Tim Stracke, Co-CEO Chrono24

«Luxus ist ganz nah»

Chrono24 CEO Tim Stracke
Tim Stracke teilt sich die Geschäftsführung von Chrono24 mit Holger Felgner. Weitere Mitglieder der Geschäftsleitung sind Strackes langjährige Weggefährten Michael Krkoska und Dirk Schwartz sowie COO Sven Himmelsbach.

Chrono24 hat sich in den letzten acht Jahren rasant entwickelt und gilt inzwischen als Referenz für Preise, Angebot und Nachfrage. Wie kam es dazu?
Die Website Chrono24 gibt es bereits seit 2003. Wir haben sie beobachtet und mussten irgendwann entscheiden, ob wir gegen sie antreten wollen oder sie nicht besser einfach übernehmen und weiterentwickeln. Wir betreiben Chrono24 als Team seit 2010 und haben die Plattform nicht nur technisch auf den neuesten Stand gehoben, sondern das Geschäftsmodell professionalisiert. Heute sind wir Marktführer und ein globales Unternehmen, das im letzten Jahr ein Transaktionsvolumen von 1,3 Milliarden Euro generiert hat.

Wo sind die Märkte von Chrono24?
Über 90% unserer Suchanfragen kommen von außerhalb Deutschlands. Die USA liegen vorne im Hinblick auf die Anzahl der angebotenen Uhren, während Deutschland und Italien führend sind bei der Anzahl der Händler. Wie in Hongkong handelt es sich dabei aber eher um kleinere Händler. Die Nachfrage wächst stark, insbesondere in Deutschland, Japan und den USA. Anfang März haben wir in den Staaten die erste TV-Kampagne lanciert. Ich schätze, dass uns jeder dritte Uhrenliebhaber auf der Welt kennt und nutzt – zum Kaufen oder Verkaufen, zur Recherche oder auch nur zum Vergnügen. Unser Portal gibt es in 22 verschiedene Sprachen und wir unterhalten Büros in Berlin, New York und Hongkong. Weltweit haben wir über 200 Mitarbeiter. In unserer Rund-um-die-Uhr-Kundenbetreuung werden 15 unterschiedliche Sprachen gesprochen.

Was ist die Stärke von Chrono24 – außer dem riesigen Angebot von über 400.000 Uhren?
Auch wenn das in manchen Ohren paradox klingt: Die digitale Welt begünstigt die Nähe zum Kunden. Wir können jeden Interessenten persönlich und direkt ansprechen und über diese direkte Schnittstelle eine Nähe schaffen, wie sie kein Juwelier der Welt herstellen kann. Schon gar nicht mit so vielen Kunden – und so vielen Uhren! Dabei spielt es keine Rolle, dass sich Käufer und Verkäufer nicht direkt in die Augen sehen können.

Möchte der Kaufinteressent denn nicht lieber eine echte Uhr in die Hand nehmen?
Dieses Argument verwendet gern der niedergelassene Fachhandel, aber ich bin mir da, gerade bei jungen Käufern nicht so sicher. Eine Armbanduhr kauft man sich ja nicht in erster Linie wegen des Tragegefühls, sondern wegen ihres Images, wegen der Geschichte dahinter, vielleicht auch wegen ihrer Wertbeständigkeit. Da hat man sich vorher schlau gemacht, darüber gelesen, im Freundeskreis besprochen. Eine tolle Story macht die Uhr begehrenswert, und dieses emotionale Interesse zu wecken funktioniert im Internet zuweilen sogar besser. Ein Video-Interview mit dem Gründer einer Marke in unserer Brand Boutique kann mehr Emotionen wecken als manche Beratung im Ladengeschäft – obwohl wir keinen kostenlosten Espresso anbieten können.

Aber es muss doch im Interesse eines Herstellers ein, dass er bzw. sein Konzessionär die Hoheit über die Beratung behält?
Viele Uhrenfreunde finden die Atmosphäre in den Ladengeschäften gar nicht so toll. Erst die Hemmschwelle beim Eintreten mit Türöffner und Security, dann kriegt man einen Sitzplatz zugewiesen, dann die umständliche Vorlage, der Erwartungs- und Kaufdruck – das fühlt sich nicht wirklich gut an, nicht cool, nicht jung, nicht mehr zeitgemäß. Studien belegen, dass die Bedeutung des Fachhandels als Touch Point abnimmt. Insbesondere die „Millennials“ konsumieren Luxus heute anders. Sie haben keine Scheu vor hohen Ausgaben, wenn die Marke stimmt. Sie beschaffen sich ihre Informationen aber lieber selber, gleichen die Werte mit ihrem eigenen System ab.

Steht das Fachhandelssystem generell in Frage?
Uhrenmarken pflegen oft eine große Distanz zu ihren Endkunden, was vielleicht historische Gründe hat. Aber der Luxus von heute ist nicht mehr Distanz, Luxus ist ganz nah. Luxus ist auch Wissen, ist Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wir haben großartige Erfahrungen gemacht mit unseren „Get-Togethers“, hier in Karlsruhe, in London und demnächst in New York. Alles dreht sich um Uhren, aber nicht um den Handel. Diese Komponente kommt später ins Spiel, zuhause am Computer oder unterwegs auf dem Handy. In aller Diskretion, mit größtmöglicher Sicherheit.

«WENN MAN EINE UHR BEI UNS KAUFT, HALTEN WIR DAS GELD SO LANGE FEST, BIS DIE UHR AM HANDGELENK ANGEKOMMEN UND DER KÄUFER ZUFRIEDEN IST.»

Wie kann man den Handel im Internet sicher machen?
Wir haben ein Treuhand-System entwickelt. Wenn man eine Uhr bei uns kauft, dann halten wir das Geld so lange fest, bis die Uhr am Handgelenk angekommen ist und der Käufer zufrieden ist. Weil die meisten Käufer sich vorher gut informiert haben, ist die Rücksendequote wegen Nichtgefallen sehr gering, bei etwa einem Prozent. Ganz anders als bei Kleidung, wo die Rücksendequoten viel höher sind. Gewiss hat uns da unsere jahrelange Erfahrung in der Entwicklung und Betreuung von Marktplätzen und Plattformen geholfen. Aber zu unserer technischen Expertise kam hier auch noch die Emotion für die Produkte. Viele von uns sind echte Uhren-Fans und -sammler. Deshalb kamen wir auch auf die Idee zur «Watch Collection». Der User hat die Möglichkeit, die eigene Uhrensammlung – selbstverständlich anonym – in unserer Datenbank anzulegen. Darin kann er Details zu den Uhren speichern, was unseren technischen Fundus bereichert. Gleichzeitig profitiert der Sammler von den aus dem gesamten Bestand generierten Daten zu Wertentwicklung und Beständen. So kann er seine Sammlung wie ein Aktien-Portfolio durchblättern und erhält vielleicht den einen oder anderen Handelsimpuls.

Ein paar Uhrenhersteller verkaufen direkt über Chrono24 und nutzen die Plattform wie einen eigenen Online-Shop. Doch das Gros der Uhren kommt von privat oder Händlern. Wie sehen Sie den Gebrauchtuhrenmarkt?
Neuware und «Pre-Owned» – oder «pre-loved» wie wir gerne sagen –, also Uhren aus Vorbesitz, das sind zwei Paar Schuhe. Auch wenn die gebrauchten Uhren ungetragen, also de facto neu sind. Das muss einer Uhrenmarke nicht unbedingt unangenehm sein, denn Chrono24 ist ja auch ein prima globales Marketing-Tool. Viele Uhrenfreunde machen sich bei uns erst einmal schlau, um zu vergleichen. Nicht selten gehen sie danach in den Laden, um zu kaufen. Das wissen auch die Hersteller, die die Entwicklung des Gebrauchtuhrenmarkts sehr genau beobachten. Dessen Volumen wird auf 15 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, das ist schon fast die Hälfte des Neuuhrenmarkts. Mit dem Unterschied, dass der Gebrauchtuhrenmarkt viel schneller wächst, aktuell mit 9% pro Jahr. Einige Hersteller spielen mit dem Gedanken «Certified Pre-Owned» Uhren anzubieten, also Gebrauchte mit offizieller Werksgarantie, wie es die Autohersteller schon lange machen. Nicht ohne Grund hat die Richemont-Gruppe das Uhren-Handelsportal „Watchfinder“ gekauft. Alle anderen Uhrenmarken brauchen da in Zukunft professionelle Partner.

Wie Chrono24 zum Beispiel?
Warum nicht?

Herr Stracke, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte: Peter Braun

Lesen Sie hier unseren Artikel über die Handelsplattform: Uhrenhandel 2.0: Uhren kaufen bei Chrono24

Ähnliche Artikel
Kommentare
    Keine Kommentare vorhanden.

Kommentar schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Artikel teilen

Bitte wählen Sie eine Plattform, auf der Sie den Artikel teilen möchten:

Beitrag melden

Ihr Name:

Ihre E-Mail-Adresse

Bitte beschreiben Sie kurz, warum dieser Beitrag problematisch ist:


[recaptcha]

xxx
Newsletter-Anmeldung

* Pflichtfeld

** Ihre Daten werden von der HEEL Verlag GmbH gespeichert, um Ihnen Informationen zukommen zu lassen. Ihnen entstehen weder Kosten noch Verpflichtungen. Sie können sich jederzeit wieder vom Newsletter abmelden und aus dem Postverteiler streichen lassen.