Sammler: Tissot

Verkannte Größe

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Tissot ist – wie die über 165-jährige Geschichte eindrücklich beweist – das Paradebeispiel eines äußerst erfolgreichen Unternehmens und eine der bekanntesten Uhrenmarken der Welt. Auf dem Sammlermarkt für Vintage-Uhren dagegen spielt Tissot bislang eine eher noch untergeordnete Rolle.
Navigator Yachting von 1973
Der Chronograph Navigator Yachting von 1973 verfügt dank des Minutenzählers aus der Mitte über eine als Regatta-Countdown nutzbare 15-Minuten-Skala am Réhaut.

Mit einer jährlichen Produktion von schätzungsweise über vier Millionen Uhren und einer knappen Milliarde Franken Umsatz zählt Tissot zu den Big Players der Schweizer Uhrenindustrie und verdient es durchaus, in einem Atemzug mit den Genfer Luxusmanufakturen genannt zu werden. Doch es scheint, als stünde ihr «volksnaher» Charakter der Verehrung der Marke im Wege. Dabei hat Tissot im vergangenen Jahrhundert so manche Pioniertat vollbracht und die Branche mit zahlreichen Innovationen bereichert.

UHREN FÜR ALLE

Der anhaltende Erfolg von Tissot ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Neben den bereits angedeuteten erschwinglichen Preisen sind dies zweifellos die gute Vertriebsstruktur und die hohe Qualität der Produkte. Die durchgehende Marktpräsenz – quasi seit 1853 – im besonders heiß umkämpften mittleren Preissegment sicherte Tissot einen universellen Bekanntheitsgrad, der höchstens noch von der Genfer Marke mit der Krone getoppt wird. Anders als die Uhren jener Marke sind die Zeitmesser von Tissot jedoch keine Projektionen und Wunschträume, sondern millionenfache Realität an den Handgelenken von Arbeitern, Angestellten und Aktionären. Vielleicht hat Tissot es den Uhrenfreunden einfach zu leicht gemacht.

Nach Aussage verschiedener Tissot- Händler, die der Autor befragt hat, ist das Angebot an neuen Modellen schon seit einiger Zeit viel zu groß. Es gibt jedes Jahr zu viele verschiedene neue Linien und Modellfamilien; hinzu kommen allfällige Varianten bestehender Modelle. Interessierte Kunden verlieren dabei leicht den Überblick und haben mitunter Schwierigkeiten, sich für ein bestimmtes Modell zu entscheiden. Dies ist ein typisches Vollsortimenter-Problem – schließlich bedient Tissot mit der Kollektion sämtliche Segmente von der eleganten Ausgehuhr über schmückende Damenuhren bis hin zu sportlich-robusten Zeitmessern für den professionellen Einsatz.

1 Bei der Mediostat von ca. 1943 handelt es sich um einen Kurzzeitmesser mit anhaltbarer Zentralsekunde. 2 Die Tissot Automatic von 1951 verfügt über einen Pendel- bzw. Hammeraufzug. 3 Unter Sammlern sehr beliebt ist die Navigator von 1951 – nicht zuletzt, weil Tissot später eine erfolgreiche Retro-Editionsuhr herausbrachte.

VERNACHLÄSSIGTES ERBE

Bedauerlicherweise wurde auch des Öfteren erwähnt, dass Tissot viel zu wenig aus der unglaublich interessanten Geschichte mache. In der Tat: Warum gibt es kein Tissot- Museum? Warum kann der Tissot-Fan nicht die Fabrik besuchen oder seine Tissot- Uhr, die älter als zehn Jahre ist, nicht beim Hersteller revidieren lassen? Auch bei der Literatur zum Thema Tissot sieht es eher düster aus. Das große Buch zum 150. Jubiläum der Marke (herausgegeben 2003) eignet sich aufgrund seiner Struktur nur bedingt als Nachschlagewerk, denn in dem umfassenden Werk von Estelle Fallet steht nicht die Chronologie der Modellgeschichte, sondern die Entwicklung des gesamten Unternehmens im Mittelpunkt. Darin werden die rasch wechselnden, umfangreichen Tissot-Kollektionen aus der Nachkriegszeit (bis zum Ausbruch der «Quarzkrise») nur punktuell kommentiert.

1951 T-400 Quadratisch
Die T-400 mit ihrem quadratischen Gehäuse ist mit einem Hammerautomaten ausgestattet.

Die hier abgebildeten Uhren sollen daher einen kleinen Überblick über die Tissot-Modellvielfalt der 1950er, 1960er und 1970er Jahre geben. Diese Vintage-Uhren sind trotz ihrer Qualität und ihres markanten Auftretens im aktuellen Pre-Owned- Markt relativ niedrig bewertet. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass man inzwischen nicht mehr so einfach an Verschleißteile herankommt, denn Tissot hält keine Ersatzteile von Uhren vor, die mehr als zehn Jahre alt sind. Dennoch haben sehr viele klassische Tissot- Uhren überlebt, weil die Qualität schon immer Weltklasse war – bis heute «Swiss Made» natürlich. Und hierin liegt die Gelegenheit für den engagierten Käufer, einige fabelhafte Vintage-Uhren zu ergattern, die den Respekt selbst der erfahrensten und wählerischsten Uhrenliebhaber genießen.

1957 Visodate 2
Bemerkenswert ist das fein strukturierte Zifferblatt der Visodate Automatic von 1957, bereits mit Rotorautomatik.

LANGE GESCHICHTE KURZ ERZÄHLT

1853 gründete Charles-Félicien Tissot zusammen mit seinem Sohn Charles-Émile im schweizerischen Le Locle ein kleines Uhren- Kontor zur Fertigung und zum Handel mit Taschen- und Anhängeruhren, die vornehmlich für den Export bestimmt waren. Nachdem Enkel Charles Tissot 1885 nach Moskau übersiedelte und dort eine Familie gründete, entwickelte sich das russische Zarenreich zum Hauptabsatzmarkt. 1907 entstand eine modern ausgestattete Uhrenfabrik am Chemin des Tourelles hoch über Le Locle, wo sich bis heute der imposante Firmensitz von Tissot befindet. Mit der Aufnahme der Produktion eigener Uhrwerke im Jahr 1917 wurde Tissot zur Manufaktur.

1930 schlossen sich Tissot und Omega unter dem Dach der neu gegründeten SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère) zusammen, dem ersten Schweizer Uhrmacherverband. Die Gründung war eine Reaktion auf die internationale Wirtschaftskrise, die sich nach dem Crash der Wall Street im Vorjahr ergeben hatte. Durch die Zusammenarbeit konnten Tissot und Omega ihre Ressourcen bündeln und eine komplette Uhrenpalette produzieren. 1932 schloss sich der Chronographenhersteller Lémania der Gruppe an – eine Kooperation, die bald speziell für Omega besonders wichtig werden sollte.

Tissot produzierte in den folgenden Jahren eher robuste und praktische Uhren wie die Antimagnétique, die erste in Serie gefertigte antimagnetische Armbanduhr. Außerdem entstanden in Le Locle Fliegeruhren für die Armeen des Zweiten Weltkrieges sowie ein praktischer Kurzzeitmesser mit anhaltbarer Zentralsekunde unter der Bezeichnung Mediostat.

1969 Lenkraduhr
Die Produktpalette von Tissot umfasste auch zahlreiche modern gestaltete Wand- und Tischuhren, die auf die Themenwelten der Marke zugeschnitten waren.

TECHNIK UND DESIGN

Nach dem Ende der weltweiten Feindseligkeiten konzentrierte man sich auf den Bedarf an preiswerten Zeitmessern, entwarf aber auch interessante Stücke wie die im Jahr 1951 vorgestellte Navigator mit Weltzeitanzeige und Automatikwerk. Tissot fand einen cleveren Weg, um trotz aller Informationen auf dem Zifferblatt ein elegantes Aussehen zu bewahren: Die zwölf Stundenmarker wurden in die Lünette graviert, so blieb auf dem Zifferblatt Platz für die Namen der 24 Zeitzonen-Bezugsstädte.

Der Einfluss von Omega zeigt sich am Kaliber 28.5-N21 dieser Uhr, das in puncto Design, Layout und Verarbeitung den frühen automatischen «Hammerautomaten» von Omega sehr ähnlich ist. Es basierte auf dem ersten Automatikwerk (Kaliber 28.1) von Tissot, das 1944 auf den Markt gebracht wurde. Doch das Kaliber 28.5-N21 verfügte über einen Gehäusedrücker, der es ermöglichte, die zentrale Weltzeitscheibe zu entkoppeln, um die Ortszeit einzustellen. Mit der Einführung des Ein-Kaliber-Prinzips im Jahr 1958 ließ sich das Uhrwerkssortiment vereinfachen und die Produktion rationalisieren. Ein Grundkaliber wurde nun durch verschiedene Komplikationen erweitert. Dadurch konnten ohne logistischen Mehraufwand Uhren mit Hand- oder Automatikaufzug, mit oder ohne Datum gefertigt werden.

Tissot in der Quarzkrise

Die Ende der 1960er Jahre heraufziehende «Quarzkrise» veranlasste Tissot, radikale und neuartige Designs zu entwickeln, um etwas anzubieten, was die Konkurrenten nicht hatten. Die Modellfamilie PR 516 entstand in den 1960er Jahren und steht stellvertretend für eine der ikonischeren und nachhaltigeren Kollektionen von Tissot, wird heute sogar wieder in ähnlicher Art produziert.

Die Elemente des unverwechselbaren Designs dieser Uhren entsprechen der Feinmechanik und Geschwindigkeit eines Rennwagens. Das Gehäuse aus gebürstetem Stahl verleiht der Uhr ein anmutiges, aber dennoch robustes Aussehen. Ein regelmäßiges Lochmuster punktiert das Metallarmband und spielt auf die Lenkradspeichen eines Rennwagens an. Die Stundenmarker sind «schwebend» über dem Zifferblatt angeordnet, d. h. der Sekundenzeiger zieht seine endlosen Kreise unter (!) den Indexen.

Die Sportuhrenmarke Tissot

Lobster, Regate
1 Das Zifferblatt der PR 516 GL war mit seinen hängenden Indexen Mitte der 1960er Jahre ein echter Hingucker. 2 Der mächtige Navigator Chronograph von 1974 wird in Sammlerkreisen «Lobster» genannt – wegen der markanten trapezförmigen Bandglieder. 3 Mit Fünf-Minuten-Countdown: Tissot Aquastar Regate von 1975.

In den 1970er Jahren gewann Tissot als Sportuhrenmarke zunehmend an Profil und wagte sich mit der Unterstützung der Konzernschwester Lémania auch an Chronographen heran, ausgerüstet mit dem etwas schlichter ausgestatteten Kaliber Lémania 1340, das bei Tissot unter der Bezeichnung 2170 geführt wurde. Neben klassischen Formen und Ausführungen entstanden auch Designklassiker wie der Navigator Chronograph «Lobster» mit trapezförmigen Bandanstößen und einem stilistisch angepassten Edelstahlgliederband.

1974 Navigator
Die Markanten Trapezförmigen Bandglieder des Navigator Chronographs von 1974.

Nach der Fusion der SSIH mit der konkurrierenden ASUAG-Holding (1983) wurde Tissot zur «Designmarke» der neu entstandenen SMH-Gruppe (aus der später die Swatch Group hervorging) und konzentrierte sich auf ein niedrigeres Preissegment. In puncto Großserientechnik und Werktechnologie wurde Tissot zum Vorreiter der gesamten Schweizer Uhrenbranche und erwarb unter der Leitung von François Thiébaud mit preiswürdigen Zeitmessern in allen Kategorien weltweite Anerkennung. Die Grundlagen für den Erfolg hatten jedoch schon Jahrzehnte zuvor die interessanten und wegweisenden Modelle geliefert, die in diesem Artikel illustriert sind.

1976 Seastar
Und wieder macht das besondere Zifferblatt den Unterschied: Tissot Seastar Automatic Day-Date von 1976.

VERKANNTE GRÖSSE

Die Nachfrage nach klassischen Armbanduhren ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen und hat den Gebrauchtuhrenmarkt völlig verändert. Die Werte für viele Marken und Modelle sind teilweise dramatisch gestiegen, und vor diesem Hintergrund erscheint das unverändert gute Preis-Leistungs- Verhältnis für Tissot-Uhren der Vintage- Epoche so überzeugend. Wer die drei goldenen Regeln von Qualität, Seltenheit und Geschichte berücksichtigt, findet auf dem Markt einige wirklich großartige Zeitmesser von Tissot. Das Angebot ist äußerst umfangreich, sodass in nächster Zeit noch keine Engpässe zu befürchten sind.

Text: Branko Radovinovic / Red.

Bilder: Martin Häußermann





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