Probezeit: Flug in die Vergangenheit

HANHART PIONEER 417 ES VS. LACO 1925 MÜNCHEN

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März 2021. Hanhart und Laco haben Uhrengeschichte geschrieben: Ihre instrumentellen Zeitmesser waren in der Vergangenheit offizielle Dienstuhren deutscher Militärpiloten. Diese dienten als Vorlage für zwei sehr attraktive und völlig unterschiedliche Chronographen, die erst vor Kurzem Premiere feierten.
Hanhart vs Laco

Das Pforzheimer Unternehmen Lacher & Co. remontierte ab Ende der dreißiger Jahre die Standard-Fliegeruhr der deutschen Luftwaffe – wie im Nachbarort Walter Storz (Stowa), in Hamburg die Firma Wempe oder in Sachsen A. Lange & Söhne. Dabei handelte es sich um eine große Dreizeigeruhr mit standardisiertem Handaufzugswerk und indirekt angetriebener Zentralsekunde. Ihr Durchmesser betrug 55 Millimeter und sie wurde meist an einem kräftigen, langen Lederriemen über der Fliegerjacke getragen, um jederzeit sichtbar zu sein.

Ein klares, stark kontrastierendes Zifferblatt – mattschwarz mit weißen Ziffern – sorgte für hervorragende Ablesbarkeit. Auch in der Dunkelheit, denn Ziffern, Indexe und Zeiger waren mit reichlich Leuchtmasse – damals das radioaktive Radium – belegt. Originale aus den späten Dreißigern und frühen Vierzigern sind heute gesuchte Sammlerstücke, für die in einem akzeptablen Zustand meist 4000 Euro oder mehr anzulegen sind.

Hanhart vs Laco
Der Maschinenraum der Hanhart präsentiert sich aufgeräumt, wenngleich schmucklos. Der fehlende Automatikaufzug ermöglicht zumindest einen kleinen Blick auf die Kulissenschaltung.

Laco nutzt den legendären Ruf der Fliegeruhren schon lange und dekliniert das Thema seit der Jahrtausendwende konsequent durch. Aufsehen erregte beispielsweise im Herbst des Jahres 2000 eine Replika des Baumusters B, deren Uhrwerke mithilfe von Originalersatzteilen und nachgefertigten Komponenten aufgebaut wurden. Das Baumuster B trägt ein Zifferblatt mit Minuterie und Minutenziffern am Rand und einer kleinen Stundenskala nahe der Zifferblattmitte. Das Baumuster A, das die Vorlage für unseren «Probezeit»-Kandidaten lieferte, trägt ein schlichteres Zifferblatt mit Minuterie und Stundenziffern am Zifferblatt. Zudem war es eine Dreizeigeruhr. Das Modell 1925 München jedoch ist ein Chronograph, limitiert auf 200 Exemplare.

Hanhart vs Laco
Wie beim Vorbild wird das Uhrwerk durch einen massiven Boden geschützt. Er ist über ein Zentralgewinde ins Gehäuse geschraubt.

Auch Hanhart belieferte die deutsche Luftwaffe in den dreißiger und vierziger Jahren mit Uhren. Das waren aber in erster Linie Chronographen, die auch nicht standardisiert waren, sondern mit eigenen Uhrwerkskonstruktionen glänzten. Das begann bei Hanhart mit dem Kaliber 40 mit einem einzelnen Drücker für Start, Stopp und Rückstellung. Es folgte das Kaliber 41 mit asymmetrischem Drückerabstand – der Start-Stopp-Drücker rückte Richtung Bandanstoß und war rot lackiert. Darum ranken sich Geschichten und Sagen, die Hanhart auch in der Neuzeit gern zur Vermarktung seiner Chronographen genutzt hat.

Hanhart vs Laco
Die Hanhart wird von einem schlichten, aber sehr angenehmen Lerderband am Handgelenk gehalten. Eine zusätzliche Unterlage sorgt dafür, dass der Boden keinen Hautkontakt hat.

Auf die rote Drückerkappe hat Hanhart beim aktuellen Modell Pioneer 417 ES ebenso verzichtet wie auf den Drückerversatz, denn beides hätte dem historischen Vorbild nicht entsprochen. Hanhart hatte nach dem Krieg nämlich zwei Uhren für die Luftwaffe der jungen deutschen Bundeswehr entwickelt. Das war zunächst das Modell 417 E im mattverchromten Messinggehäuse, später folgte die 417 ES im Edelstahlgehäuse. Nach Aussage wurden von den bei Sammlern als «Bundeswehrchronograph» bezeichneten Uhren jeweils 500 Exemplare gebaut. Die 417 ES war mit dem Hanhart Kaliber 42 ausgestattet, einer Weiterentwicklung der Kaliber 40 und 41, ein Schaltradkaliber mit Handaufzug und «Tempo-Schaltung» (heute als Flyback bekannt). Mit einer Flyback-Funktion kann die aktuelle 417 ES nicht dienen und entspricht folglich ebenso wenig exakt ihrem Vorbild wie die Laco. Dennoch, so viel sei schon verraten, haben uns beide «Probezeit»-Kandidaten viel Freude gemacht.

Laco Schließe
Laco pflegt die Tradition des robusten Rindleder-Pilotenbandes. Es braucht Zeit, bis sich dieses Band ans Handgelenk geschmiegt hat.

Erster Eindruck

Martin Häußermann: Muss eine Neuauflage einer historisch bedeutsamen Uhr immer dem Vorbild entsprechen? Ich sage: Nein. Denn wer eine historisch korrekte Uhr haben will, kann sich ja bei Auktionen oder auf geeigneten Verkaufsplattformen problemlos ein Original kaufen. Ansonsten sollte man den Herstellern schon etwas Interpretationsspielraum einräumen. Dafür liefern sie uns ja dann auch zeitgemäße Uhren, die wasserdicht, stoßfest, eben alltagstauglich sind.

Das beginnt schon bei den Materialien. Die originale Laco-Fliegeruhr beispielsweise trug ein Gehäuse aus Zinkdruckguss, das feldgrau lackiert wurde und nicht ansatzweise wasserdicht war. Die 1925 München kommt im sandgestrahlten Edelstahlgehäuse, das den Farbton des Originals gut aufnimmt. Mit den in Tarnfarbe gestalteten Chronographen-Totalisatoren und Datums-/Wochentagsanzeige wirkt die Laco München auf einen flüchtigen Blick wie eine große Pilotenuhr, und das ist sicherlich auch beabsichtigt. Typografie und Minuterie greifen dagegen exakt den Look der Weltkriegs-Fliegeruhren auf. Gelungen.

Laco Uhrwerk
Standardmäßig kommt die Laco mit einem Valjoux 7750 in der unverzierten Version «élaboré». Gegen einen Aufpreis von 130 Euro ist die höhere Qualitätsstufe «top» zu haben.

Die Hanhart 417 ES, die übrigens auch zu den Lieblingsuhren von Steve McQueen gehörte, darf schon aufgrund dieser Tatsache zu den Coolen im Lande gezählt werden. Und die Replika nimmt ihre Geschichte genüsslich auf. Zwar ist sie im Vergleich zum Vorbild um drei Millimeter gewachsen, aber die Proportionen stimmen. Außerdem hat Hanhart auch viele zeitgenössische Details zitiert, wie die kannelierte Lünette mit roter Bezugsmarkierung, den Pfeilzeiger auf dem Minutenzeiger oder den Aufdruck «Shockproof» auf dem Zifferblatt. Ich bin ein bisschen verliebt.

Peter Braun: Trotz fast identischer Gehäusedurchmesser wirkt die Laco (42,3 mm) deutlich größer als die Hanhart (42 mm), was an der großen Zifferblattschau liegen dürfte: Nur ein schmaler Lünettenrand lässt dem mit großen, klaren Ziffern und einfacher Minuterie bedruckten Zifferblatt viel Raum. Hier wurde viel Leuchtmasse verarbeitet, und so strahlt dem Betrachter die Uhrzeit förmlich entgegen – inklusive Stoppsekundenzeiger. Die Totalisatoren, die Kleine Sekunde und die kombinierte Datums-/Wochentagsanzeige halten sich dagegen optisch dezent im Hintergrund. Zunächst vermutete ich bei den grau gedruckten Ziffern eine dieser neuen Superluminova-Farben, die nach der Erregung bläulich oder grünlich schimmern. Aber es ist doch nur graue Druckfarbe. Chance verpasst, würde ich da sagen.

Die Hanhart ist solide dimensioniert, dank des Handaufzugswerks SW510 M aber nur 13,3 mm hoch. Auch ohne Schraubkrone bietet sie eine Wasserdichtheit von 10 bar. Das spricht für die moderne Dichtungstechnik und die Alltagstauglichkeit dieser Uhr. Das Boxglas schafft zwar einen authentischen Look, sorgt durch seine Wölbung aber für optische Verzerrungen am Zifferblattrand. Betroffen ist die Minuterie mit 60er-Teilung und Feinteilung (Fünftelsekunden, d. h. vier kurze Zwischenstriche). Die Stundenziffern sind mit Luminova bedruckt, die Hauptzeiger mit Luminova ausgelegt, allerdings sind Chronographenzeiger und Kleine Sekunde nur weiß lackiert.

Laco Boden
In den Druckboden sind wie beim historischen Vorbild in der entsprechenden Typografie die technischen Daten der Uhr eingraviert.

Tragegefühl, Bedienung, Ablesbarkeit

Peter Braun: Die Hanhart bietet angenehmen Tragekomfort. Gerade in dieser kalten Jahreszeit erfreue ich mich am Band mit Alcantara-Futter an der Innenseite. Allerdings stört das breite Unterband beim Aufziehen der Uhr, das leider täglich nötig ist. Zum Starten des Chronographen ist starker Widerstand zu überwinden, beim Stoppen und Nullstellen habe ich dann aber ein angenehm leichtes Drückergefühl. Ein Lob verdient die gerändelte Drehlünette mit roter Markierung, die ohne Rastung beidseitig drehbar ist. Der satte, spielfreie Lauf zeugt von hoher Verarbeitungsqualität. Dieser Ring verstellt sich nicht so leicht von allein.

Auch die Laco bietet ein etwas knorriges Drückergefühl, doch das geht meiner Meinung nach noch in Ordnung. Die konische Krone lässt sich sehr gut bedienen und leicht in die Rastpositionen herausziehen. Auch sie ist wie die der Hanhart nicht verschraubt, was die Wasserdichtheit von 100 Metern aber nicht kompromittiert. Auch sind die Drücker bei beiden Uhren nur durch innenliegende O-Ringe gegen eindringendes Wasser geschützt, was für die Fortschritte auf dem Gebiet der Dichtungstechnik spricht. Das Lederband ist anfangs etwas steif, trägt sich aber rasch ein und überzeugt mit großen Löchern für den Blechstreifen-Stift der Dornschließe. Zwei Nieten pro Bandanstoß wirken durchaus vertrauenerweckend – an diesem stabilen Lederriemen könnte man locker ein Auto abschleppen.

Martin Häußermann: Beide Uhren überzeugen durch hohen Tragekomfort, in meiner persönlichen Wertung liegt aber die Hanhart hier eindeutig vorne. Das geschmeidige Band mit samtweichem Futter ist ein wahrer Hautschmeichler. Außerdem baut die Hanhart auch mit dem Unterband unter dem Gehäuse flacher als die Laco, die dafür aber auch ein Automatikwerk in ihrem topfförmigen Gehäuse beherbergt. Zweifellos ist auch das Band der Laco erstklassig verarbeitet und sogar noch etwas robuster, doch weil es auch im Bereich der Lochung so stark ist wie an den Bandanstößen, gestaltet sich das Schließen immer ein wenig fummelig.

Die vorbildgerecht kerzengerade aus dem Gehäuse ragenden Bandanstöße sind ergonomisch auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Mit der vom Kollegen etwas monierten knorrigen Drückerbedienung muss man wohl leben, das gehört offensichtlich zu Chronographenwerken mit Kulissenschaltung, insbesondere aber dem Valjoux 7750 und seinem Pendant von Sellita. Mich stört das übrigens nicht. Regelrecht erfreut habe ich mich an der guten Ablesbarkeit beider Uhren. Das betrifft zumindest die Zeitanzeige. Bei der Laco muss man beim Stoppen aufgrund der Tarnfarbe der Totalisatoren dann schon ein wenig genauer hinschauen.

Technik, Ausstattung, Gang

Peter Braun: Nach Angaben von Laco handelt es sich beim Uhrwerk um ein Valjoux 7750 der Qualitätsstufe «élaboré» der Schweizer Chronographenklassiker, was der Käufer wegen des geschlossenen Gehäusebodens allerdings nicht sehen kann. An den stabilen Gangwerten merkt er aber sehr wohl, dass die Qualitätsstufe offenbar für eine allgemein eher sorgfältige Montage und Reglage steht. Insgesamt ging unser Testexemplar an meinem Arm zuverlässig 3 bis 4 Sekunden am Tag nach, was eher ungewöhnlich ist – die meisten Uhrenhersteller regulieren ihre Uhren werksseitig etwas ins Plus. Aber ich habe keine Straßenbahn verpasst und war auch bei Videokonferenzen stets pünktlich.

Laco Krone
Die Form der Laco Krone entspricht ebenfalls dem Vorbild, ihre Größe wurde proportional an das Gehäuse angepasst.

Auch die Hanhart kommt ohne Sichtfenster im Boden. Das ist schade, denn das Sellita-Kaliber böte eigentlich einen interessanten Anblick, so ohne Aufzugsrotor, mit großer Chronographenbrücke und prominent platzierter Schaltkulisse. Das Kaliber SW510 M ist aus dem Baumuster ETA 7750 „Valjoux“ heraus konstruiert und in seinen wesentlichen architektonischen Merkmalen bis hin zu den Abmessungen mit diesem identisch. An meinem Arm lief die Hanhart in fünf Tagen 35 Sekunden vor. Sieben Sekunden am Tag sind schon ziemlich flott. Aber schließlich haben wir diese Uhr von Hanhart in einer spontanen Aktion direkt aus der Musterkollektion bekommen, ohne dass die hauseigene Service-Uhrmacherin noch eingreifen konnte. Das geht sicher besser.

Martin Häußermann: Das geht tatsächlich besser. Als der Kollege mir seine Gangergebnisse mitteilte, konnte ich mich nicht bremsen. Weil der Boden zum Fotografieren ohnehin schon offen war, habe ich meine Werkzeugschublade geöffnet und ein bisschen nachgeholfen. Achtung, das ist nicht zur Nachahmung empfohlen, oder zumindest nur dann, wenn man schon einschlägige Uhrmacherschulungen besucht hat. Im Regelfall macht das der Uhrmacher des Vertrauens immer besser. In unserem Fall hat es aber ganz annehmbar funktioniert. Die starken Abfallfehler konnten wir weitgehend neutralisieren. Auf unserer Zeitwaage Witschi Chronoscope S1 ermittelte ich bei Vollaufzug einen durchschnittlichen Vorgang von 4,2 Sekunden pro Tag (s/d), an meinem Arm lief sie über eine Woche stabil mit einem Vorgang von 3,5 s/d. Die 3,5 s/d habe ich auch bei der Laco am Arm registriert, allerdings als durchschnittlichen Nachgang. Die Zeitwaage verzeichnete sogar minus 4,5 s/d. Aber auch die Laco hätte man leicht noch ein wenig ins Plus regulieren können. Doch wollte ich aufgrund der ansonsten stabilen Gangleistung und dem schwer zu öffnenden und zu schließenden Druckboden hier nicht weiter eingreifen.

Laco Nummerierung
An der Gehäuseflanke ist die Wehrmachts-Beschaffungsnummer eingraviert. Darunter ist die Nut zu erkennen, in welcher der Uhrmacher sein Werkzeug ansetzen kann, um den gepressten Boden aufzuhebeln.

Fazit

Martin Häußermann: Ich halte beide Uhren für gelungene Neuinterpretationen ihrer Vorbilder. An der Verarbeitungsqualität gibt es nichts zu meckern, an der Funktionalität ebenso wenig. Wer bisher sorgfältig gelesen hat, wird sich nicht wundern, wenn ich sage: Die Hanhart spricht mich emotional ein wenig mehr an. Aber selbst wenn ich sie wollte, müsste ich mich noch ein wenig gedulden. Die nächste Auslieferung wird erst im Mai stattfinden. Die erste Charge mit 100 Exemplaren war schon vor Weihnachten vergriffen.

Peter Braun: Faszinierend, wie unterschiedlich die Neuinterpretationen der Schwarzwald-Klassiker ausgefallen sind – sehr detailtreu bei der Hanhart, ein wenig mutiger bei der Laco. Ich finde zwar, dass graue Leuchtmasse für die Chronographenanzeigen speziell im Zwielicht eine echte Schau wäre, aber im Grunde haben die Pforzheimer recht: Die Uhrzeit ist auf der «München» mit drei Leuchtzeigern prima ablesbar, und wenn man den Chronographen braucht, muss man halt etwas genauer hinschauen.

Text: Peter Braun, Martin Häußermann

Bilder: Martin Häußermann

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