IWC-Historie

Der Fall Jones

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Mit Bauernhaus- oder Kerzenscheinromantik kann das hochmoderne Manufakturzentrum von IWC Schaffhausen nicht dienen. Im Merishauser Tal, an der nördlichsten Grenze der Stadt Schaffhausen, haben die Deutschschweizer einen zwar architektonisch anspruchsvollen, aber im Wesentlichen auf Funktionalität ausgerichteten Industriebau errichtet. Hier produziert man mit modernen Dreh- und Fräszentren Uhrwerkkomponenten in höchster Präzision, aus denen dann unter Reinraumbedingungen in sorgfältiger Handarbeit hochwertige Uhrwerke entstehen. Die Kombination aus modernen Fertigungsmethoden und hoch qualifiziertem Handwerk hat bei IWC Tradition. Mehr als das, eigentlich ist genau diese Kombination die Grundlage der International Watch Company, die der Amerikaner Florentine Ariosto Jones (1841–1916) im Jahr 1868 gründete.

IWC

«Während die gesamte Schweizer Uhrenbranche zu dieser Zeit in einem Verlagssystem sehr arbeitsteilig, aber komplett handwerklich arbeitete, brachte Jones die Uhrenfertigung hierzulande erstmals in die Fabrik», sagt IWC-Chefhistoriker David Seyffer. In Boston, dem Zentrum der amerikanischen Uhrmacherei und der Heimat des gelernten Uhrmachers F. A. Jones, war industrielle Uhrenfertigung die Regel. Allerdings beklagte Jones zu dieser Zeit in den USA einen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, stellte David Seyffer in seinen Recherchen für den wissenschaftlichen Aufsatz Einführung des American System of Watch Making in der Schweiz fest.

Das American System of Watch Making ist abgeleitet vom American Way of Manufacture und lässt sich nach einer Forschungsarbeit des amerikanischen Historikers Donald R. Hoke stichpunktartig wie folgt charakterisieren:

  • Strikte Organisation der Herstellungsprozesse und der Fabrik
  • Produktion von standardisierten, auswechselbaren Teilen
  • Einsatz von Maschinen in der Produktion
  • Steuerung und Kontrolle während der Produktion basierend auf Schablonen und Maßlehren
  • Produktion zentral an einem Ort.

Dieses System verinnerlichte Jones bei seinem Arbeitgeber, der «Howard Watch and Clock Co.», bei dem er schon mit 25 Jahren in eine leitende Position aufgestiegen war. Sein Chef Edward Howard schickte ihn im Jahr 1867 nach Europa, um die Weltausstellung in Paris, aber auch die Zentren der europäischen Uhrmacherei im Schweizer und französischen Jura zu besuchen. «Möglicherweise kam Jones während dieser Reise die Geschäftsidee, die letztlich zur Gründung von IWC Schaffhausen führen sollte», vermutet der Historiker Seyffer.

Klar war jedoch, dass Jones hochwertige Uhren mit eigenen Uhrwerken für den amerikanischen Markt bauen wollte. Für die Qualität der Uhrwerke, die Jones anstrebte, brauchte er gut ausgebildete Uhrmacher. Die waren aber offensichtlich – siehe oben – in der USA Mangelware, während in der Schweiz Fachkräfte vorhanden waren. Obendrein waren die Lohnkosten im internationalen Vergleich sehr niedrig, weshalb sich Jones dazu entschloss, das amerikanische System in der Schweiz zu etablieren. Womit er definitiv der Pionier der Industrialisierung des Uhrenbaus in Europa war. Die Früchte seiner Pionierarbeit allerdings konnte er nicht lange genießen. Zwar war er mit dem Unternehmen 1875 von gemieteten Räumen noch in das bis heute bestehende Stammhaus in der Baumgartenstraße umgezogen und eine unabhängige Kommission attestierte der IWC in diesem Jahr eine sehr gute Leistungsfähigkeit, doch zettelten kritische Aktionäre, denen die Rendite zu gering erschien, einen Kampf gegen Jones an.

So wurde das Jahr 1876 zu einem Schicksalsjahr für ihn, aber auch für die Schweizer Uhrenindustrie. Letzterer stand das Wasser bis zum Hals, sanken die Exportzahlen doch auf einen historischen Tiefststand, während die Amerikaner auf der Weltausstellung in Philadelphia den Schweizern zeigten, wie man effizient und in hoher Qualität Uhren baute. Das System, das sich die anderen nach dem sogenannten «Schock von Philadelphia» mühsam aneignen mussten, hatte Jones weitgehend unbeachtet in Schaffhausen bereits etabliert – und brachte der jungen IWC große Wettbewerbsvorteile. Der Pionier jedoch verlor den Kampf gegen die Schweizer Kapitalgeber und zog sich desillusioniert in seine alte Heimat zurück.

Mehr zum Thema IWC lesen Sie hier:

Hinter den Kulissen des neu eröffneten Manufakturzentrums

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