Krayon Everywhere

Die Universaluhr

Die Krayon Everywhere ist eine faszinierend einfach zu bedienende Weltzeituhr mit Anzeige von Sonnenauf- und -untergangszeiten an jedem beliebigen Ort auf der Erdkugel.
© Anders Modig
Krayon Everywhere
Konstrukteur und Firmengründer Rémi Maillat

Rémi Maillat ist kein Mann großer Worte. Er empfängt mich bei sich zu Hause in Neuchâtel und mustert mich mit derselben Neugier wie ich ihn. Statt in eine Werkstatt führt er mich in sein Wohnzimmer mit Blick auf den Neuenburger See.

Die Uhr, die er mir auf einem mit Samt ausgeschlagenen Tablett zur Begutachtung vorlegt, macht einen aufgeräumten Eindruck. Sie verfügt zwar über einige Zeiger, aber die Bedienelemente beschränken sich auf eine Krone und einen rechteckigen Drücker bei der «8». Mit ihren 11,7 Millimetern Höhe bei einem Durchmesser von 42 Millimetern ist sie zwar nicht gerade «extraplat», lässt aber auch nicht im Entferntesten erahnen, was in ihr steckt.

Auf der ganzen Welt zu Hause

Was die Krayon Everywhere verspricht, ist nicht wenig: Die Uhr soll die Zeiten von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang an jedem beliebigen Ort der Erde zwischen 60° nördlicher und 60° südlicher Breite anzeigen können, obendrein die Dauer, während der die Sonne am Himmel zu sehen ist.

Diese Informationen lassen sich in einem kreisförmigen, etwa 2 mm schmalen Ringspalt ablesen, der das silberne Zifferblatt vom Réhaut trennt. Er ist in ein dunkles (unten) und in ein helles Segment eingeteilt, dessen scharfe Übergänge sich auf und ab bewegen können. Die Grenzen zwischen Hell und Dunkel repräsentieren den Horizont und damit den Zeitpunkt des Sonnenauf- oder -untergangs.

Im Grunde handelt es sich dabei um eine 24-Stunden-Anzeige auf einem hauchdünnen Ring aus Saphirglas. Mit ihm bewegen sich zwei weitere innenverzahnte Saphirglasreifen um das Zifferblatt, einer für den Sonnenaufgang und einer für den Sonnenuntergang. Ebenfalls in diesem Ringspalt bewegt sich eine Pfeilspitze – der Stundenzeiger. Wenn man den aktuellen geografischen Standort eingestellt hat, zeigt die Spitze die tatsächliche Position der Sonne über dem Horizont.

Frei einstellbare Koordinaten

Der Minutenzeiger aus der Mitte ist der einzige konventionelle Zeiger, der zur Zeitanzeige benötigt wird. Die kurzen retrograden Zeiger links und rechts des Zentrums sowie die koaxialen Zeiger darunter und darüber dienen zum Einstellen der Uhr.

Die Position des rechten Zeigers wird über den Drücker gewählt. Er zeigt an, welche Koordinaten über die Krone verändert werden. Will man also die Zeitpunkte von Sonnenauf- und -untergang in Sydney am 18. Juli erfahren, wählt man zunächst die Position «Date» und stellt mit der Krone im unteren Zähler Monat und Datum ein. Dann rückt man den rechten Zeiger zur Position «Lat» (Latitude, d. h. geografische Breite) und bewegt mit der Krone den linken Zeiger auf «34° S».

In der Position «Long» (Longitude, d. h. Längengrad) kann man mit der Krone den längeren Zeiger des Koaxialzählers unter der «12» auf die Position «151° E» bewegen. Und in der Position «UTC» schließlich wird die Zeitzone des gewünschten Ortes, in diesem Falle «UTC+10», eingestellt.

Während dieser Einstellungen bewegen sich die Horizontlinien ständig, da jeder eingestellte Wert irgendeinem Ort auf der Erde entspricht. Ist man mit seinen Einstellungen fertig, kann man an der 24-Stunden-Skala am Zifferblattrand an den Übergängen zwischen hell und dunkel ablesen, wann die Sonne in Sydney aufgeht und wann sie wieder untergeht.

Da man «UTC+10» gewählt hat, erhält man diese Information in Lokalzeit. Will man wissen, wie spät es dann hier in Europa ist, wählt man einfach wieder seine eigene Zeitzone, also «UTC+1».

Belässt man sämtliche Werte so, dass sie für den Heimatort stimmen, bilden die Zeiger zur Wahl des gewünschten Datums eine normale Kalenderanzeige für das aktuelle Datum. Die Horizontlinien bewegen sich täglich fast unmerklich und passen sich der aktuellen Tagesdauer an. Je weiter man vom Äquator entfernt ist, desto stärker fallen diese Schwankungen aus. Direkt am Äquator bleiben sie das ganze Jahr hindurch praktisch auf einer Linie.

Revolutionäre Kadratur

Die Mechanik, die im Inneren der Krayon Everywhere ihren Dienst verrichtet, wurde in dieser Form noch nie zuvor realisiert, weder in einer tragbaren noch in einer stationären Uhr. Der einzige Zeitmesser, der eine in der Art ähnliche Anzeige besitzt, ist die Taschenuhr Star Caliber 2000, die Patek Philippe zur Jahrtausendwende vorstellte. Auch bei dieser Uhr gab es ein gebogenes Fenster mit beweglichen Kulissen, die den Sonnenauf- und -untergang anzeigten, allerdings nur für den vom Kunden vor der Montage spezifizierten Ort.

Das von Grund auf neu konstruierte Krayon-Uhrwerk mit automatischem Aufzug besteht aus 595 Komponenten, wovon nicht wenige auf die vier Differenziale entfallen, welche die unterschiedlichen Informationen wie Datum und geografische Position mit der Horizont-Anzeige zusammenführen. Der Hauptbestandteil der Anzeige sind jedoch zwei Kurvenscheiben, welche die Informationen über den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang sowie die Zeitgleichung enthalten und in einem Jahr eine Umdrehung ausführen. Verstellt man den Breitengrad, wird dadurch ihre Exzentrizität verändert. Verstellt man das Datum, drehen sie sich vor oder zurück.

Dezent und zurückhaltend

Es ist wenig verwunderlich, dass man von Rémi Maillat bislang nur wenig gehört hat, denn der 33-jährige Schweizer verschwand nach seiner Ausbildung in Mikrotechnik in Le Locle direkt bei einer renommierten Uhrenmarke: Sechs Jahre arbeitete er für Cartier Manufacture in La Chaux-de-Fonds und entwickelte an der Seite von Carole Forestier komplexe Mechanismen für die Abteilungen Haute Horlogerie und Poinçon de Genève.

2013 verließ er das Haus und machte sich in Neuchâtel mit seinem eigenen Konstruktionsbüro selbstständig.

Er nannte es Krayon (frz. für Bleistift), weil die meisten guten Ideen zunächst mit einem Bleistift festgehalten werden. Während dieser Zeit reifte die Idee, die hinter dem Modell Everywhere steckt. Da sie ihm so am Herzen lag, wollte er sie keiner anderen Uhrenmarke anbieten, sondern sie unter eigenem Namen herausbringen.

Mit einem einzigen Mitarbeiter war dies ein ambitioniertes Unterfangen, wie Maillat schmunzelnd zugibt. Doch seine guten Beziehungen und langjährigen Freundschaften in der Schweizer Uhrenindustrie machten die Realisierung des Projekts möglich. 2015 war ein erster Prototyp der Anzeige fertig, im Sommer 2017 das erste voll funktionstüchtige Modell.

In Anbetracht der schieren Komplexität des Universal-Zeitmessers verliert der Preis von 600.000 Schweizer Franken etwas von seiner Schärfe. «Eine Limitierung wird es nicht geben, wir schaffen ja ohnehin höchstens fünf Exemplare pro Jahr», lächelt Rémi Maillat ein wenig verlegen.

Text: Timm Delfs

Bilder: Anders Modig, Krayon

Die Anzeigen der Krayon Everywhere:

Minuten aus der Mitte, Stunden mit Pfeilspitze im Tag/Nacht-Anzeige-Ringspalt (an den Hell-Dunkel-Übergängen lassen sich die Sonnenauf- und -untergangseziten ablesen, am Index unter der «12» außerdem die Sonnenscheindauer).

Der rechte Segmentzeiger zeigt den Einstellmodus, der linke indiziert die geografische Breite. Die geografische Länge ist zusammen mit dem UTC-Stundenzeiger im oberen Hilfszifferblatt angegeben, im unteren Datum und Monat.

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