Walter Lange Watchmaking Excellence Award

Hört die Signale!

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Die Ausschreibung zum Wettbewerb um den mit 10.000 Euro dotierten Förderpreis für Nachwuchs-Uhrmacher*innen hatte es in sich. Die acht Bewerber aus sechs verschiedenen Uhrmacherschulen in Europa und in Japan waren im Frühling 2018 in freudiger Erwartung nach Glashütte gereist, um in einer Woche Vollprogramm die Welt von A. Lange & Söhne kennenzulernen, sich über die Produktionsweise der Manufaktur zu informieren und sich beim Besuch von kunst- und kulturhistorischen Sammlungen – im Mathematisch-Physikalischen Salon und im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte – miteinander auszutauschen.

Aber als Lange-Entwicklungschef Anthony de Haas am letzten Tag ihres Besuchs die Prüfungsaufgabe bekannt gab, wurde es ganz still im Saal: Eine funktionsfähige akustische Anzeige galt es zu konstruieren und aufzubauen auf einem Taschenuhrwerk. Da dachte natürlich jeder sofort an eine Repetitionsuhr, und manch einem rutschte das Herz in die Hose …

A. Lange und Söhne
Die Jury: Gisbert L. Brunner, Peter Braun, Anthony de Haas und Peter Plaßmeyer.

Nicht nur Zeitanzeigen

Nirgendwo stand jedoch geschrieben, dass es sich um eine Zeitanzeige handeln musste, und so entwickelte der japanische Uhrmacherlehrling Yutaro Iizuka zum Beispiel eine akustische Anzeige für das Erreichen einer frei einstellbaren Zieltemperatur. Aber weil ihm das Herstellen einer Bimetallfeder samt der Übertragung ihrer Bewegung über ein eigenes Räderwerk und einem Doppelschlagwerk auf eine ringförmige Tonfeder aus Stein (!) wohl zu einfach erschien, nahm er sich das brave Unitas-Kaliber vor und spendierte ihm einen Satz völlig neu zugeschnittener Brücken und Kloben, die er von Hand anglierte und teilweise polierte.
Linda Holzwarth von der Uhrmacherschule Pforzheim hatte die Idee, das Ablaufen des Federhauses bzw. den drohenden Verlust der Antriebskraft mit einem Warnsignal zu unterlegen, und so konstruierte sie ein über Differenzial und Rechen angetriebenes Schlagwerk aus Hammer und Glocke, das rechtzeitig durch ein dezentes «Ping» zum Aufziehen der Feder mahnt.
Beide Arbeiten wurden qualitativ und ästhetisch hochwertig ausgeführt, wobei der hohe Anteil an Handarbeit nicht zu übersehen war. Doch das Uhrwerk des 22-jährigen Otto Peltola von der Uhrmacherschule in Espoo (Finnland) stellte alles in den Schatten: Es ist nicht nur mit größter Sorgfalt gestaltet und finissiert, sondern überzeugte mit perfekter Funktion und einer außergewöhnlichen Konstruktion, die nach Kenntnis des Autors so noch niemals verwirklicht wurde. Peltola, der auch schon kunstvolle Musikinstrumente gebaut hat und diese auch spielt, entwickelte ein faszinierend schlichtes Schlagwerk, das jede Viertelstunde ein akustisches Signal gibt. Und zwar jede Viertelstunde in einer anderen Tonhöhe: Seine Uhr heißt «Ostinato», ein Begriff aus der Musik, der eine sich wiederholende Tonfolge beschreibt (in diesem Fall C-a-F-G7). Die Klangerzeugung erfolgt außerdem nicht per Hammer und Gongfeder, sondern durch gezupfte Zungen. Durch geschickte Berechnung der Steigung der Schneckenstufen und den per Federkraft verstärkten Impuls der Stachelwalze – sowie natürlich die legendäre Zugkraft des Unitas-Handaufzugswerks – konnte das System einfach und transparent gehalten werden. Das Finish der komplett neu angefertigten Komponenten ist fast professionell zu nennen und umso erstaunlicher, als Peltola weitgehend auf seine eigene kleine Werkstatt zu Hause angewiesen war, weil seine Uhrmacherschule während der Sommerferien geschlossen war.
Es steht überdies zu befürchten, dass die renommierte Schule «Kelloseppäkoulu» dereinst für immer geschlossen bleibt, denn in Espoo werden nach neuesten Informationen keine neuen Schüler mehr aufgenommen. Otto Peltola könnte daher der vorerst letzte in Finnland ausgebildete und international ausgezeichnete Uhrmacher sein.

Otto Peltola
Sieger Otto Peltola, 22 Jahre, Uhrmacherschule Espoo, Finnland

Ein guter Jahrgang

2018 war ein sehr guter Förderpreis-Jahrgang. Die eingereichten Arbeiten wiesen kreative und innovative Konstruktions- und Designansätze auf, und dabei hatte sich zuvor noch keine(r) der angehenden Uhrmacherinnen und Uhrmacher in ihrem vorletzten Lehrjahr mit akustischen Anzeigen beschäftigt. Auch wenn sich nicht alle Ideen umsetzen ließen, manche Berechnungen nicht stimmten, einige Mechanismen nicht funktionierten und viele aus Zeitmangel nicht fertig finissiert werden konnten, war das Niveau in diesem Jahr außerordentlich hoch, befand die Jury. Diese setzt sich zusammen aus dem Kurator des Mathematisch-Physikalischen Salons in Dresden, Peter Plaßmeyer, den beiden Uhren-Journalisten Gisbert L. Brunner und Peter Braun sowie dem Entwicklungschef von A. Lange & Söhne, Anthony de Haas. Der Platz des vor zwei Jahren verstorbenen Initiators des Nachwuchspreises blieb auch dieses Jahr vakant, doch man kann sicher sein, dass Walter Lange über die eingereichten Arbeiten entzückt gewesen wäre.

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