Seiko Speedtimer vs. Mido Multifort 8

Kronen-Doppel

Oktober 2026. Wir vergleichen zwei sportliche Automatikuhren von Seiko und Mido, die jeweils mit einer unter dem Glas liegenden, per Krone bedienbaren Drehlünette ausgestattet sind und deren Automatikwerke bis zu drei Tage Gangreserve bieten.
Seiko und Mido Frontalansicht

Mit der Multifort 8 Two Crowns und der Prospex Speedtimer haben Mido und Seiko zwei Armbanduhren im Programm, die eine innenliegende Drehlünette mit 60-Minuten-Skalierung besitzen. Ein Konzept, das vor allem von Super-Compressor-Taucheruhren aus den 1950er Jahren bekannt ist. Beide Hersteller setzen allerdings auf eine herkömmliche Dichtungstechnik. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Seiko diese Art der Drehlünette bereits seit 1961 nutzt.

Während in der Speedtimer eine Countdown-Lünette von 60 bis 0 verbaut ist, verläuft die Skala der Mido klassisch von 0 bis 60. Der Vorteil der innenliegenden Konstruktion besteht darin, dass das Bauteil unter dem Deckglas – hier jeweils aus Saphirkristall gefertigt – vor Umwelteinflüssen, also Staub, Schmutz und Kratzern, weitestgehend geschützt ist. In Zeiten von kratzfesten Keramikeinlagen werden solche Lünetten nur noch relativ selten verbaut. Grund genug, sich die beiden Ansätze aus der Schweiz und Japan, die auch technisch und preislich in einer ähnlichen Liga spielen, genauer anzuschauen.

Erster Eindruck

Mido

Tobias Schaefer: Mido erzielt mit der achteckigen Gehäusekonstruktion und dem integrierten Armbanddesign der Multifort 8 Two Crowns einen deutlich moderneren Look als Seiko mit der Speedtimer, die sich eher an Vintage-Modellen aus der eigenen Markengeschichte orientiert. Beide Kandidaten punkten jedoch gleichermaßen bei der Oberflächenbearbeitung und setzen mit abwechselnd satinierten und polierten Flächen optische Akzente an Gehäuse und Armband.

Beim Zifferblatt wirkt die Seiko etwas aufwendiger, da die metallenen Stundenmarker auf den dunkelgrauen Untergrund appliziert sind und die umlaufende Minuterie leicht zurückgesetzt und silbern ausgeführt ist. Orangefarbene Akzente am Sekundenzeiger und an der ersten Viertelstunde der Countdown-Lünette lockern das Erscheinungsbild zusätzlich auf. Mido setzt dem ein horizontal geprägtes Linienmuster und leicht vertiefte Stundenmarker mit großzügiger Leuchtmasse entgegen.

Seiko

Peter Braun: Trotz ihrer bestechenden Funktionalität geben sich beide Uhren eher elegant als werkzeughaft und geizen nicht mit polierten Fasen und Flächen. Das kantige Design der Mido wirkt hochwertiger, die moderne Gehäusekonstruktion mit integrierten Bandanstößen ist aus einem Guss. Dabei stören mich allerdings die beiden geschwärzten Kronen. Der Seiko Speedtimer ist die sehr detailgetreu gemachte Replika eines Klassikers aus den späten sechziger Jahren und hat deshalb seinen ganz eigenen Reiz. Das mit halbrunden Endstücken angeschlossene Gliederband ist ein Relikt, erlaubt aber das problemlose Einsetzen eines handelsüblichen Leder- oder Textilbands. Für die Mido Multifort 8 Two Crowns gibt es spezielle Kautschukbänder zum werkzeuglosen Wechseln (kosten 90 Euro). Die einschenklige Seiko-Faltschließe mit seitlichen Entriegelungstastern ist heute kräftiger dimensioniert und besser verarbeitet als die japanischen Blechschnallen der Vergangenheit. Die Doppelfaltschließe der Mido wirkt dagegen aber wie aus dem Vollen gefräst.

Tragegefühl, Bedienbarkeit, Ablesbarkeit

Kronen Mido

TBS: Während bei Mido die obere Krone für das Verstellen der innenliegenden Drehlünette zuständig ist, übernimmt diese Aufgabe bei Seiko die untere Krone. Die Funktionsweise ist bei beiden Uhren dabei genau gleich gelöst: An der Zusatzkrone befindet sich auf der Innenseite ein Zahnrad, das auf der Rückseite des Lünettenrings in einen Zahnkranz eingreift und so die Drehung ermöglicht. Da dieser innerhalb des Gehäuses liegt, muss der Kronentubus genauso gut abgedichtet sein wie derjenige der Aufzugskrone.

Aufgrund der Konstruktion weisen beide Uhren beim Richtungswechsel ein gewisses Umkehrspiel auf. Bei der Seiko «eiert» die innenliegende Lünette beim Verstellen leicht. Dafür muss die Zusatzkrone der Mido zunächst auf- beziehungsweise zugeschraubt werden, wobei sich die Lünette während des Verschraubens leicht verstellen kann. Ist sie jedoch einmal korrekt justiert, so ist sie zwar gegen versehentliches Verstellen gesichert, im Alltag praktischer ist allerdings die unverschraubte und stets einsatzbereite Zusatzkrone der Seiko.

Seiko Kronen

PB: Das Zifferblatt der Seiko passt mit seinen facettierten, teilweise polierten Stundenmarkern und der tiefergelegten silberfarbenen Minuterie perfekt zum Siebziger-Jahre-Look des Speedtimer. Auch die Balkenzeiger fügen sich stimmig in das Gesamtbild ein und tragen breite Einlagen aus Lumibrite, die nachts kräftig leuchten. Ausreichend Nachleuchtmasse findet sich bei der Mido nur auf den Stundenindexen, aber wo die sich befinden, weiß man ja normalerweise. Interessanter wäre es, bei Dunkelheit die Stellung der Zeiger ablesen zu können, doch deren SuperLuminova-Einlagen sind viel zu schmal. Dafür bietet die Multifort 8 Two Crowns bei Tageslicht eine bessere Ablesbarkeit, denn ihr planes Saphirglas ist perfekt entspiegelt, während das ganz leicht bombierte Seiko-Glas je nach Lichteinstrahlung stark reflektiert.

Ein besonderes Detail bei der Speedtimer-Feinminuterie ist die Unterteilung in sechs Zwischenräume (fünf Striche plus Index). Diese harmoniert perfekt mit dem in Sechstelsekundenschritten (Unruh-Schwingfrequenz 3 Hertz) voranschreitenden Sekundenzeiger, der immer auf einem Strich landet. Die Mido Multifort 8 Two Crowns verzichtet hingegen komplett auf eine Feinminuterie.

Bemerkenswerterweise gibt Seiko für den Speedtimer eine Wasserdichtheit von 200 Metern an, obwohl beide Kronen nicht verschraubt sind. Mido hingegen prüft lediglich auf 100 Meter Wasserdichtheit trotz zweier verschraubter Kronen.

Technik, Ausstattung, Gang

TBS: Der Vergleich beider Uhren ist technisch auch unabhängig von Design und Drehlünette besonders interessant. Die verwendeten Uhrwerke Mido 72 (ETA A31.111) und Seiko 6R55 von Seiko bieten trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft aus der Schweiz und aus Japan erstaunlich ähnliche technische Daten. Beide Werke erreichen eine maximale Gangautonomie von 72 Stunden, also drei vollen Tagen.

Bemerkenswert ist, dass Mido diesen Wert trotz der höheren Frequenz von 25.200 A/h erreicht. Der Grund dafür liegt im Federhaus: Die Hauptfeder aus der konzerneigenen Legierung Nivaflex ist dünner und länger ausgeführt als beim zugrunde liegenden ETA Kaliber 2892. Zudem wurde der Federkern verkleinert, sodass mehr Windungen untergebracht wurden und damit mehr Energie gespeichert werden kann.

Seiko hat das mit 21.600 A/h schwingende 6R55 gegenüber dem Vorgänger 6R35 überarbeitet. Ein neues Federhaus erhöht die Gangreserve um zwei auf nun 72 Stunden. Für die Unruhspirale setzen beide Marken auf moderne Hochleistungslegierungen mit hoher Temperaturstabilität und langer Lebensdauer. Während Seiko eine hauseigene SPRON-Spirale verwendet, nutzt Mido eine Nivachron-Spirale, deren Entwicklung insbesondere auf eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber Magnetfeldern abzielt.

PB:Eine interessante technische Besonderheit ist der effiziente Klinkenaufzug des Speedtimer-Kalibers, bei Seiko «Magic Lever» genannt. Er setzt die Bewegung eines Exzenternockens am Aufzugsrotor in hangelnde Bewegungen zweier hakenförmiger Klinken zum Spannen der Feder um – egal in welche Richtung der Rotor dreht.

Am Arm getragen, gehen beide Uhren gleichmäßig und erreichen auch nach kurzer Tragezeit ihre Gangreserve von 72 Stunden. Die Mido Multifort 8 Two Crowns unterbot dabei lässig sogar die Schweizer Chronometernorm (tägliche Gangabweichung zwischen –4 und +6 Sekunden), während der Seiko Prospex Speedtimer seinem Namen alle Ehre machte und deutlich schneller rannte, im Schnitt +5 Sekunden. Seiko reguliert die Standardwerke aber ab Werk nicht so penibel: –15 bis +25 Sekunden pro Tag werden bei der Schlusskontrolle toleriert, und da lief unser Testexemplar am Arm deutlich besser.

Die Zeitwaage sprach indes eine andere Sprache. Im Mittel der sechs Positionen lief das japanische Kaliber 6R55 sogar leicht ins Minus, doch in den einzelnen Lagen war buchstäblich alles drin, vom starken Nachgang mit Krone oben bis zum starken Voreilen in der Rückenlage. Sage und schreibe 21 Sekunden betrug die Differenz zwischen den Höchstwerten! Und trotzdem lief die Uhr am Arm ganz passabel. Das Mido Kaliber 72 lief wie eine Eins – beziehungsweise sogar besser: –0,8 Sekunden Gangabweichung pro Tag, das ist phänomenal gut. Allerdings hatte unser Exemplar ein Problem mit dem Abfall (Abstand von «Tick» zu «Tack») und mit dem Schwingverhalten der Unruh in den hängenden Lagen.

Fazit

Seiko und Mido Zifferblätter

TBS: Das Design der Multifort 8 Two Crowns ist modern und passt auch technisch hervorragend in die Gegenwart. Wer das integrierte Armband und die kantig-sportliche Formensprache der Mido mag, macht mit ihr nichts falsch. Müsste ich mich entscheiden, würde meine Wahl allerdings auf den Seiko Prospex Speedtimer fallen, dessen RetroLook mich besonders anspricht. Bei jedem Blick auf das Zifferblatt habe ich mich aufs Neue daran erfreut. Und neben der Funktion gibt es wohl kaum einen besseren Grund, eine Uhr zu tragen.

PB: Für den Seiko Prospex Speedtimer sprechen neben seinem stimmigen Siebziger-Jahre-Look auch der geringere Preis und die bessere Ablesbarkeit im Dunkeln, auch wenn die Nutzung der Countdown-Skala bei mir immer erst ein Umdenken erforderte. Ich will damit nicht sagen, dass mich meine Begriffsstutzigkeit in die Arme der Mido Multifort 8 Two Crowns treibt, denn ihr höherer Preis ist durch die tadellose Verarbeitung der interessanten modernen Gehäuse-Band-Kombination mit Schnellwechselsystem gerechtfertigt. Und dazu die sagenhaften Gangwerte – das lässt mich die etwas schlechtere Nachtablesbarkeit verschmerzen.

Text: Peter Braun, Tobias Schaefer

Bilder: Tobias Schaefer

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