Valjoux-Chronographen mit Handaufzug

Ungleiche Geschwister

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Wer bei der Suche nach einem alten Chronographen nur nach dem Äußeren geht, wird zwei der drei hier vorgestellten Uhren wahrscheinlich geflissentlich übersehen, da ihre Gehäuse nicht gerade dem «klassischen» Ideal entsprechen und man – schlimmer noch – in ihrem Innern kein besonders wertvolles und damit sammelnswertes Uhrwerk-Kaliber vermutet. Wie man sich doch irren kann ...

von Michael Philip Horlbeck mit Fotos von Arne Psille

Gerade das Valjoux Kaliber 23 und seine Weiterentwicklungen, das Kaliber 72 (mit 12-Stunden-Zähler), das Kaliber 72C (mit Vollkalender) und vor allem das legendäre Kaliber 88 (mit Vollkalender und Mondphase) gelten vielen Sammlern als Krönung der mechanischen Chronographen-Schöpfung. Dabei wurden diese Kaliber ursprünglich als Massen-Werke für so genannte «Konfektionäre» konstruiert und verkauft.
Da sie jedoch über eine robuste und zuverlässige Technik verfügen, wurden sie nicht nur von reinen Etablisseuren verwendet, auch berühmte Marken nutzten diese Kaliber, ästhetisch und technisch mehr oder weniger veredelt, in ihren Uhren. Eines der berühmtesten Beispiele dafür ist die Rolex Daytona mit ihrem Valjoux Kaliber 72, die heute zu den begehrtesten Uhrenmodellen überhaupt zählt.
Doch so gefragt die klassischen Valjoux-Chronographenkaliber auch sein mögen, so wenig Beachtung finden ihre Weiterentwicklungen. Dabei sind diese Werke technisch identisch – lediglich die Schlagzahl der Unruh wurde erhöht.

Ein paar Jahre älter, und die Sammler würden (fast) jeden Preis bezahlen: Das Valjoux Kaliber 730 in diesem Chronographen von Wakmann Gigandet ist im Grunde ein «schneller getaktetes» Kaliber 72C mit Voll­kalender. Auch ein Schaltrad hat das feine Uhrwerk zu bieten – nur: Das wissen halt die wenigsten.


Alles wie früher, nur besser

Zum Zeitpunkt der Konstruktion waren die 18.000 A/h (2,5 Hz) des Valjoux 23 gängiger Standard. Auf der Suche nach immer höherer Ganggenauigkeit stieg die Schlagzahl der Uhrwerke kontinuierlich an, bis sich die heute quasi universell angesetzten 28.800 A/h (4 Hz) als Maß der Dinge einbürgerten.
Um Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre mit den überaus präzisen elektrischen und elektronischen Uhrwerken mithalten zu können, entschied man sich, bei doch schon recht betagten Chronographenkalibern die Schlagzahl von 18.000 auf 21.600 A/h (3 Hz) zu erhöhen. Technisch blieben diese Werke unverändert, wodurch auch weiterhin die zuverlässige Funktion gewährleistet war.
Neben der Erhöhung der Schlagzahl kamen aber auch sinnvolle Erweiterungen dazu. So wurde das Valjoux 23 um eine Datumsanzeige erweitert, die im Sinne einer symmetrischen Aufteilung des Zifferblatts bei der «6» angeordnet war. Das überarbeitete Werk erhielt die Bezeichnung Valjoux Kaliber 234. Nach ähnlichem Muster entstanden die Kaliber 726 und 730. Beim Kaliber 726 handelt es sich um ein schneller getaktetes Kaliber 72, während das Kaliber 730 im Grunde ein 72C (mit Vollkalender) mit erhöhter Schlagzahl ist.
Typisch für die klassischen Valjoux-Kaliber ist ihre große Unruh. Betrachtet man die modifizierten Kaliber von der Werkseite, so erkennt man als einzigen Unterschied den etwas kleineren Durchmesser der Unruh, die in ihrer Aussparung nun etwas verloren wirkt.
Während die beiden Wakmann Chronographen mit den Kalibern 234 und 726 sehr schlicht gehalten sind, wurde das Kaliber 730 im Wakmann Gigandet zumindest vergoldet. Leider arbeiten die mechanischen Leckerbissen in allen diesen Uhren im Verborgenen: Glasböden, wie sie heute bei Uhren mit solchen Kalibern obligatorisch sind, waren damals für «Standardware» nicht vorgesehen.

Als Kaliber 726 entsprach das modernisierte Valjoux-Werk dem normalen Kaliber 72 ohne zusätzliche Kalenderfunktionen. Die schneller schwingende Unruh (21.600 A/h statt 18.000 A/h) hat naturgemäß einen kleineren Durchmesser als die schöne (Schrauben-) Unruh des alten Kaliber 72 und wirkt in der Aussparung etwas verloren. Dieser Wakmann-Chrono­graph orientiert sich stilistisch an ähnlichen Vorbildern wie die Rolex Daytona und hat die Zeiten sehr gut überdauert.


Gewöhnungsbedürftig: Die Gehäuse

Die Gehäuse dieser Uhren sind mit modernen Gehäusen vergleichbar. Sie haben eine flache Mineralverglasung und einen verschraubten Boden und sind dank abgedichteter Drückerführungen wassergeschützt. Im Vergleich zu den älteren Uhren mit den Schaltradkalibern von Valjoux, bei denen die Drücker in offenen Aussparungen im Gehäuse liegen, ist dies ein unschätzbarer Vorteil.
Stahlgehäuse waren zwar verbreitet, doch wurde bei Uhren mit modisch schwarzen Gehäusen leider häufig eine Messinglegierung verwendet. Auch viele verchromte Gehäuse waren aus Messing gefertigt. Das lag – nebendem niedrigeren Materialpreis – sicherlich auch in der leichteren Verarbeitung des Messings gegenüber dem Stahl begründet.
Gerade die Gehäuse der beiden schwarzen Wakmann machen diese Uhren wiederum interessant, ist ihre Ähnlichkeit mit den ersten Porsche Design Chronographen von Orfina doch sicher nicht zufällig. Der Orfina Chronograph mit seinem schwarzen Gehäuse und dem Chronographenkaliber Valjoux 7750 mit Automatikaufzug war zu dieser Zeit ein echter Trendsetter. Da bei den beiden Wakmann Handaufzugkaliber verwendet wurden, waren die Gehäuse natürlich flacher gestaltet, wodurch die beiden Uhren am Handgelenk eleganter wirken – auch im Vergleich zu den wuchtigen «Spiegelei»-Gehäusen der siebziger Jahre. Selbst wenn diese massiven Gehäuse das Werk perfekt vor Beschädigungen schützen, ist ihr Design oftmals doch recht -hm - gewöhnungsbedürftig. Nicht nur wenn das Gehäuse viele Tragespuren aufweist kann sich daher ein neues Gehäuse auszahlen. Ein Beispiel hierfür ist die dritte Wakmann mit sportlichem Stahlgehäuse, das ihr jetziger Besitzer gegen das schwer beschädigte, verchromte Messinggehäuse austauschte. Der einzige Nachteil ist das bombierte Kunststoffglas des neuen Gehäuses, das relativ leicht verkratzt und dann aufpoliert oder gewechselt werden muss.
Durch den hohen Kontrast der weißen Zeiger auf dem schwarzen Zifferblatt lässt sich die Uhrzeit auch aus dem Augenwinkel perfekt ablesen. Zusätzlich haben alle drei Chronographen noch eine Tachymeterskala. Während sie bei der Wakmann mit dem Kaliber 234 auf der Lünette aufgedruckt ist, liegt sie bei den beiden anderen Uhren auf dem Zifferblatt unter Glas geschützt. Bei der Wakmann Gigandet ist sie trotz des Zeigerkalenders noch gut abzulesen.
In der schwarzen Wakmann mit ihrem 30-Minuten-Zähler bei der «3» und dem Datumsfenster bei der «6» würde man eher ein Valjoux Kaliber 7734 vermuten, welches zu dieser Zeit oft verbaut wurde. Erst wenn man die Möglichkeit hat, das Werk zu sehen, kann man erkennen, dass es sich um einen Schaltradchronographen handelt. Ist auf Börsen und Flohmärkten nicht immer leicht nachzuprüfen.

Der Nachfolger des Valjoux Kaliber 23 erhielt die Kalibernummer 234. Auch hier wurde außer der Erhöhung der Schlagzahl und der entsprechenden Anpassung der Räderwerkübersetzung kaum etwas gegenüber dem legendären Original verändert. Dennoch fristen solcherart ausgestattete Chronographen trotz Schaltradsteuerung auf Uhren­börsen oft ein Mauerblümchendasein, was eventuell an den klobigen «modernen» Gehäusen liegen mag, die heute nicht nur wegen ihrer teilweise schlechten Qualität verschmäht werden.


Praktische Begleiter

Eine Besonderheit ist das Zeigerdatum der Wakmann Gigandet. Durch die weißen Felder mit ihren schwarzen Zahlen wirkt der Datumskranz sehr plastisch. Um eine deutliche Ablesbarkeit zu gewährleisten, hat der Datumszeiger eine leuchtend orange Fläche, die genauso breit ist wie ein Datumsfeld. Zur leichteren Einstellung des Kalenders sind zwei kleine Drücker auf der linken Gehäuseseite eingelassen. Über diese Drücker lassen sich sowohl das Datum als auch der Monat schnell einstellen.
Wer beim Kauf einer neuen alten Uhr nicht allzu viel Wert auf einen bekannten Namen legt, ist mit den hier gezeigten Uhren der nicht so geläufigen Marken gut bedient. Durch die wasserdichten Gehäuse mit ihrer flachen Mineralverglasung sind diese Uhren voll alltagstauglich, zumal ihre Werke auch über eine Stoßsicherung verfügen. Lediglich die schwarze Beschichtung reibt sich vergleichsweise schnell ab. Hat man dagegen die Möglichkeit, einen Chronographen mit einem dieser Kaliber in einem Stahlgehäuse zu erwerben, bekommt man eine praktische Alltagsuhr, die von vielen unterschätzt wird.



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