Probezeit: Davosa vs. Junghans

Und wir fahrn, fahrn, fahrn …

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So wurde die Verbindung von Auto und Uhr noch nie zelebriert. Davosa und Junghans bauen Zeitmesser, deren Zifferblätter von Tachometern historischer Fahrzeuge inspiriert sind. Doch die Interpretationen dieses Themas sind spür- und sichtbar unterschiedlich.

Autobahnkurier. So nannte man noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts starke, schnelle Autos, mit denen man auf den damals noch nicht staugeplagten deutschen Autobahnen tatsächlich flotter vorankam als der Rest. Hubraumstarke Achtzylinder-Motoren, oft mit Kompressoren aufgeladen, sorgten für Überlegenheit. Dafür reichten damals 160 bis 180 PS. So war auch der Mercedes 540 K motorisiert, der mit verschiedenen Karosserien lieferbar war. So als zweitüriges Coupé, das ebenfalls Autobahnkurier genannt wurde. Oder auch als Roadster, so wie das Modell, das wir als Deko für unser Fotoshooting nutzten.

Ein individueller Rotor mit dem markentypischen Davosa-Stern ist die einzige Zierde des sparsam dekorierten Sellita-Automatikwerks.

Die Geschwindigkeit – damals war man mit 170 km/h Spitze ganz weit vorn – zeigte ein klassischer Rundtachometer an. Der stammte meist vom deutschen Instrumentenbauer VDO, der viel später auch die Uhrenhersteller IWC Schaffhausen und Jaeger-LeCoultre unter seine Fittiche nahm. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hier geht es um zwei Uhren und deren Hersteller, die diese Tachometer als Gestaltungsvorlage verwendeten, das Thema aber auf äußerst unterschiedliche Weise interpretierten. Was uns freut, denn die Geschmäcker sind oft sehr unterschiedlich, und so kommen möglichst viele unserer geschätzten Leser auf ihre Kosten. Letztere halten sich für die Interessenten übrigens in einem akzeptablen Rahmen. Davosa liegt mit der Newton Speedometer (998 Euro) knapp unter der magischen 1000-Euro-Schwelle, Junghans mit der Meister Driver (1170 Euro) etwas darüber.

Um die gewünschte Tachometer-Optik zu erreichen, wurde die Minuterie in der unteren Zifferblatthälfte unterbrochen.

Erster Eindruck

Martin Häußermann: Schon bei der Idee zu dieser «Probezeit» habe ich mich gefragt, wie ein Uhrenhersteller dazu kommt, sich mit der Zifferblattgestaltung dem Thema Auto anzunähern. Bei Junghans wird das schnell klar, schließlich gehört das Unternehmen einer autoaffinen Familie. Dr. Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes Steim sammeln Auto-Oldtimer und stellen diese im Museumsgebäude in Schramberg aus. Da stehen auch schöne Stücke der Marken Maybach und Mercedes-Benz, deren Instrumente sich vortrefflich als Vorlage für Zifferblätter eignen.

Bei Davosa ist die Sache nicht so eindeutig. Fest steht: Als Corinna Bohle zur Jahrtausendwende begonnen hat, die Geschicke von Davosa zu bestimmen, hielt auch das Auto-Thema Einzug in die Kollektion. Aber so konsequent wie bei der Newport Speedometer wurde es bisher noch nicht umgesetzt. Sie sieht nämlich wirklich wie ein Tachometer aus. Der Minutenzeiger gibt die Tachonadel, und anstelle eines Kilometerzählers ist in einem Zifferblattausschnitt eine digitale Stundenanzeige zu sehen.

Junghans setzt dagegen auf eine klassische Zeitanzeige und beschränkt das Thema Tachometer auf die Farbgestaltung mit beigefarbenem Zentrum und grauem Rand sowie auf die Typografie: Anstelle von Stundenziffern werden zweistellige Minutenziffern gezeigt, was einer Tachoanzeige deutlich näherkommt.

Auch in den Dimensionen sind die beiden Kandidaten sehr unterschiedlich: Während Davosa einen modernen Boliden an den Start schickt, setzt Junghans – um im Bild zu bleiben – auf ein eher klassisch-schlankes Coupé.

Peter Braun: Nachdem der Kollege über Entstehungsgeschichten und Hintergründe philosophiert hat, komme ich doch mal direkt zu den Uhren selbst. Die Davosa ist mit 44 mm Durchmesser recht groß geraten, doch das weiche Raulederband schmiegt sich ohne Widerborstigkeit um mein – schmales – Handgelenk. Hätte nicht gedacht, dass eine so große Uhr so gut an meinem Arm liegt. Das Zifferblatt erinnert ein wenig an die alten VDO-Rundinstrumente in den deutschen Autos der Wirtschaftswunderzeit, und das ist mit Sicherheit auch so beabsichtigt: Der Minutenzeiger hat das Zifferblatt quasi für sich allein und bestreicht einen Ziffernring von 5 bis 60, dessen Skala wie bei einem Tachometer keinen kompletten Kreis beschreibt. Das erweckt bei Uhrenfreunden natürlich sofort den Eindruck einer retrograden Anzeige, doch in der Tat handelt es sich hier nur um ein typografisches Detail.

Auch wenn Stil und Farbgebung verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen – gegen die wuchtige Speedometer nimmt sich die Junghans Meister Driver sehr zierlich aus. Nur 37,7 mm Durchmesser bei gerade einmal 7,3 mm Bauhöhe qualifizieren die Handaufzugsuhr als «extraflach». Man könnte aber auch argumentieren, die Dimensionierung der Uhr passe sehr genau zum historischen Vorbild, das irgendwo in den 1950er Jahren zu verorten ist. Und damals waren Herrenuhren noch nicht so groß wie heute.

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

Das doppellagige Band ist innen perforiert und angenehm zu tragen. Rauleder auf der Außenseite sieht schick aus, erweist sich erfahrungsgemäß jedoch als scheuerempfindlich.

Peter Braun: Für eine solch große Uhr trägt sich die Davosa hervorragend, hatte ich ja schon erwähnt. Aber es geht noch besser. Der Tragekomfort der Junghans ist dank ihres geringen Gewichts und der flachen Bauweise geradezu phänomenal. Schon nach wenigen Minuten hat man vergessen, dass man überhaupt eine Uhr am Handgelenk trägt. Dabei wären angesichts der geringen Wasserdichtheit und des kratzempfindlichen Plexiglases ein bisschen Vorsicht und Sorgfalt angeraten – so wie früher üblich: Mein Vater hat seine Uhr zeitlebens zum Händewaschen immer abgelegt. Puristen dürfen der Meister Driver hierfür einen Pluspunkt für Authentizität geben. Das gilt auch fürs Zifferblatt. Die Skalierung in zweistelligen Minutenziffern erinnert sicher nicht zufällig an das Design eines Auto-Tachometers, wenngleich die Version mit schwarzem Zifferblatt ganz konventionell 12 Stundenziffern trägt (womit auch die Anspielung auf die Tachometer-Optik entfällt). Die anvisierte Klientel wird die Stil- und Detailtreue zu schätzen wissen. Das gilt auch für die gute Ablesbarkeit.

Im Profil ist zu erkennen, dass die Davosa recht hoch baut – aber die Proportionen stimmen.

Da muss man bei der Davosa leichte Abstriche machen. Der Stundenzeiger ist im Fall der Newton Speedometer Automatic eine Scheibe, die kontinuierlich unter dem Zifferblatt rotiert und in einem länglichen Segmentfenster unter der gedachten «12» abgelesen wird. Auf die Unterteilung in vier Viertel zwischen den vollen Stunden hätte man meiner Meinung nach verzichten können, zumal die Halbstunden-Kennzeichnung («4,5» oder «6,5») den Betrachter eher verwirrt und die Ablesbarkeit beeinträchtigt. Zu jeder vollen Stunde verdeckt der Minutenzeiger die wichtigste Ziffer, während die Stundenziffern davor und danach noch nicht im Anzeigefenster zu sehen sind. Bleiben als einzige Orientierungshilfen die angesprochenen Halbstunden-Indikationen – oder man wartet zwei Minuten, bis die Ziffer im Zenit sichtbar ist. Dagegen ist die «kleine Zentralsekunde» überraschend gut ablesbar: Obwohl ihre Scheibe nur einen Durchmesser von 5 Millimetern hat, lässt sich die Position des feinen roten Zeigerstrichs ziemlich exakt bestimmen.

Martin Häußermann: Das Kapitel Tragekomfort geht bei mir an die Junghans, die mit geringem Gewicht und einem Band aus handschuhweichem Leder punktet. Obendrein ist sie so flach, dass sie lässig unter jede Manschette schlüpft. Da braucht die Davosa etwas mehr Platz, doch lässt sie sich angesichts ihrer Dimensionen erstaunlich angenehm tragen. Das doppellagige Band ist innen perforiert und gibt sich trotz seiner Stärke sehr geschmeidig. Die große, konisch geformte Krone ist enorm griffig und so angebracht, dass sie beim normalen Tragen nicht in den Handrücken drückt.

Die Junghans lässt sich als klassische Dreizeigeruhr mit Kleiner Sekunde intuitiv ablesen. Ich war aber durchaus erstaunt, wie schnell ich mich an die Anzeige der Davosa gewöhnt habe. Nur zur vollen Stunde wird es, wie der Kollege richtig bemerkt, etwas diffiziler. Hier hätte ich mir ein etwas größeres Fenster gewünscht, damit die vorangegangene und die folgende Stunde noch vollständig zu sehen sind.

Zum Thema Nachtablesbarkeit: Hell leuchtend und auch noch nach Stunden prima sichtbar ist der Minutenzeiger der Davosa, und auch die Ziffern der Minuterie sind satt mit Leuchtmasse belegt und gut erkennbar. So gut wie nicht zu sehen ist allerdings die Stundenziffer – da bringt der Blick aufs Zifferblatt in den frühen Morgenstunden nicht die gewünschte Information. Bei der Junghans muss man sich hier auf die Zeigerstellung konzentrieren, denn die Minutenziffern verblassen deutlich schneller als die Zeiger.

Das linsenförmige Gehäuse der Junghans trägt maßgeblich zu ihrem überragenden Tragekomfort bei ...

Technik, Ausstattung, Gang

Peter Braun: Das Sellita Kaliber SW240-1 der Newton Speedometer ist sparsam finissiert, trägt aber einen mit Genfer Streifen und Colimaçonnage personalisierten Aufzugsrotor mit vierzackigem Stern. Das Markenzeichen von Davosa findet sich im Relief auch auf der Aufzugskrone. Die Krone ist nicht verschraubt und dank ihrer konischen Form sehr gut mit den Fingerspitzen zu greifen. Zwei Rastpositionen verraten, dass im Uhrwerk auch noch eine Datumsschaltung versteckt sein muss, die aber mangels Anzeige unerkannt bleibt.

… und wird von dem handschuhweichen, dünnen Lederband wirkungsvoll unterstützt.

Bei der Meister Driver lockt der verglaste, fünffach verschraubte Boden mit einem Blick auf ein schön finissiertes Handaufzugswerk mit Streifenschliffen und gebläuten Schrauben. Die Junghans-Kaliberbezeichnung J815.1 ist etwas hochgegriffen – es handelt sich um ein ETA 7001 ohne Schwarzwälder Spezifika, außer der Lasergravur von Markenschriftzug und Junghans-Stern. Das sogenannte «Peseux-Kaliber» wird seit den sechziger Jahren produziert und zählt mit nur 2,5 mm Bauhöhe zu den flachsten mechanischen Uhrwerken auf dem Markt. Die Gangleistungen sind absolut akzeptabel. Mangels Sekundenstoppvorrichtung gestaltete sich die Synchronisierung mit der Tagesschau-Fanfare allerdings schwierig ...

Das «Peseux»-Kaliber ist mit Streifenschliffen dekoriert. Ihm eine Junghans-Kalibernummer zu geben, halten wir für sehr selbstbewusst.
Junghans kombiniert den Tachometer-Look geschickt mit guter Zeit-Ablesbarkeit.

Fazit

Martin Häußermann: Mit der Synchronisierung hatte auch ich bei beiden Uhren so meine Mühe. Mangels Sekundenstopp drehte ich die Krone der Junghans einfach immer leicht rückwärts, um den Sekundenzeiger zumindest in die Nähe des Zeitsignals zu bringen, Bei der Davosa galt es, den feinen roten Strich auf der kleinen Scheibe der Zentralsekunde halbwegs mit der Pfeilspitze der Stundenindikation in Deckung zu bringen. Insofern habe ich beide Uhren nicht täglich abgelesen, sondern jeweils nach einer Woche. Da ging die Junghans etwa 20 Sekunden vor, die Davosa etwa 30. Eine genauere Auskunft – zumindest unter Laborbedingungen – gab unsere Zeitwaage Witschi Chronoscope S1. Für die Davosa ermittelten wir hier einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von 4,1 Sekunden, die Junghans lag hier bei genau 3,0. Dafür lief die Davosa über alle gemessenen Lagen deutlich gleichmäßiger, das «Peseux» zeigte hier doch größere Ausreißer. In beiden Fällen muss man aber den Uhrmachern der jeweiligen Hersteller ein Kompliment machen: Sie haben die Werke sehr praxisgerecht einreguliert.

Martin Häußermann: Ich bin – mal wieder – bei einem entschiedenen Sowohl-als-auch. Für die Junghans sprechen ihr exzellenter Tragekomfort sowie ihr klassischer – Kritiker sagen altväterlicher – Auftritt. Aber genau diesen schätze ich persönlich sehr. Ebenso schätze ich aber auch den Mut von Davosa, bei der Zeitanzeige neue Wege zu gehen. Und beiden «Probezeit»-Kandidaten darf man ins Stammbuch schreiben, dass sie erfreulich eigenständig auftreten und sehr viel Uhr fürs Geld bieten.

Peter Braun: An der Davosa gefallen mir die robuste Machart, die Wasserdichtheit und die kompromisslose Tachometer-Optik, die tagsüber keine Probleme bei der intuitiven Zeiterfassung bereitet. Innerhalb welcher Stunde man sich bewegt, weiß man ja meist. Die Junghans ist die elegantere Uhr, herrlich nostalgisch in Look und Dimension und mit einem schön herausgeputzten Handaufzugswerk ausgestattet. Darf ich sie beide haben?

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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