Blancpain Grande Double Sonnerie

Double Feature

November 2025. Mit zwei verschiedenen viertönigen Melodien auf Abruf, einem ewigen Kalender und Fliegendem Tourbillon tritt die neue Große Komplikationsuhr das Erbe der Blancpain 1735 an.
Die Grande Double Sonnerie von Blancpain trägt ihre technische Exzellenz stolz zur Schau: Auf ein Zifferblatt hat man beinahe komplett verzichtet.

Große Läutwerke mit vier Tonfedern sind in der Welt der Armbanduhren eine Seltenheit, denn der Platz für die Steuermechanik und die Kinematik der Hämmer ist nun einmal begrenzt. Wenn dazu noch die Kadratur eines ewigen Kalenders mit seinen unzähligen Untersetzungen im Räderwerk hinzu kommt und eine Tourbillon-Hemmung ihren Platz beansprucht, wird es in jedem Gehäuse eng. Über 1000 (!) Einzelteile umfasst das Uhrwerk der Grande Double Sonnerie von Blancpain, die im November 2025 nach achtjähriger Entwicklungszeit vorgestellt wurde und in einer Auflage von maximal zwei Exemplaren pro Jahr produziert werden soll. Es ist ein echtes Meisterstück geworden, das der legendären «1735» aus den 1990er Jahren nicht nur gerecht wird, sondern sie sogar ein Stück weit überflügelt.

Fliegendes Tourbillon

Blancpain Grande Double Sonnerie
Das Tourbillon mit den exzentrischen Achsen von Unruh und Ankerrad ist ein Markenzeichen von Blancpain.

Zum Beispiel mit dem einseitig («fliegend») gelagerten Tourbillon, das mit seinen nicht konzentrisch verlaufenden Achsen von Unruh und Käfiglager als im wahrsten Sinne des Wortes exzentrisches Konstruktionsmerkmal sämtlichen Blancpain-Drehganguhren einen hohen Wiedererkennungswert beschert. Vor fünfunddreißig Jahren, als die neue Generation der Uhrenkenner sich erst langsam an das Thema herantastete, wurde das Blancpain-Tourbillon oftmals mit einem Karussell verwechselt, wobei mancher der aufstrebenden Marke wohl lediglich die uhrmacherische Kompetenz absprechen wollte – schließlich gilt die von Barne Bonniksen im Jahr 1906 patentierte Karussell-Hemmung als primitive Variante des 1801 von Abraham-Louis Breguet patentierten Tourbillons.

In der aktuellen Ausführung des Blancpain-Tourbillons sorgen eine Siliziumspirale und eine auf 28.800 A/h (4 Hz) erhöhte Schlagzahl für noch mehr Ganggenauigkeit in allen Tragepositionen. Und inzwischen ist das markante Filigrangebilde im Zifferblattauschnitt natürlich längst habilitiert und zu einem Markenzeichen geworden. Ebenso wie das runde Uhrengehäuse mit der gestuften Lünette, das selbst in der opulent ausgestatteten Skelettvariante ohne Zifferblatt keinen Zweifel an der Zugehörigkeit der 47 mm großen Grande Double Sonnerie zur Linie Villeret lässt.

Ewiger Kalender retrograd

Blancpain Grande Double Sonnerie
Der ewige Kalender verfügt über eine retrograde Datumsanzeige, deren Skala die komplette linke Zifferblatthälfte beansprucht.

Eine Besonderheit dieses Gehäuses sind die unter den vier Bandhörnern versteckten Korrektordrücker für die Grundeinstellung des ewigen Kalenders. Diese wirken normalerweise über kleine Hebel im Innern des Gehäuses auf das Uhrwerk, doch für diese ist im Falle der Grande Double Sonnerie wegen der Schallübertragungsmembran unter der Lünette kein Platz. Deshalb wirken hier die federbelasteten Korrektoren erstmals direkt auf das Uhrwerk.

Kalenderkadraturen werden üblicherweise auf einer eigenen Platine montiert und wie ein Sandwichbelag auf das Grunduhrwerk aufgesetzt. Eine solche modulare Konstruktion kostet jedoch Bauhöhe, die man sich im Falle der Grande Double Sonnerie nicht leisten konnte. Deshalb sind hier sämtliche Funktionen bzw. Anzeigen als integrierte Konstruktion ausgeführt: Das Kaliber 15GSQ hat in der Tat nur eine Platine, die wie sämtliche Kloben aus Gold gefertigt ist, baut aber auch nur 8,5 Millimeter hoch, was angesichts der Komplexität rekordverdächtig erscheint.

Das besondere Merkmal des ewigen Kalenders ist die retrograde (rückspringende) Datumsanzeige mit langem Pfeilzeiger, der auch in Schaltjahren vom 28. Februar auf den 1. März in wenigen Sekundenbruchteilen umschaltet.

Tönende Zeit

Taschenuhren mit akustischer Zeitanzeige gab es schon im 17. Jahrhundert, und auch wenn oft die Vorstellung bemüht wird, man habe damals ja erst umständlich eine Kerze anzünden müssen, um nachts die Uhrzeit ablesen zu können, so dürfte es sich angesichts der Komplexität und Kosten für einen solchen Mechanismus doch eher um Spielzeuge für sehr, sehr begüterte Zeitgenossen gehandlt haben. Wie dem auch sei: Schon seit über 250 Jahren unterscheidet man Uhren mit Repetitionsfunktion und Uhren mit Läutwerk oder Schlagwerk. Repetieruhren schlagen die Uhrzeit auf Verlangen – je nach Preisklasse nur die aktuelle Stunde, Stunden und Viertelstunden oder Stunden, Viertel und Minuten – mit kleinen federgetriebenen Hämmerchen auf Tonfedern (eine oder zwei). Eine Uhr mit Läutwerk, auf Französisch «Sonnerie» schlägt dagegen von selbst wie eine Kirchturmuhr, und zwar ebenfalls wahlweise nur die Stunde («Stundenschläger»), Stunden und Viertelstunden oder Stunden, Viertel und Minuten auf zwei, drei («Carillon») oder vier Tonfedern. Die Technik wurde über die Jahrhunderte immer besser, kleiner und zuverlässiger, doch eines blieb unverändert: Die hohen Preise. Nicht von ungefähr nennt man die Grande Sonnerie die «Krone der Uhrmacherei».

Schlagwerk mit allen Schikanen

Um die über 1000 Einzelteile von Schlagwerk, ewigem Kalender und Tourbillon in einem Uhrwerk von 8,5 mm Höhe unterzubringen muss die Konstruktion vollständig integriert sein.

Kommen wir nun also zur namensgebenden Komplikation der Grande Double Sonnerie: Ihr großes Läutwerk («sonnerie»), so genannt, weil es im Gegensatz zur Minutenrepetition die Uhrzeit nicht nur auf Verlangen wiedergibt, sondern schlägt wie eine Kirchturmuhr – entweder nur die Stunden («petite sonnerie») oder komplett mit Viertelstunden («grande sonnerie»). Die jüngste Blancpain-Entwicklung zeichnet sich hier bereits durch das Schlagen aller vier Viertelstunden direkt vor dem Verkünden der vollen Stunde aus, genau wie ihr großes Vorbild «Big Ben», dem nach seiner größten Glocke benannten Turm von Westminster in der City of London. Und auch nur so ertönt die charakteristische Melodie aus den Tönen E, G, F und H am Ende einmal pro Stunde komplett – alle anderen Westminster-Schlagwerke in Armbanduhren verzichten auf das letzte Viertel und schlagen gleich die vollen Stunden auf der tiefen Tonfeder.

Zwei solcher Tonfedern sind bei Repetitionsuhren die Norm, mit einem hohen Ton für die Minuten und einem tiefen Ton für die Stunden sowie einem Zweiklang («ding-dong») für die Viertelstunden. Wenn die Viertel mit einem Dreiklang geschlagen werden, spricht man von einem «Carillon». Der Westminsterschlag braucht aber vier Noten, also auch vier Tonfedern, vier Hämmer und vier Auslöser sowie eine entsprechend kompliziertere Mechanik, um die Melodie tonal und rhythmisch korrekt zu spielen. Die alles steuernde Zahnstange, Rechen genannt, ist mit exakt positionierten und in der Länge bis aufs Tausendstel genau (von Hand) zugeschliffenen Zähnen ausgestattet, die die Auslösesignale geben. Ein geräuschloser Magnet-Regulator, der mit gut 2000 Umdrehungen pro Minute rotiert, stabilisiert den Ablauf des Programms und sorgt für die regelmäßige Abfolge der Töne.

Das «Gehirn» des Viertelstunden-Schlagwerks verfügt über zwei Ebenen – roségolden und stahlfarben – mit verschieden angeordneten Zacken zur Auslösung der Schlagwerkshämmer. Mit dem Schaltrad rechts wird zwischen den Ebenen umgeschaltet.

Das absolute Novum der Grande Double Sonnerie ist die Möglichkeit, zwischen zwei Melodien zu wählen. Besagter Rechen hat nämlich zwei Ebenen mit verschiedenem «Zahnbesatz», zwischen denen der Uhrenträger umschalten kann. Natürlich stehen auch der zweiten Melodie nur die vier angelegten Töne zur Verfügung, und das, so bestätigt der Komponist, sei für ihn die größte Herausforderung gewesen. Es handelt sich hierbei um keinen Geringeren als den Rockmusiker Eric Singer von der US-Gruppe Kiss, mit dem Blancpain-Präsident Marc A. Hayek seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Zehn Melodien hat er zusammen mit Keyboarder Derek Sherinian ausgearbeitet, eine wurde genommen und «Blancpain» getauft. Auch diese musikalische Miniatur braucht zur völligen Entfaltung und Abrundung ihrer Melodie alle vier Viertelstundenschläge und bietet dem Uhrenträger einmal pro Stunde einen seltenen Hochgenuss.

Das Klangbild des Schlagwerks ist dank einer in die Lünette integrierten neuartigen Membran aus hauchdünnem Goldblech sehr ausgewogen, wozu mit Sicherheit auch die vier Tonfedern aus einer speziellen Goldlegierung beitragen.

Die Grande Double Sonnerie verfügt übrigens auch über die Funktion der Minutenrepetition, die einen zusätzlichen, aufwendigen Mechanimus zur «Abtastung» der aktuellen Uhrzeit erfordert. Die Wiedergabe der ertasteten Uhrzeit bezieht alle Funktionen der Sonnerie mit ein, doch muss beim Auslösen nicht erst mittels Schieber oder langhubigem Drücker eine Feder gespannt werden, um das Geläut mit Energie zu versorgen: Auch die Repetition bezieht ihre Kraft wie die Sonnerie direkt aus einem der beiden Federhäuser, die einmal am Tag manuell über die Krone aufgezogen werden.

So klingt die Grande Double Sonnerie

Neben dem klassischen Westminsterschlag – übrigens erstmals mit allen vier Viertelsequenzen vor dem Schlag der vollen Stunde – bietet die Grande Double Sonnerie eine zweite Schlagwerksmelodie zum Umschalten. Marc Hayeks Freund Eric Singer von der US-Rockband «Kiss» komponierte zusammen mit Keyboarder Derek Sherinian eine exklusive Tonfolge mit dem Titel «Blancpain». Hier können Sie beide Melodien hören:

Blancpain

Westminster

Kostbares Kleinod für Sammler

Nicht nur die filigrane Skelettierung, auch die Dekoration aller Gestellteile spricht für die Sorgfalt und den hohen Grad der manuellen Feinbearbeitung. Die Skletteure scheinen sich jede erdenkliche Mühe gegeben zu haben, die Brücken und Kloben mit schwierig zu anglierenden, weil spitz zulaufenden Ecken («angles rentrants») zu versehen: Es sind 135 an der Zahl! Selbst zahlreiche Funktionsteile aus Stahl sind so dekoriert, und der Autor hat in der Manufaktur zum ersten Mal in seinem Berufsleben gesehen, wie Stahlteile mit einem Gravurstichel bearbeitet werden. Nur zwei Uhrmacher sind in der Lage, das Kaliber 15GSQ zu remontieren und feinzustellen, weshalb pro Jahr auch nur zwei Exemplare angefertigt werden können. Als Preis wurden auf Anfrage 1.700.000 Schweizer Franken genannt. Im Lieferumfang der wahlweise in Weiß- oder Rotgold erhältlichen Grande Double Sonnerie enthalten ist eine große Holzschatulle, die wie der Klangkörper einer Gitarre gearbeitet ist und den feinen Klang des Schlagwerks raumfüllend verstärkt.

1735

Blancpain Grande Double Sonnerie

Die Tradition der Grande Complication prägt die Historie von Blancpain. 1991 wurde die legendäre 1735 präsentiert, benannt nach dem Gründungsjahr der Marke. Als komplizierteste Automatikuhr ihrer Zeit vereinte sie eine Grande Sonnerie mit Minutenrepetition, einen Schleppzeiger-Chronographen, einen ewigen Kalender und ein Tourbillon in einem nur 42 mm großen Platingehäuse. Insgesamt wurden über mehrere Jahre nur 30 Exemplare hergestellt, die fast 750 handfinissierten Einzelteile des 11 mm hohen Automatikwerks forderten ihren Tribut. Die 1735 war eine Entwicklung des französischen Uhrmachers und Philosophen Dominique Loiseau (1949-2013).

Text: Peter Braun

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Makro Video: Blancpain Fifty Fathoms Automatique 42


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