Exzentrische Zeitanzeige

Ver-rückte Zifferblätter

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Was für eine Verschwendung, nicht den gesamten Platz unter dem Glas für das Zifferblatt zu nutzen! Wirklich? Die Zeitanzeige muss nicht immer im Mittelpunkt stehen – es gibt auch noch andere Blickfänger.
Maurice Lacroix Masterpiece Gravity
Maurice Lacroix Masterpiece Gravity, Edelstahl, Ø 43 mm, Kaliber ML 230, Automatik, 9900 Euro.

Breguet und Maurice Lacroix – Technik sichtbar gemacht

Breguet Tradition
Breguet Tradition, Weißgold, Ø 40 mm, Kaliber 507 DR1, Handaufzug, 27.400 Euro (Bild zeigt Modell von 2012).

Pablo Picasso liebte die Frauen und konnte sich an ihrer Schönheit nicht sattsehen. So kam er in seiner kubistischen Periode auf die Idee, bei seinen Portraits zwei Perspektiven des Gesichts auf einmal abzubilden, sodass er seine Geliebten gleichzeitig von vorn und im Profil betrachten konnte.

Ob Abraham-Louis Breguet aus ähnlichen Motiven handelte, als er die Zifferblätter seiner Taschenuhren so weit schrumpfte, dass der Betrachter nicht erst den Staubdeckel am Boden des Gehäuses öffnen musste, um sich an der Verarbeitungsqualität des Uhrwerks zu erfreuen, ist nicht überliefert.

Aber dass Nicolas G. Hayek so dachte, als er 2005 die Linie «Tradition» ins Leben rief, gilt dagegen als sehr wahrscheinlich. Die nach Motiven alter Taschenuhren gestalteten Armbanduhren sind eine Hommage an die Ästhetik der Technik und erfüllen nach der Vorstellung des seligen Herrn Hayek sen. sogar einen Bildungsauftrag: Seht her, so verrinnt die Zeit und so wird sie portioniert.

Auch Maurice Lacroix bedient sich dieses Stilmittels und holt den Gangregler (Unruh, Spirale, Anker und Silizium-Ankerrad) aus dem ewigen Dunkel des Gehäuses ans Tageslicht der Zifferblattseite, um dem Besitzer beim Blick auf seine Uhr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern – frontal und im Profil.

Audemars Piguet und Piaget – Flachere Werke, bessere Unterhaltung

Audemars Piguet Millenary 4101
Audemars Piguet Millenary 4101, Edelstahl, Ø 47 mm, Kaliber 4101, Automatik, 24.700 Euro.

Lange Jahre haben die Uhrmacher in Le Brassus darüber gebrütet, wie man die querovale Zifferblattöffnung des Gehäuses der Millenary interessant und gleichzeitig ästhetisch animieren könnte. Die Verlängerung der Stundenmarker im Art-déco-Stil verlieh der Uhr einen sehr femininen Look, der bei den Herren der Schöpfung nicht gut ankam.

Da entschlossen sich die Uhrmacher, beim Kaliber AP 4101 die komplette Hemmungspartie auf die Zifferblattseite zu verlegen und sie dort neben einem nach rechts versetzten Stundenkreis prominent in Szene zu setzen. Der Effekt ist gigantisch: Das «Gesicht» der Uhr hat einen faszinierenden dreidimensionalen Aufbau, die sichtbar gemachte Technik schlägt jeden Uhrenliebhaber in ihren Bann und die fliehenden römischen Ziffern verleihen dem – runden – Stundenkreis eine atemberaubende Dynamik.

Wenn die Manufaktur Piaget ein Zifferblatt «mal eben so» zur Seite rückt, dann hat das in Wirklichkeit einen tieferen Grund. Im Fall der Altiplano 900P diente der ultimative Kunstgriff der Konstrukteure einer Reduzierung der Bauhöhe des – ohnehin schon ziemlich flachen – Handaufzugswerks. Die Oberfläche des nach links oben gerückten Zifferblatts ist ein Teil der Uhrwerkplatine, unter der sich an dieser Stelle nur zwei rasierklingendünne Zeigerwerkräder drehen.

Der ganze Rest des Uhrwerks schmiegt sich im Halbkreis um das Zifferblatt: Die Stoßsicherung der Unruh liegt quasi auf gleicher Höhe wie die Zifferblattoberfläche. Die gesamte Uhr hat deshalb nur eine Bauhöhe von 3,65 mm!

Jaeger-LeCoultre und Jaquet Droz – Zu viel Information

Jaquet Droz Petite Heure Minute «Jahreszeiten Relief» mit Perlmuttzifferblatt, Weißgold mit Brillanten, Ø 41 mm, Kaliber 2653Si, Automatik, limitiert auf 88 Expl., Preis auf Anfrage.
Jaquet Droz Grande Seconde Moon mit Emailzifferblatt, Rotgold, Ø 43 mm, Kaliber 2660QL3, Automatik, 29.300 Euro.
Jaeger-LeCoultre Duomètre Chronographe
Jaeger-LeCoultre Duomètre Chronographe, 45.300 Euro
Jaeger-LeCoultre Duomètre Quantième Lunaire
Jaeger-LeCoultre Duomètre Quantième Lunaire , 40.000 Euro

Die Aufteilung der Anzeigen der Duomètre-Modelle von Jaeger-LeCoultre auf zwei Zifferblätter liegt in der Natur der Sache: Die JLC Kaliber 380 und 381 verfügen über zwei getrennte Räder- und Zeigerwerke mit jeweils eigenem Krafthaushalt, die über eine «blitzende Sechstelsekunde» («seconde foudroyante») miteinander verbunden sind.

Beim Duomètre à Quantième Lunaire sind das rechts die normale Zeitanzeige mit Stunden und Minuten sowie einer großen Zentralsekunde sowie links ein Kalenderwerk mit Zeigerdatum mit konzentrischer Mondphasenscheibe. Die Gangreserve der beiden Räderwerke wird jeweils unter den Zifferblättern angezeigt, aufgezogen wird von Hand über die Krone – in die eine Richtung die linke Uhrwerkhälfte, in die andere die rechte.

Im Fall des Duomètre à Chronographe, der 2007 die kleine Modelllinie mit ausgefallenen Komplikationen begründete, illustriert das wie ein Verbindungsrad zwischen den zwei Hauptzifferblättern angeordnete kleine Skalenfeld den dahinter verborgenen Mechanismus mit großer Symbolkraft.

Die aufgrund ihrer sehr hohen Übersetzung nur mit wenig Kraft beaufschlagte «blitzende Sekunde» wird wie ein verschleißfreier Schalter zum Aktivieren und Deaktivieren des Chronographen-Räderwerks genutzt. Dieses zeigt die gestoppte Zeit in Stunden und Minuten, Sekunden und Sechstelsekunden an.

Beim Duomètre à Quantième Lunaire dient die Sechstelsekunde als Ausweis höchster Gangpräzision, denn die rechte Uhrwerkhälfte ist nur der «Taktgeber» für die linke Hälfte.

Die Grande Seconde von Jaquet Droz teilt das große Rund des Zifferblatts in zwei (ungleiche) Hälften auf, um den einzelnen Anzeigen mehr Gewicht zu verleihen – auch wenn die Ablesbarkeit der Uhrzeit ein wenig darunter leidet. Dafür wird die sekundäre Anzeige betont – im Fall der Grande Seconde Moon neben der tatsächlich sehr großen Kleinen Sekunde die Mondphasenanzeige und das konzentrisch dazu angelegte Zeigerdatum. Als Antrieb dient das Kaliber JDR 2660QL3, das seine Abstammung von den hochwertigen Automatikwerken der Konzernschwester Blancpain Manufacture, ehemals Frédéric Piguet, nicht verleugnen kann.

Hamilton – Gleiche unter Gleichen

Piaget Altiplano 900P
Piaget Altiplano 900P, Weißgold, Ø 38 mm, Kaliber 900P, Handaufzug, 28.200 Euro.

Es steckt eine Menge Symbolik in der Verbannung der Zeitanzeige aus der Mitte des Zifferblatts. Im Fall der Hamilton ODC X-03 wollen uns die Designer damit sagen, dass unsere lokale Uhrzeit nicht die einzige und schon gar nicht die wichtigste ist.

Die ODC X-03 ist nach X-01 und X-02 das dritte Modell einer Trilogie, die ihre Inspiration aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum schöpft. Sie läuft mit drei Uhrwerken (einem Automatik- und zwei identischen Quarzwerken), eingebettet in ein sechseckiges Gehäuse. In Anspielung auf Kubricks Filmepos präsentiert sich die ODC X-03 mit drei Zifferblättern, die den Jupiter umkreisen. Die drei Jupiter-«Monde» (in Wirklichkeit hat der Planet deren 67) zeigen die Ortszeit sowie die UTC und eine zusätzliche Ortszeit (bspw. auf Reisen zu Hause) an.

A. Lange & Söhne und Glashütte Original – Stil made in Germany

Glashütte Original PanoReserve, Rotgold, Ø 40 mm, Kaliber 65-01, Handaufzug, 20.200 Euro.
Glashütte Original PanoReserve, Rotgold, Ø 40 mm, Kaliber 65-01, Handaufzug, 20.200 Euro.
A. Lange & Söhne Lange 1 Rotgold
A. Lange & Söhne Lange 1 Rotgold

In über zwanzig Jahren starker Präsenz auf dem Markt hat man sich an das typische Erscheinungsbild der Lange 1 gewöhnt. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, welches Aufsehen die exzentrische Zifferblattgestaltung bei der Präsentation 1994 erregte, und böse Zungen behaupten bis heute, dass die zeitgleich vorgestellte konventionelle Saxonia so etwas wie der «Plan B» war, falls das Publikum die Lange 1 abgelehnt hätte.

Das tat es aber bekanntlich nicht, und der Lange 1 gelang wahrscheinlich nicht zuletzt wegen ihres genial aus der Reihe tanzenden Designs die universell akzeptierte Neudefinition der deutschen Luxusuhr.

Das mussten wohl auch die Designer von Glashütte Original einsehen, die sich mit konventionell – d. h. eigentlich zu brav – gestalteten Uhren anfangs nicht so recht von den etablierten Schweizer Marken absetzen konnten. Erst als man die eigene Adaption der großen zweistelligen Datumsanzeige in der 2003 vorgestellten «Pano»-Modellfamilie mit einem exzentrisch verrückten Ziffernkreis kombinierte, ging es mit den Verkaufszahlen bergauf.

A. Lange & Söhne deklinierte die exzentrische Lange 1 nicht nur mit verschiedenen Zusatzfunktionen, sondern spendierte ihr 2010 in der Version Daymatic auch ein Automatikwerk – mit spiegelbildlich arrangiertem Zifferblatt.

Jaquet Droz – Zeitanzeige Nebensache

Jaquet Droz Grande Seconde Moon mit Emailzifferblatt, Rotgold, Ø 43 mm, Kaliber 2660QL3, Automatik, 29.300 Euro.
Jaquet Droz Petite Heure Minute mit Emailzifferblatt, Rotgold, Ø 39 bzw. 43 mm, Kaliber 2653P, Automatik, limitiert auf je 28 Expl., Preise auf Anfrage.
Jaquet Droz Petite Heure Minute «Jahreszeiten Relief» mit Perlmuttzifferblatt, Weißgold mit Brillanten, Ø 41 mm, Kaliber 2653Si, Automatik, limitiert auf 88 Expl., Preis auf Anfrage.
Jaquet Droz Grande Seconde Moon mit Emailzifferblatt, Rotgold, Ø 43 mm, Kaliber 2660QL3, Automatik, 29.300 Euro.

Zur völligen Nebensache gerät die Zeitanzeige bei den neuen Modellen der Linie Petite Heure Minute («Kleine Stunde und Minute») von Jaquet Droz. Hier macht der Ziffernkreis bereitwillig Platz für kunsthandwerklich gefertigte Miniaturen mit fast fotografisch präzise wiedergegebenen Tiermotiven auf einem sattschwarzen Emailuntergrund. Löwen, Flamingos und Koi-Karpfen bevölkern die Zifferblätter dieser Uhren, die sich mit einem Durchmesser von 39 bzw. 43 Millimetern nicht nur an eine weibliche Klientel wenden – auch kunstbeflissenen männlichen Sammlern schlägt bekanntlich keine Stunde.

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