Schramberger Spezialitäten

Frühe Junghans mit Automatikaufzug

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Der automatische Aufzug ist wieder in aller Munde, seit vor 50 Jahren die ersten Automatik-Chronographen präsentiert wurden. Bei Junghans im Schwarzwald entwickelte man bereits seit den 1950er Jahren Automatik-Aufzugssysteme. Autor Martin Fischer stellt das Serienkaliber J83 vor und zeigt drei nie gesehene Prototypen.
Junghans Hammerautomatik
Junghans hatte bereits kurz nach dem Krieg eine Hammerautomatik entwickelt, jedoch nie auf den Markt gebracht.

Experten streiten bis heute darüber, wer 1969 das Rennen schlussendlich gewann – Zenith, die «El Primero» am 10. Januar der Öffentlichkeit vorstellten, aber erst im folgenden Herbst in den Verkauf brachten, Seiko, welche die ersten Exemplare des Kalibers 6139 im Mai auslieferten, oder das aus einer Zusammenarbeit zwischen Breitling, Heuer-Leonidas und Hamilton-Büren stammende Modulkaliber 11 mit Mikrorotor, an dem der Firmenzusammenschluss zwar schon ab 1966 arbeitete, das er aber erst am 3. März 1969 in New York und Genf präsentierte. Auch die Schramberger Firma Junghans verbaute dieses Kaliber in ihrer Referenz 088/3983, aufgelegt für die Olympischen Spiele in München 1972.

Dabei hatten die Schwarzwälder schon früh selbst Erfahrungen mit der Entwicklung von Uhren mit automatischem Aufzug gesammelt. Die Konstruktionen standen den eidgenössischen Uhrenproduzenten in nichts nach und mündeten im Automatikkaliber Junghans J83, das schließlich sogar tausendfach als Chronometer verkauft wurde. Doch bis ein so perfektes und ausgereiftes Werk auf den Markt kommen konnte, waren einige Hürden zu überwinden.

Automatik Prototypen Junghans
Auf dem Weg zum universell einsetzbaren Kaliber J83 mit Rotorautomatik wurden verschiedene Versionen ausprobiert.

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG

Manche Errungenschaften aus der Entwicklungsabteilung in Schramberg erreichten nur den Status eines Prototyps, andere wurden dann von Mitarbeitern als sogenannte Trageuhren getestet. Später wurde entschieden, ob die Entwicklungsmuster sich bewährten, wirtschaftlich bleiben und beim Kunden Akzeptanz finden würden. Nur wenige dieser Raritäten, die es nie in den Handel geschafft haben, konnten die Zeit bis heute überdauern, und anhand der jüngst wiederentdeckten Uhren lässt sich die Geschichte der Entwicklung der Automatikuhren bei Junghans veranschaulichen.

Um nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der aufkommenden Nachfrage nach Armbanduhren mit automatischem Aufzug nachzukommen, wurden die ersten Gehversuche mit dem bewährten Kaliber Junghans J80 gewagt, und die Konstrukteure experimentierten zunächst mit einer einseitig aufziehenden Hammerautomatik; das Patent wurde 1949 eingereicht.

Junghans Kaliber J80 mit Gangreserveanzeige.
Das Junghans Kaliber J80 wurde 1949 mit einer Pendelschwungmasse ausgestattet.

1950 bereits folgte ein Patent mit umlaufendem und beidseitig aufziehendem Rotor, der ohne größeren Aufwand auf die Grundplatine des J80 aufgeschraubt werden konnte. Nur das Kronrad musste ersetzt werden. Bereits ein Jahr später entwickelte man auf gleicher Basis das erste serienmäßige Automatikkaliber, das Junghans J80/8. Die Entwickler waren der Meinung, dass die Kunden dem automatischen Aufzug nicht trauen würden, und verpassten dem Werk noch im selben Jahr (1951) eine Gangreserveanzeige mit Indikation bis 36 Stunden. Das Junghans J80/12 war geboren, und 1953 folgte das automatisch angetriebene Formwerk J98/5.

Da bei beiden Werken die Automatikgruppe auf die Grundplatine aufgesetzt wurde, baute diese sehr hoch – das J80/12 maß im- merhin 7 mm Werkhöhe ohne Rotor. Schließlich entschied man sich für die Neukonstruktion eines Automatikwerks, bei dem die Aufzugsgruppe in das Werk integriert wurde.

«THE MISSING LINKS»

Das legendäre Junghans J83 wurde 1957 auf den Markt gebracht, wobei das Patent für die in das Werk integrierte Aufzugsmechanik bereits am 19. April 1952 angemeldet worden war. In dieser Zeit war die Entwicklungsabteilung bei Junghans hochproduktiv, wie man an den drei hier vorgestellten Werken erkennt, die als gemeinsames Merkmal die vom Junghans J80/12 bekannte Konstruktion der Gangreserveanzeige aufweisen.

Junghans J80/12
Serienausführung des Junghans Kaliber J80/12.

Die Gehäuse zeigen deutliche Merkmale der 1950er Jahre, ebenso die Zifferblätter, deren Design die gleiche Datierung zulässt und zusätzlich noch durch die altmodische Schraubenarretierung der Zifferblattfüßchen an der Werkseite Rückschlüsse auf das Alter ermöglicht. Bei den Serienwerken des Junghans J83 wurden Schrauben an den Flanken der vernickelten Platine genutzt.

Junghans J98/5
Serienausführung des Junghans Kaliber J98/5 mit kleiner Sekunde.

Wahrscheinlich gediehen die drei hier gezeigten Uhren nicht zur Serienreife. Vermutlich handelt es sich nur um Entwicklungsmuster, sicher lässt sich das aber heute kaum noch ermitteln. Der Zustand, die Verarbeitung und andere Merkmale lassen jedenfalls eher auf Prototypen schließen, denn die Rückseite zweier Uhren ist mit Glasböden verschlossen. Auf einem der Werke findet sich auf der Platine und unten auf dem Rotor eine eingeritzte «12», die vermuten lässt, dass bestimmte Werke und deren Teile individuell angepasst und auf Gang und Verschleiß getestet wurden.

Junghans J83 Chronometer
Serienausführung des Junghans J83 in Chronometervariante.

MIT GANGRESERVEANZEIGE UND GLUCYDUR-UNRUH

Junghans Kaliber J83 mit Gangreserveanzeige.
Missing Link Nr. 1: Junghans Kaliber J83 mit Gangreserveanzeige.

Dem Junghans J83 wurde eine zusätzliche Gangreserveanzeige über 40 Stunden spendiert, anders als beim J80/12, das nur 36 Stunden Reserve anzeigt. Die Grundkonstruktion des Kalibers stammt von 1952, die Gangreserve wurde erstmalig 1951 vorgestellt und so lässt sich auch dieses Werk in die frühen 1950er Jahre einordnen. Alle drei Werke sind ein Mix verschiedener anderer Junghans-Kaliber: Der Rotor stammt vom Junghans J80/12, ebenso wie die Teile der Gangreserveanzeige. Die restliche Konstruktion und die Automatikgruppe hingegen sind dem bewährten Junghans J83 entliehen.

MIT GANGRESERVEANZEIGE UND SCHRAUBENUNRUH

Junghans Kaliber J84 mit Gangreserveanzeige.
Missing Link Nr. 2: Es ist kein Kaliber J84, wie die Schlagzahl der Platine nahelegt, sondern eher ein J83, wenngleich ausgestattet mit einer Schraubenunruh.

Zwar ist auf der Platine «J84» eingeschlagen, doch handelt es sich nicht um das Handaufzugskaliber Junghans J84, dessen Basisausführung erstmals 1955 beworben und ausgeliefert wurde. In Serie wurden von diesem Werk unterschiedlichste Varianten produziert, bis zu den Serien Max Bill und Meister (Junghans J84/S3; Junghans J84/S10) mit Schwanenhals-Feinregulierung, doch stets als Werk mit Handaufzug.

Das vorliegende Werk hat mit dem späteren J84 nichts gemein und ist mit einer in das Werk integrierten Konstruktion der Automatikgruppe wie beim J83 ausgestattet, mit leichten Änderungen der Platine und der Räder. Auch diese Uhr dürfte ein Kind der frü- hen 1950er Jahre sein, denn sie wird durch eine damals fast schon altmodische Schraubenunruh gehemmt (in späteren Varianten wurden Glucydur-Unruhen verbaut). Doch es kommt noch besser!

MIT GANGRESERVEANZEIGE UND «ROTORSTOP»

Junghans Kaliber J83 mit Gangreserveanzeige.
Missing Link Nr. 3: Die Junghans-Entwickler spendierten dem Kaliber J83 eine Rotor-Stoppvorrichtung. der Bremsschuh (Pfeil) drückte bei Vollaufzug von unten gegen den Rotor und hinderte ihn am Durchdrehen.

Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, verfeinerte der Junghans-Entwickler Kuno Trick das Werk mit einer zusätzlichen, sehr selten anzutreffenden Komplikation: die am 6. November 1954 in Deutschland patentierte Erfindung mit dem Titel «Uhrwerk mit Schwinggewichtaufzug und Schutz gegen Überaufziehen der Triebfeder» (Patent Nummer 957378). Leider ist nur ein loses Uhrwerk vorhanden, das Räderwerk der Automatikgruppe fehlt.

Junghans Automatikrotoren
Der obere Rotor zeigt die Ausbuchtungen für den Bremsschuh, der untere ist ein Standardrotor des Junghans Kaliber J80/12.

Verschiedene Schweizer Uhrenhersteller ließen sich ähnliche Rotor-Stoppvorrichtungen bereits im Jahr 1951 patentieren, die Felsa AG und ebenso die FHF SA (Fabrique d´Horlogerie de Fontainemelon). Bei allen vorliegenden Erfindungen soll die Aufzugsvorrichtung geschont werden, sobald durch die Automatik Vollaufzug erreicht wird. Das Besondere an der Erfindung von Trick ist jedoch ein Bremsschuh, der an die Rotorschwungmasse gedrückt wird und – anders als bei den Mitbewerbern – keinen harten Formschluss bewirkt, der bei Stößen oder Schlägen zu Beschädigungen führen könnte. Der Trick’sche Bremsschuh erlaubt bei Stößen ein Durchrutschen der Schwungmasse und schont dadurch die Bauteile. Der Bremsschuh rastet leicht in kleine Einbuchtungen auf der Unterseite des Rotors, der denselben Durchmesser und die gleiche Form wie der Rotor des J80/12 hat, aber deutlich weniger hoch baut.

Wie bei Junghans diese Komplikation genannt wurde, bleibt fraglich. Vielleicht taucht irgendwann in irgendeiner Sammlung noch ein loses Zifferblatt mit dem Aufdruck «Rotorstop », «Roto-Arret» oder in Anlehnung an das Patent sogar «Bremsschuh» auf.

DREI AUSSERGEWÖHNLICHE UHREN

Vermutlich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit schafften die gezeigten Musteruhren nicht den Sprung in die Serie. Leider hat es Junghans auch nicht gewagt, die hervorragenden Automatikkaliber mit einem Chronographenwerk aus eigener Produktion zu verheiraten. So blieb später nur der Griff zum Werk von Breitling/ Heuer-Leonidas/Hamilton-Büren.

Und auch heute greift Junghans bei Automatik- Chronographen zu Werken aus der Schweiz, für den Max Bill Chronoscope (Junghans J880.2, Basis ETA «Valjoux» 7750) ebenso wie für den Junghans Meister Pilot (Junghans J688.4, Basis ETA 2824-2 mit Modul 2030 von Dubois Dépraz).

Text und Bilder: Martin Fischer



Mehr zum Rennen um den ersten Automatik-Chronograph

50 Jahre Automatik-Chronograph - Das Zenith Kaliber El Primero

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