Oyster Perpetual Deepsea Challenge

Titan der Tiefe

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November 2022. Rolex ist es gelungen, die extremen Anforderungen an ein Uhrengehäuse in knapp 11.000 Metern Tiefe mit einer «tragbaren» Armbanduhr zu erfüllen und diese nach allen Kriterien eines Superlative Chronometers in Serie zu produzieren.

Vor zehn Jahren tauchte der Filmemacher und Tiefseeforscher James Cameron mit seinem Unterseeboot auf den Grund des Marianengrabens, 10.908 Meter unter dem Meeresspiegel. Am Greifarm der «Deepsea Challenger» war eine Taucheruhr befestigt, die Rolex eigens für diese Mission gebaut hatte – als Hommage an die stählerne Experimentaluhr mit ihrem kugelförmig hoch aufragenden Plexiglas, die 1960 am Rumpf der «Trieste» mit dem Schweizer Tiefseeforscher Jacques Piccard und dem Amerikaner Don Walsh an den tiefsten Punkt der Erde getaucht war. Bei beiden Uhren handelte es sich um experimentelle Einzelanfertigungen ohne Bezug zur alltäglichen Tragesituation einer Armbanduhr. Nun ist es Rolex gelungen, die extremen Anforderungen an ein Uhrengehäuse in knapp 11.000 Metern Tiefe mit einer «tragbaren» Armbanduhr zu erfüllen und diese in Serie zu produzieren.

Großes Kino am Handgelenk

Dokumentarfilmer James Cameron tauchte 2012 in den Marianengraben. Dabei hatte er die Rolex Deepsea Challenge am Greifarm des Tauchboots.

50 mm Durchmesser sind natürlich eine klare Ansage, aber an einem kräftigen Unterarm macht die Oyster Perpetual Deepsea Challenge eine gute Figur, solange man nicht versucht, sie unter eine Manschette zu zwängen. 23,3 mm Höhe belegen eindrucksvoll, dass hier nicht an Material gespart wurde. Den überraschenden Tragekomfort verdankt die Uhr dem korrosionsbeständigen, leichten und doch mechanisch hoch belastbaren Titan RLX, einer von den Rolex-Metallurgen ausgesuchten Legierung von Titan (Grade 5). Die erste Titanuhr in der Geschichte des Unternehmens übernimmt hier den Staffelstab von der über Jahrzehnte optimierten Edelstahl-Legierung (904L), die aufgrund ihres schlechteren Leistungsgewichts diesmal nicht zum Zuge kam: hoch legiertes Titan ist nicht nur härter und zäher als Stahl, sondern auch erheblich leichter.

Links: Das Einzelstück der Rolex Deepsea Challenge von 2012 war ein untragbarer Stahl-Koloss mit 28,5 mm Höhe. Rechts: Die neue Deepsea Challenge aus Titan RLX wiegt 30 % weniger und baut 5 mm flacher – bei gleicher Belastbarkeit.

So ist die neue Deepsea Challenge nur wenig schwerer als beispielsweise eine goldene Sky-Dweller: Knapp 250 Gramm bringt der Kaventsmann auf die Waage, inklusive Gliederband und Faltschließe aus Titan RLX. Dass die Uhr nicht unter eine Hemdmanschette schlüpft, ist daher kein Beinbruch: Dank der Verlängerungssysteme Glidelock und Fliplock lässt sie sich mit einem Handgriff über dem Ärmel befestigen.

Extreme Belastungen

Faltschließe aus Titan RLX mit Glidelock-Verlängerungssystem.

Der Schlüssel zur extremen Druckfestigkeit liegt im Ringlock-System, das 2008 in der Rolex Deepsea Premiere feierte. Im Gehäusemittelteil eingebettet sitzt ein gehärteter Stahlring, der das Uhrwerk umgibt. An seinen Stirnseiten stützen sich sowohl der verschraubte Gehäuseboden als auch das gewölbte Saphirglas ab und entlasten damit das Gehäuse von den enormen Drücken, die in großen Tauchtiefen astronomische Werte erreichen: Fast 12 Tonnen lasten in 11.000 Metern Tiefe auf dem Glas der Oyster Perpetual Deepsea Challenge!

Für Dichtungen ist unter Boden und Glas kein Platz, und jegliche Elastizität wäre bei diesen Drücken eine Katastrophe. Anders bei der – prinzipiell – serienmäßigen Triplock-Aufzugskrone, die mit drei Dichtungen ausgestattet ist. Im fest verschraubten Zustand der Krone kommen die beiden inneren Dichtungen im Gehäuse kaum zum Tragen. Die Krone trägt übrigens unter dem Kronen-Logo die drei Punkte als Kennzeichnung der Triplock-Technik, doch ist der mittlere Punkt wie ein kurzer Strich geformt – ein dezenter Hinweis auf das Material Titan RLX.

Die Bodengravur trägt die Daten der Tauchgänge von 1960 (Piccard und Walsh) und 2012 (Cameron).

Die neue Deepsea Challenge verfügt wie andere Modelle der Sea-Dweller-Familie über breitere Zeiger und Stundenmarker aus Gold, die mit einer bei Dunkelheit in Blau strahlenden Leuchtmasse ausgelegt sind, die unter Wasser besser erkennbar sein soll als weiße. Ein Punkt dieser Leuchtmasse ziert auch das Dreieck auf der Lünette, das den Nullpunkt markiert. Der Cerachrom-Ziffernring besteht aus Hightech-Keramik mit versenkten und mit Platin ausgelegten Ziffern und Teilstrichen.

Und schließlich verfügt die Oyster Perpetual Deepsea Challenge wie ihre Schwestermodelle über ein automatisches Heliumventil, was in erster Linie Berufstaucher zu schätzen wissen. Diese pausieren zwischen zwei Tauchgängen in großer Tiefe in speziellen Kapseln und atmen dort ein spezielles Hochdruck-Gasgemisch ein, das insbesondere Helium enthält. Helium als hochflüchtiges Gas diffundiert in dieser Zeit auf atomarer Basis ins Gehäuse ein. Beim Auftauchen ändern sich die Druckverhältnisse, und das eingeströmte Helium kann durch das Ventil kontrolliert entweichen, anstatt das Glas abzusprengen. Selbst ambitionierte Tauchamateure werden diese Sicherheitseinrichtung kaum jemals nutzen, aber am Ende wird auch niemand mit der Uhr am Handgelenk 11.000 Meter in die Tiefe tauchen.

Keine falschen Versprechungen

Rolex wählte eine spezielle Titan-Legierung mit hoch kratzfester Oberfläche und extremen Festigkeitswerten.

Diskussionen über die Sinnhaftigkeit einer auf die Spitze getriebenen Robustheit, die sämtliche Maßstäbe sprengt, können die Konstrukteure und Uhrmacher von Rolex nicht anfechten. Ihr Lastenheft war klar formuliert, und sie wichen keinen Fingerbreit von den Richtwerten ab. Das Ziel war es, ein in Serie herstellbares und im Alltag tragbares Pendant zur Experimentaluhr der Rolex Deepsea Challenge von James Cameron zu entwickeln, und das ist ihnen gelungen. Die Gehäusehöhe über Glas schrumpfte von 28,5 mm auf 23,3 mm, wobei der bombierte Saphir mit 9,5 mm Stärke fast die Hälfte der Höhe beansprucht. Das Gewicht konnte von fast 380 Gramm bei der Stahluhr von James Cameron dank Titangehäuse und -band auf circa 250 Gramm reduziert werden. Und das bei einer geprüften Wasserdichtheit bis 11.000 Meter Tauchtiefe, wobei man bei Taucheruhren ja noch 25 Prozent Sicherheitsmarge zugibt – also 13.750 Meter!

Auch das Uhrwerk leistet seinen Beitrag zur Alltagstauglichkeit, denn in den letzten zehn Jahren hat sich in der Rolex-Werkeproduktion in Biel auch hier einiges getan. Das in der Deepsea Challenge verbaute Automatikkaliber 3230 (ohne Datumsanzeige) repräsentiert den «State of the Art» mit Chronergy-Hemmung, Parachrom-Spirale und Paraflex-Antischocksystem der Unruh. Zu der größeren Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern gesellt sich eine deutlich erhöhte Gangreserve von über 70 Stunden nach Vollaufzug.

Für die Wasserdichtheitsprüfung bis 13.750 Meter (inkl. Sicherheitsmarge) musste Rolex-Partner Comex einen neuen Druckbehälter bauen.

Inzwischen durchlaufen alle Rolex-Uhren eine hauseigene Ganggenauigkeitsprüfung, bei der die von der COSC vorgeschriebenen Chronometer-Toleranzen (-4 bis +6 s/d) noch einmal halbiert werden (auf -2 bis +2 s/d). Der Prüfdurchlauf erfolgt vollautomatisch in verschiedenen Lagen bei verschiedenen Temperaturen mit komplett montierten Uhren, die abschließend auch noch gleich auf ihre Wasserdichtheit geprüft werden.

Bis zu 5000 Meter Wassertiefe können die Prüftanks im Keller des Rolex-Hauptquartiers in Genf simulieren – zu wenig für die Oyster Perpetual Deepsea Challenge, weshalb in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren der französischen Spezialfirma Comex (Compagnie Maritime d’Expertises) eine kompakte Hochdruckkammer für bis zu 1500 bar entwickelt wurde.

Einzelfertigung nach Großserienmaßstäben

Die Oyster Perpetual Deepsea Challenge ist die erste Titanuhr von Rolex.

Diese steht in einer neu eingerichteten Abteilung für die Extrem-Taucheruhr, in der auch sämtliche anderen Prüfungen für das hauseigene Zertifikat «Chronometer der Superlative» durchgeführt werden, außerhalb des vollautomatisierten Prüfbetriebs der beiden rund um die Uhr laufenden Anlagen im vierten Stockwerk unter der Erde. Allein die Dichtheitsprüfung, bei welcher der Wasserdruck in der Kammer zwei Stunden auf dem Äquivalent der in 13.750 Metern Tiefe herrschenden Drücke gehalten wird, dauert mit Druckauf- und -abbau über vier Stunden. Acht Uhren passen in die Druckkammer; rechnen Sie selbst aus, wie viele oder – besser noch – wie wenige Uhren am Ende einer Schicht ihren Weg in die Versandabteilung antreten.

Die Einzelteile der Deepsea Challenge mögen ja noch auf den Bearbeitungszentren der Rolex-Gehäusefabrik in Plan-les-Ouates gefertigt werden, doch die Montage der Komponenten erfolgt in einer kleinen Spezialabteilung, deren Mitarbeiter nicht nur auf das neue Material Titan RLX, sondern auch für die besonders hohen Anforderungen an die Montagepräzision extra geschult wurden.

Ahnenreihe: Von links die Rolex Deepsea (2008), die aktuelle Deepsea Challenge (2022), die «Old Lady» Deep Sea Special von 1960, die Rolex Deepsea Challenge (2012) und zum Vergleich eine Submariner von 1986. Im Hintergrund der «Deepsea Challenger» von Cameron und der Bathyskaph «Trieste» von 1960 im Modell.
Dass die Oyster Perpetual Deepsea Challenge ein seltener Anblick bleiben wird, ist also weniger ihrem Preis von 25.500 Euro geschuldet, obwohl dieser nach Rolex-Maßstäben für eine nicht aus Edelmetall gefertigte Dreizeigeruhr schon recht hoch ist. Andere Uhrenhersteller haben damit bekanntlich kein Problem, und Uhrensammler sind inzwischen ja ebenfalls Kummer gewöhnt. Der Ansturm auf das neue Topmodell der Rolex-Taucheruhrenkollektion wird jedenfalls gewaltig werden – dies zu sagen, bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten. Die Oyster Perpetual Deepsea Challenge ist schließlich ein Metall gewordener Superlativ!

Text: Peter Braun

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