Probezeit: Das Runde im Eckigen

Bell & Ross BR 05 vs. Hermès H08

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Zwei Uhrenhersteller mit französischen Wurzeln zeigen Mut zum Ungewöhnlichen: Bell & Ross sowie Hermès bauen quadratische Uhren mit runden Zifferblättern. Das ist gewiss nicht jedermanns Sache. Uns gefällt der gestalterische Ansatz, weshalb wir die BR 05 und die Hermès H08 zur «Probezeit» eingeladen haben.
Bell & Ross BR 05 und Hermès

Das Runde muss ins Eckige», sagt der Fußballfan und meint damit, dass man den Ball ins Tor schießen sollte. Bei den Uhren ist es gemeinhin anders. Da werden runde Uhrwerke mit runden Zifferblättern meistens in runde Gehäuse eingebaut. Wählt man jedoch eine rechteckige Gehäuseform, zieht der Designer meist ein rechteckiges Zifferblatt in Betracht. Idealerweise wird dann auch noch ein ans Gehäuse angepasstes, rechteckiges Formwerk eingebaut – sofern verfügbar. Das ist aber nicht zwingend. Eine rechteckige Ikone wie die Heuer Monaco startete ihre Karriere mit rundem Kaliber 11, ohne dass man ihr einen Vorwurf gemacht hätte.

Ganz anders bei der Bell & Ross BR 05. Als diese Uhrpräsentiert wurde, schimpfte ein meinungsstarker Kollege: «Die wissen doch nicht, was sie wollen. Entweder man baut eine rechteckige Uhr oder eine runde.» Wir bei ARMBANDUHREN waren schon damals anderer Meinung. Schließlich sind rechteckige Gehäuse ein Markenzeichen von Bell & Ross, deren Instrumentenuhren sich gestalterisch an rechteckigen Cockpit-Instrumenten mit ihren runden Skalen orientieren. Warum sollte man dies nicht auch mal in einer sportlich-eleganten Herrenuhr umsetzen? Eben.

Zifferblatt Bell & Ross
Bell & Ross pflegt mit der BR 05 nicht nur die formale Tradition. Auch die Ablesbarkeit entspricht den Instrumentenuhren des Hauses.

Und die Marke Hermès, die mit einer langjährigen Erfahrung in den Bereichen Fashion und Lifestyle antritt, kennt als Uhrenhersteller ohnehin keine Berührungsängste. Gebaut wird, was in den Augen der Designer schick ist – und gern ein bisschen extravagant. So wie die Carré H, eine quadratische Uhr mit 38 Millimetern Seitenlänge, die allerdings ein bisschen inkonsequent ein rechteckiges Zifferblatt mit einer runden Zeitskala kombiniert. Aber jetzt ist ja die H08 am Start.

Erster Eindruck

Peter Braun: Es gibt Stimmen, die sagen, Bell & Ross würde mit der BR 05 lediglich die Klassiker Royal Oak oder Nautilus kopieren. Diesen Vorwurf halte ich für völlig daneben. Die Marke hat eine 15 Jahre alte Tradition mit quadratischen Gehäusen im Stil von Einbau-Modulen für Flugzeug-Cockpits. Deren Zifferblätter waren dabei schon immer rund. Jetzt gibt’s das Ganze in elegant – in meinen Augen ein genialer Schachzug.

Bell & Ross BR 05 Sichtboden
Der kreisrunde Motor übernimmt die Form einer PKW-Aluminiumfelge, wodurch leider ein großer Teil des Uhrwerks verdeckt wird.

Auch stilistisch halte ich die Uhr für sehr gelungen, hier fügt sich das Runde wirklich gut ins Eckige. Das Gehäuse bietet ein schönes Spiel von polierten und strichmattierten Flächen mit polierten Fasen. Der Kronenschutz fügt sich organisch in die Gehäuseform ein, die griffige Krone rundet die Partie ab: Das Kaufmanns-Und aus dem Firmenlogo im Kreis eignet sich natürlich klasse für die Krone.

Einzig das Armband erinnert mich auf den ersten Blick ein wenig zu sehr an die Nautilus von Patek Philippe, ist aber bei näherem Hinsehen eckiger, kantiger. Die Doppelfaltschließe funktioniert tadellos mit seitlichen Entriegelungsdrückern.

Mit der Gehäuseform der H08 kann ich mich nicht so richtig anfreunden. Die ist weder sportlich noch elegant und sie wirkt leicht rechteckig, obwohl sie akkurat quadratisch ist (39 mm Kantenlänge) – da führen wohl die Bandanstöße das Auge des Betrachters in die Irre. Die Schale trägt wie die BR 05 eine aufgesetzte quadratische Lünette mit abgerundeten Ecken, allerdings unsichtbar von hinten mit dem Gehäusekorpus verschraubt. Auch hier setzen die Designer Strichschliffe an den Flächen und polierte Fasen an den Konturen ein, doch ist die Lünette der H08 quasi mit einem Sonnenschliff versehen, d. h. die Striche beginnen alle im Zifferblattzentrum und ziehen sich radial über die Fläche der Lünette. Insgesamt ist der Schliff feiner als bei der Bell &Ross. Während die planen Flächen von Lünette und Glas bei der BR 05 in einembestimmten Betrachtungswinkel einen starken Lichtreflex erzeugen, verhält sich das sanft bombierte Glas der Hermès hier neutraler. Gut entspiegelt sind indes beide Gläser.

Martin Häußermann: Was den Plagiatsvorwurf gegen Bell &Ross betrifft, muss ich dem Kollegen beipflichten: Das ist Quatsch. Vielmehr halte ich die Gestaltung der BR 05 für sehr eigenständig und durchaus gelungen. Die Beurteilung ist allerdings durch den äußeren Zustand der Testuhr etwas beeinträchtigt: Unser Exemplar muss bereits durch mehrere Hände gegangen sein, denn das an sich sehenswert und spannend finissierte Gehäuse mit Strichschliffen auf den Flächen und hochglanzpolierten Fasen wies eine ganze Menge Mikrokratzer und auch einige tiefere Macken auf.

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass das Gehäuse sehr schön verarbeitet ist. Dasselbe gilt für das Gliederband, das eine gelungene Mischung aus kantig und abgerundet präsentiert, unterstrichen durchpolierte und strichmattierte Flächen.

Bell & Ross BR 05 Krone
Der gestufte Gehäuseaufbau und Details wie die geschraubten Kronenschutzflanken nehmen dem an sich massiven Gehäuse optisch die Wucht.

Dagegen erreichte uns die Hermès, wie eigentlich die allermeisten unser «Probezeit»-Uhren, in ladenneuem Zustand. Und der ist ein Genuss. Die Verarbeitung dieser Uhr ist über jeden Zweifel erhaben, und das Design meines Erachtens auch. Es ist erfrischend neu und in meinen Augen genau das, was man sportlich-elegant nennt. Diese Uhr kann man jederzeit zu einem dunklen Anzug tragen, und auch im Freizeit-Look wirkt sie nicht überkandidelt. Zugegebenermaßen musste ich mich auch zunächst an die radiale Anordnung der Ziffern gewöhnen. Aber genau das spricht ja für die Originalität des Entwurfs.

Der Glasrand bringt in feiner Art und Weise das Runde ins Eckige. Obendrein unterstreichen die polierten Flanken der Lünette das filigrane, geschwungene Design des Gehäusemittelteils. Diese Uhr kann man oft drehen und wenden – und entdeckt immer wieder etwas Neues.

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

Peter Braun: Die Größe der BR 05 – 39 Millimeter im Quadrat – empfinde ich als sehr angenehm. Dazu liegt die Uhr gut am Handgelenk, was auch an dem komfortabel zu tragenden Gliederband samt Doppelfaltschließe liegt. In puncto Ablesbarkeit gibt sie sich ebenfalls keine Blöße, und selbst wenn sie eine Weile im Dunkeln auf dem Nachttisch liegt, sieht man noch, wie spät es ist.

Das Zifferblatt der H08 mit aufgesetzten Ziffern und Balken mit polierten Outlines und eingelegter Leuchtmasse, da hat der Kollege schon recht, ist wirklich originell. Zifferblätter mit eigener Typografie sind ebenso ein Steckenpferd von Hermès: So wird das Gesicht der Uhr interessanter, ohne schlechter ablesbar zu sein. Die mit Leuchtmasse ausgelegten Zeiger sind nachts sehr gut voneinander zu unterscheiden, weil beim Minutenzeiger nur das letzte Drittel nachleuchtet, beim kurzen Stundenzeiger dagegen die komplette Füllung.

Bell & Ross BR 05 Schließe
Die am Band sichtbaren Tragespuren hatte die Testuhr schon bei Anlieferung. Durch wie viele Hände sie vorher ging, ist uns nicht bekannt.

Nach einer Woche stelle ich fest: Die Uhr trägt sich sehr gut. Sie ist angenehm leicht, was natürlich dem Titangehäuse zu verdanken ist. Allerdings trägt die Doppelfaltschließe ziemlich dick auf und hat beim ersten Anfassen ein bewegliches Glied zu viel. Sie wirkt dadurch fummelig und faltet sich erst einmal nicht von selbst in die Schließposition. Aber nach ein paar Mal An- und Ablegen hat man den Trick raus und freut sich über ein sehr praktisches Feature: Der zweite Schließenflügel trägt nämlich die Feinverstellung mit einer eigenen Doppelknopf-Entriegelung. Funktioniert am Handgelenk beim Verlängern ganz gut, zum Zurückkürzen des Bandes muss man die Uhr jedoch abnehmen.

Martin Häußermann: Das Kapitel Tragekomfort geht eindeutig an die H08, sie ist ein echter Hautschmeichler und ihr niedriges Gewicht lässt sie so lange in Vergessenheit geraten, bis man mal wieder draufschaut. Leider trägt die Schließe, da kann ich dem Kollegen nicht widersprechen, doch sehr dick auf. Man könnte dem Ganzen zumindest ein bisschen den Schrecken nehmen, indem man die Bandenden dünner gestaltete. Auf die Feinverstellung, die zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig ist, würde ich aber ungern verzichten. Denn genau eine solche fehlt am Gliederband der BR 05. Mit dem Ergebnis, dass die Uhr entweder an meinem Handgelenk spannt oder baumelt.

Hermes

In Sachen Ablesbarkeit gibt es nur Gewinner, wobei meines Erachtens die BR 05 hier leichtvorn liegt. Dafür ist die Zeitanzeige der H08 origineller. So ist der Minutenzeiger teilskelettiert und gibt so den Blick auf die innenliegende Minuterie frei. Da muss man erst einmal draufkommen! Dazu ist die Minuterie tiefschwarz, während das übrige Zifferblattanthrazit erscheint – das bringt ebenso Leben in die Bude wie der extravagante Sekundenzeiger.

Technik, Ausstattung, Gang

Peter Braun: Angetrieben wird die BR 05 von einem Sellita SW300-1, das die eigene Kaliberbezeichnung BR-CAL.321 bekommt. Das Uhrwerk verschwindet fast komplett hinter dem aufwendig gestalteten Aufzugsrotor im Leichtmetallfelgendesign. Das Kaliber H1837 der H08 – so benannt nach dem Gründungsjahr der Marke Hermès – ist die 11½-linige Version des H1912 (10½ Linien), mit dem die eingangs erwähnte Carré H ausgestattet ist. Beide Uhrwerkewerden von Vaucher exklusiv für Hermès produziert (Hermès hält 25 Prozent von Vaucher). Mir gefällt die interessante Konstruktion mit zwei kleinen Federhäusern, auch wenn die Gangautonomie dennoch bloß 50 Stunden beträgt. Von den Abmessungen her ist dieses Uhrwerk ein Konkurrent zum ETA 2892 oder dem SW300 von Sellita (Ø 25,6 mm, 3,7 mm hoch). Das Werkfinish ist Geschmackssache – ich persönlich finde dieses Tapisserie-Dekor mit ins Unendliche wiederholten Logos nicht so toll. Das ist so eine französische Marotte, man kennt es von Cartier mit dem verschlungenen Doppel-C oder vom «LV» im Futter von Louis-Vuitton-Taschen. Darauf hätte ich an Hermès’ Stelle schon gerade deswegen verzichtet.

Krone Hermès
Das Gehäuse ist bis in die Bandhörner leicht geschwungen. Das ist nicht nur optisch elegant, sondern kommt auch dem Tragegefühl zugute.

Martin Häußermann: Kein Widerspruch: Die Logo-Manie rückt die H08 in die Nähe eines Ledertäschchens. Das hat diese technisch tadellose Uhr nicht verdient. Schließlich ist das Kaliber H1912 schon fast ein Manufakturwerk. Damit kann die Bell & Ross nicht dienen, aber ich halte die Verwendung eines zuverlässigen «Traktors» wie des Sellita SW300 auch für keinen Makel, immerhin ist das Uhrwerk ein Garant für gute Gangleistungen. Die eigene Kaliberbezeichnung zeugt von Selbstbewusstsein, das durchaus angebracht ist – schließlich lief die BR 05 wie eine Eins. Auf unserer Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 ermittelten wir einen durchschnittlichen Vorgang von 0,4 Sekunden am Tag (s/d) sowie eine ziemlich gleichmäßige Amplitude über alle gemessenen fünf Lagen. An meinem Arm ging sie sehr stabil eine Sekunde pro Tag vor. Der Kollege ermittelte einen Vorgang von 5 s über sieben Tage.

Da muss sich die Hermès geschlagen geben: Auf der Zeitwaageermittelten wir einen durchschnittlichen täglichen Vorgang von immerhin 10,2s/d sowie bedauerlicherweise auch große Lagendifferenzen. Im Alltag wurden diese Nominalwerte auf ein erträgliches Maß heruntergepegelt. An meinem Arm ging sie nur 6 s/d vor, beim Kollegen waren es gar nur 5 s/d, und das über die einzelnen Tage betrachtet stabil. Dennoch müsste meines Erachtens hier der Uhrmacher nochmals ran. Von einem Manufakturwerk, das man ja schließlich mitbezahlt, darf man schon etwas erwarten.

Fazit

Zifferblatt Hermès
Auch die H08 gibt sich in Sachen Ablesbarkeit keine Blöße. Uns erfreuen Details wie der Ausschnitt des Minutenzeigers, unter dem die Minuterie zu sehen ist, sowie Platzierung und Dimensionierung von Leuchtmasse auf den Zeigern.

Peter Braun: Persönlich neige ich zur Bell & Ross BR 05, die mit ihrer kleineren Zifferblattschau zierlicher wirkt, als sie tatsächlich ist, was an meinem schmalen Handgelenk, so finde ich, gut aussieht. Mit der wiederbelebten Siebziger-Jahre-Integralform zielt die Uhr natürlich klar in Richtung Audemars Piguet Royal Oak und Patek Philippe Nautilus, kostet dabei aber nur ein Fünftel oder Sechstel der genannten Ikonen – und ist überdies sofort verfügbar. Knapp 5000 Euro für eine Stahluhr sind aber immer noch ein Wort, sodass man sich mit der BR 05 am Handgelenk keineswegs wie ein armer Adabei fühlen muss. Die Hermès H08 hält sich aus diesem Siebziger-Jahre-Thema fein heraus: Es gibt sie zwar mit geschwärztem Titangehäuse und ganz schwarz aus ultraleichtem Kompositmaterial mit Graphen-Beimischung, aber eben nicht mit integriertem Gliederband. Die modernistische Typografie und das gewebte Nylonband im Stil eines Sicherheitsgurtes bringen überraschende Elemente ins Spiel, und durch das leichte Titangehäuse qualifiziert sie sich eher als Sportuhr – wenngleich eine recht kostbare: Wäre da nicht das interessante «Manufakturkaliber», müsste die H08 beim Preis herbe Kritik einstecken.

Hermès H08 Uhrwerk
Der sichelförmige Rotor ist über und über mit dem Hermès-H dekoriert. Da wäre weniger mehr gewesen.

Martin Häußermann: Auch wenn ich die BR 05 für einen in der Gesamtschaugelungenen Wurf halte, schlägt mein Herz für die H08. Originelles Design, hochwertige Verarbeitung, erstklassiger Tragekomfort und ein Fast-Manufakturwerk. Wenn der Uhrmacher dann noch die Gangleistung in den Griff bekäme, würde ich auch am Preis nicht groß herummäkeln.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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