100 Jahre Mido

Ich messe

Krisen können auch ihr Gutes haben, denn sie zwingen dazu, das eigene Handeln zu überdenken. So geschehen beim Schweizer Uhrenhersteller Mido – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht.

Georges Schaeren Mido
Mido-Gründer Georges Schaeren
Während am 11. November 1918 das damalige Deutsche Kaiserreich sowie die Westmächte Frankreich und Großbritannien den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnen und damit de facto den Ersten Weltkrieg beenden, beschließt in der Schweiz der rührige Uhrmacher Georges Schaeren, sich selbstständig zu machen. Gemeinsam mit dem Kaufmann Hugo Jubert gründet er die Handelsgesellschaft «G. Schaeren & Cie., Mido Watch» mit Sitz in Solothurn. Der Markenname Mido wird Schaeren von seinem jüngeren Bruder und späteren Geschäftspartner eingeflüstert: Der des Spanischen mächtige Henri Schaeren ist der Meinung, der spanische Ausdruck «yo mido» (übersetzt: «Ich messe») passe bestens zu einer Uhrenfirma. Da möchte Georges nicht widersprechen.

Uhren für Automobilisten

Gut zehn Jahre später hat die Weltwirtschaftskrise maßgeblichen Anteil daran, dass man bei Mido einiges umkrempelt und die Modellpolitik maßgeblich verändert. Bis dahin feiert die Marke achtbare Erfolge mit Schmuckuhren und anderen fantasievoll gestalteten Zeitmessern, die firmenintern tatsächlich als «Montres Fantaisie» bezeichnet werden. Die Basis dazu liefern hauseigene kleine Handaufzugswerke, auf welche die Mido-Uhrmacher spezialisiert sind.

Ein Aushängeschild sind unter anderem die «Uhren der Automobilisten», eine frühe Ausprägung des Cross-Marketings. Von Alfa Romeo über Bugatti bis Rolls Royce bildet Mido die Kühlergrills populärer Autos in Uhrengehäusen ab – und präsentiert diese Zeitmesser auch auf dem Genfer Automobilsalon. Die Kombination aus diesen noblen Schmuckuhren und zuverlässigen Alltagsuhren erweist sich bis 1929 als einträgliches Geschäft, die Aktiengesellschaft zahlt jährlich stattliche Dividenden aus.

Das ändert sich nach dem Börsenkrach im Oktober 1929. Midos wichtigste Absatz- märkte Skandinavien und Japan brechen massiv ein, sodass man sich – als erste Spar- maßnahme – 1932 dazu entschließt, nicht mehr auf die Basler Uhrenmesse zu gehen. In der Folge wird auch die dezentrale Organisation mit Standorten in Solothurn, Biel und Günsberg aufgegeben, die gesamten Firmenaktivitäten werden in Biel konzentriert.

Mido Multifort 1939
Zwei Multifort-Modelle aus dem Jahr 1939 – zeitloses Design in leider nicht mehr zeitgemäßer Größe (33 bzw. 34 mm)

Sportliche Zeitmesser

Konzentration ist dann auch in der Modellpolitik gefragt. Die luxuriösen Schmuckuhren werden gestrichen, an ihre Stelle treten funktionelle, zeitlose und sportliche Zeitmesser. Das mündet zunächst in der Lancierung der heute noch hoch geschätzten Modelllinie Multifort im Jahr 1934. Deren Name ist Programm, Mido setzt auf Widerstandsfähigkeit in vielen Formen. Dazu gehört nicht nur eine stabilere Zugfeder, sondern die Uhren sollen auch rostfrei, stoßfest, antimagnetisch sowie staub- und wasserdicht sein. Für Letzteres sorgt eine selbst entwickelte Dichtung aus Naturkork (siehe auch Kasten «Dicht dank Kork»), die mit der Einführung der legendären Ocean Star Commander im Jahr 1959 den Eigennamen «Aquadura» erhält.

DICHT DANK KORK

Was guten Wein schützt, kann für Uhren nicht schlecht sein, dachte man sich bei Mido und begann 1934 damit, den Kronentubus mit Kork abzudichten. Aber während der Flaschenverschluss als Ganzes aus der Rinde der Korkeiche geschnitten wird, ist die Fertigung der Uhrendichtung aufwendiger.

Hier wird Naturkork zunächst sehr fein vermahlen,dann mit Bindemittel vermischt,gepresst und in die gewünschte Form gebracht. Diese Dichtung wird zusätzlich mit Dichtungsfettimprägniert, sodass sie viele Jahre lang dicht hält.

Die Bezeichnung «Aquadura» erhielt die Dichtung erst 1959 mit der Einführung der Ocean Star Commander. Doch demnächst ist Schluss mit der herrlich anachronistischen Technik: Alle Mido-Modelle werden auf herkömmliche Kronentubusdichtungen umgestellt.

Sie ist eine eindrucksvolle Uhr, diese Ocean Star Commander, und ihr Konzept wird bei ihrer Vorstellung als einzigartig und avantgardistisch gefeiert. Das Gehäuse ist aus einem Stück gefertigt (sogenannte Monocoque-Bauweise), auf einen abnehmbaren Boden haben die Konstrukteure verzichtet. Stattdessen wird das Uhrwerk mit vormontiertem Zifferblatt von oben eingesetzt und schließlich mit einem aufgepressten Perma t-Kunststoffglas abgeschlossen. Die Krone, deren Welle über die Aquadura-Dichtung abgedichtet ist, verschwindet nahezu vollständig im Gehäuse. So ist sie gut geschützt – schließlich braucht man sie ja auch nicht regelmäßig, denn Mido setzt frühzeitig auf Automatikwerke.

Wasserdichtheit und Selbstaufzug sind für die Uhrenfreunde von heute eine Selbstverständlichkeit, doch Mido bot dies schon in den 1930er Jahren mit der Einführung der Multifort an und gehörte damit zu den führenden Uhrenmarken seiner Zeit.

Spezielle Uhrwerke

Auch bei den Uhrwerken zeigt sich der Bieler Hersteller innovativ und entwickelt äußerst praktische technische Neuerungen. Beispielhaft erwähnt seien hier das Modell Radiotime (1939) sowie der Multicenterchrono (1941), die heute durchaus gesuchte Sammlermodelle sind. Die Radiotime verfügt über einen komplexen Nullstellmechanismus, der die Synchronisierung der Uhr mit dem Zeitsignal im Radio oder am Telefon zu jeder vollen Viertelstunde ermöglicht. Ein Druck auf den in der Krone integrierten Drücker stellt dann Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger auf die exakte Position.

Der Multicenterchrono zeichnet sich dadurch aus, dass er auf kleine, schwer ablesbare Hilfszifferblätter für die gestoppte Zeit verzichtet. Stattdessen werden neben der Uhrzeit auch Stoppsekunde, -minute und -stunde durch Zeiger aus dem Zifferblattzentrum angezeigt. Das ermöglicht eine intuitive, schnelle Ablesung. Mido gibt dem Chronographenwerk mit Handaufzug die Kalibernummer 1300. Das erscheint aufgrund des umfangreich umgebauten Zeigerwerks durchaus legitim, wenn auch das Großserienwerk Valjoux VZ als Basis dient.

Zur Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit gehören auch gute Gangleistungen,weshalb man sich Anfang der 1960er Jahre im Hause Mido mit dem Thema Chronometer-Zertifizierung beschäftigt. Wann genau der erste Chronometer gebaut wurde, lässt sich anhand der Firmeneigenen Dokumente nicht nachvollziehen. Fest steht jedoch, dass Mido im Jahr 1972 für 100.000 erfolgreiche Chronometerprüfungen von der COSC geehrt wird. Elf Jahre später wird diese Zahl glatt verdreifacht.

Mido Baroncelli Jubiläumsedition
Auf 2018 Exemplare limitierte Baroncelli-Sondermodelle zu Ehren des Jubiläums

Neue Besitzer

Wieder verändert eine Krise die Entwicklung von Mido. Die Familie Schaeren verkauft im Januar 1971 – wohl aus nanziellen Gründen – ihr Unternehmen an die General Watch Co. Ltd., eine Holding-Gesellschaft der ASUAG (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG). Unter diesem Dach sind namhafte Uhrenhersteller wie Oris, Edox, Eterna, Certina und später auch Longines vereinigt. Wenige Jahre später werden diese Marken, wie eigentlich die gesamte Schweizer Uhrenindustrie, von einer massiven Absatzkrise heimgesucht, die vielfach auch als «Quarzkrise» bekannt ist. Preiswerte batteriebetriebene Zeitmesser aus Fernost überschwemmen den Weltmarkt und machen den Schweizern das Leben sehr schwer. Auch Mido muss Mitarbeiter entlassen. Andere Marken trifft es ungleich härter, sie müssen schließen.

Unter dem Dach der ASUAG, die 1983 mit der SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère) fusioniert, findet Mido den Weg in den Unternehmensverbund, der seit 1998 als Swatch Group firmiert. Mido produziert weiterhin mehrheitlich mechanische Uhren, nur knapp ein Viertel sind batteriebetriebene Quarzzeitmesser.

Der Hauptabsatzmarkt ist und bleibt für lange Zeit Lateinamerika. Erst 1998 mit der Lancierung einer neuen automatischen Multifort sowie 2001 mit einer neuen Ocean Star wird Mido auch in Deutschland wieder verstärkt wahrgenommen und schafft auch erfolgreich den Sprung auf den prosperierenden chinesischen Markt. Der kriselt zwischendurch zwar auch ein wenig, doch Mido kann das verkraften.

Die 1998 begonnene Neuausrichtung, die eigentlich eine Rückkehr zu alten Werten war, zahlt sich aus. Als Hauptziel de nierten die Verantwortlichen die «Herstellung von robusten und wasserdichten Automatikuhren auf dem neuesten Stand der Technik in einem zeitlosen Design». Dafür steht Mido bis heute. Wer sonst kann einen geprüften Chronometer in der Preisklasse um die 100 Euro anbieten – außer vielleicht die Schwestermarke Tissot, mit der man in Le Locle unter einem Dach sitzt.

Doch während Tissot eher dem Sport frönt, kümmert sich Mido um das klassische Segment. Und so gilt für die 100-jährige Marke im Jubiläumsjahr: von Krise keine Spur.

Text: Martin Häußermann





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