leuchtet nachts so hell wie der Rest des Zifferblatts. Wenn man hier etwas bemängeln will, dann höchstens die Lichtbrechung der Glaskante über der Minuterie, die je nach Blickwinkel etwas irritierend wirkt.

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

MH: Die hervorragende Ablesbarkeit hat der Kollege ja schon gelobt. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Auch an der Bedienung kann ich nicht herummäkeln. Bei beiden lassen sich die nicht verschraubbaren Kronen mit angemessener Kraft ziehen, dann rasten sie sauber ein. Die Zeiger lassen sich ohne fühlbares Spiel einstellen. Was im Testalltag ein wenig gestört hat, war die Tatsache, dass das Unitas über keinen Sekundenstopp verfügt. Beim Tragekomfort liegen beide gleichauf, in beiden Fällen sind die Lederbänder etwas steif und verlangen nach einer etwa zweiwöchigen Eintragezeit. Dann allerdings schmiegen sie sich schön ums Handgelenk.

Mir gefällt das Band der Stowa etwas besser, die Nieten am Bandanstoß und die Metallöse, die das Bandende aufnimmt, passen super zu einer Fliegeruhr. (Unter uns: Weil der geschätzte Kollege sonst immer über zu lange Bänder mault, hatte ich Stowa gebeten, doch extra ein kurzes Band montieren zu lassen. Ich komme ja auch mit längeren Bändern klar, aber man muss auch gönnen können …)

PB: Die schönen Raulederbänder beider Uhren waren am Ende der Probezeit wirklich handschuhweich und anschmiegsam, speziell das Pferdelederband der Tourby an seinen Kanten jedoch etwas speckig gescheuert. Es wäre interessant zu sehen, wie diese Bänder durch einen heißen, schweißtreibenden Sommer wie den letztjährigen kommen.

Das Band der Tourby schneidet bei mir etwas besser ab, weil es sich von 22 auf 18 Millimeter verjüngt und sich leichter unter die Schlaufen schiebt als bei der Stowa. Diese hat zusätzlich sogar noch eine Metallöse und wirkt mit ihren Nieten an den Bandenden insgesamt gröber. Die Uhr trägt sich an meinem schmalen Handgelenk aber ebenso angenehm wie die Tourby, wozu das dankenswerterweise mitgelieferte kurze Band seinen Teil beiträgt – weil kein so langes Bandende übersteht, das sich ständig unter der Manschette verheddert. Ein Pluspunkt für die Tourby ist die Lieferung in einem wunderschönen handgefertigten Leder-Reiseetui. Außerdem lese ich auf der Homepage, dass der Versand kostenlos ist – weltweit.

STOWA FLIEGER KLASSIK 6498
Hach, ist diese Schraubenunruh schön! Die klassische Unitas-Architek- tur wird durch sonnengeschliffene Aufzugsräder und gebläute Schrauben veredelt.
TOURBY PILOT AUTOMATIC
Die Kombination aus Glasboden, dekoriertem Werk und -haltering kostet bei Tourby Watches 400 Euro extra. Ob es das braucht, da gehen die Meinungen der Tester auseinander.

Technik, Ausstattung & Gang

PB: Dann schauen wir uns mal die Technik der beiden Uhren an. Hier unterscheiden sich die von einem braven «Unitas»-Handaufzugswerk (ETA Kaliber 6498) angetriebene Stowa und die mit einem ETA Automatikkaliber 2824-2 ausgestattete Tourby am deutlichsten voneinander, der Kollege erwähnte es ja schon. Bei der Finissierung der Uhrwerke sind sie sich hingegen schon wieder ziemlich ähnlich: Von hinten betrachtet, besteht keinerlei Verwechslungsgefahr mit einem militärischen Ausrüstungsgegenstand. Tourby verwendet ein 2824-2 im «Super Soigné»-Finish mit gebläuten Schraubenköpfen, perlierter Automatik- und Räderwerkbrücke und perliertem Werkhaltering aus Metall – das sind mir dann fast schon ein paar Perlen zu viel, und im Wahlfall würde ich wahrscheinlich für den geschlossenen Gehäuseboden mit Weltkartengravur optieren – und so 400 Euro gegenüber unserer Testuhr sparen.

Das Handaufzugswerk der Stowa-Fliegeruhr ist ebenfalls sehr fein finissiert, mit gebläuten Schraubenköpfen und einer perlierten Fläche unter der Unruh, was sehr interessant aussieht. Außerdem verfügt die Feinstellung über eine schön geschwungene Schwanenhalsfeder als Positionierung für den extralangen Rückerzeiger. Der Oldtimer der Uhrwerkszene hat leider keine Sekundenstoppvorrichtung, was angesichts der – an meinem Arm getragen – guten Gangwerte etwas schade ist.

Das modernere Automatikwerk der Tourby Pilot hat selbstverständlich einen Sekundenstopp, ging an meinem Arm mit - 5 Sekunden pro Tag (s/d) jedoch genauso schlecht wie bei meinem Kollegen ‒ auch wenn die Prüfprotokolle eine andere Sprache sprechen. Vielleicht war ich ja etwas ungestüm – in der Tragezeit von zwei Wochen verstecken sich zahlreiche Fahrradkilometer. Aber das gilt auch für die Stowa, welche die Erschütterungen trotz niedrigerer Schwingfrequenz besser wegsteckte.

MH: Also nein, ich würde das schön finissierte Werk der Tourby keinesfalls hinter dem optionalen Stahlboden verstecken. Das nimmt einem ja die Gelegenheit, die Uhr unter Freunden abzunehmen und stolz zu sagen: «Da, schau mal.» Was ich mir allerdings vorstellen könnte, wäre ein Glasboden mit einem etwas breiteren Stahlrand. Und zwar gerade so breit, dass der Werkhaltering, der den deutlichen Größenunterschied von Werk und Gehäuse ausgleicht, nicht mehr zu sehen ist. Tourby hat ihn zwar handwerklich gekonnt perliert, aber auch die schönste Dekoration ändert nichts daran: Ein Werkhaltering bleibt ein Werkhaltering – und lenkt vom Uhrwerk immer ein bisschen ab.

Da hat es Jörg Schauer leichter. Das Unitas war ursprünglich eben ein Taschenuhrwerk und passt deshalb ohne Weiteres in das 41-Millimeter-Gehäuse. Schlichte Strichschliffe auf den Brücken und eine mit Gold ausgeschwemmte Stowa-Gravur machen was her. Und dazu noch diese schön altmodische Schraubenunruh. Das hat was.

Mit der Werkveredelung können die Gangwerte hier wie da nicht mithalten. Obwohl, auf unserer Zeitwaage Witschi S1 Chronoscope haben wir doch sehr ordentliche Ergebnisse gemessen. Die Tourby glänzte hier mit einem durchschnittlichen Vorgang von 3,1 s/d bei akzeptablen Lagendifferenzen. Die Stowa kam im Labor immerhin auf durchschnittlich + 3,5 s/d, allerdings bei deutlich höheren Lagendifferenzen, was aber auch der Konstruktion des Uhrwerks geschuldet ist. Leider bestätigte weder die eine noch die andere Uhr an meinem Arm die Laborwerte. Die Tourby lief relativ gleichmäßig, allerdings mit - 5 s/d, während sich die Stowa durch meine Tragegewohnheiten gehetzt fühlte und den Vorgang von + 5 s/d am ersten Tag auf jeweils + 10 s/d an den vier Folgetagen steigerte. Was mutmaßlich daran lag, dass ich sie öfters mal ablegte und sie längere Zeit flach auf dem Tisch lag. Das Messprotokoll weist auch tatsächlich in der Lage «Zifferblatt oben» den stärksten Vorgang aus.

Fazit

MH: Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass man auch in dieser Preisregion charaktervolle und gut verarbeitete Fliegeruhren kaufen kann. Bei größeren Marken ist hier mitunter das Doppelte oder gar Dreifache fällig. Wobei man fairerweise sagen muss, dass Tourby und Stowa durch ihr Direktvertriebsprinzip die Handelsgewinnspanne sparen, was in großem Umfang dem Kunden zugutekommt. Ich bin ja eher Purist, weshalb bei mir persönlich die Stowa einen Hauch vorne liegt. Meine Söhne hingegen hätten sich nicht zuletzt wegen des schönen blauen Zifferblatts für die Tourby entschieden.

PB: Letzten Endes gibt bei mir das hochwertigere Zifferblatt der Tourby-Fliegeruhr den Ausschlag. Ich schätze die klare Ansage: Dies ist kein Weltkriegs-Relikt, sondern eine elegante Alltagsuhr mit robusten Trageeigenschaften und bester Ablesbarkeit. Dazu noch das weichere Band, und da ich auf den Glasboden verzichten würde, bekomme ich auch kein Problem mit dem mir etwas zu üppig geratenen Werkfinish.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann
Bilder: Martin Häußermann

Weitere Paarungen aus der Reihe «Probezeit»
Degussa Classic Edition vs. Union 1893 Kleine Sekunde
Springende Sekundenanzeige: Geophysic und Richard Lange
Zwei Schleppzeigerchronographen: Doppel-Felix vs. Sinn 910

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