Probezeit: Mühle 29er Tag/Datum vs. Tutima M2 Coastline

Sachsen-Schick

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In unserer «Probezeit» vergleichen wir zwei elegante und dennoch robuste Alltagsbegleiter aus sächsischer Produktion. Sowohl die Tutima M2 Coastline als auch die Mühle 29er Tag/Datum verfügen über eine Wochentagsanzeige.

Wir waren – mal wieder, möchte man sagen – auf der Suche nach der Eier legenden Wollmilchsau unter den mechanischen Uhren. Eine Saisonneuheit sollte sie sein, schick sollte sie sein, dabei absolut alltagstauglich – und das Ganze zu einem erträglichen Preis. Doch, das alles gibt es! Sogar in Glashütte! Dort ist die Preisgestaltung eigentlich immer ein Thema. Bei Uhren mit Manufakturkaliber sowieso, aber auch in tieferen Preissegmenten, in denen Großserienmechanik zum Einsatz kommt, wie dies bei unseren Probezeit-Kandidaten Mühle 29er Tag/Datum und Tutima M2 Coastline der Fall ist. Schließlich gibt es die sogenannte Glashütte-Regel. Sie besagt, dass mehr als die Hälfte der Wertschöpfung am Uhrwerk in Glashütte erfolgen muss, wenn man den imageträchtigen Herkunftsort aufs Zifferblatt schreiben will. Das heißt im Klartext: Einfach Uhrwerke bei ETA oder Sellita einkaufen und einschalen, das geht nicht.
Die Regel, der sich alle Glashütter Uhrenbauer unterworfen haben, verlangt handwerklichen Einsatz am Uhrwerk im Müglitztal. Das geht speziell im Einstiegs- und Mittelpreissegment oft so, dass die Schweizer Uhrwerke in Glashütte zerlegt werden, um anschließend Gestellteile mit Schliffen und manuell gebrochenen Kanten zu veredeln, das Ganze wieder zusammenzubauen, Automatikwerke noch mit einem eigenen Rotor zu versehen und die Uhrwerke vor Ort penibel einzuregulieren.
So verfahren sowohl Tutima als auch Mühle bei unseren Probezeit-Kandidaten. Mühle spendiert dem Uhrwerk obendrein sogar noch seine selbst entworfene und gebaute Spechthals-Regulierung. Alltagstauglichkeit demonstrieren beide durch eine praktische Tag-Datum-Anzeige sowie hohe Wasserdichtheit von 10 bar oder 100 m bei der Mühle und sogar 30 bar oder 300 m bei der Tutima. Umso erstaunlicher sind die geforderten Preise von 1400 Euro für die Tutima und gerade einmal 50 Euro mehr für die Mühle. Aber bevor wir jetzt weiter ins Detail gehen ...

Die Mühle sticht mit ihrer Farbigkeit und einem detailreichen Zifferblatt ins Auge. Nur an die räumliche Trennung von Wochentag und Datum muss man sich ein bisschen gewöhnen.

Erster Eindruck

Martin Häußermann: Weil ich ja auch die ehrenvolle – und mit Verlaub nicht immer einfache – Aufgabe habe, die Uhren noch vor dem Test im Studio abzulichten, gibt mir das die Gelegenheit, beide Uhren auszupacken und quasi direkt – nein, mit Handschuhen natürlich! – Kontakt aufzunehmen. Dann lege ich beide Uhren nebeneinander und habe somit die große Chance, sofort direkte Vergleiche anzustellen und nach besonderen Details zu suchen. Auf den ersten Blick springt mir die Mühle eher ins Auge, was nicht zuletzt ihrer Farbigkeit geschuldet ist. Graues Zifferblatt mit farblich abgesetztem Réhaut, dazu ein Textilband, das äußerlich zwar mit dem Zifferblatt korrespondiert, innen aber rot – der Farbe des Sekundenzeigers – gefüttert ist. Verpackt ist das Ganze in einem Edelstahlgehäuse, dessen Mittelteil mattiert und der Rest auf Hochglanz poliert ist. Das erscheint mir sehr frisch, ohne aufgesetzt zu wirken.

Da gibt sich die Tutima distinguierter. Das wohlproportionierte Titangehäuse nimmt sich dank seiner schlichten Form und der durchgehend mattierten Oberflächen optisch zurück, wirkt dabei aber alles andere als langweilig. Konzipiert ist dieses Gehäuse ja eigentlich für die Kombination mit einem integrierten Titan-Gliederband. Mir gefällt die von uns gewählte Variante mit dem braunen Rindlederband fast besser, schließlich harmoniert dieses Band ganz ausgezeichnet mit dem feinen, grau galvanisierten Zifferblatt, vor dem ich mich in Ehrfurcht verneige. Das Einzige, was mich auf den ersten Blick stört, ist der für meinen Geschmack mindestens zwei Millimeter zu kurz geratene Minutenzeiger, der nicht annähernd in die Minuterie hineinreicht.

Peter Braun: Das galvanisch glänzende Zifferblatt der Tutima hat mich vom ersten Moment an fasziniert, weil es im Gegensatz zu anderen «edlen» Blättern die Ablesbarkeit nicht kompromittiert. Dicke Indexbalken und massive Leuchtzeiger sorgen für prima Kontraste, auch bei schlechten Lichtverhältnissen oder des Nachts.
Das heißt jetzt aber nicht, dass die Mühle schlecht abzulesen wäre! Trotz ihrer schönen polierten Zeiger und Stundenmarker hebt sich die Zeitanzeige sauber vom grauen Hintergrund ab, und auch die schmalen Leuchtmassestreifen sind bei Dunkelheit recht gut zu sehen. Interessant ist bei der Zifferblattgestaltung die Aufteilung von Wochentags- und Datumsfenster zu beiden Seiten der Zeigerachse, wohingegen die Tutima die konventionelle Anordnung bevorzugt. Deren Titangehäuse erfreut mich mit geringem Gewicht, und die integrierten Anstöße des dick gepolsterten Kalbslederbandes sind schon leicht vorgeformt, sodass sie sich angenehm ums Handgelenk schmiegen – das bei mir ja, wie sich der eine oder andere Leser erinnern mag, eher schmächtig ausfällt. Dazu gleich mehr.
Mühle hat der 29er Tag/Datum ein schönes ledergefüttertes Textilband spendiert, das sich weich um den Arm legt und mit einer schnörkellosen Dornschließe befestigt wird. Die Krone liegt gut geschützt zwischen zwei Flankenreitern und verfügt über ein langes Schraubgewinde. Das gilt auch für die Tutima-Krone, die sich wegen des fehlenden Flankenschutzes etwas besser greifen lässt. Dafür gewährt die Coastline dem Betrachter keinen Blick auf das Uhrwerk – die 29er von Mühle dagegen schon.
Obwohl die Tutima einen geringfügig größeren Durchmesser als die Mühle aufweist, wirkt sie kleiner – die Mühle erweckt mit ihrem hellen Réhaut den Eindruck einer deutlich größeren Zifferblattschau (was ebenfalls nicht stimmt ‒ der Glasdurchmesser beider Uhren ist mit 37 mm identisch). Das Gehäuse der 29er Tag/Datum fällt ziemlich hoch aus, was der aus Boden, Mittelteil und Lünette «aufgetürmten» Konstruktion zuzuschreiben ist. Mich stören am meisten die zahlreichen Nuten, Kanten und Ecken, die sich bei ernsthaftem Einsatz sicher schnell mit Schmutz zusetzen.

Das grau galvanisierte Zifferblatt der Tutima verändert seine Tönung bei unterschiedlichem Lichteinfall, ist aber immer gut abzulesen. Der Schraubboden trägt eine Reliefgravur.

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

PB: Unsere Leser müssen mich inzwischen für einen notorischen Nörgler halten, denn es vergeht ja buchstäblich keine Probezeit, in der ich mich nicht über den mangelnden Tragekomfort einer Uhr beklage. Mag ja sein, dass meine Handgelenke etwas schmal geraten sind, aber damit stehe ich in der Bevölkerung sicher nicht alleine da. Und einigen Uhrenherstellern gelingt es ja schließlich auch, mich diesbezüglich zufriedenzustellen. Bei der Tutima aus Titan habe ich mich beim Auspacken zunächst gefreut, dass kein Titan-Gliederband montiert war (das es aber selbstverständlich gibt), weil diese Bänder aufgrund ihres geringen spezifischen Materialgewichts ein helles Klappern erzeugen, was ich nicht sehr erbaulich finde. Die vorgeformten Anstöße des Kalbslederbands versprachen ein komfortables Tragegefühl, doch ich hatte die Rechnung ohne die Faltschließe gemacht. In der kürzesten Bandeinstellung rückt diese seitlich an die Schmalseite des Handgelenks, drückt dort unangenehm gegen den Innenrist und ziept außerdem an den Haaren. Glücklicherweise konnte ich hier durch einfaches Umdrehen des Bandes – Lochende des Bandes an der «12» und Schließenende an der «6» montieren – Abhilfe schaffen. Kurioserweise stört der Schließenschenkel am Außenrist des Handgelenks deutlich weniger.
Die Titan-Faltschließe ist ein sehr sauber ausgeführtes Blechteil mit hohem Bedienkomfort: Die seitlichen Tasten dienen sowohl der Entriegelung der Schließe als auch ihrer Verstellung. Dennoch erschien mir vor diesem Hintergrund die gute alte Dornschließe der 29er Tag/Datum richtig sympathisch, zumal es bei Mühle auf Bestellung ein extrakurzes Band gibt. Die spezielle Ausführung des Textil-/Lederbands lässt nämlich das nachträgliche Anbringen eines zusätzlichen Loches nicht zu. Aufgrund ihres hohen, topfförmigen Gehäuses schlüpft die Mühle nicht so leicht unter die Hemdmanschette wie die allseits abgerundete Tutima.

MH: Also, jetzt muss ich doch mal eine Lanze für den scheinbar ewig nörgelnden Kollegen brechen. Die Sache mit den Bandlängen gibt mir langsam auch zu denken. Scheinbar geht die Uhrenindustrie in großen Teilen davon aus, dass ihre Produkte von Kraftsportlern, Riesenkerlen oder schwer arbeitenden Handwerkern gekauft werden, die allesamt Unterarme wie Ofenrohre haben. Nun bin ich zwar kein Eisenbieger, aber eben doch Sportler und auch nicht ganz schmächtig, doch auch ich bewege mich inzwischen an der unteren Einstellgrenze der gelieferten – und nach Industriemeinung normal langen – Bänder. Der hintere Einstellbereich eignete sich für den täglichen legeren Gebrauch durchaus. Doch beim Fahrrad- oder Motorradfahren schlackerten mir beide Uhren dann zu sehr am Handgelenk, sodass ich bei der Tutima das vorletzte und bei der Mühle sogar das letzte Loch bemühen musste. Zur Ehrenrettung beider Uhren sei gesagt: Bequem zu tragen sind sie beide. Die Bänder passen sich schnell an und schmiegen sich dann schön ans Handgelenk, sodass sie selbst bei strammer Schließung das Handgelenk nicht unangenehm einengen.

Das Tutima-Gehäuse gefällt mit Rundungen und klaren Kanten. Das Gehäuse der 29er baut relativ hoch und wirkt dagegen etwas zerklüftet.

Technik, Ausstattung & Gang

PB: Die Tutima Coastline ist mit dem ETA Kaliber 2836-2, der Tag/Datum-Variante des millionenfach bewährten ETA 2824, ausgestattet und überzeugte mich von Anfang an mit sehr guten Gangwerten im Bereich von wenigen Sekunden ins Plus. Obwohl das Standard-Finish der ETA-Kaliber normalerweise keinen Grund zur Beanstandung gibt, steht zu vermuten, dass es unter dem Titanboden der Tutima nicht ganz so luxuriös zugeht wie im Gehäuse der 29er. Dieses wird durch einen – eher kleinen – Saphirglaseinsatz im sechsfach verschraubten Boden erleuchtet und fasziniert den Betrachter mit einem interessant gestalteten Aufzugsrotor sowie der Mühle-typischen «Spechthals-Feinregulierung». Das Grundwerk bezieht Mühle von der Schweizer Uhrwerkfabrik Sellita, Verzierungen und Modifikationen werden in Glashütte aufgebracht bzw. konstruiert und montiert.

MH: Mehr fürs Auge bietet in technischer Hinsicht eindeutig die Mühle. Spechthals und Rotor hat der Kollege schon erwähnt, dazu gesellen sich feine Schliffe sowie gebläute Schrauben – alles zu sehen unter dem Bullauge im Boden, dessen Saphirglas von einem breiten Stahlrand umgeben ist, der den weniger dekorativen Werkhaltering schön kaschiert. Werkhalteringe sind hier wie da unverzichtbar, da die Werke für Uhren mit 36 bis 38 Millimeter Durchmesser konzipiert sind, unsere Probanden aber über 42 Millimeter messen. Und – richtig vermutet – hinter dem Titan-Schraubboden gibt es nicht so viel zu sehen: einen sauber aufgeräumten Maschinenraum mit untadeligem, aber auch sehr unprätentiösem Antrieb.
Dafür haben sich die Tutima-Uhrmacher bei der Regulierung schon sehr viel Mühe gegeben. Bereits auf unserer Zeitwaage Witschi S1 Chronoscope zeigte sich das ETA-Automatikwerk von seiner besten Seite: keine nennenswerten Lagedifferenzen und ein durchschnittlicher Vorgang von 1,4 Sekunden pro Tag. An meinem Arm lief die Uhr stabil täglich genau zwei Sekunden ins Plus. Das ist Chronometer-Präzision. Selbige erreichte auch die Mühle, die nicht mindergut lief, nur etwas mehr ins Plus reguliert war. Auf der Zeitwaage ermittelten wir einen durchschnittlichen Vorgang von 3,1 s/d bei ebenfalls tadellosen Lagedifferenzen. Nur am Arm ging es etwas flotter voran, da ermittelte ich per Abgleich mit der Funkuhr einen stabilen täglichen Vorgang von genau 6 s/d. Das ist nun die Obergrenze dessen, was bei einem Chronometer zulässig wäre. Aber erstens ist die Uhr ja auch gar nicht als Chronometer ausgewiesen, und zweitens erfüllte sie damit absolut die Anforderung, die Hans-Jürgen Mühle, Gründer der Nautischen Instrumente Mühle und Vater des heutigen Inhabers Thilo Mühle, vor vielen Jahren mir gegenüber postulierte: «Mit einer Mühle-Uhr kommt man niemals zu spät.»

Fazit

MH: Diese Probezeit war für mich eine große Freude und nötigt mir ein Kompliment für beide Hersteller ab: Es ist hocherfreulich, dass man auch in dieser Preisklasse so gute und schöne Uhren bauen kann. Das gilt erst recht, wenn man berücksichtigt, dass beide Hersteller ja klassische Fachhandelsmarken sind, also dem Handel auch noch eine entsprechende Marge zubilligen müssen, und obendrein die Glashütte-Regel einhalten, die schließlich auch noch zusätzliche Kosten erzeugt. Und selbst der Mehrpreis für ein Massivband (100 Euro bei Mühle, 190 Euro bei Tutima) hält sich absolut im Rahmen. Für mich ist klar: Mit keiner der beiden schicken sächsischen Uhren macht der Käufer etwas falsch.

PB: Diesem Fazit kann ich mich nur anschließen: Diese Uhren bieten einen prima Gegenwert fürs Geld und empfehlen sich aufgrund ihrer Konzepte und Ausstattungen als ideale Alltagsbegleiterinnen.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann
Bilder: Martin Häußermann

Weitere Paarungen aus der Reihe «Probezeit»
Stowa Flieger Klassik 6498 vs. Tourby Pilot Automatic
Degussa Classic Edition vs. Union 1893 Kleine Sekunde
Springende Sekundenanzeige: Geophysic und Richard Lange

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