Technik-Trend: Neue Chronographen

Höhepunkt der Entwicklung

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Noch vor fünfzehn Jahren musste man sich bei «neuen» Chronographen meistens mit Variationen und Derivaten des braven Valjoux 7750 begnügen. Inzwischen buhlen so viele Manufakturwerke wie nie zuvor um die Gunst des Kunden, und auch in diesem Jahr kamen wieder einige hinzu. Kann das so weitergehen?
Tudor Heritage Black Bay Chronograph
© Tudor
Für viele eine der schönsten Nachrichten des Jahres 2017: Der preiswerte Tudor Heritage Black Bay Chronograph wird von einem echten Breitling-Manufakturkaliber angetrieben.

Die große Überraschung der diesjährigen BASELWORLD war für mich die Nachricht, dass der neue Tudor Heritage Black Bay Chronograph mit einem Breitling Kaliber B01 (dekoriert als Tudor Kaliber MT5813) bestückt wird. Nicht nur Tudor-Fans, sondern auch andere Uhrenfreunde brachen darüber in spontanen Jubel aus, denn sie erhalten das feine Werk nicht nur zu einem niedrigeren Preis als bei Breitling, sondern überdies moderner ausgestattet mit frei schwingender Silizium-Spirale nebst Unruh mit variablem Trägheitsmoment. Manch einer dürfte sich jedoch auch gefragt haben, ob die ursprüngliche Entscheidung, ein eigenes Chronographenwerk zu entwickeln, wirklich so klug war oder ob da nicht vielleicht doch auch eine gute Portion Profilierungsdenken mitspielte. Die so hoch geschätzte Exklusivität ist bei einem Verkauf der teuer entwickelten Technik an Dritte natürlich dahin. Die Breitling-Aktionäre haben übrigens kurz nach der Messe den Großteil der Firmenanteile an eine Kapitalgesellschaft verkauft … 

Abgesehen von seiner Technik hat mich der Tudor-Chronograph nicht überzeugt: Das Design ist eine unausgegorene Mischung aus Taucheruhr und Motorsport-Chronograph, und auch wenn sie inzwischen ein Markenzeichen der Heritage-Modelle sind, verdecken die dicken «Snowflake»-Zeiger die Totalisatoren und passen zu einer Tachymeterskala wie die Faust aufs Auge.

Breitling Navitimer Rattrapante
© Breitling
Von hinten leider nichts zu sehen: Die moderne Schleppzeiger-Konstruktion von Breitling sitzt zwischen Uhrwerk und Zifferblatt.

Breitling verrechnet die Chronographenwerke mit den zukünftig von Tudor bezogenen Dreizeiger-Automatikwerken MT5612, doch interessanter fand ich die Schleppzeiger-Variante des Chronographenkalibers B01 im Gehäuse des legendären Navitimer.

Schleppzeiger-Chronographen haben bei Breitling eine lange Tradition seit dem Duograph, ausgestattet mit den Venus Kalibern 179, 185 oder 190. Das neue Kaliber B03 ist jedoch der erste Rattrapante aus eigener Entwicklung und Fertigung. Der Schleppzeiger-Navitimer ist ästhetisch sehr gelungen, wenn auch mit einem Durchmesser von 45 Millimetern ein bisschen groß geraten. Und leider sitzt das 1,95 Millimeter dicke Schleppzeiger-Modul unter dem Zifferblatt, sodass man durch den Glasboden nur einen gewöhnlichen Rotoraufzug zu sehen bekommt. Was mich jedoch immer wieder verwundert, ist die Tatsache, dass Uhrenhersteller ihre modernsten neuen Werkkonstruktionen in betont klassisch, um nicht zu sagen: altmodisch gestalteten Uhren anbieten.

© TAG Heuer
Moderne Technik, altmodisch verpackt: Das Kaliber Heuer 02 (vor vier Jahren vorschnell als «Kaliber 1969» präsentiert) debütiert in einem Autavia-Remake im Stil von 1962.

Das gilt auch für TAG Heuer, auf dem Feld der Kurzzeitmessung der historische Gegenspieler von Breitling. Die Manufaktur bringt dieses Jahr endlich das mit Spannung erwartete Kaliber Heuer 02 auf den Markt, das kurz nach seiner Präsentation 2013 (als Kaliber 1969 bzw. CH80) erst einmal auf Eis gelegt worden war. Dabei handelt es sich um eine moderne, effiziente Konstruktion mit Schaltradsteuerung, vertikaler Kupplung und hoher Gangreserve (80 Stunden). Nun also debütiert es in einer detailgetreuen Replik der legendären Autavia aus den 1960er Jahren, die sich an der in Sammlerkreisen als «Jochen Rindt» bekannten Version (nach dem Autorennfahrer) orientiert. Mit Automatikaufzug, Datumsanzeige und einem von 39 auf 42 Millimeter gewachsenen Durchmesser macht die neue Autavia einige Zugeständnisse an heutige Tragegewohnheiten. Dennoch ist sie eine gute Empfehlung für alle Heuer-Fans, denen die Originale nach dem jüngsten Preissprung endgültig in Rolex-Daytona-Gefilde entfleucht sind.

TAG Heuer Mikrograph 100
© TAG Heuer
TAG Heuer Mikrograph 100

Nach fast fünfzig Jahren wagt sich Zenith erstmals an eine Revitalisierung des legendären ersten Automatik-Chronographen heran. Mit «El Primero» von 1969 hat das neue Modell Defy El Primero 21 («für das 21. Jahrhundert») technisch allerdings nichts gemeinsam – mit Ausnahme der typischen hohen Schwingfrequenz von 36.000 A/h (5 Hz) für das Uhrwerk. Diese ist jedoch vergleichsweise niedrig, wenn man die Schlagzahl des Chronographen betrachtet: Das völlig unabhängige Chronographenwerk arbeitet nämlich mit 360.000 A/h (50 Hz) und kann daher die Hundertstelsekunde mit einem direkten Zeiger aus der Mitte anzeigen. Technik und Anzeigen erinnern stark an den 2011 präsentierten «Mikrograph» der Zenith-Konzernschwester TAG Heuer, der ebenfalls auf einer gemeinsamen Grundplatine zwei unabhängige Werke mit jeweils eigenem Krafthaushalt, Räderwerk und Hemmung unterhielt. Während die limitierte Gold-Edition des Mikrograph seinerzeit jedoch 40.000 Euro kostete, gibt es die Defy El Primero 21 nun schon für knapp über 10.000 Euro im Titangehäuse. Damit wird die faszinierende Dual-Technik erstmals für eine größere Zielgruppe erschwinglich. Auf ein pittoreskes Schaltrad kann der ambitionierte Hightech-Chronograph noch verzichten, doch die geringe Gangreserve von 50 Minuten für die Chronographenfunktion, die noch dazu per Handaufzug aufgebaut werden muss, bleibt für mich ein Wermutstropfen.

Frédérique Constant Chronograph Manufacture Flyback
© Frédérique Constant
Einfache Konstruktion mit Flyback-Modul: Das Chronographenkaliber FC-760 von Frédérique Constant ermöglicht interessante Marktpreise.

Nach Alpina und Ateliers de Monaco kommt nun endlich auch die oberste Konzernmarke Frédérique Constant in den Genuss des eigenen Flyback-Chronographenkalibers FC-760. Die recht simple Konstruktion als Zusatzmodul sowie der Verzicht auf Stundenzähler und Fensterdatum ermöglichen es der Manufaktur, den Flyback-Chronographen zu einem Preis von unter 4000 Euro anzubieten. Für mich stellt sich indes die Frage, ob die unter dem Zifferblatt verborgene Modultechnik als Argument zugkräftig genug ist, um gegen wesentlich preiswertere integrierte Konstruktionen mit sichtbarer Technik (zum Beispiel das Longines-Schaltradkaliber auf Valjoux-Basis) bestehen zu können – Manufaktur-Erzeugnis hin oder her.

Sicher ist: Der mechanische Chronograph erlebt gerade eine zweite Blütezeit, und das in einer nicht für möglich gehaltenen Vielfalt von Baumustern und Modellen. Von den großen Häusern leistet sich heute nur noch Audemars Piguet den Luxus, auf einen integrierten Chronographen in der Stammkollektion zu verzichten. Tatsächlich weckt die eingangs erwähnte Zweckgemeinschaft von Breitling und Tudor Zweifel an der Rentabilität kostspieliger Eigenentwicklungen. 

Vielleicht haben wir den Höhepunkt des Manufakturchronographen-Booms schon erreicht.

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