Interview mit Stefan Muser

Erschwingliche Klassiker?

Wir sprachen im Vorfeld der Herbstauktion 2018 von Auktionen Dr. Crott im SkyLoft Eventzentrum im Hotel Sheraton Frankfurt Airport mit dem Inhaber des Auktionshauses darüber, ob für normale Uhrenfreunde überhaupt noch etwas im Angebot ist oder ob sich am Markt alles nur noch um zwei, drei Marken dreht.

Herr Muser, kann man in puncto Vintage-Uhren mit Wertsteigerungspotenzial überhaupt noch todsichere Tipps geben?
Schwierig. Es gibt zum Beispiel bei Rolex keine «unterbewerteten» Uhren oder «Schläfer» mehr. Erst ist die Daytona davongezogen, dann die Submariner und die SeaDweller, dann die GMT-Master. Hauptsache Dreh- lünette. Jetzt kommen die Explorer und die Milgauss. Ähnlich ist es bei Patek Philippe: Alles, was Stahl ist, geht wie verrückt, astronomische Anzeigen ebenso, und auch die zierlichen Calatrava sind gefragt. Da bleibt nur wenig Raum für Spekulation, und dann sind ja auch keine großen Sprünge mehr zu erwarten.

Heuer wurde in den letzten Monaten rund um die Geburtstage von Carrera, Monaco und Autavia ziemlich hochgejazzt, und thematische Schwerpunktauktionen …
… für die sehr aufwendige Werbekampagnen gemacht wurden, haben unglaublich hohe Preise erzielt, geradezu erzwungen. Natürlich, Klappern gehört zum Handwerk. Aber das hat sich alles schon wieder beruhigt, und Heuer tritt zurück ins Glied. Nur noch die allererste Generation der genannten Modelle hält noch die Preise vom letzten Sommer.

Vielleicht versucht es dieses Jahr jemand mit Breitling ...
Könnte sein, ja. Vor dem Hintergrund der neuen Ausrichtung und der neuen Kollektionen gar nicht abwegig.

Die Uhren von Rolex sind ja inzwischen komplett durchdefiniert – Zifferblatt, Zeiger, Gehäuse, Band, Schließe –, und die «richtige» Kombination ist dann so und so viel wert …
Es ist müßig, über die absurd hohen Preise für Rolex «Tool Watches» zu schimpfen. Dieser Markt hat sich verselbstständigt und ist dabei, sich gegen Neueinsteiger abzuschotten. Was uns als Auktionshaus natürlich wieder hilft, denn trotz der Höhe der Preise sind die Verhältnisse zwischen den Modellen und den verschiedenen Qualitäten der Uhren stimmig und plausibel. Wir kommen mit dem Thema gut zurecht, keine Frage.

Inwiefern hilft Ihnen der verselbstständigte Rolex-Markt?
Es wird angesichts der immer höheren Preise immer schwieriger, den Durchblick zu behalten und echte von falschen Uhren zu unterscheiden. Und das ist fatal, denn gerade die Authentizität macht ja den Wert dieser Uhren aus. Kaum ein Sammler mag auf Börsen noch eine teure Rolex kaufen, weil er die Uhr dort nicht genau untersuchen kann. Dazu braucht es Spezialwerkzeug, Fachliteratur und Zeit zum Nachprüfen von Behauptungen. Bei Auktionen kann er darauf vertrauen, dass der Auktionator zuvor schon sehr genau hingeschaut hat, um später unter Umständen nicht als Betrüger zu gelten. Bei uns durchläuft jede Rolex eine Prüfung im Haus und erhält eine weitere Expertise durch einen unabhängigen Sachverständigen. Dasselbe gilt für einen auf Sammleruhren spezialisierten Händler, der hat schließlich auch einen Ruf zu verlieren.

«ICH BIN DER MEINUNG, DASS DER GEGENWERT BEI SAMMLERUHREN NACH WIE VOR STIMMT.»

Sind denn die alten Rolex-Uhren so viel besser als alles andere aus der Zeit?
Die Rolex-Qualität war schon damals sprichwörtlich. Aber die Schweizer Uhrenbranche hat in den 1960er und 1970er Jahren insgesamt schon sehr industriell gearbeitet. Verarbeitungsqualität und technische Robustheit haben schon damals hohen Ansprüchen genügt, wenn sie auch noch nicht ganz den heutigen Maßstäben entsprachen. Aber man kann solche Uhren bedenkenlos im Alltag tragen. Die haben alle Stoßsicherungen, sind weitgehend staubdicht, manche sogar – mit Abstrichen – wassergeschützt und gehen hinreichend genau, plus/minus eine halbe Minute am Tag ist ja kein Weltuntergang. Diese Alltagstauglichkeit ist gleichzeitig das beste Argument für die «Tool Watches» – die können wirklich einiges aushalten, denn dafür waren sie ja konzipiert. Immerhin sind die Menschen damit zum Mond geflogen!

So ein bisschen Abenteuer am Handgelenk kann ja ein Hingucker sein, auch und gerade bei förmlicher Garderobe …
Was den Sammlerwert angeht, so ist doch klar, dass maskuline Profi-Uhren und sportliche Modelle höher angesehen sind als die normalen Brot-und-Butter-Uhren für jeden Tag ins Büro oder «auf Arbeit». Ist ja bei Sammlerautos dasselbe: Da stürzt sich das große Publikum auf die (wenigen) Sportwagen und findet tiefergelegte Rallyeautos mit ausgestellten Kotflügeln und starken Motoren gut. Hochglanzpolierte Familienkutschen mit Weißwandreifen, Fuchsschwanz an der Antenne und eingehäkelter Klopapierrolle auf der Hutablage sind da schon eher etwas fürs Museum.

Gibt es noch erschwingliche Klassiker?
Jede Menge sogar! Es mag ja stimmen, dass die Preise für klassische Handaufzug-Chronographen und typische Herrenuhren aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren zuletzt etwas angezogen haben. Aber man darf nicht vergessen, dass die Preise für alte Armbanduhren lange Zeit stabil geblieben waren, als die Preise für Neuware explodiert und geradezu durch die Decke geschossen sind.

Dieses Phänomen ist ja nicht ganz neu – wir beklagen uns seit gefühlt zehn Jahren über die Preistreiberei auf dem Markt …
Eben! Und jetzt haben die klassischen Sammleruhren in den letzten zwei Jahren ein paar Prozentpunkte zugelegt. Der Abstand bleibt aber gewaltig. Lassen Sie einen schönen, gepflegten Chronographen aus den späten sechziger Jahren – Handaufzug natürlich, aber gereinigt und neu justiert – heute zwei- oder dreitausend Euro kosten. Was bekommen Sie aktuell denn für dieses Geld? Beliebige Konfektionsware mit ETA-Technik oder irgendwelche Ladenhüter, die im Internet verramscht werden. Große Marken und unverwechselbare Modelle mit hochkarätiger Technik gibt es doch gar nicht unter 5000 Euro. Ich bin der Meinung, dass der Gegenwert bei den Sammleruhren nach wie vor stimmt. Mehr noch: Eigentlich sind das alles Schnäppchen.

Außer Rolex …?
Außer Rolex.

Herr Muser, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten wir vor der 98. Auktion.
Bilder: Auktionen Dr. Crott

Lesen Sie hierzu auch: DAS AUKTIONSJAHR 2018

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