Klassische Chronographen

Fussballfieber

Der Schiedsrichter-Chronograph Montilier Telefoot bot vielen Fußball-Referees in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine preiswerte Möglichkeit, die wichtige Information über die Spieldauer am Handgelenk zu tragen.

Étienne-Ovide Domont gründete 1852 in Murten am gleichnamigen See im Schweizer Kanton Freiburg die Fabrique d'Horlogerie de Montilier. Dass die Uhrenfabrik ab 1883 eigene Uhrwerke konstruierte und eigene Gehäuse (zum Teil aus Aluminium) fertigte, ist dem Umstand geschuldet, dass die großen Zentren der Schweizer Uhrmacherei relativ weit entfernt lagen. Den Nachfahren von Étienne-Ovide Domont – zunächst sein Sohn Ovide, dann der aus dem Elsass in die Region gezogene Uhrmacher Constantin Dinichert sowie Henri Buchs und einige andere mehr – gelang es über die Jahrzehnte, die Firma am Leben zu erhalten, weil sie stets auf beste Qualität zum besten Preis achteten und mehr als einmal mit guten Ideen auf sich aufmerksam machten. Man denke nur an die Armbanduhr Notora von 1931, die unter ihrem Gehäuse eine kleine Rolle Papier für Notizen verbarg, oder an eine spezielle Lépine-Taschenuhr für Ärzte von 1936 mit zwei Zifferblättern: Auf der einen Seite zeigte sie die Uhrzeit, und auf der Rückseite bot sie einen perfekt ablesbaren Zentralsekundenzeiger, über den sich nicht nur Mediziner beim Pulsmessen gefreut haben dürften.

SPIEL, SPORT, FREIZEIT

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereitete sich die Schweizer Uhrenindustrie auf friedliche Zeiten vor, und so reichte die Uhrenfirma im Dezember 1945 einen Kurzzeitmesser zum Patent ein, der sich heute unter Sammlern höchster Wertschätzung erfreut: die Montilier Telefoot. Schon im darauffolgenden Jahr war die simple, aber praktische Sportuhr im Handel erhältlich – genau rechtzeitig zum Start der ersten Fußball-Weltmeisterschaft nach der langen kriegsbedingten Pause. Die Telefoot, hergeleitet von dem bekannten Begriff «Telemeter» und dem englischen (wie auch französischen) Wort «Football», verfügte über einen Minutenzähler mit Zeiger aus der Mitte, der sich über den Kronendrücker wie bei einem Flyback-Chronographen augenblicklich auf null stellen ließ. Dabei handelte es sich nicht um einen Chronographen im strengen, technisch belegten Wortsinn, sondern um eine Uhr mit Rückstellzeiger. Dieser ließ sich zwar jederzeit auf null zurückstellen, aber weder dort blockieren noch «unterwegs» zum Stoppen einer Zeit anhalten. Die Skalierung der Minuterie lief – durchaus bedarfsgerecht – über 45 Minuten, die Länge einer Halbzeit bei einem Fußballspiel. Bei näherem Hinschauen fällt jedoch auf, dass die ersten 15 Minuten außerdem in Drei-Minuten-Intervalle unterteilt sind. Diese haben nichts mit der Sportzeitmessung zu tun, sondern sind eine praktische Hilfe bei der Überwachung von Telefongesprächen, die seinerzeit von den Gesellschaften im Drei-Minuten-Takt abgerechnet wurden. Die Möglichkeit zum individuellen Starten der Telefonzeitmessung machte die Telefoot normalen Armbanduhren überlegen, und die Ablesbarkeit war dank der großen Skala besser als bei den meisten Chronographen. Beim Uhrwerk handelte es sich um ein Montilier-Manufakturkaliber, das mit einfachen Mitteln auf einen rückstellbaren zweiten Minutenzeiger umgebaut wurde – übrigens das einzige Montilier-Kaliber mit Kurzzeitmesser. Die ab Anfang der 1950er Jahre angebotenen Montilier-Chronographen waren mit Uhrwerken der Ebauches SA ausgestattet.

SAMMLERTIPP

Eine Montilier Telefoot ist heute außerordentlich schwer zu finden. Armbanduhrwerke mit Rückstell-Minutenzeiger und 60-Minuten-Register sind ohnehin selten; das Kaliber 12.68 Z von Longines zählt zu den bekanntesten Vertretern. Für Sammler ist die Telefoot nicht nur wegen ihrer ausgefallenen, wenn auch recht simplen Technik, sondern auch wegen ihres schlichten und einzigartigen Designs verlockend. Die offensichtliche Verbindung zum Fußball macht sie für eine weitere Sammlergruppe interessant. Offenbar gab es die Telefoot nur in verchromter und vergoldeter Ausführung. Außerdem dürften die mangelnde Wasserdichtheit sowie ihr regional begrenztes Verbreitungsgebiet großen Produktionsstückzahlen entgegengestanden haben und die relative Seltenheit des Modells auf dem Markt erklären. Den Autoren sind nur die beiden genannten Gehäusevarianten bekannt, die vermutlich beide mit denselben Zifferblättern ausgestattet wurden. Dabei fällt auf, dass Montilier in zeitgenössischen Werbeanzeigen mit einer gezeichneten Variante ohne Kleine Sekunde warb. Ob es sich dabei um eine nie kommerzialisierte Ausführung oder um eine besonders seltene Spielart der Telefoot handelt, ist seit längerer Zeit Gegenstand akribischer Nachforschungen.

Text und Bilder: Joël Pynson und Sébastien Chaulmontet
www.armbanduhren-online.de

Quellenangabe: Revue Internationale d’Horlogerie (1941), Journal Suisse d’Horlogerie (1946), Schweizer Patentschrift Nr. 247271

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