Messe-Nachlese: Kabinettstücke

Kleine Marken im Fokus

Juli 2025. Ein sehr persönlicher Rückblick auf die heimlichen Highlights der Neuheitenschau in Genf, die unser Autor bezeichnenderweise nicht in den Messehallen der Watches and Wonders aufgestöbert hat.
Time to Watches

Nach dem Absolvieren des Pflichtprogramms der «Watches and Wonders» mit über 60 Mainstream-Luxusmarken blieb am Ende der Woche noch ein Tag zum Aufspüren einiger uhrmacherischer Preziosen. Diese fand ich in den Foyers und Suiten der Hotels am Ufer des Lac Léman sowie in den etablierten Marken-Boutiquen in der Genfer Innenstadt, aber auch in der Villa Sarasin. Nur einen Steinwurf vom Luxus-Imperium in den Messehallen des Palexpo beherbergte die Gründerzeit-Villa an die 50 vorwiegend kleinere, jüngere und ausgefallenere Uhrenmarken.

Natürlich ging es auf der «Time to Watches» auch ums Geschäft, aber die ganze Atmosphäre erinnerte doch mehr an eine Uhren-Börse als an eine Messe. An besseren Tapeziertischen präsentierten sich die Marken nahbar und zwanglos, was die Besucher mit unbekümmerter Distanzlosigkeit honorierten. Sie kamen auf jeden Fall auf ihre Kosten. Es steht zu hoffen, dass dies auch für die Aussteller gilt, damit man sich im nächsten Jahr wiedersieht.

TRILOBE: UNE FOLLE JOURNÉE

Die französische Marke Trilobe experimentiert schon seit einigen Jahren mit einer Zeitanzeige über drei exzentrische Skalenringe. In diesem Jahr scheint nun endlich der Knoten geplatzt zu sein: Die Edition «Une Folle Journée» («ein verrückter Tag») setzt die drei Anzeigeringe derart spektakulär in Szene, dass das Auge des Betrachters unter einem hoch aufgewölbten Deckglas förmlich gefangen wird. Das komplett rhodinierte Uhrwerk tritt in dieser Szenerie gerade so weit in den Hintergrund, dass man über den Antrieb der Ringe spekulieren kann. Das von Chronode exklusiv für Trilobe entwickelte Automatikkaliber X-Centric verfügt über einen Mikrorotor und ist mit grainierten Oberflächen und anglierten Kanten dezent, aber edel finissiert. Darüber hinaus prägen die wahlweise blau, grün oder schwarz DLC-beschichteten Anzeigeringe die Optik: Der große zeigt die Stunden, der mittlere die Minuten und der kleine die Sekunden, abzulesen von unten nach oben an einem diskreten Dreiecksindex. Nicht sehr augenfällig, zumal sich die Ringe gegen den Uhrzeigersinn drehen. Aber sehr anmutig. (Titangehäuse, Ø 40 mm, Preis: 23.500 Euro)

BYRNE: STAR

Vor drei Jahren präsentierte John Byrne seine erste eigene Armbanduhr mit vier würfelförmigen Stundenmarkern, die sich jede Stunde um 90° auf die nächste Fläche weiterdrehen und dabei von arabischen auf römische Ziffern oder Indexe umschalten. Die Anzeigewürfel kannten Uhrenfreunde ja bereits von Louis Vuitton (Spin Time), aber die Byrne Gyro Dial punktete mit ihrer selbst entwickelten und etwas kruden, aber offen zur Schau gestellten Technik und ihren maskulinen Dimensionen.

Byrnes Verliebtheit in die vier Zauberwürfel führte nun zu einer Weltzeituhr mit dem Namen «Star», deren Ablesung einen erhöhten Erklärungsbedarf hat. Dabei soll sie doch gerade besonders intuitiv nutzbar sein, mit nur 12 Referenzstädtenamen auf einer Drehscheibe und vier würfelförmigen «Flow Time»-Indikatoren. Nicht genug, dass von den 24 Zeitzonen 12 fehlen und das Auge beim Ablesen der Drehscheibe einmal am Tag von außen nach innen springen muss. Gleichzeitig buhlen scheinbar willkürlich gewählte Referenzstädtenamen auf den vier Würfeln um die Aufmerksamkeit des Betrachters, wobei sie ohne Rücksicht auf ihre Zifferblattposition durch Farbcodierungen anzeigen, ob am angezeigten Ort gerade Morgen, Mittag, Abend oder Nacht ist. «Flow Time» eben, irgendwo zwischen Kreativität und Esoterik. Der Preis steht dagegen fest auf dem Boden der technischen Tatsachen: 32.500 Schweizer Franken zuzüglich Steuern sind hierzulande über 40.000 Euro.

CYRUS: KLEPCYS RÉVEIL

Diesen Wecker musste ich letztes Jahr irgendwie verpasst haben. «Ach der», sagte man mir am Stand der Marke Cyrus, die einst vom heutigen Montblanc-CEO Laurent Lecamp gegründet wurde und inzwischen von Pablo Richard zu neuer technischer Exzellenz geführt wird. «Der steht hier nur wegen der neuen Zifferblattvariante mit Tag-/Nachtindikation.» Nur. Dabei ist der mechanische Wecker mit parallelem Handaufzug für zwei unabhängige Federhäuser unbestritten eines der Meisterwerke von Jean-François Mojon, der für sämtliche Cyrus-Modelle verantwortlich zeichnet und sie in seinen Chronode-Ateliers in Le Locle auch produziert. Soweit mir bekannt, ist der Cyrus Klepcys Réveil der einzige auf fünf Minuten genau einstellbare 24-Stunden-Wecker auf dem Markt, und dazu hat der Alarm einen Klang so schön, rund und voll wie eine Minutenrepetition. Der Mechanismus dazu ist in einer Zifferblattöffnung bei der «7» zu erkennen und er sieht tatsächlich aus wie der Hammer einer Repetitionsuhr. Knapp 40.000 Schweizer Franken kostet der Wecker, zuzüglich länderspezifischer Mehrwertsteuer. Wenn man für jeden stilvollen Weckvorgang nur einen Franken ansetzt, ist das gute Stück also bereits nach 109 Jahren abbezahlt.

ARNOLD & SON: CONSTANT FORCE TOURBILLON 11

Ein Armband-Tourbillon mit Zwischenaufzug und konstanter Kraftzuführung bekommt man nicht alle Tage zu Gesicht. Bei der hinreißenden Uhr von Arnold & Son wird diese reizvolle Komplikation sogar prominent auf einem weißen Emailleblatt präsentiert, quasi gleichberechtigt mit dem kleinen Zifferblatt für die Uhrzeit. Das Tourbillon, das die Uhr im Namen trägt, ist ganz zurückhaltend an der Werkseite platziert, was insofern keine Überraschung darstellt, als es sich um eine in weiten Teilen sehr detailgetreue Nachfertigung eines über 200 Jahre alten Uhrwerks handelt. Aber der Reihe nach.

John Arnold und Abraham-Louis Breguet, die größten Uhrmacher der Epoche der Aufklärung, waren miteinander gut bekannt und tauschten sich regelmäßig aus – über sprachliche und politische Barrieren hinweg. Auch die Schrecken der Kriege zwischen ihren beiden Nationen oder die Französische Revolution konnten daran nichts ändern. Während Arnold sich auf die Optimierung der Chronometerhemmung konzentrierte, experimentierte Breguet mit einer permanent umlaufenden Hemmung im Käfig, die er am 26. Juni 1801 als «Tourbillon» patentieren ließ. Da war sein Freund John Arnold bereits zwei Jahre tot, aber um das Andenken des Freundes zu ehren, baute Breguet den Mechanismus auf Arnolds Chronometer Nr. 11 auf und versah das Uhrwerk mit einer gravierten Gedenkinschrift.

Inspiriert von diesem Tourbillon, das heute im British Museum aufbewahrt wird, hat die im Geiste John Arnolds neu gegründete Uhrenmarke Arnold & Son ebenfalls ein solches kommemoratives Sammlerstück geschaffen, das Breguets Erfindung in einem Chronometerwerk nach Arnolds Konzeption trägt. Die seinerzeit in England gebräuchliche Zugkraftregulierung durch Kette und Schnecke wurde indes durch einen Sekunden-Zwischenaufzug mit Force Constante ersetzt. Der gebläute Anker auf dem Zifferblatt – eine Hommage an Arnolds Marine-Chronometer – springt in Sekundenschritten und übernimmt die Funktion eines Sekundenzeigers.

Der Tourbillonkäfig an der Werkseite der Uhr dreht sich einmal pro Minute und entspricht bis ins Detail dem Entwurf, den John Arnolds brillanter Freund einst in der Uhr verwendet hatte. Das extrem schlichte Tourbillon präsentiert eine besonders feine, geradlinige und sanft gewölbt polierte Käfigbrücke, die den Blick auf eine Trägheitsunruh mit variabler Masse und Reguliergewichten freigibt. Allerdings zogen die heutigen Uhrmacher die weniger stoßempfindliche Schweizer Ankerhemmung der Chronometerhemmung der historischen Uhr vor.

Die Federhausbrücke der Constant Force Tourbillon 11 ist mit handgravierten Inschriften sowie der berühmten Plakette versehen, auf der ein neuer, vom Original inspirierter Text eingearbeitet ist: «Zum ehrwürdigen Gedenken an John Arnold und Abraham-Louis Breguet. Freunde in ihrer Zeit, legendäre Uhrmacher für immer.»

FAVRE LEUBA: CHIEF TOURBILLON

Die mit dem Geld indischer Investoren wiederbelebte Schweizer Traditionsmarke Favre Leuba präsentierte in Genf ein halbes Jahr nach dem Relaunch bereits das erste Renommierstück: ein Tourbillon mit Handaufzug, eingeschalt in das Gehäuse der Leader-Kollektion Chief und versehen mit einem fein geprägten Zifferblatt mit dem Motiv des Markenlogos, der Sanduhr. Das komplexe Uhrwerk steuert die auf ausgefallene Kundenwünsche spezialisierte Manufaktur Chronode bei, denn natürlich hat Favre Leuba (noch) nicht die konstruktions- und fertigungstechnische Kompetenz für ein Tourbillon. Die auf 25 Exemplare limitierte Auflage war dem Vernehmen nach schon kurz nach der Vorstellung vergriffen, obwohl das Chief Tourbillon mit 24.800 CHF das Zehnfache des Durchschnittspreises der Kollektion kostet.

HAUTE-RIVE: HONORIS I LAGOVERDE

Die Uhrmacherei liegt bei Stéphane von Gunten seit 137 Jahren in der Familie, und fast ebenso lange die Passion für eine hohe Gangreserve. Der Uhrmacher Irénée Aubry gründete 1888 in Haute-Rive am Neuenburger See seine erste Werkstatt und schuf einige äußerst eindrucksvolle Zeitmesser. Zum Beispiel die Hebdomas mit einer Gangreserve von acht Tagen oder eine für Papst Leo XIII gebaute Taschenuhr mit einer Autonomie von sage und schreibe 40 Tagen, beides übrigens erreicht mit nur einem Federhaus!

Diesem Konstruktionsprinzip ist Aubrys Nachfolger Stéphane von Gunten treu geblieben, doch der Uhrmacher-Ingenieur mit einer bewegten Vorgeschichte in Diensten von Patek Philippe und Ulysse Nardin kann heute natürlich auf bessere Materialien und Oberflächenqualitäten zurückgreifen. Sein komplett selbst entwickeltes und produziertes Tourbillon-Handaufzugswerk vom Kaliber HR01 hat eine Gangautonomie von nicht weniger als 1000 Stunden, den 40 Tagen der erwähnen Papst-Uhr entsprechend – nur eben als Armbanduhr von übersichtlichen Dimensionen. Der Aufzug erfolgt über die drehbare Lünette mittels eines raffinierten Kupplungsmechanismus mit Ausgleichsdifferenzial. Wie die über drei Meter lange Zugfeder in dem 42-mm-Gehäuse aus Weißgold Platz findet, bleibt das Geheimnis des ansonsten sehr sympathischen und redseligen Schweizers: «Sie müssen halt ganz eng wickeln.» Die in dem herrlich chaotischen Durcheinander der «Time to Watches» präsentierte Honoris I Lagoverde ist auf acht Exemplare limitiert und trägt ein bemerkenswertes Zifferblatt aus transluzenter grüner Grand-Feu-Emaille, durch welche die guillochierte Wellenstruktur des Trägerblatts schimmert. Der Preis von 188.000 Schweizer Franken (zuzüglich Steuern) dürfte den wenigsten der staunenden Messebesucher bewusst gewesen sein.

FAM AL HUT: MOEBIUS

Fam al Hut oder auch Fomalhaut ist nicht nur das hellste Gestirn im Sternbild Piscis Austrinus, sondern auch einer der hellsten Sterne am Nachthimmel der südlichen Hemisphäre. Dai Xinyan und Lukas Young sind zwei junge Uhrmacher und Hobby-Astronomen aus Südchina, und für sie lag es nahe, ihre Firma nach dem jungen Stern zu benennen. In der Uhren-Indie-Szene genießen die beiden Rockstar-Status, und wenn man ihr jüngstes Produkt betrachtet, möchte man am liebsten gleich in den Jubel einstimmen.

Ihr Zwei-Achsen-Tourbillon «Moebius» ist meiner Kenntnis nach das kleinste seiner Art und es verfügt dazu noch über zwei retrograde Anzeigen für Stunden und Minuten. Das ovale Gehäuse mit seinen konkaven Flanken und der markanten Saphirglaskuppel über dem Drehgestell misst nur 24 x 42 mm und ist an der flacheren Stelle 13 mm hoch. Das Tourbillon und das Uhrwerk mit Zeitanzeige (Springende Stunde, übrigens) sind auf die beiden Hälften des Gehäuses verteilt und bilden eine Art Endlosschleife in Form einer «8». Der Drehgang rotiert in 60 Sekunden und dreht sich in 90 Sekunden einmal um die um 90° verschränkte zweite Achse. Durch die prominente Platzierung aller Gestellteile lässt sich die hochwertige Finissierung des Handaufzug-Kalibers M-01T aus verschiedenen Blickwinkeln genießen.

Das Vorgängermodell Mark I wurde für 32.000 Dollar im Direktverkauf angeboten, die Moebius wird ein wenig teurer. Und ein Ewiger Kalender mit Zweiachs-Tourbillon soll sich bereits im Prototypstadium befinden.

Das Kräftemessen zwischen der alten und der neuen Uhrenwelt hat gerade erst begonnen.

Text: Peter Braun

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