Wasserdichtheit

Wenn die Uhr «baden geht»

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Wasser ist der natürliche Feind von Uhr und Uhrwerk. Deshalb widerstehen robuste Gehäusematerialien seinen Einflüssen, und ausgetüftelte Konstruktionen sorgen dafür, dass das zerstörerische Nass draußen bleibt. Uhrmachermeister Andreas Hentschel aus Hamburg hat die Technik perfektioniert und sogar im Inneren der Uhr geforscht.
ASchutz für Uhr und Uhrwerk
Auf dem Dach der Sylter Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts: Hier waren Uhren in einem Langzeittest der Witterung und der Meeresluft ausgesetzt.

Was passiert, wenn eine Uhr über Wochen im Wasser liegt? Und wie stark leidet ein Uhrwerk, wenn es einmal «baden geht»? Diese Fragen beschäftigen Andreas Hentschel, Inhaber der Hentschel Hamburg Uhrenmanufaktur, seit Jahren. Seine Motivation: die Eleganz und Ästhetik seiner klassischen Zeitmesser zu bewahren – trotz Schweiß, der beim Tragen auf die Uhr gerät und wie Meereswasser wirkt, trotz Belastung im Alltag durch Regen, Spritzwasser oder beim Sport.

Schritt eins war die hermetische Abdichtung von Uhrengehäusen – mit speziellen Dichtungen und entsprechenden Konstruktionen. Um deren Wirksamkeit zu überprüfen, fanden mehr als ungewöhnliche Experimente statt: In Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung und mit Fördermitteln des Bundeswirtschaftsministeriums wurden Versuchsreihen unternommen, in denen man Uhren extremen Beanspruchungen aussetzte. So wurden Uhren vier Monate lang in Meereswasserbecken versenkt, wo sie unter anderem Wellengang, Ebbe und Flut ausgesetzt waren. In anderen Experimenten schleppte man eine Uhr hinter einem Boot her, wo sie immer wieder in den Antriebsstrudel geriet, nach unten gezogen oder aus dem Wasser geschleudert wurde.

Schwere Belastungsproben

«Diese Tests haben interessante Erkenntnisse in Bezug auf das Material gebracht», bilanziert Andreas Hentschel. «Zum Beispiel ist kein Stahl rostfrei. Alle Uhrengehäuse, die länger im Wasser waren, sind angerostet. Als einziges tatsächlich korrosionsbeständiges Metall haben wir eine Bronzelegierung gefunden, die ursprünglich für Schiffsschrauben und nun auch für unsere Gehäuse verwendet wird.»

Nun galt es, die Anforderungen höherzuschrauben: Modelle der Hamburger Uhrenmanufaktur wurden Langzeittests in der Natur unterzogen. Dazu wurden Testuhren auf dem Dach der Sylter Wattenmeerstation des AWI sowie am vorderen Mast des Kreuzfahrtschiffs MS Deutschland befestigt. Hier waren sie über Monate ganz den Launen der Natur in verschiedenen Klimazonen ausgesetzt: Sonne, Salz, Wind, UV-Strahlung, Temperaturschwankungen und sogar Blitzeinschläge. Herausforderungen, denen die Uhren trotzen konnten.

Der schlimmste Fall

So sehr sich Andreas Hentschel über diese Widerstandsfähigkeit auch freute – ein Gedanke ging ihm nicht aus dem Kopf: Was passiert, wenn dennoch Wasser in ein Uhrwerk gerät? Dem ging man wieder im Rahmen diverser Tests akribisch nach: Uhrwerke wurden Leitungswasser, Salzwasser und Chlorwasser ausgesetzt und in regelmäßigen Abständen begutachtet. «Bereits nach vier Stunden ist ein Uhrwerk so angegriffen, dass man unter dem Mikroskop erkennt, dass alle Stähle eine Flugrostschicht haben. Und dazu muss ein Werk nicht einmal ganz nass werden – es genügt ein Flüssigkeitsnebel, damit sich Rost über alle Komponenten legt», erklärt Hentschel und sagt: «Bei einer teuren Uhr ist das ein Totalschaden.»

Schutz für Uhr und Uhrwerk
Das Hentschel-Manufakturkaliber HUW 1130 S, neu entwickelt auf Basis eines historischen Handaufzugswerks.

Diesen Fall will Hentschel seinen Kunden ersparen: Durch eine «wasserabweisende Langzeitschutztechnologie», die durch eine Mischung aus neuen Materialien und modernen Technologien sowie historischen Verfahren entsteht. Dies gelingt durch besonders glatte Oberflächen, die in der Kombination alter und neuer Techniken geschaffen werden. Neben Plasmapolituren und Nano-Beschichtung werden auch historische Dekorationstechniken genutzt. «Heute denkt man, all diese historischen Dekorationen, wie Streifenschliff, anglierte Kanten, gebläute Schrauben oder Räder mit einzeln polierten Zähnen, hätte man aus optischen Gründen vorgenommen. Das stimmt nicht: Heute wissen wir, dass es vor allem die Haltbarkeit des Uhrwerks und die Resistenz gegenüber Umwelteinflüssen erhöht», fasst Andreas Hentschel zusammen.

Erste Hilfe im Notfall

Bei allen Schutzmechanismen – im Fall der Fälle sollte der Uhrenbesitzer wissen, wie Erste Hilfe zu leisten ist. Dazu Andreas Hentschel: «Wenn Wasser in eine Uhr geraten ist und man nicht sofort zu einem Uhrmacher gehen kann, empfehle ich, die Krone zu ziehen und die Uhr an eine warme – nicht zu heiße – Stelle zu legen. Damit besteht die Chance, dass ein Teil der Feuchtigkeit wieder entweichen kann.»

Dann aber gilt es, schnellstmöglich einen Uhrmacher aufzusuchen. Bei den wassergeschützten Kalibern von Hentschel ist dabei weniger Eile als bei anderen Uhrwerken angebracht: Während diese eventuell schon nach Stunden Rost angesetzt haben, gilt bei den wassergeschützten Hentschel-Werken eine Frist von 72 Stunden. Dann aber ist auch hier eine Generalüberholung angesagt: Das Werk muss zerlegt, die Teile müssen gereinigt und die Unruh samt Spirale muss komplett ausgetauscht werden. Danach kann das Werk wieder zusammengebaut und an den erforderlichen Stellen geölt und gefettet werden, sodass es wieder läuft wie zuvor.

Text: Iris Wimmer-Olbort

Baden erlaubt?

Die offizielle Bezeichnung informiert darüber, bei welchem Druck und für welche Dauer eine Uhr dem Wasser ausgesetzt werden kann. «Wasserdicht» heißt, dass eine Uhr die drucktechnische Prüfung nach DIN 8310 besteht, also 30 Minuten unter einer Wassersäule von einem Meter (dort wirkt ein Druck von etwa 0,1 bar) und 90 Sekunden unter einer Wassersäule von 20 Metern (rund 2 bar) standhält. Dann darf ihre Wasserdichtheit als 3 bar beziehungsweise 3 atm angegeben werden. In der Praxis soll eine derart gekennzeichnete Uhr lediglich bei Regen oder beim Händewaschen mit Wasser in Berührung kommen, da sie ausschließlich für den allgemeinen Gebrauch bestimmt ist.

Ein wirklich sicherer Begleiter ins erfrischende Nass ist dagegen eine Taucheruhr. Die DIN 8306 für Taucheruhren schreibt vor, dass eine derart benannte Uhr drei Stunden in drei Metern Wassertiefe überstehen muss, sowie zwei Stunden in der angegebenen maximalen Wassertiefe.

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